Die Farbe aus dem All (2019) – Filmkritik

Der Name H. P. Lovecraft lässt alle Freunde des gepflegten Gruselns ebenso erschauern wie der Name E. A. Poe. Beide haben bis heute nichts von ihrer Kraft und ihrem absoluten Schrecken verloren, den sie bereits seit vielen Jahrzehnten über die Menschheit hereinbrechen haben lassen. „The Colour out of Space“ von 1927, ist eine von Lovecrafts Lieblingsgeschichten und auch eine seiner besten. Darin berichtet er von einer ganz ungewöhnlichen Art der Invasion. Hier werden Science-Fiction und Horror zu einem furchterregenden Cocktail vermischt. Lange bevor die klassische Science-Fiction überhaupt entstanden ist, schürt diese Mischung eine Angst vor der undurchdringlichen Finsternis des Weltalls und dem, was dort draußen existieren könnte. Ebenso unverzagt bemühten sich Filmemacher aus allen Generationen, einzelne Storys oder Fragmente dieser beiden Ausnahme-Autoren zu verfilmen, mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Eines ist jedoch gewiss: Wir werden nur in Ansätzen das wirkliche Grauen in Bildern festhalten können, dass sich beim Lesen der Geschichten dieser beiden Autoren in unserer eigenen Fantasie abspielt. Wer sollte jemals die „Großen Alten“ um Cthulhu annähernd verfilmen, wenn selbst einem Lovecraft die Worte beim Beschreiben dieser Schrecken versagen?

© RLJE Films & Koch Films

Handlung

Abseits der Großstadt, mitten im Wald von Arkham, lebt Nathan Gardner (Nicolas Cage) mit seiner Familie. Ihr idyllisches Leben wird eines Nachts durch den Einschlag eines Meteoriten im Vorgarten empfindlich gestört. Zuerst sind es nur kleine, fast unscheinbare Veränderungen in der Natur oder im Verhalten der Familienmitglieder. Doch als der Wissenschaftler Ward (Elliot Knight) einen fremden Stoff im Grundwasser entdeckt, ist es für die meisten Anwohner bereits zu spät.

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Eine unbekannte Farbe

Besonders hervorheben möchte ich hier vor allem den Score von Colin Stetson, der unter anderem auch bei HEREDITARY – DAS VERMÄCHTNIS (2018) für den Soundtrack verantwortlich war. In Kombination mit den Soundeffekten und mindestens einer 5.1 Surround-Sound-Anlage ist das ganze Grauen und der daraus resultierende Wahnsinn fühl- und hörbar. Colin Stetson gewährt uns mit seinen fremden Klängen einen Blick in eine Welt, die für uns unvorstellbar ist.

Auf einer einzigartigen Art und Weise wird in kleinen Schritten die langsame Transformation der Umwelt dargestellt und somit die wahre Funktion des Meteoriten enthüllt. Das seltsame Objekt oder der Organismus verändert die Chemie und Biologie seiner Umgebung stetig und vollkommen, für den Menschen tödlich. Er soll den Planeten samt Flora und Fauna umwandeln. Das Ziel ist eine neue Welt, mit einer fremdartigen Atmosphäre, die eine außerirdische Macht zum Überleben benötigt, jenseits unserer Vorstellungskraft und in unglaublichen Farben. Wir nennen so etwas Terraforming, die Umformung von Planeten in bewohnbare, erdähnliche Himmelskörper. Einen unangenehmen Nebeneffekt, neben dem qualvollen Tod, haben die ununterbrochenen Vergiftungen: Sie steigern den Aggressionspegel von Mensch und Tier und erhöhen die Gewaltbereitschaft sowohl gegenüber anderen als auch gegen die eigene Person. Die Art und Weise wie das fremde Objekte vorgeht, erinnert sehr stark an ein äußerst aggressives Virus, das den Körper des Wirts befällt. Doch dieses Virus befällt nicht nur die Zellen seines Opfers, sondern verändert und transformiert auch dessen DNA.

Die wenigen sichtbaren Mutationen im Film erinnern dann auch sehr an John Carpenters Science-Fiction-Klassiker DAS DING AUS EINER ANDEREN WELT (THE THING, 1982).

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Das Filmteam

Der in Südafrika geborene Richard Stanley hat keine besonders lange Filmografie, hat jedoch mit seinen wenigen Werken große Aufmerksamkeit erfahren, wie z.B. M.A.R.K. 13 – HARDWARE (HARDWARE, 1990) oder der faszinierende DUST DEVIL (1992). Mit DIE FARBE AUS DEM ALL setzt er nun das nächste Ausrufezeichen in seiner Vita.

