Die Wurzeln des Glücks

Die Wurzeln des Glücks (2017) – Filmkritik

„Die Wurzeln einer Rezension“

Ein Film soll in erster Linie unterhalten und ein möglichst großes Publikum erreichen. Eine Filmrezension sollte entweder Lust machen oder Warnung sein, einen bestimmten Film sehen zu wollen. Gehört der Film eher zur zweiten Kategorie, neigt der/die gemeine Rezensent-(in) gerne dazu, mit süffisant ironischen Formulierungen gleich selbst unterhalten zu wollen. Wenn es der zu rezensierende Film aus seiner/ihrer Sicht schon nicht zu tun gedenkt, dann doch wenigstens der/die kluge Kritiker-(in). So schießen wir verbal gerne schon einmal übers Ziel hinaus, anstatt uns wirklich mit dem Gesehenen Stück für Stück auseinander zu setzen. Wenn man als rezensierender Kritiker nicht einfach nur selbstverliebt verreißen, sondern wirklich über einen Film informieren will, ist es angesichts eines Films der ganz vieles aufrichtig möchte, dies aber am Ende nicht wirklich umzusetzen versteht, nicht immer einfach den richtigen Einstieg zu finden.

© Studiocanal

Der schlafende Kritiker

In die DIE WURZELN DES GLÜCKS gibt es sinnigerweise einen Theaterkritiker, der ein vernichtend selbstverliebtes Urteil fällt, obwohl er die Vorstellung fast komplett verschlafen hat. Dafür wird er den Zorn einer bestimmten Figur ernten. So weit möchte ich es im Folgenden nicht kommen lassen. Denn niemand macht freiwillig einen Film, der am Ende nicht vollends überzeugen kann. Auch bei diesem Film gaben alle Beteiligten das Beste, was ihnen angesichts der Umstände möglich war.

Die Wurzeln des Glücks
// © Studiocanal

Das Projekt

Zunächst hat dieser Film einiges, was einen Kinobesuch lohnt. Da sind zu allererst wirklich sehenswertem Darsteller. James Caan (DER PATE, ROLLERBALL, DER EINZELGÄNGER), einer der ganz großen noch lebenden Kinohaudegen der 60er und 70er Jahre, Tom Hollander (FLUCH DER KARIBIK, ENIGMA), Jonathan Rhys Myers (MATCHPOINT, THE TUDORS) und Rosanna Arquette (DIE ZEIT NACH MITTERNACHT, IM RAUSCH DER TIEFE). Die Schwester von Patricia Arquette (Oscar für BOYHOOD) und David Arquette (SCREAM) ist leider nicht ganz der Filmstar geworden, der sie vielleicht hätte werden können. Sie wurde aber immerhin zu der besungenen Rosanna, der von der Rockband TOTO indirekt ein ewiges Denkmal im Musikolymp errichtet wurde. Und Denkmäler sind nun mal da, um gesehen zu werden. Im Fall von Rosanna, Rosanna,… macht es fast ein wenig wehmütig, dass sie uns nicht häufiger ihr feinsinniges Talent als Schauspielerin offenbaren durfte.

Allen voran ist da aber auch die Buch- und Theaterautorin Amanda Sthers. Sie hat, basierend auf autobiographischen Erlebnissen, mit SCHWEINEZÜCHTEN IN NAZARETH (2010) einen sehr erfolgreichen Briefroman geschrieben und diesen nun als Regiedebütantin gleich noch selbst verfilmt. Da ist also jede Menge Talent und Herzblut am Start von DIE WURZELN DES GLÜCKS.

Annabelle Rosenmerck (Efrat Dor) // © Studiocanal

Der Film und seine Handlung(en)

Ein amerikanischer Psychologe (James Caan) mit jüdischen Wurzeln hat seine Familie verlassen, um in Israel auf einem eigens dafür erworbenen Stück Land Schweine zu züchten. Ein Rabbi (Tom Hollander) ist davon wenig begeistert und möchte den Schweinezüchter auf den rechten, orthodoxen Lebensweg zurückführen. Was der Anfang eines guten jüdischen Witzes sein könnte, ist jedoch lediglich der Aufhänger für ein überambitioniertes Familiendrama, dessen Erzählstränge, wie die titelgebenden Wurzeln, ohne fruchtbaren Nährboden zu wenig wirkliches Cineastenglück entfalten können. Statt einer durchgängigen, jüdisch skurrilen Religionskomödie im Stil von DAS SCHWEIN VON GAZA (Frankreich, Belgien, 2011) oder FÜNF TAGE OHNE NORA (Mexiko, 2005) bekommen wir eine Checkliste mit allen relevanten Zeitgeistthemen unseres modernen Lebens, zeitgerafft in 120 Minuten auf Leinwand gepresst.

+ Da ist der vom Vater wegen seiner Homosexualität verstoßene Sohn (Jonathan Rhys Davis), der mit seinen unzähligen Briefen an den abwesenden Vater in Israel eine verloren geglaubte Liebe zurückzugewinnen möchte.

