Die Körperfresser kommen (1978) – Filmkritik

Wer hat Schuld? Und ist das überhaupt wichtig?

Aktuell versuchen Regierungen durch extreme Maßnahmen den Grad an Neuinfizierungen mit dem Coronavirus so gering wie möglich zu halten. Viele empfinden diese als massiven Einschnitt in ihre Grundrechte. Es entsteht der Eindruck, dass diese Schritte schlimmere Auswirkungen haben als der Virus selbst. Ist am Ende der Staat die eigentliche Bedrohung? Doch Bedrohung für was? Gerade in komplexen Momenten neigen wir dazu, Dinge, die wir nicht vollkommen verstehen, in Gut und Böse zu unterteilen. Wenn wir schon das Virus selbst nicht direkt zur Rechenschaft ziehen können, suchen wir uns andere Verantwortliche. Doch wer sind die? Und was würde es ändern, wenn wir genau wüssten, wem wir „das alles“ zu verdanken haben? Wäre alles einfacher, wenn Regierungen sogar wollten, dass wir uns alle infizieren? Und wären wir beruhigter, wenn wir dem Erreger selbst die Schuld für alles geben könnten? Was wäre, wenn die Ursache ganz einfach wäre – sie wortwörtlich vom Himmel fiele? Wäre die Wirkung dann eine andere? Ursache und Wirkung – der ewige Kreislauf unseres Lebens.
Einen solchen Kreislauf präsentiert uns Philip Kaufman in DIE KÖRPERFRESSER KOMMEN (1978). Hier ist (!) alles ganz einfach: das Böse fällt wirklich vom Himmel, will uns vernichten und wird dabei noch von ausführenden Regierungsvertretern, sowie anerkannten Intellektuellen unterstützt. Ein komprimierteres Szenario zur Lage der Nation kann sich kein entfesselter Verschwörungstheoretiker mehr ausdenken. Pandemie und totalitäre Staatsgewalt. Hier sehen wir das pure Grauen. Durch diesen leicht vereinfachten Blick wird eines überdeutlich: es könnte alles noch viel schlimmer sein.

Es ist bereits die zweite Verfilmung des 1954 erschienenen Romans THE BODY SNATCHERS von Jack Finney. Die erste wurde schon1956 von Don Siegel (DIRTY HARRY, 1971) bebildert. Während dort die Handlung bereits mit den ersten Folgen der Invasion eines außerirdischen Mikroorganismus beginnt, verfolgt Kaufman den kompletten Weg einer feindlichen Invasion. In einer auch heute noch beeindruckenden Anfangssequenz beobachten wir den Anfang vom Ende allen individuellen Lebens. Durch markerschütternden Horror zur Hoffnung auf bessere Zeiten? Kaum ein Film könnte erschreckender und hoffnungsvoller zugleich sein. Ein Meisterwerk auf allen Ebenen der Filmkunst.

Die Körperfresser kommen (1978)
© United Artists

Die Handlung

Auf einem fremden Planeten erheben sich unzählige Wolken mikroorganischen Lebens. Diese schweben wie Spermien auf der Suche nach einer fruchtbaren Eizelle durchs All. Wie eine empfangsbereite Gebärmutter taucht vor ihnen die Erde auf. Sie durchdringen ihre atmosphärische Hülle und stoßen durch eine dichte Wolkendecke zum Kern ihrer Reise vor. Wie saurer Regen fallen sie auf San Francisco herab. In einem Park erwachsen sogleich fremdartige Blüten aus heimischen Blättern. Als hörten wir die Trompeten von Jericho wird Ihre Geburt auf Erden vom infernalischen Klang einer quietschenden Kinderschaukel kommentiert. Auf dieser beobachtet ein manisch auf und abschwingender Priester den Beginn vom Ende der Welt. Hat Gott endgültig die Geduld mit uns verloren? Oder erhält nun Satan die Möglichkeit sein Erbe auf der Erde zu verteilen? Wer genau hinschaut, erkennt im schaukelnden Propheten einen der ganz großen Darsteller des amerikanischen Kinos. Mit diesem apokalyptischen Cameoauftritt schließt die Exposition und geht nahtlos in den ersten Akt einer unaufhaltsamen Invasion über.