Das komplette Gegenteil ist da Nicolas Cage. Auf dem frühen Höhepunkt seiner Karriere stand er mit Oscar-prämierten Dramen (LEAVING LAS VEGAS, 1995) und sehr populären Action-Krachern wie THE ROCK – FELS DER ENTSCHEIDUNG (1996) oder IM KÖRPER DES FEINDES: FACE/OFF (1997). Nach einer langen Durststrecke, in der eine Pleite die nächste ablöste, konnte er vor Kurzem mit dem Film MANDY (2017) an alte Erfolge anknüpfen. Ein Grund seiner vielen Misserfolge mag in seinem immer wieder auftretendem Overacting liegen, das leider auch in DIE FARBE AUS DEM ALL negativ auffällt. Was bei MANDY, auch bezüglich des Drogenkonsums des Protagonisten, hervorragend funktionierte, ist hier, für meinen Geschmack, mehr als störend.

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Joely Richardson, bekannt aus EVENT HORIZON – AM RANDE DES UNIVERSUMS (1997) DER PATRIOT (THE PATRIOT, 2000) und MAGGIE (2015), spielt Theresa, Nathans Frau. Sie geht vollkommen in ihrer Rolle auf und überzeugt in jeder Einstellung. Ebenso wie Tommy Chong, welcher älteren Filmfreunden durch seine legendären Cheech & Chong Filme: VIEL RAUCH UM NICHTS (UP IN SMOKE, 1978) und NOCH MEHR RAUCH UM NICHTS (CHEECH AND CHONG’S NEXT MOVIE, 1980) bekannt sein wird. Aber auch der Rest der Darsteller überzeugt und glänzt mit guten Leistungen vor der Kamera.

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Die Ultimate-Edition von Koch Films

von Stefan Jung

Mitte Januar 2020, bei einer Tagung des Lehrstuhls für Medienwissenschaft in Regensburg (Link) – ich war mit einem Vortrag aktiv beteiligt – war ein vorsichtiges Zwischenfazit u.a. das baldige Ausbleiben physischer Datenträger für das Heimkino. Das Streaming bzw. die Cloud-basierte Datennutzung beherrscht den Markt. Leider, muss man immer wieder statuieren, denn die im wahrsten Wortsinne oberflächliche Nutzung und Beiläufigkeit (Transienz) des digitalen Angebots sind bei genauerer Betrachtung offensichtlich. Einzig für Genrefilme bliebe in diesem Zusammenhang noch genügend Raum, sich auch zukünftig in haptischen, teils aufwändigen Editionen dem Publikum zu präsentieren und dauerhaft (persistent) in archivarischer Form Eingang in Sammlungen zu finden. Ein solches Beispiel ist zweifellos die durch das Label Koch Films angekündigte Ultimate Edition von DIE FARBE AUS DEM ALL / THE COLOR OUT OF SPACE, der zuvor in ausgewählten Kinos seine zwielichtige Kraft entfalten durfte. Ich möchte an dieser Stelle die Gelegenheit nutzen, die einzelnen Features und Spezifikationen dieser Kollektion in Näheren anzukündigen. Denn sie sind in ihrer Ausprägung tatsächlich bemerkenswert. Und ja, es bleibt aktuell bei der Ankündigung, denn natürlich ist auch der Unterhaltungsmarkt nicht von der gegenwärtigen Pandemie gefeit, sodass noch kein endgültiger Auslieferungstermin für die physischen Datenträger dieses Titels feststehen (voraussichtlich 23. April 2020). Da ich selbst zur Veröffentlichung beigetragen und auch den Film bereits gesehen habe, erscheint ein programmatischer Hinweis hier mehr als sinnvoll.

Die Ultimate Edition (Amazon-Treibstoff-Link)

Zunächst befindet sich natürlich der Hauptfilm (2019) von Richard Stanley und mit Nicolas Cage in bestmöglicher Qualität auf zwei Scheiben: UHD und Blu-ray mit jeweils hochauflösendem Bild und einem generellem Soundmix des Films, der passend zum Thema nicht von dieser Welt scheint. Man kann über die jüngste Lovecraft-Adaption in bestimmten Punkten sicherlich streiten, unstrittig ist aber ihre zunehmende Extravaganz, ihr bisweilen rauschhafter Höhenflug in stilistischer Form: hier wird auf audiovisueller Ebene die per se nicht greifbare Kraft aus dem All spürbar gemacht und die Bild- und Tonwiedergabe auf den beiden hochauflösenden Discs werden erheblich ihren Teil dazu beitragen (ich empfehle, den Film nicht auf DVD bzw. in geringerer Auflösung als Full HD zu schauen). Der Ton ist selbstverständlich auf Deutsch sowie in der Originalsprache auf Englisch verfügbar, deutsche Untertitel kommen hinzu. Einen Audiokommentar gibt es weltweit noch nicht, Regisseur Stanley erklärte ein mangelndes Interesse der Hauptvertriebsfirma hierfür. Doch gibt es eine Featurette zum Film selbst sowie entfallene Szenen. Dazu ist zu sagen, dass DIE FARBE AUS DEM ALL hierzulande in seiner ungekürzten Form erscheint und auch die von Stanley freigegebenen zusätzlichen Szenen dem Publikum nicht vorenthalten werden (auf dem britischen Markt war dies etwa der Fall).

