Die besten Horrorfilme der 00er bis 20er (1900-1929)

Macht das Studium der alten Klassiker, aus einer Zeit als die Filmwelt noch stumm und nur aus Schwarz und Weiß bestand, überhaupt Sinn? Auf jeden Fall, denn gerade aus der Betrachtung der alten Horror-Klassiker können wir noch heute jede Menge lernen. Das geht bei den Darstellern und der Art und Weise ihrer Performance los, bis hin zur Kamera, der Lichtsetzung, Schnitte, Effekte und natürlich der Regie. Außerdem ist es ein leichtes festzustellen, dass viele Motive und Themen, die wir so sehr in unseren aktuellen Filmen und Blockbustern feiern, ihre Geburt und ihren Ursprung in diesen großartigen Werken aus einer fast schon vergessenen Ära haben. Es ist bei weitem keine Zeitverschwendung, sondern Lernen an den ganz großen Werken der Filmgeschichte. Nicht umsonst heißt es:

„Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Gegenwart verstehen“.

Doch werfen wir erst einen kurzen geschichtlichen Blick auf diese Zeit der großen Veränderungen und Auseinandersetzungen: Die industrielle Revolution, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts begann, verstärkte sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Diese Revolution führte zu einer stark beschleunigten Entwicklung von Technik und Produktivität in allen Bereichen. Die Bevölkerungen explodierten und gleichzeitig verstärkten sich soziale Missstände in den unteren Schichten. Es kam zu Unruhen, die wiederum die Herrschenden zu Sozialreformen drängten, welche die schlimmsten Zustände vorübergehend verdrängten. Schon damals sammelten einige wenige Wohlhabende den Reichtum mit vollen Händen und lebten in anderen Sphären, während der Großteil der Bevölkerung unter bitterer Armut litt. Die politische Lage war allerorts angespannt. Die Welt befand sich in Geiselhaft der nahenden, alles vernichtenden Kriege. Der Erste Weltkrieg warf seinen bedrohlichen Schatten voraus (1914-1918), doch die Filmwelt blühte geradezu in dieser harten, erbarmungslosen Zeit auf.

DIE REISE ZUM MOND (LE VOYAGE DANS LA LUNE, 1902) // © COLLECTION CINEMATHEQUE FRANCAISE

Die Filmwelt

Als ersten Kriminalfilm wird 1901 DIE GESCHICHTE EINES VERBRECHENS (HISTOIRE D‘UN CRIME) von Ferdinand Zecca präsentiert. 1902 bringt der Franzose Georges Méliès mit seinem Werk DIE REISE ZUM MOND (LE VOYAGE DANS LA LUNE) das Science-Fiction-Genre an den Start. Im Jahre 1903 folgte der Amerikaner Edwin S. Porter mit dem ersten Western: DER GROSSE EISENBAHNRAUB (THE GREAT TRAIN ROBBERY). Aber der Film, so wie wir ihn kennen, entstand nicht erst zu Beginn der 1900er Jahre. Die erste öffentliche Filmvorführung fand bereits 1895 im Berliner Wintergarten statt. Dort zeigte ein gewisser Max Sladanowsky einen von ihm entwickelten Bioscope-(auch Bioskop- [1]) Film mit 8 Szenen und einer Gesamtlänge von ganzen 15 Minuten.

Max Skladanowsky

Die bekannten Gebrüder Lumière starteten ihre eigene Vorführung erst zwei Monate danach. Im Jahre 1897 wurde die deutsche Produktionsfirma Bioscope gegründet und 1899 wurden die ersten beiden Hamburger Kinos eröffnet. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs hatte man die Weimarer Republik (1919) in Deutschland ausgerufen. Die Kriegsfolgen waren verheerend, die wirtschaftlich auf den Knien befindliche Gesellschaft war hochgradig instabil. In vielen Filmen drückt sich ein grundlegendes Misstrauen gegenüber der Obrigkeit aus, die das Volk in einen nicht enden wollenden Alptraum stürzen lassen wollen. Generell gilt: Filme entstehen niemals im luftleeren Raum, sie referieren immer die Gesellschaft, in der sie stattfinden.