Robert Duvall
© United Artists

Eine junge Frau bricht eine der Blüten ab und nimmt sie mit nach Hause. Elizabeth Driscoll (Brooke Adams) ist Mitarbeiterin der städtischen Gesundheitsbehörde und lebt mit ihrem Freund zusammen. Trotz seines sehr einseitigen Interesses an TV-Basketball und Sex, erscheint er ihr am nächsten Morgen noch einfältiger. Er verlässt wortlos mit einem Eimer voller Staubwolken die Wohnung. Diese entsorgt er dann in einem vor dem Haus haltenden Müllwagen. Nach einem kurzen Gespräch mit dem Fahrer verweilt er noch eine Weile auf der Straße. Vorgänge wie diese häufen sich ab jetzt. Auch in der Nacht sind Müllfahrzeuge in gleicher Mission unterwegs. Überall wird entsorgt und heimlich korrespondiert.

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Elizabeth wendet sich besorgt an ihren Vorgesetzten, mit dem sie ein flirtendes Arbeitsverhältnis pflegt. Dr. Matthew Bennel (Donald Sutherland) vermutet eher verschärfte Beziehungsprobleme bei ihr. In der Hoffnung dadurch ihre freundschaftliche Beziehung weiter auszubauen, arrangiert er ein Gespräch mit dem befreundeten Psychologen Dr. Kibner (Leonard Nimoy). Doch gerade der scheint sie mit ihrer Beobachtung noch weniger ernst zu nehmen. Bei einer abendlichen Lesung aus seinem neuen Buch weist er eine Frau mit ähnlichen Beobachtungen in gleicher Weise ab.

Die Körperfresser kommen (1978)
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Das befreundete Paar Jack (Jeff Goldblum) und Nancy (Veronica Cartwight) macht ähnliche Entdeckungen wie Elizabeth. Dabei wird Jack fast selbst zum Opfer der floralen Invasoren. Diese wachsen zu immer größeren Schoten/Pods heran und nehmen mit schnell wachsenden Sporenfäden Kontakt zu schlafenden Menschen auf. Durch die Berührung scannen und kopieren sie diese schließlich. Neben dem Körper scheinen sie dabei auch eine rudimentäre Kopie der gesamten Persönlichkeitsstruktur vorzunehmen. Am Ende zerfällt der schlafende Mensch wie eine faulende Frucht und wird schließlich zu Staub. Der pflanzliche Klon entsorgt seine menschlichen Überreste und nimmt wie selbstverständlich dessen Stelle ein. Wie einem heimlichen Programm folgend übernehmen die Doppelgänger nun nach und nach die wichtigsten Funktionen innerhalb der Stadt. Mit Hilfe ständig nachwachsender Pflanzenhülsen entsteht ein totalitärer Stadtstaat, der alles daransetzt, sämtliche Bewohner in ihren Superorganismus zu integrieren. Wer noch als freies Individuum erkennbar ist, wird mittels markerschütternder Schreie aus der Deckung gelockt und in rücksichtslosen Hetzjagden eingefangen.

© United Artists

So laufen auch die vier Helden immer wieder Gefahr entdeckt, gefangen und tödlich geklont zu werden. Wem können sie noch trauen? Und wie verhindern sie, dass die Invasoren ihr gnadenloses Netzwerk über die gesamte Erde verteilen? Hafen und Flughafen von San Francisco werden zu uneinnehmbaren Umschlagplätzen einer weltweiten Assimilation mit den Invasoren. Das Ende einer individuellen Menschheit wird immer wahrscheinlicher.

Don Siegel Reloaded

Don Siegels Erstverfilmung kann man entweder als Kritik am Kommunismus oder an dessen ideologischer Bekämpfung durch Mc Carthy´s Paranoia Feldzug interpretieren. Auch hier begegnet uns wieder die Frage, was am Ende schwerer wiegt: die Ursache oder deren Bekämpfung?

