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Don’t Worry Darling (2022) – Filmkritik

„Es ist nur zu deinem Besten“

„There is no such thing as bad press“, wusste schon Phineas T. Barnum. Vielleicht war DON’T WORRY DARLING dieses Jahr aber die Apotheose zu diesem Statement: Soapesques Drama hinter den Kulissen, unglückliche Terminkollidierungen, üble Nachrede, peinliche Interviews und eine Spuckattacke: In den sozialen Netzwerken hagelte es Häme und Hass, sowie eine kollektive Belustigung über die ersten, lauwarmen Rezensionen zu Olivia Wildes zweitem Film. Zumindest die Neugierde auf den tatsächlichen filmischen Text konnte das absurde Vorabdrama befeuern, die Karten für den Eröffnungsfilm des Fantasy Filmfestes waren binnen Sekunden ausverkauft. Bei all der Objektivität, zu der man sich als Filmkritiker:in verpflichtet hat, konnte auch die Entität hinter diesem Text sich nicht völlig vorurteilsfrei in die Pressevorführung begeben. Das Aufatmen nach den ersten 10 Minuten, ist dafür umso schöner. DON’T WORRY DARLING ist ein ziemlich guter Film geworden. Kein herausragender, kein weltbewegender, aber genau das, was wir seit langem nicht mehr auf der Leinwand erleben durften: Schnörkelloses, kompetent inszeniertes Genrekino für Erwachsene.

© 2022 Warner Bros. Entertainment Inc.

Irgendwann in den 50ern. Das Leben im „Victory Project“, eine gated community für die Angestellten des Victory Konzerns und ihrer Familien, könnte idyllischer nicht sein. Ständig scheint die Sonne, die Männer gehen gut gelaunt zur Arbeit, die Frauen verprassen in der Zwischenzeit das reichlich vorhandene Geld des Ehemannes bei Modenschauen und Ballettstunden und jeden Abend feiert irgendjemand ein rauschendes Fest. Harte Arbeit wird vom Firmenchef Frank (Chris Pine) noch wahrhaft gewürdigt, stets freut sich einer der Männer über eine neue Beförderung. Seit kurzem auch Jack Chambers (Harry Styles). Im Victory Project wird der American Dream noch großgeschrieben. Nicht so ganz ins Paradies passen die psychotischen Aussetzer von Margaret (KiKi Layne). Und plötzlich ist diese verschwunden. Alice (Florence Pough), Jacks Ehefrau, ist fest davon überzeugt, dass Frank hinter ihrem Verschwinden steckt. Und langsam bekommt das Paradies Risse.

© 2022 Warner Bros. Entertainment Inc.

Überfliegt man die ersten Kritiken zu DON’T WORRY DARLING, so sind die Hauptargumente gegen den Film seine angebliche Vorhersehbarkeit und eine, so diagnostizierte, generelle Aussagelosigkeit. Da muss man widersprechen!

Der Genrefilm kleidete sich schon immer in ein mitunter recht starres Skelett. Die Faszination an selbigem ist selten das „Was“, sondern die Verschiebung der bekannten Parameter, das „Wie“. DER SCHWARZE FALKE (THE SEARCHERS, 1956) wird nicht bis heute für seine Grundkonstruktion des Western gefeiert, sondern für seinen radikal neuen Blick auf etablierte Tropen. Selbiges gilt für SIEBEN (SE7EN, 1995) oder DAS SCHWEIGEN DER LÄMMER (THE SILENCE OF THE LAMBS, 1991). DON’T WORRY DARLING das Befolgen bekannter Tropen vorzuwerfen, ist in etwa so sinnvoll, wie sich darüber zu echauffieren, dass Ari Asters MIDSOMMER (2019) am Ende auf einen rituellen Folkhorror hinauslief. Regisseurin Olivia Wilde ist von der ersten Minute darauf bedacht, uns die Aseptik der filmischen Diegese bewusst zu machen.

