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Die unendliche Weite des Himmels (2021) – Filmkritik

„Next Level: Inspiration“

Auch Kletterer brauchen Inspiration. Welcher Gipfel ist der nächste? Welche schwere Route ist noch unbestiegen? Was für Touren gibt es noch abseits der hohen Gipfel? Im Fall von DIE UNENDLICHE WEITE DES HIMMELS geben die wunderschönen Bergfotografien des Amerikaners Bradford Washburn (1910-2007) darauf Antworten. Sie sind der Ursprung für unzählige Abenteuer in den Bergen und Inspiration für wagemutige Expeditionen in felsige und eisige Höhen. Für diese Dokumentation zieht eine Schwarzweiß-Abbildung der Moos-Tooth-Traverse drei Kletterer für Jahre in ihren Bann. Sie wollen die ersten sein, denen diese mehrtägige Gratkletterei in Alaska gelingt.

© Visit Films

Der Berg- und Klettersport wendet sich langsam von den numerischen Superlativen ab. Das liegt daran, dass die hohen und schweren Gipfel in der Art der Begehungen ihre perfide Dekadenz erreicht haben. Schnell, schneller, am gefährlichsten, was zuletzt in 14 PEAKS: NOTHING IS IMPOSSIBLE (2021) auf besonders arrogante Art und Weise zu sehen ist. Der Anspruch zur Nachhaltigkeit ist eben auch in dieser Welt angekommen, auch wenn sich immer noch Dutzende in die Schlange zum Gipfel des Mount Everest anstellen. Ich selbst liebe jene Dokumentationen, die rund ums Klettern und den Bergsport mehr zu erzählen wissen als die übliche „Next-Level-Story“. Klar will ich auch einmal den Schwierigkeitsgrad 8a in mein Routenbuch schreiben, aber vielleicht liegt es am stetig dahinschreitenden Alter: Rekorde und Zahlen machen auf mich keinen Eindruck mehr. Es geht um die Schönheit und die Art der Begehung. Bringen wir es auf den Punkt, es geht um die Qualität des Abenteuers. Es lässt sich mit Urlaub vergleichen: Es ist nicht mehr entscheidend, wie weit weg, wie teuer das Hotelzimmer oder wie lang der Urlaub andauert, entscheidend ist die Qualität des Erlebten. Gleiches gilt für den Berg- und Klettersport: Sportliche Herausforderung, entlegene Regionen, Freundschaft und die Schönheit dieser Welt machen in meinen Augen die besten Berggeschichten aus.

© Visit Films

DIE UNENDLICHE WEITE DES HIMMELS hat das Herz am rechten Fleck. Es zeigt die Welt der Profi-Kletterinnen und -Kletterer auch von ihrer unsentimentalen wirtschaftlichen Seite, bringt Gedanken zum Thema Gefahr auf den Tisch, wenn der Kreis der KollegInnen und Freunde in dieser Community keine Garantie auf ein langes Leben hat. Jedoch fehlt der Feinschliff in der Inszenierung zur uneingeschränkten Empfehlung von Renan Ozturks und Freddie Wilkinsons Film, was am groben Schnitt und dem holprigen Rhythmus zwischen den zwei Welten liegt. Es wird immer wieder zwischen der Biografie des Fotografen Bradford Wasburn und der Expedition von Renan Ozturk, Freddie Wilkinson und Zack Smith über die gesamte Laufzeit gewechselt. Es ist ein Film mit hohen Ambitionen, einem kreativen Auge hinter der Kamera, aber – und hier vermute ich – es fehlt jemand, der ohne Bezug zur Produktion den gnadenlosen Rotstift ansetzt und die Konturen herausarbeitet. Diese Spleenigkeit kann aber auch als individuelle Stärke gesehen werden, jedoch sollte man ein hohes Maß an Aufmerksamkeit und den ein oder anderen Wissensstand in diese Welt mitbringen.

© Visit Films

Das besondere Highlight

Die Begehung der Moos-Tooth-Traverse ist ein jahrelanges spannendes Projekt. Es verblasst aber geradezu gegen die Fotografie und Biografie von Bradford Washburn. Washburn, selbst passionierter Bergsteiger, kartografierte leidenschaftlich gern entlegenen Orte. Das raue Relief von Alaska war zu seiner Zeit noch mit endlosen weißen Flecken auf der Landkarte versehen. Stets mit wissenschaftlichem Anspruch fotografierte er Gipfel, Felsmassive und Schluchten aus dem Flugzeug – festgeschnallt hinter einer offenen Kabinentür mit einer riesigen Großformat-Luftbildkamera (8-Zoll-Rollfilm) vor dem Bauch. An sein fotografisches Talent mit dieser abenteuerlichen Aufnahmetechnik schmiegt sich sein Gespür für Fotografie mit Seele. Berge wurden noch nie so schön in Schwarzweiß abgebildet wie mit seiner Fairchild K6. Aber für ihn hört die Leidenschaft mit der Entwicklung der Bilder noch nicht auf. Er zeichnet auf die Abbildung mögliche Routen und Gipfel, die noch auf ihre Erstbegehung warten. Ein Füllhorn an Möglichkeiten, die es im Schatten der großen Expeditionen zu erklimmen gilt. So auch hier, wenn das Mooses-Tooth-Massiv in Alaska die drei Kletterer Ozturk, Smith and Wilkinson in ihren Bann zieht, alles versteckt hinter dem Rücken des höchsten Bergs Nordamerikas, dem Denali (6.190 m).

© Visit Films

Fazit

Ein zweiseitiger Film ist mit DIE UNENDLICHE WEITE DES HIMMELS entstanden: Zum einen ein Expeditionsfilm in der zerklüfteten Wildnis Alaskas und zum anderen eine Biografie über den Bergsteiger, Fotograf, Kartograf und Museumsdirektor Bradford Washburn. Auch wenn ich Kletter- und Bergfilme liebe, komme ich nicht daran vorbei zu sagen, dass ich lieber mehr über Washburn und seine Fotografie gesehen hätte. Die Kraft der Inspiration übersteigt das eigentliche Unterfangen des Abenteuers. Träumen ist immer noch stärker als die Realität.

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewDie unendliche Weite des Himmels (2021)
OT: The Sanctity of Space
Poster
RegieRenan Ozturk
Freddie Wilkinson
ReleaseKinostart: 04.08.2022
Trailer
BesetzungJohn Grunsfield
Josh Hoeschen
Kurt Markus
Brian Okonek
Renan Ozturk
David Roberts
Paul Roderick
Mike Sfraga
Zack Smith
Jack Tackle
Todd Tumolo
Barbara Washburn
Bradford Washburn
Freddie Wilkinson
Janet Wilkinson
DrehbuchFreddie Wilkinson
Chad Ervin
KameraRenan Ozturk
Freddie Wilkinson
FilmmusikLogan Nelson
SchnittErin Barnett
Chad Ervin
Filmlänge102 Minuten
FSKAb 6 Jahren

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