Die Erstverfilmung von 1956

Obwohl Siegel selbst solche Deutungen immer von sich wies, war seine Umsetzung deutlich mehr als reine Unterhaltung. Sein Film war ein mahnender Kommentar zu seiner Zeit. In seiner Version orientierte er sich noch stark am zugrunde liegenden Roman. Dort wird die typische, amerikanische Kleinstadt zum Schauplatz des Geschehens. Die gottesfürchtige Gemeinde als Symbol für den konservativen american way of life. Ein schützenswertes Symbol gegen einen gottlosen Sovietkommunismus? Doch das Land von Kleinstadtpredigern und John Wayne hat sich weiterentwickelt.

In Philip Kaufmans Amerika verlassen wir die Scheinidylle der Provinz und betreten mit San Francisco, die freigeistigste und innovativste Stadt der USA. So öffnet er „seinen“ Invasoren die Tür in den globalen Raum. Hier sind wir mittendrin in einer für sozialistische Ideen weit geöffnete Gesellschaft. Vor dem Kommunismus fürchtet sich hier kaum mehr jemand. Doch die Ära der Blumenkinder tanzt ihrem Ende entgegen. `68 ist lange her. Ronald Reagans entfesselter Kapitalismus klopft invasorisch ans goldene Tor der Stadt. Das Rot der Golden Gate Bridge vergilbt immer mehr zur Farbe uniformierter Anzugträger und geldgesteuerter Yuppies. Vor diesem politisch wechselnden Hintergrund bekommt die Angst vor gleichgeschalteter Ideologie eine weitere Farbgebung. Und doch verbindet alle Szenarien die immer jung bleibende Angst vor dem Verlust der eigenen Wertewelt. Werte, die uns häufig erst dann bewusst werden, wenn ihre Existenz auf dem Spiel steht.

Die Körperfresser kommen (1978)
© United Artists

Aus heutiger Sicht ist der der räumliche, wie auch zeitliche Schauplatz von Kaufmans Film unserer aktuellen Situation nicht unähnlich. Im San Francisco der ausgehenden 1970er-Jahre haben wir es mit einer aufgeklärten und größtenteils engagierten Gesellschaft zu tun. Naturschutz, Work Life Balance, sexuelle Selbstbestimmung und ein selbstbewusstes Frauenbild fließen wie selbstverständlich durch die Handlung. Fast verstört es ein wie wenig, wie weit die amerikanische Gesellschaft zu dem Zeitpunkt bereits war. Und warum sind wir heute nicht schon sehr viel weiter? Das Ende dieses Films zeigt eine mögliche Antwort.

Somit sehen wir in einen nur leicht verzerrten Spiegel. Die biologische Gefahr infiziert auf allen Ebenen. Rein körperlich bedroht sie unser Leben. Ideologisch spaltet sie unsere Gesellschaft. Wenn wir, wie die Figuren in DIE KÖRPERFRESSER KOMMEN, nicht wach bleiben, laufen auch wir Gefahr in einem gleichgeschalteten System verloren zu gehen. Am Ende bedroht der neuartige Erreger unsere Individualität. Wollen wir „wir selbst“ bleiben? Denn nur so können wir uns weiterentwickeln. Dann hätten wir eine Chance, den freien Geist der Post-Hippie-Ära fortzuführen. Allein dieser Aspekt macht DIE KÖRPERFRESSER KOMMEN so sehenswert.

Die Körperfresser kommen (1978)
© United Artists

Die Umsetzung

Philip Kaufmans Version des mittlerweile 4-fach verfilmten Stoffes ist zugleich Verbeugung vor dem Original, wie auch seine befreite Weiterentwicklung. Hier ist alles in Bewegung. Vielleicht begegnen uns deswegen auch zwei wichtige Figuren des Originals im „Vorbeifahren“. Zum einen dessen Hauptdarsteller Kevin McCarthy. Sein Dr. Bennel schrie 1956 gegen Ende „Ihr seid die Nächsten!“. Als wäre sein Ruf unerhört geblieben, läuft er hier seinem 78er Alter Ego vors Auto. Es scheint, als wäre er über all die Jahre von der Provinz bis ins Herz der Großstadt gerannt. Aufgelöst schreit er Donald Sutherland und Brooke Adams „Sie kommen, sie kommen“ entgegen, um kurz danach von einer größeren Menschgruppe in einen Autounfall getrieben zu werden. Ebenfalls in einem Auto begegnen die beiden Protagonisten einem weiteren Vertreter der Erstverfilmung. Am Steuer eines Taxis fährt sie dessen Regisseur Don Siegel zum Flughafen. Er führt sie zum entscheidenden Wendepunkt beider Versionen. Am Flughafen bereiten bereits transformierte Menschen die feindlichen Pflanzen palettenweise für die globale Eroberung vor.