Mediabook Cover A (Amazon-Treibstoff-Link)

Zum Bonusmaterial gesellen sich Kurzfilme von Richard Stanley sowie zwei Kurzfilme des deutschen Filmemachers Patrick Müller, jeweils mit optionalen Untertiteln. Patrick ist mir in den letzten Jahren ein guter Freund geworden, er lebt wie ich in Sachsen und wir treffen uns regelmäßig. Noch auf analogem Filmmaterial produziert und zuvor auf Festivals in ganzer Welt gezeigt, feiern seine beiden Lovecraft-inspirierten Kurzfilme THE COLOUR OUT OF SPACE (2017, 5 Min.) sowie THE GARDEN (2019, 5 Min.) hier ihre Heimkinopremiere durch ein großes Label. Natürlich freut mich das persönlich sehr, doch habe ich bewusst unvoreingenommen und sachlich einen Text zu beiden Werken für das Booklet verfasst. Mein grundsätzliches Resümee ist, dass Patrick als einer der Wenigen noch auffällig stark visuell erzählen kann und seine filmischen Bilder eine besondere Kraft besitzen. Nun darf ein breiteres Publikum über diese beiden spannenden, experimentellen Filme verfügen. Über Stanleys Film wird es darüber hinaus einen ausführlichen Text von Autor Christoph Huber geben, er und ich waren zuletzt bei der Neu-Veröffentlichung von VIDEODROME (1983) indirekt im Booklet vereint. Alles, was hier bisher aufgeführt wurde (1 UHD + 2 Blu-rays, Booklet) ist auch in den beiden Mediabook-Varianten inhaltsgleich verfügbar.

Inhalt der Ultimate Edition

Nun aber zur eigentlichen Sensation, dem Ausmaß der Ultimate Edition. Insgesamt 7 Discs warten auf den Sammler. Neben den bisher beschriebenen gesellt sich zunächst noch der Soundtrack zum Hauptfilm auf CD sowie drei (!) weitere Spielfilme auf jeweils separaten Blu-rays hinzu. Diese sind im Einzelnen:

  • DAS GRAUEN AUF SCHLOSS WITLEY (DIE MONSTER, DIE) mit Boris Karloff aus dem Jahr 1965
  • THE CURSE (1987)
  • DIE FARBE (2010), des vietnamesisch-stämmigen, 1982 in Stuttgart geborenen Regisseurs Huan Vu

Zu den ersten beiden „Bonus“-Filmen ist zu sagen, dass es sich hierbei um ein Joint Venture der Labels Koch und Wicked Vision handelt: letzteres hatte erst Ende 2018 beide Titel als Mediabooks in frischer HD-Premiere veröffentlicht. Für Komplettisten ist diese Kollaboration ein Segen, bietet sich hier nun ein sehr breites filmisches Spektrum filmischer Lovecraft-Adaptionen in einer Edition. Das Bonusmaterial der drei zusätzlichen Filme wurde auf den Blu-rays inhaltsgleich übernommen: Audiokommentare, Featurettes u.v.m. Durch die spezifische FSK-Einstufung von THE CURSE ist folglich die gesamte Ultimate Edition von DIE FARBE AUS DEM ALL erst ab 18 Jahren freigegeben.