© 2022 Warner Bros. Entertainment Inc.
Photo Credit: Merrick Morton

Da fahren glänzende Luxusautos perfekt choreographiert zum Arbeitsplatz, da werden die immergleichen Haushaltstätigkeiten in exakt den gleichen Sequenzen präsentiert, da spiegeln sich ganze Szenen im Verlaufe des Filmes mehrfach. Es ist vielleicht ein wenig zu hoch gegriffen, DON’T WORRY DARLING in die Sphären des performativen Erzählens zu heben, aber es lässt sich doch nicht verleugnen, dass Wilde hier eher eine Collage aus für sich genommenen Sequenzen erschafft, als strikt einem klar konzeptionierten roten Storyfaden zu folgen. Und natürlich, als Zuschauer:in, die in seinem/ihrem Leben mehr als drei Filme gesehen hat, ist es relativ einfach, die Grundauslage der präsentierten Diegese zumindest frühzeitig zu erahnen. Wenn man dies nicht schon bereits, ob der Plotsynopsis tat. Sicherlich kann man dem Drehbuch von Katie Silberman und den Geschwistern Carey und Shane van Dyke attestieren, die Originalität nicht mit dem ganz großen Löffel gefressen zu haben. Es bleibt aber die Frage zu stellen, ob es dies denn muss.

© 2022 Warner Bros. Entertainment Inc.

Ein Film besteht ja nicht nur aus seiner reinen Historie, sondern auch aus dem Diskurs, bzw. nicht nur aus einem Drehbuch, sondern auch aus der Inszenierung. Und mit letzterer beweist Olivia Wilde, dass sie ihr Handwerk als Regisseurin effektiv beherrscht. Man hat im Kinositz also die Wahl: Man kann sich im Zeitalter der Post-Postmoderne darüber echauffieren, hier im Grundkonzept wenig Originäres präsentiert zu bekommen. Oder an den interessanten und in finaler Konsequenz beunruhigenden Genreverschiebungen seinen Spaß haben.

© 2022 Warner Bros. Entertainment Inc.

Dies leitet uns direkt über zu DON’T WORRY DARLINGS angeblicher Aussagelosigkeit. Ohne zu spoilern sei vermerkt, dass es hier weniger darum geht DAS ein Twist passiert, sondern mehr, was dieser Twist final bedeutet. Gerade das gewählte Setting der 1950er-Jahre bekommt dadurch eine fast schon zwingend logische Unabdingbarkeit und die Diagnose, dass wir selbst im Eskapismus längst nicht mehr vor der Profitgier großer Konzerne sicher sind, das besitzt eine so immenente Traurigkeit, die man der Regisseurin des heiteren BOOKSMART (2019) nicht unbedingt zugetraut hätte. Es geht um die schmerzhafte Erkenntnis, vielleicht doch nicht die autonome Hauptfigur seines eigenen Lebens zu sein, um Enttäuschungen vom Leben und um ziemlich fragile männliche Egos, die ohne Rücksicht auf andere ihre Bedürfnisse durchsetzen. All das verpackt in einen beizeiten hinreißend aseptischen Bilderfluss, zusammengehalten von einer mittlerweile verlässlich einnehmend aufspielenden Florence Pugh. Das ist ziemlich viel Inhalt für Aussagelosigkeit.

© Fynn

Titel, Cast und CrewDon't Worry Darling (2022)
Poster
RegieOlivia Wilde
ReleaseKinostart: 22.09.2022
ab dem 24.11.2022 auf Blu-Ray, DVD und im 4K-UHD-Steelbook

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Trailer
BesetzungFlorence Pugh (Alice Chambers)
Olivia Wilde (Bunny)
Chris Pine (Frank)
Harry Styles (Jack Chambers)
Gemma Chan (Shelley)
Sydney Chandler (Violet)
Nick Kroll (Dean)
Kate Berlant (Peg)
Timothy Simons (Dr. Collins)
Dita Von Teese (Dita Von Teese)
Douglas Smith (Bill)
KiKi Layne (Margaret)
DrehbuchKatie Silberman
Carey Van Dyke
Shane Van Dyke
KameraMatthew Libatique
MusikJohn Powell
SchnittAffonso Gonçalves
Filmlänge122 Minuten
FSKAb 12 Jahren

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