Bereits hier wird die Ausweglosigkeit des Geschehens überdeutlich. Was können zwei tapfere Helden gegen diese Übermacht anrichten?

Leonard Nimoy, Jeff Goldblum und Regisseur Philip Kaufmann in der Drehpause // © United Artists

Die Figuren und ihre Darsteller

Herzstück der auf den Punkt skizzierten Handlung ist die subtile Zeichnung der Figuren und ihre Inszenierung.

Donald Sutherland

Aus heutiger Sicht ist der Kanadier sicher einer der ungewöhnlichsten Leading Men des amerikanischen Kinos. Mit seinen großen Augen, seinen nach Minipli schreienden Naturlocken und einem selbstbewusst getragenen Schnauzbart wirkt er gerade hier wie ein intellektueller Klon des 70er-Jahre-Pornodarstellers John Holmes. Doch gerade dadurch folgt er dem veränderten Männerbild seiner Zeit. Er ist sensibel, modisch eher pragmatisch unterwegs, emanzipiert und gerade dadurch Herr der Lage. Als Anti Steve McQueen muss er sich nicht in provozierten Kampfhandlungen beweisen. Während der eine durch kraftvolle Körperlichkeit die Handlung bestimmte, glänzt der andere durch bescheidene Empathie und die sichtbare Überwindung seiner Ängste. Dabei ist Sutherland mit seinen 1,92 m sogar deutlich größer als McQueen. Mit dieser Ambivalenz zwischen Körper und innerer Haltung ist er der perfekte Vertreter aller Antihelden. Gerade in DIE KÖRPERFRESSER KOMMEN führt er seinen gewitzten „Hawkeye“ aus M.A.S.H. (1970), den aufrechten John Klute in KLUTE (1971) und einen gebrochenen John Baxter aus WENN DIE GONDELN TRAUER TRAGEN (1973) zu einem hoch komplexen Charakter zusammen. Verbunden mit einer authentischen Sinnlichkeit vereint er alles was man(n) wirklich braucht. Durch den Schluss des Films legt er unbewusst auch schon erste Spuren in Richtung späterer bad guy Rollen a la LOCK UP (1989) oder OUTBREAK (1995). Im Kino des fortschreitenden New Hollywood war der Vater von Kiefer Sutherland definitiv kein Held von der Stange. Auch diesen Wert wünschen sich viele für das aktuelle Kino zurück.

Donald Sutherland
© United Artists

Jeff Goldblum

Mit 1,94m ist Goldblum sogar noch größer als Sutherland. Doch sein erfolgloser, ewig mit sich selbst hadernder Schriftsteller Jack ist alles andere als ein geborener Anführer. Er muss im übertragenen Sinne sogar zu Sutherlands Figur aufschauen, um später über sich hinauszuwachsen. Seine linkische Art hat er später in DAS LANGE ELEND (1989) und in Teilen in JURASSIC PARK (1992) zu komödiantischer Größe weiterentwickelt. Er ist hier der sympathisch nervende Sidekick des Helden.

Jeff Goldblum
© United Artists

Leonard Nimoy

Ohne zu viel von seiner Figur zu spoilern, ist sein Dr. Kibler der dämonische Gegenpart zu Sutherlands Dr. Bennet. Da die floralen Invasoren wenig sehenswerte Charakteristik für einen guten Bösewicht hergeben, kommt ihnen Nimoys Figur dankenswerter Weise zu Hilfe. Sein stoisch charismatischer Psychologe wirkt wie ein böser Zwilling von Mr. Spock. Als Intellektueller mit subtil bedrohlicher Aura ist er der perfekte Seelenfänger für die Idee einer anderen Welt. Ihn können wir uns auch auf heutigen Speaker Bühnen vorstellen. Seine klug interpretierten Reden könnten viele nicht so gebildete Menschen zu abgedrehten Verschwörungsjüngern verführen.