Als der Film noch in den Kinderschuhen steckte, war die nachträgliche Tonung (Viragierung) eine preisgünstige Alternative zur aufwendigen Nachkolorierung von Schwarz-Weiß-Filmen. Beim Nachkolorieren musste jedes einzelne Bild mühsam per Hand eingefärbt werden. Das kostet natürlich sehr viel Zeit und Geld. Die Viragierung war da die günstigere Alternative, da das ganze Bild mit einem Farbton (eine Folie vor der Linse der Kamera) versehen werden konnte. Zusätzlich wurden die unterschiedlichen Farben zur Verstärkung von dramatischen Szenen benutzt. Folgender Standard hatte sich schnell etabliert: Blau = Außen und nachts, Sepia = innen und nachts, Orange = Lampen und Kerzenschein, Rosa = Friede, Freude und Ausgeglichenheit, Violett = Sonderfarbe für nachts, noch dramatischer, Rot = Liebe und Gewalt.

DER GOLEM, WIE ER IN DIE WELT KAM (1920)

Expressionismus

Das Herz des nahenden expressionistischen Films schlug in Deutschland in der ersten Hälfte der 1920er-Jahre. Doch auch davor gab es schon einige Werke, die mit expressionistischen Elementen experimentierten, vor allem in Österreich. Schon Mitte der 1920er-Jahre war die überaus kurze Epoche des Expressionismus im Film allerdings wieder vorüber. Viele Künstler zog es nach der Machtergreifung der Nazis 1933 nach Hollywood, und mit ihnen ging auch der Geist des Expressionismus. Besonders zwei Genres konnten daraufhin von diesem ungewöhnlichen Stilmittel in Hollywood profitieren und sind somit die rechtmäßigen Erben: Der Horrorfilm sowie der Film noir. Besonders stark wurde der expressionistische Film durch die Malerei beeinflusst, was sich immer wieder in verzerrten Kulissen und einer kontrastreichen Beleuchtung niederschlug.

DR. MABUSE, DER SPIELER (1922)

Besonderes Augenmerk betraf die teilweise sehr plastische Architektur, schön zu sehen in DER GOLEM, WIE ER IN DIE WELT KAM (1920). Dagegen stehen die künstlichen Dekor-Sets eines DAS CABINETT DES DR. CALIGARI (1920) oder VON MORGENS BIS MITTERNACHTS (1920) mit ihren zum Teil stark verzerrten Kulissen. „Die Beziehung des Expressionismus (…) zu den phantastischen Geschichten über das Unergründliche der menschlichen Seele, die Macht des Schicksals und das Ausgeliefertsein der Kreatur an eine unerforschliche Gewalt.“ [2] In den folgenden Jahren gab es so einige Filme, die mit dem Expressionismus eine Symbiose eingingen. Besonders herausragende Werke sind unter anderem DAS INDISCHE GRABMAL (1921) Regie: Joe May, DR. MABUSE, DER SPIELER (1922) und DIE NIBELUNGEN (1924) in beiden führte Fritz Lang Regie. Auch der sehr düster gehaltene DAS WACHSFIGURENKABINETT (1924) von Paul Leni atmet den Expressionismus und verbindet ihn mit seinem Tyrannen-Thema vorbildlich.

Science-Fiction und Abenteuer

1925 drehte Harry O. Hoyt den US-Abenteuerfilm DIE VERLORENE WELT (THE LOST WORLD) nach dem Roman von Arthur Conan Doyle. Für die damals herausragende Tricktechnik zeichnet sich kein Geringerer als Willis O‘Brien verantwortlich, der einige Jahre später mit seiner Arbeit den US-Film KING KONG UND DIE WEISSE FRAU (1933) zu einem Klassiker machte. Willis O‘Brien setzte hier schon gekonnt das Stop-Motion-Verfahren für die Dinosaurier ein, sowie die Travelling-Matte für besondere Hintergründe.