+ Parallel sehen wir dazu Auszüge aus einem Theaterstück, welches der Sohn, als erfolgreicher Bühnenautor in New York, speziell seinen getrenntlebenden Eltern widmet.

+ Die verlassene Mutter (Rosanna Arquette) erhält eine tragische Krebsdiagnose.

+ Ihr Arzt, rührend dargestellt von Patrick Bruel (DER VORNAME), offenbart ihr endlich seine lang entwickelte Liebe zu ihr.

+ Die Tochter der Familie (Efrat Dor) ist mit Mitte 30 nicht nur eine ziellose Langzeitstudentin, sondern auch in ständiger Psychotherapie zur Rettung ihrer Seele. Warum das so ist, offenbart uns leider nur der zugrunde liegende Roman. Dort lässt sie sich immer wieder erneut auf Beziehungen zu verheirateten Männern ein. Im Film selbst kann man dieses Verhalten nur erahnen.

+ Der schweinezüchtende Vater kümmert sich liebevoll um ein kleines Ferkel als Ersatz für versäumte Vaterliebe. Das ist wirklich rührend und offenbart eine charmante Wärme, die die Hauptfigur sonst mit rauem Witz und harter Schale zu überdecken weiß.

+ Dann gibt es noch die sich langsam entwickelnde Beziehung zwischen dem Schweinezüchter und dem Rabbi. Aus einer aufrichtig gelebten Feindschaft wird eine wertvoll reifende Männerfreundschaft, in der sie über Religion, den Israel-Palästina Konflikt, Familie und das Leben an sich philosophieren.

Harry Rosenmerck (James Caan) und Rabbi Moshe Cattan (Tom Hollander)  // © Studiocanal

+ Der Sohn kann letztendlich mit der vernichtenden Krankheit der Mutter nicht umgehen und zieht sich von ihr zurück. So übernimmt er den Staffelstab von seinem Vater und Rosanna Arquettes Figur wird gleich von zwei geliebten Männern verlassen.

+ Die Mutter entwickelt einen finalen Aufbruchsaktionismus, um mit sich selbst ins Reine zu kommen.

+ Zu guter Letzt erfahren wir noch Familiengeheimnisse aus der Zeit des Holocaust.

+ Garniert wird das Ganze noch mit einem extremistisch entrückten Priester, der ebenfalls etwas gegen Schweine auf heiligem (aus seiner Sicht natürlich christlichem) Boden zu haben scheint. So wird das Schwein zu einem religionsübergeifenden Feindbild aller streng gläubiger Menschen im Heiligen Land Israel.

+ Zusammengehalten wird dieses überfrachtete Psychogramm einer Familie auf der Suche nach sich selbst durch Briefe zwischen den Kindern und dem verlorenen Vater. Diese erklingen sehr gefühlvoll interpretiert als verbaler Soundtrack aus dem Off.

Die Wurzeln des Glücks
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Drehbuch und Inszenierung

Zum Ende des Films sagt eine der Hauptfiguren in etwa diesen Satz:

„Wir sind keine Familie, die sich körperlich berührt. Wir sind eine Familie, die sich Briefe schreibt.“

Besser könnte man die Figurenkonstellation in diesem Familiendrama nicht zusammenfassen. Erst aus sicherer Entfernung können die Protagonisten endlich die Worte finden, die sie sich im direkten Zusammenleben, niemals trauten auszusprechen. Durch die räumliche und zeitliche Distanz können sie endlich die Nähe zulassen, die sie zeitlebens nicht ertragen konnten. Und indirekt geben sie dadurch zu, dass sie lediglich ein Ideal vom anderen geliebt haben und niemals den tatsächlichen Menschen an ihrer Seite.

Ironischerweise ist obiger Satz zugleich auch die entwaffnende Kernaussage zu dieser Literaturverfilmung. Was im Roman wunderbar funktioniert, kann die Verfilmung lediglich am Anfang und am Schluss durch kluge Parallelmontagen transportieren. Die wirklich poetisch gewählten Worte der einzelnen Figuren lassen tief in ihre Seele blicken und uns ein wirklich elementares Problem unseres Lebens betrachten: die Schere zwischen real gelebter und idealisierter Liebe. Nur leider findet der Film dafür keinen adäquaten Rhythmus.

Die Wurzeln des Glücks
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Zu viel für einen Film, zu wenig für gutes Kino

Autorin und Regisseurin Amanda Sthers, findet für die Fülle an Themen, die sich im Roman ganz anders entfalten können, kaum filmisch greifbare Bilder. Überambitioniert hetzt sie zwischen Komödie, Drama, Groteske und Sozialparabel hin und her, um nur ja keinen Aspekt der literarischen Vorlage verlieren zu wollen. Den größten Fehler, den sie dabei begeht, ist der, dass sie nicht weiß, welcher Geschichte sie den Vorrang geben soll. Übereifrig reiht sie Szene an Szene, ohne dabei ihren eigenen roten Faden als Regisseurin wirklich sichtbar zu machen. So können sich durchaus stark angelegte und intim fotografierte Szenen, durch die fehlende Gewichtung ihrer Bedeutung für die Gesamtgeschichte, kaum entwickeln.

