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Diebe wie wir (1974) – Filmkritik

„Gangsterfilm à la Altman“

Robert Altman war in seinem Leben ein umtriebiger Regisseur und Drehbuchautor. Vor allem in den 1970er-Jahren konnte er fast jedes Jahr einen Film drehen, in denen auch welche seiner besten Arbeiten zu finden sind wie zum Beispiel NASHVILLE (1975) oder DER TOD KENNT KEINE WIEDERKEHR (1973). 1967 bis 1979 war außerdem das Zeitalter des New Hollywood. Diese Modernisierung des Hollywood-Kinos beschreibt am besten der US-amerikanische Filmhistoriker Peter Biskind, die „ein ganzes Oeuvre von Filmen (…)  hervorbrachte, die risikobereit und qualitativ hoch stehend waren: Filme die eher von den Charakteren als von der Handlung lebten. Sich nicht um traditionelle Erzählkonventionen scherten, das Gebot der technischen Makellosigkeit ignorierten, sprachliche Tabus brachen, allgemein anerkannte Verhaltensnormen sprengten und es wagten, auf ein Happyend zu verzichten.“ DIEBE WIE WIR (THIEVES LIKE US) ist ein vollblutiges New-Hollywood-Remake von Nicholas Rays Film noir SIE LEBEN BEI NACHT (THEY LIVE BY NIGHT, 1948), der auf dem gleichnamigen Roman von Edward Anderson aus dem Jahre 1937 beruht. Hier ist viel Filmgeschichte zu entdecken, aber dennoch kann man sich auch ohne viel Vorwissen diesen Film ansehen, da er in keiner Weise die Erwartungen an das Genre des Gangsterfilms erfüllt, roh inszeniert ist und wie oben in dem Zitat angekündigt, kein Happy End bietet.

© Koch Films

Handlung

In den Zeiten der großen Depression in den USA war es nicht schwer auf der falschen Seite des Gesetzes zu landen. Die drei Ganoven, der junge Bowie Bauers (Keith Carradine), der humpelnde T-Dup Masefield (Bert Remsen) und der dem Alkohol zugeneigte Elmo Mobley (John Schuck) sitzen bereits im Knast. Jedoch war in den 1930er-Jahren die Haftvollzug im mittleren Westen nur weites Farmland mit etwas Stacheldraht. Sie entführen einen Taxifahrer und sind schnell auf und davon, bevor überhaupt ein Alarm zu hören ist. Bei einem Kumpel und dessen Tochter Keechie (Shelley Duvall), auf die Bowie ein Auge geworfen hat, kommen die drei unter. Sie beschließen zusammen Banken zu überfallen, was reibungslos funktioniert und jedem schnell eine feine Garderobe finanziert. Nach einem dicken Coup wird ihnen die Situation zu heiß und sie tauchen bei T-Dups Schwägerin Mattie Mobley (Louise Fletcher) unter. Nach ein paar Wochen trennen sich die drei und treffen sich immer wieder für einen geplanten Bankraub. Nachdem Bowie bei einem Autounfall verletzt wird, kommt er wieder bei der aufmerksamen Keechie unter, die ihn pflegt. Beide verlieben sich ineinander. Wie lange wird es die junge Liebe im Gangsterleben aushalten?

© Koch Films

Die Zwischentöne

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Robert Altmans DIEBE WIE WIR interessiert sich nicht für die großen Banküberfälle, das minutiöse Planen, die Autoverfolgungsjagden oder sonstige Merkmale des Genres. Der Film beginnt bereits ganz bodenständig. T-Bone und Bowie rudern über einen See, schmeißen ihre Fische auf die Wiese und steigen in ein Taxi, welches von ihrem Kumpel T-Dup ein paar Momente vorher in Besitz genommen wurde. Klamotten wechseln und weg sind sie. Sie treffen sich im Unterschlupf und beginnen Banken auszurauben. Wir als Zuschauer sehen maximal die Banken von außen, müssen im Auto warten und dem Radio lauschen. Es gibt erst kurz vor Filmende den einzigen Überfall innerhalb einer Bank zu sehen, der ganz nüchtern aus einer erhobenen Perspektive von einer Galerie aus gefilmt wird. Mit emotionsloser Betrachtung sehen wir das eingespielte Bankräuberteam, das sogar einen Angestellten erschießt, der gerade unter einen Schalter greifen will.