Rex Ingram drehte mit dem deutschen Paul Wegener die US-Produktion DER MAGIER (THE MAGICIAN, 1926), in dem er uns schon mal einen kleinen Vorgeschmack auf den in den kommenden Jahren öfters auftauchenden „Mad Scientist“ gab. In großartigen Kulissen brilliert Wegener als verrückter Wissenschaftler zwischen Dr. Frankenstein und Dr. Caligari. Im selben Jahr inszenierte der Amerikaner William Beaudine den interessanten SPERLINGE GOTTES (SPARROWS). Ein Jahr später, 1927, inszenierte Fritz Lang sein episches Science-Fiction-Werk METROPOLIS, ein Jahr darauf folgte SPIONE. Ebenfalls 1927 drehte in England ein gewisser Alfred Hitchcock seinen ersten Thriller unter dem Titel DER MIETER (THE LODGER: A STORY OF THE LONDON FOG 1927) Das Drehbuch basiert lose auf dem Roman „Jack the Ripper“ oder „Der Untermieter (The Lodger)“ von Marie Adelaide Belloc Lowndes, der im weiteren Verlauf noch mehrfach verfilmt werden sollte. Im selben Jahr entstand auch der US-Spielfilm DER HEXENMEISTER (THE WIZARD). Regie führte hier Richard Rosson, doch leider gilt der Film bis heute als verschollen. Wer sich trotzdem ein Bild von der Story machen will, der sollte sich das Remake von 1942 ansehen: DR. RENAULT‘S SECRET, Regie führte hier Harry Lachman.

LA COQUILLE ET LE CLERGYMAN (1928)

Ein Jahr später inszenierte Paul Leni seinen einzigen Film in Hollywood: DER LACHENDE MANN (THE MAN WHO LAUGHS) mit dem deutschen Ausnahme-Darsteller Conrad Veidt in der Hauptrolle. Besonders erwähnenswert sind auch die beiden surrealistischen Werke DIE MUSCHEL UND DER KLERIKER (LA COQUILLE ET LE CLERGYMAN, 1928) unter der Regie von Germaine Dulac und dem Drehbuch von Antoin Artaud, sowie EIN ANDALUSISCHER HUND (UN CHIEN ANDALOU, 1929). Regie führte hier Luis Bunuel der zusammen mit Salvador Dali das Drehbuch verfasste. Beide Werke prägten den Phantastische Film in der Folgezeit. Die markanteste Szene dürfte bis heute das Zerschneiden eines Auges in EIN ANDALUSISCHER HUND sein. Im Jahre 1929 kehrte Fritz Lang mit FRAU IM MOND noch einmal zum Science-Fiction-Film zurück, welcher im Grunde eine abgespeckte Version von METROPOLIS darstellt. Im gleichen Jahr erschien auch DIE BÜCHSE DER PANDORA, unter der Regie von G. W. Pabst. Pabst drehte diesen Film noch als Stummfilm, obwohl damals der Tonfilm stark im Kommen war. DIE BÜCHSE DER PANDORA vereint expressionistische Elemente sowie Versatzstücke des Film Noir, der noch einige Jahre in der Zukunft auf seine Entdeckung wartete.

DER ANDALUSISCHER HUND (1929) // © Kino International

Leider ist es nicht möglich alle Filme hier aufzuführen, die in den Jahren zwischen 1900-1929 entstanden sind, dass würde den Rahmen mehr als nur sprengen. Darum verweise ich zusätzliche auf einige wichtige Bücher, die sich mit dem Thema des deutschen Stummfilms in diesen wilden Jahren ausführlicher beschäftigen als Ergänzung zu den am Ende genannten Werken:

  • „Deutsche Spielfilme von den Anfängen bis 1933“, Henschelverlag Kunst und Gesellschaft, 1988.
  • „Klassiker des deutschen Stummfilms: 1910 – 1930“, Goldmann Verlag, 1983.
  • „Dämon der Leinwand: Conrad Veidt und der deutsche Film 1894-1945“, Schüren Verlag, 2019.
  • „Weimarer Kino – neu gesehen“, Bertz und Fischer, 2018.

 

Wie immer gilt auch diesmal wieder: Die nachfolgende Liste erhebt keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit, sie soll lediglich anhand der wichtigsten Filme die Entwicklung des Horrorfilmes verdeutlichen. Zudem ist die Reihenfolge nicht zwingend als „in Stein gemeißelt“ zu verstehen.