Leonard Nimoy
© United Artists

Veronica Carthwight

Ihre Nancy ist der schützenswerte Sonnenschein in diesem düsteren Abgesang auf die Menschheit. Sie betreibt einen ökologischen Spa mit heilenden Schlammbädern. Leider dienen diese auch als fruchtbarer Nährboden für weitere Klonernten. Trotz ihrer Verletzlichkeit ist sie deutlich eigenständiger und smarter als ihr Freund Jack. Sie ist eine der ersten, die ein wirksames Verhalten gegenüber den bereits transformierten Aliens entwickelt. Dabei versucht sie nicht in bodenlose Panik zu verfallen. Dieser Spagat zwischen Verzweiflung und gesundem Überlebensinstinkt durfte bisher nur wenigen weiblichen Nebenfiguren gelingen. Ein Jahr später erstarrte sie im wahrsten Sinne des Wortes vor einem anderen ALIEN (Ridley Scott, 1979). Auch wenn ihre dortige Rolle für Veronica Carthwight die deutlich nachhaltigere Außenwirkung erzielte, konnte sie in DIE KÖRPERFRESSER KOMMEN die klar stärkere Frauenfigur entwickeln. Apropos starke Frau!

Veronica Carthwight
© United Artists

Brooke Adams

Heute kaum noch bekannt, war 1978 das Jahr der amerikanischen Schauspielerin. Parallel zum bildgewaltigen Kinogemälde IN DER GLUT DES SÜDENS (Terrence Malick, 1978) spielt sie hier eine erfrischend selbstbewusst agierende Heldin, die ihrem männlichen Partner ebenbürtig zur Seite rennt. Ähnlich der im gleichen Jahr agierenden Geneviève Bujold in COMA (Michael Crichton) spielt sie hier eine in allen Belangen emanzipierte Frau. Beruflich erfolgreich, trotz Beziehung sexuell unabhängig und mit einer natürlichen Körperlichkeit auftretend, sind beide wie Schwestern im Geiste. Mutig kommen sie einem tödlichen System auf die Schliche und nehmen ihren männlichen Partnern einiges an Arbeit ab. Brooke Adams glänzt hier als eine Frau mit Witz, Charme und innerer Stärke. Auch in ihr spüren wir den weit entwickelten Geist der 1970er-Jahre. Mit ihrer unaufgeregten Haltung muss sie Emanzipation nicht einfordern, sie lebt sie einfach. Im Kino war ihr nach dieser Rolle kaum noch die Möglichkeit gegeben, diesen Typus weiter zu entwickeln. Lediglich in THE DEAD ZONE (David Cronenberg, 1983) und GAS FOOD LODGING (Allison Anders, 1992) blitzte ihr natürliches Talent noch einmal für einige intime Szenen auf. Heute kennt man sie noch am ehesten als Frau von Tony Shalhoub (MONK). Doch mit ihrer Rolle in DIE KÖRPERFRESSER KOMMEN hat sie sich einen wichtigen Platz im ewigen Olymp eines unabhängigen Hollywood Kinos gesichert.

Brooke Adams
© United Artists

So erleben wir eine homogene Ensembleleistung talentierter Darsteller, geführt von einem wahren Könner seiner Zunft.

Die Inszenierung

Handgemacht, direkt und effektiv kann man Philip Kaufmans Regie in drei Worten zusammenfassen. Ganz ohne CGI-Effekte, in klaustrophobisch komponierten Räumen, wie auch an Originalschauplätzen, inmitten der authentisch brodelnden Straßen von San Francisco gedreht, grobkörnig auf Zelluloid verewigt und von verstörenden Klängen begleitet, saugt er uns mit den ersten Frames tief ins paranoide Kino der 1970er-Jahre. Seine Bilder wird man so schnell nicht wieder vergessen. Sie haben sich tief ins cineastische Langzeitgedächtnis eingebrannt. Wie eine gnadenlose Meute im nächtlichen Gegenlicht auf die nicht mit der Wimper zuckende Kamera zuhält, sehen wir 25 Jahre später in 28 DAYS LATER (Danny Boyle, 2002) wieder. Die Geburt der Klone aus den fleischigen Schoten ist wegweisend für kommende Maskeneffekte a la AMERICAN WERWOLF (John Landis, 1981) oder DIE FLIEGE (David Cronenberg, 1988). Doch das nachhaltigste Bild bohrt sich erst mit der letzten Einstellung tief in unsere Seele. Kompromissloser und verstörender kann ein Film kaum enden.

