Die Re-Inkarnation des Peter Proud (1975) – Filmkritik

Die 1970er waren auch ein Filmjahrzehnt des „okkulten“ Horrors. Dämonische Besessenheit, Telepathie und Reinkarnation wurden zu Themen in Produktionen wie DER EXORZIST (THE EXORCIST, 1973), der als Meilenstein des Genres gilt. Manche sind heute zu Unrecht eher weniger bekannt wie AUDREY ROSE – DAS MÄDCHEN AUS DEM JENSEITS (1977) oder fast völlig vergessen wie DER MANN AUF DER SCHAUKEL (MAN ON A SWING, 1974). Zu letzteren gehört auch DIE RE-INKARNATION DES PETER PROUD (THE REINCARNATION OF PETER PROUD, 1975) von J. Lee Thompson, der bereits 1966 mit DIE SCHWARZE 13 (EYE OFT HE DEVIL) ein Meisterwerk des ‚paganistischen‘ Horrorfilms inszenierte, das auch als Vorläufer von THE WICKER MAN (1973) und MIDSOMMAR (2019) gesehen werden kann.

© Fox-MGM

Handlung

Der Wissenschaftler Peter Proud (Michael Sarazzin) wird Mitte der 1970er Jahre in Los Angeles von immer wiederkehrenden Alträumen gequält. Er sieht einen in der Dunkelheit in einem See schwimmenden Mann, der sich einem Boot nähert. Von weitem ist die Aufschrift Putarian Hotel erkennbar. Schließlich wird der Mann von einer Frau mit einem Ruder durch Schläge auf den Kopf attackiert. Peter scheint auch am Leben dieses Mannes teilzunehmen, der offensichtlich mehrere Liebesbeziehungen zu verschiedenen Frauen unterhält. Dessen Cardillac scheint ein bereits Jahrzehnte altes Modell zu sein. Eine Brücke, ein Turm, sowie eine Statue tauchen immer wieder auf, die Peter schließlich in einer Fernsehsendung wiedererkennt. Gemeinsam mit seiner Freundin Nora (Cornelia Sharpe) reist er nach Massachusetts, wo die Aufnahmen gemacht wurden. Nora kehrt vorzeitig nach Los Angeles zurück, auch weil sie Peters obsessives Verhalten – er glaubt, er könnte in einem früheren Leben der Mann aus seinen Träumen gewesen sein – als belastend empfindet. In Springfield lernt Peter Ann Curtis (Jennifer O’Neill) – mit der er bald eine Affäre beginnt – und deren alkoholkranke Mutter Marcia (Margot Kidder) kennen. Anns Vater Jeff (Tony Stephano) ist unter nie geklärten Umständen vor ihrer Geburt ertrunken.

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Bewertung

Vor DREAMSCAPE – HÖLLISCHE TRÄUME (1984) und A NIGHTMARE ON ELM STREET – MÖRDERISCHE TRÄUME (1984) thematisiert der Film, wie Alpträume bis in den Wachzustand wirken, nur dass es hier keine Träume sind, wie auch ein Schlaflabor bestätigt. Sind es die Erinnerungen an ein früheres Leben? Nicht nur Peter ist überzeugt, die Reinkarnation von Jeff zu sein, auch dessen Mutter glaubt in ihm ihren Sohn wiederzuerkennen. Obwohl der Film linear erzählt wird, wirken nicht nur die atmosphärisch dichten Aufnahmen eines Turms aus der Froschperspektive und die Statue des Puritaners, sondern auch die Momente, in denen Peter über den herbstlichen Friedhof geht und das Grab von Jeff Curtis findet, surreal und auf merkwürdige Weise bedrohlich. Wie in Thompsons EIN KÖDER FÜR DIE BESTIE (CAPE FEAR, 1962), wo der in einem weißen Anzug gekleidete Max Cady (großartig dargestellt von Robert Mitchum) alleine durch seine Anwesenheit am helllichten Tag Angst und Schrecken verbreitet, sind es hier Plätze und Gebäude, die ein beklemmendes Gefühl erzeugen.