Zu den haptischen Extras der Box gehört eine eine im Format größere Variante unseres Booklets, 6 Lobby Cards und 1 Wende-Poster zum Hauptfilm sowie ein 104(!)-seitiger Nachdruck des Original-Magazins „Amazing Stories“, in dem Lovecrafts Kurzgeschichte im Jahr 1927 erstmals veröffentlicht wurde. Alles in allem stellt dies wohl eine der spektakulärsten Heimkino-Veröffentlichungen des Jahres dar und in jedem Fall ein Rundum-sorglos-Paket für alle Fans. (SJ)

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Weitere Verfilmungen

H. P. Lovecrafts Story „The Color out of Space“ wurde schon mehrfach verfilmt. Daniel Haller inszenierte im Jahre 1965 mit DAS GRAUEN AUF SCHLOSS WITLEY (DIE, MONSTER, DIE!, 1965) einen eher durchschnittlichen Horrorfilm, der sich nur in Teilen auf die Vorlage berief, in der Hauptrolle ist hier Horrorlegende Boris „Frankenstein“ Karloff zu sehen. Einige Jahre später folgte THE CURSE (1987) von David Keith. Diese Fassung ist in großen Teilen mit Lovecrafts Werk auf der gleichen Wellenlänge, auch wenn er sich einige Freiheiten erlaubt. Unter anderem sehen wir hier den damaligen Jung-Star Wil Wheaton, der vor allem aus der TV-Serie STAR TREK – THE NEXT GENERATION (1987-1994) bekannt sein dürfte. Jahre später bekam Wheaton aufgrund dessen einige Gastauftritte in der Kult-Serie THE BIG BANG THEORY (2009-2019).

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Unsere Freunde aus Italien dürfen natürlich nicht fehlen, denn sie inszenierten im Jahre 2008 H.P. LOVECRAFTS SAAT DES BÖSEN (CLOUR FROM THE DARK), Regie führte hier Ivan Zuccon. Leider setzt der Film von Zuccon das unbekannte Objekt mit dem Bösen, im Sinne von Religion, gleich. Das Ganze läuft dann auf Besessenheit und Teufelswerk hinaus. Aber auch in Deutschland gab es einen Versuch, das Werk von Lovecraft auf den Bildschirm zu bannen: DIE FARBE (2010), Regie führte Huan Vu. In dieser faszinierenden Produktion, die ausschließlich in schwarzweiß gedreht worden ist, interpretiert der vietnamesisch-stämmige, in Deutschland geborene Regisseur Lovecrafts Story auf eine erfrischend neue Art. Die surrealistischen Bilder erzeugen eine Atmosphäre die am nächsten an Lovercrafts Werk herankommt. Noch eine weitere Produktion aus Deutschland hat sich mit der Story befasst: DIE FARBE AUS DEM ALL (THE COLOUR OUT OF SPACE, 2017), Regie: Patrick Müller. Es ist zwar eine kleine Produktion, aber dafür ein umso interessanterer Kurzfilm.

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Fazit

Die bisher beste Verfilmung von Lovercrafts Kurzgeschichte ist die deutsche Produktion DIE FARBE. Knapp dahinter findet sich DIE FARBE AUS DEM ALL von Richard Stanley wieder, trotz einiger übertriebener Auftritte von Nicolas Cage. Besonders die zweite Hälfte hat viele herausragende Szenen, die noch lange beim Zuschauer nachwirken werden. Richard Stanley schafft es, eine Atmosphäre der absoluten Angst, des Wahnsinns und schlussendlich des Defätismus zu erschaffen, wie schon lange nicht mehr. Doch über allem steht der fantastische Soundtrack von Colin Stetson, gerne mehr davon.

Letztendlich aber bleibt alles nur ein Versuch, die unglaubliche Vorstellungskraft von H. P. Lovecraft in verständliche Bilder zu transformieren. Mit einer Sprache, die nur ungenügend und bruchstückhaft wiedergeben kann was für unglaubliche Schreckensszenarien, sich der US-Autor vor so langer Zeit im stillen Kämmerlein erdacht hat, gleiches trifft übrigens auch auf Edgar Allan Poe zu. Selbst Lovecraft hatte in vielen seiner Geschichten das Problem der mangelhaften menschlichen Sprache, die nicht ausreichte, um das ganze Ausmaß des Grauens zu beschreiben.

© Stefan F.

Titel, Cast und CrewDie Farbe aus dem All (2019)
OT: Color Out of Space
Poster
Releaseab dem 23.04.2020 auf DVD, Blu-ray und als Mediabook (4K-UHD mit zwei Covers) sowie eine Ultimate Edition mit 7 Discs erhältlich

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RegisseurRichard Stanley
Trailer
BesetzungNicolas Cage (Nathan Gardner)
Joely Richardson (Theresa)
Madeleine Arthur (Lavinia)
Elliot Knight (Ward)
Tommy Chong (Ezra)
Brendan Meyer (Benny)
Julian Hilliard (Jack)
DrehbuchScarlett Amaris
Richard Stanley
BuchvorlageNach der Kurzgeschichte THE COLOR OUT OF SPACE von H. P. Lovecraft
KameraSteve Annis
FilmmusikColin Stetsonl
SchnittBrett W. Bachman
Filmlänge110 Minuten
FSKab 16 Jahren

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