Die Körperfresser kommen (1978)
© United Artists

Dazu werden wir Zeuge eines gehetzten Eintauchens in die von Menschenströmen durchfluteten Häuserschluchten. So erleben wir ein letztes Durchatmen vor der totalen Durchinfizierung einer Stadt. Auf Augenhöhe mit den Helden versuchen wir auf unserer Couch irgendwie den Mindestabstand zu halten. Diese Guerillaauthentizität lässt uns unbewusst den Atem anhalten.

Die Bilder

Zusammen mit Kameramann Michael Chapman (TAXI DRIVER, 1975) schafft Kaufman eine Szenerie ständiger Bedrohung. Vertraute Umgebungen werden zu beklemmenden Orten der Angst. Allein durch die Position der Kamera und der Wahl der Objektive gelingt ihnen eine subtile Verwandlung des Alltäglichen in Vorzeichen eines unausweichlichen Untergangs. Die Bildgestaltung geht dabei Hand in Hand mit den sparsam, aber wirkungsvoll eingesetzten Effekten.

Die Körperfresser kommen (1978)
© United Artists

Special Effects

Aus heutiger Sicht kann man handwerklich gemachte Effekte nicht hoch genug schätzen. In Zeiten permanenter CGI-Orgien ist das einfache Reverse-Motion-Verfahren eine fast schon meditative Entgiftungskur für unsere Augen. Diese Technik, in der gefilmte Vorgänge am Ende rückwärts abgespielt werden, lassen hier den Eindruck schnell wachsender Blüten entstehen. Mit rein photographischen Mitteln entsteht zudem die realistisch anmutende Anfangssequenz. Diese spürbare Handarbeit lässt das Gesehene auch zu einer körperlichen Erfahrung werden. Gerade in DIE KÖRPERFRESSER KOMMEN erleben wir auch die Energie hinter der Kamera. Der kreative Prozess verbindet sich sensitiv mit unserer Seherfahrung. Akt und Schöpfung werden eins.

Die Körperfresser kommen

Musik und Ton

Parallel zu seiner bedrückenden Bildsprache verschmelzen Musik und Sound zu einer irritierenden Klangwolke.

Komponist Denny Zeitlin

Mit seiner einzigen Filmmusik schafft Jazzpianist Danny Zeitlin eine vielseitige Partitur zwischen treibenden Jazzpassagen, avantgardistischen Orchesterklängen und elektronischen Tonfiguren. Noch spannender als das musikalische Ergebnis ist die Geschichte, wie seine finale Komposition letztendlich entstanden ist. Zeitlin ist hauptberuflich eigentlich Psychiater. Dennoch ist sein Gespür für modernen Jazz von hoher Qualität. Einige seiner Stücke fanden Ende der 60er sogar den Weg in die Kult-Kindersendung SESAMSTRASSE. Seine Konzerte mit kleiner Besetzung finden respektvollen Anklang in der Jazzszene. Ein solches Konzert besuchte Anfang der 70er Jahre auch Regisseur Philip Kaufman. Inspiriert von dessen Musik, fragt er ihn während der Vorproduktion zu DIE KÖRPERFRESSER KOMMEN, ob er dafür einen intimen Jazzscore schreiben könne. Zu dem Zeitpunkt war die Figur von Donald Sutherland selbst noch ein Jazzmusiker. Erst später wurde er, in Anlehnung an die Originalgeschichte, zu einem medizinischen Gesundheitsinspektor.