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Peter fragt einmal, warum er sich an sein früheres Leben erinnert und viele andere nicht. Bei seiner Suche gelangt er nach Massachusetts, dem „Geburtslande Benjamin Franklins“, in dem nach Max Weber der „kapitalistische Geist“ noch vor der „kapitalistischen Entwicklung“ dagewesen ist: zwar glaubten die Puritaner nicht an Wiedergeburt, aber an die These einer „Prädestination“ des Theologen Johannes Calvin. Die calvinistische Gottesvorstellung, diese „unheimliche Lehre“, die sich mit „erkältender Schwere“ auf das Leben legt, ist die vielleicht schrecklichste überhaupt: ein Gott entscheidet von vorneherein darüber, ob Menschen auserwählt oder verdammt sind. Die einzige Möglichkeit, etwas über diese Entscheidung erfahren zu können, wäre nach verschiedenen Zeichen im irdischen Leben zu suchen, die auf dieses Auserwähltsein hindeuten, eines wäre wirtschaftlicher Erfolg. Gewinne dürfen aber nicht konsumiert, sondern müssen gespart und in neue Unternehmungen investiert werden, denn: „Mit voller Gewalt wendet sich die Askese (…) vor allem gegen eins: das unbefangene Genießen des Daseins und dessen was es an Freuden zu bieten hat.“ Dieses Konzept wird später auch der Teenager-Horrorfilm aufgreifen. Auf Bilder, in denen Jeff beim Sex zu sehen ist, folgen rasche Schnitte, die das drohende Gesicht der Puritaner-Statue zeigen. Das pessimistische Ende von DIE RE-INKARNATION DES PETER PROUD deutet an, dass Verdammnis möglicherweise bedeutet, immer wiedergeboren zu werden und verschiedene Tode zu erleben.

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Die Darstellung der Marcia durch Margot Kidder ist besonders beeindruckend, etwa wenn sie sich bei einem Bad an die Demütigungen ihres Mannes erinnert. Zuvor war sie in DIE SCHWESTERN DES BÖSEN (SISTERS, 1973) von Brian De Palma und JESSY – DIE TREPPE IN DEN TOD (BLACK CHRISTMAS, 1974) von Bob Clark – einen Vorläufer des modernen Slasher-Films – zu sehen. Bekannt wurde sie auch durch ihre Rolle als Kathy Lutz in dem Geisterhaus-Film THE AMITYVILLE HORROR (1979).

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David Fincher plante ab 2009 ein bis heute nicht realisiertes Remake von DIE RE-INKARNATION DES PETER PROUD. So bleibt das Original ein Juwel des übersinnlichen Thrillers der 1970er Jahre, das sich gerade heute wiederzuentdecken lohnt.

© Stefan Preis

Quellen:

  • Breuer, Stefan (2006): Max Webers tragische Soziologie. Aspekte und Perspektiven. Tübingen.
  • Weber, Max (1988): Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie 1. Tübingen. 9. Auflage.
Titel, Cast und CrewDie Re-Inkarnation des Peter Proud (1975)
OT: The Reincarnation of Peter Proud
Poster
ReleaseKinostart: 13.02.1976 (Deutschland)

aktuell kein deutsches DVD- oder Blu-ray-Release im Handel
RegisseurJ. Lee Thompson
Trailer

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BesetzungMichael Sarrazin (Peter Proud)
Jennifer O'Neill (Ann Curtis)
Margot Kidder (Marcia Curtis)
Cornelia Sharpe (Nora Hayes)
Debralee Scott (Suzy)
Steve Franken (Dr. Charles Crennis)
Fred Stuthman (Pop Johnson)
Lester Fletcher (Car Salesman)
DrehbuchMax Ehrlich
KameraVictor J. Kemper
MusikJerry Goldsmith
SchnittMichael F. Anderson
Filmlänge105 Minuten
FSKab 16 Jahren

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