© Koch Films

Sonst spielt DIEBE WIE WIR in den Wohnungen, in denen sie sich verstecken, erzählt von den Träumen der Figuren, den Dingen, die sie sich leisten und später haben wollen. Die Männer bleiben Vagabunden auf der Flucht vor dem Gesetz, die am Versuch ein normales Leben zu führen – nachdem sie genug Geld gestohlen haben – scheitern werden. T-Dup wird bei der Flucht erschossen, Mobley verfällt dem Alkohol und landet wieder im Kitchen. Einzig Bowie, der Unschuldigste von den Dreien, obwohl er wegen Mordes einsaß, bleibt im Fokus der Erzählung und seiner Liebe zu Keechie. Was aber auch kein gutes Ende nehmen wird.

© Koch Films

Ein Hörspiel

Die Inszenierung kommt ohne Filmmusik aus, das Radio hat die akustische Untermalung übernommen. Es werden alle Arten der Programme aus den 1930er abgedeckt: Detektiv- und Geheimpolizeigeschichten, Musikkonzerte, Nachrichten, Predigten und Theater-Hörspiele. Zu Shakespeares „Romeo und Julia“ lieben sich Bowie und Keechie zum ersten Mal unter der Quiltdecke ihrer Großmutter. Nicht nur das Ende der britischen Tragödie ist ein Hinweis auf das anstehende Finale, sondern auch die Decke wird Zeugnis des brutalen Todes von Bowie.

© Koch Films

Das bringt uns zur Art wir Robert Altman Gewalt darstellt. Nüchtern gefilmt, meist mit etwas Abstand, bekommt sie etwas Emotionsloses. Wie Bilder eines Tatorts, was aber genau ins Gegenteil von uns Zuschauern umschlägt. Keiner stirb straucheln und heldenhaft im Kugelhagel, wie es im Gangsterfilm meist heroisch üblich ist. Selbst am Ende wird Bowie ungesehen im Motel hinter verschlossen Fenstern und Türen von Kugeln durchsiebt. Eine Verhandlung gab es nicht, das Fahndungsblatt sprach von tot oder lebendig. Durch diese Passivität ist man als Zuschauer umso mehr der Gewalt ausgesetzt, die aber für beide Seiten gleichbehandelt wird. Die drei Gangster töten genauso kaltblütig wie ihre Jäger.

© Koch Films

Zum Finale, wenn Keechi die Treppe in einer Menge von Menschen zum Bahnsteig in eine ungewisse Zukunft emporsteigt, ist wieder das Radio zu hören. Ein Sprecher erzählt von „echten Männern der amerikanischen Demokratie“, die in Vergessenheit geraten sind. Es ist ein überspitztes Ende, welches auf das viele Blutvergießen auf beiden Seiten des Gesetzes hinweist. Es bleibt eine junge Frau mit ihrem ungeborenen Kind zurück. Sicher auch ein Kommentar auf den Vietnam-Krieg, der in der Zeit der Produktion jegliche Unterstützung der Bevölkerung verloren hatte und viele Witwen von gefallenen Soldaten portraitiert.

© Koch Films

Fazit

Man merkt diesen Zeilen an, dass DIEBE WIE WIR vor allem etwas für Enthusiasten von Filmgeschichte ist. Aber vielleicht ist es ja der Film, der noch Unerfahrenen den Kosmos des New Hollywood wie auch der vielschichtigen Filmografie von Robert Altman eröffnet. Der Alptraum vom schnellen Geld als Bankräuber wurde schon so oft erzählt, aber DIEBE WIE WIR ist wohl einer der authentischsten Versionen und das trotz eines Alters von 50 Jahren und niedrigem Budget.

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewDiebe wie wir (1974)
OT: Thieves Like Us
Poster
Releaseseit dem 24.02.2022 auf Blu-ray und DVD

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RegisseurRobert Altman
Trailer

Englisch
BesetzungKeith Carradine (Bowie)
Shelley Duvall (Keechie)
John Schuck (Chicamaw)
Bert Remsen (T-Dub)
Louise Fletcher (Mattie)
Ann Latham (Lula)
Tom Skerritt (Dee Mobley)
DrehbuchCalder Willingham
Joan Tewkesbury
Robert Altman
Romanvorlagbasiert auf dem Roman "They live by Night" von Edward Anderson aus dem Jahr 1937
KameraJean Boffety
SchnittLou Lombardo
Filmlänge123 Minuten
FSKab 12 Jahren

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