© United Artists

Ab dann wollte das Studio einen großen Orchesterscore mit elektronischen Elementen für ihr wachsendes Projekt. Der kleine Jazzscore war also passé. Doch Zeitlin wollte das Projekt unbedingt. Obwohl er bis dato keinerlei Erfahrung mit Orchesterarbeit und nur leichte Berührungspunkte mit elektronischer Musik hatte, kämpfte er für diese einmalige Chance. Er spürte, dass er es konnte. Dafür schloss er seine Praxis für fünf volle Wochen, um sich vollkommen auf die bevorstehende Mammutaufgabe konzentrieren zu können. Dabei musste er vieles zum allerersten Mal machen. Allem voran das Schreiben einer kompletten Orchesterpartitur. Allein das, der enorme Zeitdruck, das Pendeln zwischen Orchesteraufnahmen in L.A. und dem Einspielen der Synthesizer-Parts in San Francisco, sowie dem eignen Anspruch gerecht werden zu müssen, ließen seine Arbeitstage auf die Länge von 20 Stunden wachsen. Ergänzt wird seine apokalyptische Komposition von einer sphärischen Dudelsackversion von AMAZING GRACE, während die Pods auf Frachtschiffe verladen werden. Ein letzter Abschied von der Schöpfungskraft der Menschen?

© United Artists

Ein einmaliger Schöpfungsakt ist auch die Musik von Denny Zeitlin. Doch dies wäre ohne das Vertrauen eines einzelnen Filmkünstlers in das Talent eines semiprofessionellen Musikers niemals möglich gewesen. Auch das macht einen großen Regisseur aus. Chapeau Mr. Kaufman!

Mit dieser komplexen Komposition hätte sich Zeitlin durchaus für weitere Filmprojekte empfehlen können. Doch der immense Arbeitsaufwand, die Versagensangst und der finale Kampf um eine angemessene Bezahlung führen ihn zu der Entscheidung, dieses Projekt als einmalige Erfahrung in seinem Leben abzuspeichern.

Der Sound

Erweitert durch den subversiven Tonteppich von Soundmaestro Ben Burtt (STAR WARS, 1977) hören wir hier den Abgesang auf unsere Zivilisation. Dieser scheint direkt aus dem Inneren der tödlichen Pflanzenkapseln zu kommen. Der Geburtsvorgang der Anfangssequenz findet sich auch in seinem Soundkonzept wieder. Die verfremdeten Töne eines Ultraschallgeräts werden zur Stimme der sonst stummen Pods. Diesen Klang „leiht“ er sich während der Schwangerschaft seiner Frau beim ärztlichen Abhören des eigenen Kindes aus. So wird die Geburt zum permanenten Grundton des gesamten Films. Ergänzt durch elektronisch veränderte Atemgeräusche erschafft er so die akustische DNA der Invasoren. Mit seinen organischen Soundeffekten erzeugt er eine paranoide Dauerpanik, welche die Bilder zu einem finalen Angstgemälde ergänzen. Wir könnten während DIE KÖRPERFRESSER KOMMEN auch die Augen schließen und wären nicht minder in das Grauen involviert.

© United Artists

Auch in seinen Folgefilmen bewies Kaufman immer wieder ein stimmiges Gespür für die passende Akustik. Musik und Ton waren bei ihm gleichwertige Erzählelemente und für den finalen Film unverzichtbar.

Philip Kaufman

Der in der Filmhistorie viel zu selten gewürdigte Kaufman hat mit seiner Version von DIE KÖRPERFRESSER KOMMEN einen der nachhaltigsten und intensivsten Sci-Fi-Horror-Filme geschaffen. Bezeichnend dabei, dass er seitdem selbst zu einem Invasor verschiedener Filmgattungen geworden ist. So zieren sein Oeuvre unterschiedliche Genreperlen wie THE WANDERERS (1979), DER STOFF AUS DEM DIE HELDEN SIND (1983), DIE UNERTRÄGLICHE LEICHTIGKEIT DES SEINS (1987) oder DIE WIEGE DER SONNE (1993). Allen ist gemein, dass sie kongenial eigenständige Literaturverfilmungen sind. Zudem hat er zusammen mit George Lucas einen der ikonischsten Helden des Kinos erschrieben: INDIANA JONES.