Die Wurzeln des Glücks
© Studiocanal

Leider verpuffen dadurch gerade die spannend konzipierten Dialoge über Sinn und Unsinn von Religion zwischen James Caan und Tom Hollander. Gerade hier wirkt Amanda Sthers als Regisseurin überfordert. Sie scheint kaum zu wissen, was sie mit so großartigen Darstellern anfangen soll. Das zeigt sich besonders in ihrem fehlenden Gespür für das richtige Timing. Viel zu schnell schneidet sie (oder die schlecht geführten Cutter) zwischen den einzelnen Dialogpartnern hin und her oder verlässt viel zu früh spannende Großaufnahmen ihrer Protagonisten. Schade um wirklich ambitioniert und feinfühlig spielende Darsteller. Während Caan, Hollander, Arquette und sogar Bruel als verliebter Arzt ihren Figuren aus eigener Kraft Tiefe, Witz und Körper geben können, bleiben alle anderen Figuren nahezu undefiniert. Während Jonathan Rhys Myers als entwurzelter Sohn noch so etwas wie den Hauch eines Charakters skizzieren kann, bleibt die Figur der Tochter komplett führungslos auf der Strecke. Außer einigen stimmungsvollen Fotos, die sie als unabhängige Fotografin knipsen darf, hat die israelische Schauspielerin Efrat Dor hier nicht viel was sie zur Handlung beitragen darf. Das entbehrt nicht einer gewissen Tragik, da gerade Bruder und Tochter eine Art kombiniertes Alter Ego der filmenden Autorin zu sein scheinen. So blass die Figuren, so unentschieden die Regisseurin in dem was sie erzählen möchte.

Die Wurzeln des Glücks
© Studiocanal

Dabei ist die Vielzahl an Figuren und ihrer Geschichten nicht das Problem, sondern die fehlende Grundthematik, die alles zusammenhält. So kann sich hier über die gesamte Länge keine überzeugend filmische Form entwickeln. Große Ensemblefilme wie SHORT CUTS (Robert Altman, 1993), oder MAGNOLIA (Paul Thomas Anderson, 1999) erzählen letztendlich kleine, einfache Geschichten, die sich lediglich einer gewaltigen Farbpalette bedienen, um ihre Universalität in feinsten Abstufungen sichtbar zu machen. Ein solches Farbkonzept fehlt hier leider komplett. Statt eines großen Gemäldes, präsentiert sich dieser Film als eine Ansammlung vieler kleiner, unfertiger Skizzen in unterschiedlicher Qualität. Die Macher sehen dem schreibenden Kritiker die Sicht auf Ihr Werk hoffentlich nach, denn er hat weder geschlafen noch grundsätzlich große Lust einen Film schlecht zu reden.

Rabbi Moshe Cattan (Tom Hollander) und Harry Rosenmerck (James Caan) // © Studiocanal

Fazit

So bleiben am Ende kleine Highlights auf einer überlangen Checkliste übrig:

+ einige stimmungsvoll komponierte Einstellungen von Chefkameramann Règis Blondeau.

+ wenige Dialoge mit dem so prägnanten, jüdischen Witz.

+ sehenswerte Darsteller, die viel mehr zeigen könnten.

+ eine sehr sensible und variantenreich komponierte Filmmusik von Grègoir Hetzel.

+ und eine gewisse Neugier auf den zugrunde liegenden Roman, um mehr über die im Film nur grob skizzierten Figuren zu erfahren.

So wirkt der fertige Film fast wie ein überlanger Trailer zu einer TV-Mini-Serie, die mit deutlich mehr Zeit, die ausgelegten Themen sicher besser zur Wirkung kommen ließe. Denn in dieser Filmversion bleiben nahezu alle Motivationen der Figuren im Dunkeln. Warum sie etwas tun oder getan haben, kann uns DIE WURZELN DES GLÜCKS leider nicht entschlüsseln.

© Andreas Ullrich

Titel, Cast und CrewDie Wurzeln des Glücks (2017)
OT: Holy Lands
PosterDie Wurzeln des Glücks
Releaseab dem 05.09.2019 im Kino
RegisseurAmanda Sthers
Trailer
BesetzungJames Caan (Harry)
Jonathan Rhys Meyers (David)
Rosanna Arquette (Monica)
Tom Hollander (Moshe)
Efrat Dor (Annabelle)
Patrick Bruel (Michel)
Reem Kherici (Rivka)
DrehbuchAmanda Sthers
KameraRégis Blondeau
MusikGrégoire Hetzel
SchnittNadia Ben Rachid
Filmlänge100 Minuten
FSKab 6 Jahren freigegeben

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