Kaufmans Fähigkeiten, die Essenz eines Romans in authentische Filmbilder zu transportieren, kann man nicht hoch genug anerkennen. In dieser Qualität und Anzahl ist dies nur wenigen gelungen. Das zeugt einerseits von hohem erzählerischem wie inszenatorischem Talent. Darüber hinaus von einer unbändigen Liebe für die Kunstform Kino. Diese Liebe ist in DIE KÖRPERFRESSER KOMMEN allgegenwärtig.

Die Blu-Ray

Die Körperfresser kommen Blu-rayDie Veröffentlichung von NSM Records ist derzeit die einzige Möglichkeit dieses Meisterwerk mit deutscher Tonspur in digitaler Präzision zu genießen. Die beim gleichen Label erschienenen Mediabooks sind nahezu komplett vom Markt verschwunden. Doch wer mehr nach Inhalt, als nach Form geht, ist bei der einfachen Keep Case Variante sehr gut aufgehoben.

Das Bild

Natürlich ist das Bild, gemessen am Originalmaterial kein High End. Inwieweit eine aufwändige 4K-Abtastung einen wirklichen Mehrwert bieten würde, ist schwer zu sagen: besser geht immer – schlechter aber auch. Der für die 70er Jahre typisch entsättigte Farbumfang kommt hier in klaren Bildern zur Geltung. Schön zu sehen, wie dennoch einzelne Farbräume für bestimmte Szenerien verstärkt gewichtet werden. Braun für das geschützte Eigenheim, als letzte Bastion gegen ein gleichschaltendes Regenwolken-Grau. Dieses Grau beherrscht nahezu alle Außenaufnahmen bei Tag. In der Nacht versinkt das Bild fast in einem alles verschlingenden Schwarz. Einzig die Haut- und Kleiderfarben unserer tapferen Helden strahlen einen Rest Menschlichkeit in diese apokalyptische Nacht hinaus. So könnten sich die Macher die Wirkung von DIE KÖRPERFRESSER KOMMEN gedacht haben.

Der Ton kommt in diesen Varianten aus den heimischen Boxen:

  • Deutsch DTS-HD MA 2.0 (Mono)
  • Englisch DTS-HD MA 5.1
  • Englisch DTS-HD MA 2.0 (Mono)

Extras

Neben dem Film sind vier informative Kurzdokus sehenswerte Highlights der Veröffentlichung. Hier erfahren wir näheres zur Entstehung des Films, dessen Effekte und Tonkonzept. Ergänzt werden diese durch schriftliche Kurzbios der Darsteller.

Die Körperfresser kommen (1978)
© United Artists

Fazit

Mit DIE KÖRPERFRESSER KOMMEN dürfen wir einen der wichtigsten Paranoia-Kino-Vertreter der 1970er-Jahre erleben. Obwohl tief in seiner eigenen Zeit verwurzelt, ist er zeitlos aktuell. Weit über die Filmhandlung hinaus zeigt er uns, wie weit unsere Gesellschaft vor 40 Jahren bereits war und was wir auf dem Weg bis heute wieder verloren haben. So reisen wir in der Zeit zurück und blicken gleichzeitig in den Zerrspiegel der eigenen Gegenwart. Das ist die Magie des Films.

© Andreas Ullrich

Titel, Cast und CrewDie Körperfresser kommen (1978)
OT: Invasion Of The Body Snatchers (1978)

Poster
Releaseab dem 24.11.2017 auf Blu-ray

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RegisseurPhilip Kaufman
Trailer
BesetzungDonald Sutherland (Matthew Bennell)
Brooke Adams (Elizabeth Driscoll)
Jeff Goldblum (Jack Bellicec)
Veronica Cartwright (Nancy Bellicec)
Leonard Nimoy (Dr. David Kibner)
Art Hindle (Dr. Geoffrey Howell)
Lelia Goldoni (Katherine Hendley)
DrehbuchW.D. Richter
BuchvorlageNach dem Roman THE BODY SNATCHERS von Jack Finney
KameraMichael Chapman
FilmmusikDenny Zeitlin
SchnittDouglas Stewart
Filmlänge116 Minuten
FSKab 16 Jahren

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