 

Platz 16: Um Mitternacht (London After Midnight, 1927)

Das Problem mit Tod Brownings legendären Stummfilm besteht darin, dass ihn keiner gesehen hat, somit teilt er das Schicksal mit Richard Rosson‘s DER HEXENMEISTER (THE WIZARD, 1927). Der Film gilt schon seit einiger Zeit als Verschollen, es gibt lediglich einige Szenenfotos sowie das Drehbuch von Waldemar Young. Eine Bewertung ist somit nicht möglich, wir können nur Vermuten oder uns auf die wenigen Aussagen der damaligen Kritiker und Zeitzeugen verlassen. An den Kinokassen war er jedenfalls ein voller Erfolg, doch die Kritiker waren nach Sichtung des Werkes gespaltener Meinung. Besonders hervorgehoben wurde die Leistung der Darsteller Lon Chaney und Henry B. Walthall.

Inspektor Edward Burke (Lon Chaney) ermittelt im Fall des angeblichen Selbstmordes von Sir Roger Balfour (Claude King). Gut fünf Jahre später taucht ein fremdes Pärchen auf dem Anwesen des toten Sir Balfour auf. Zur gleichen Zeit wird bemerkt, dass die Gruft von Sir Balfour leer ist. Burke fängt wieder an zu ermitteln: Könnte es sein das Sir Balfour ein Vampir ist?

Im Jahre 1935 wagte sich Browning an eine Neuverfilmung seines Stoffes: DAS ZEICHEN DES VAMPIRS (MARK OF THE VAMPIRE) mit Starbesetzung, unter anderem Lionel Barrymore, Lionel Atwill und Bela Lugosi. Das Remake kann aber nicht wirklich überzeugen, nicht mehr als ein beliebiger durchschnittlicher Horrorfilm. Es bleibt zu hoffen, dass doch noch irgendwann eine Kopie des Originals das Licht der Welt erblickt, um den Legenden, die sich mittlerweile um den Film ranken, Einhalt zu gebieten. Trotz allem soll er nicht unerwähnt bleiben, denn auch er hat seinen festen Platz in der langen Geschichte des Genres.

Platz 15: Frankenstein (1910)

Nein, es handelt sich nicht um James Whales FRANKENSTEIN (Platz 5 bei den besten Horrorfilmen der 30er) von 1931. Diese frühste bekannte Version in Filmform stammt von dem Nachwuchsregisseur James Searle Dawley. Gedreht wurde in den Edison Motion Picture Studios in New York und der Film hat eine Länge von ungefähr zwölf Minuten. Für damalige Verhältnisse unglaublich lang, wie auch die Dreharbeiten, die mehr als eine Woche andauerten. Ein Film war in der Regel an einem Tag abgedreht, jedoch nahmen die Spezialeffekte wie auch die Maske des Monsters sehr viel Zeit in Anspruch. Natürlich hat die Story nicht mehr viel mit der Romanvorlage zu schaffen, vor allem wenn man die geringe Laufzeit bedenkt. Jedoch ist die Umsetzung ist hervorragend gelungen, denn er funktioniert, auch wenn man den Roman nicht kennen sollte, was um das Jahr 1910 auf die meisten Theaterbesucher wohl zutraf.

Heutzutage haben wir ein konkretes Bild in unseren Köpfen was Frankenstein betrifft, dieses Bild wird hauptsächlich aus James Whales Vorlage gespeist, weniger von Mary Shelleys Roman. Die Schöpfungsszene erinnert 1910 somit auch mehr an Alchemie, das genaue Gegenteil von Whales Elektro-Version. Doch der deutlichste Unterschied zwischen diesen und folgenden Fassungen ist, dass Frankensteins „dunkle Seite“ das böse Monster oder ein Abbild des Bösen in ihm, erschaffen hat. Ähnlich einem Dr. Jekyll und Mr. Hyde, der seine dunkle Seite auf die Welt loslässt, so ist auch hier das Monster eng mit seinem Schöpfer verbunden. Der eine kann ohne den anderen nicht Leben, die böse und die gute Seite des Menschen. Der Darsteller des Frankenstein ist hier Augustus Phillips. Seine Verlobte (ohne Namensnennung im Film) wird von Mary Fuller dargestellt. Das Monster spielt der damals unbekannte Charles Ogle. Wer selbst einen Blick auf den frühsten Frankenstein der Filmgeschichte werfen will, der sei auf YouTube verwiesen.

Platz 14: Hexen (Häxan, 1922)

Diese schwedische Produktion sollte ursprünglich der erste Teil einer Trilogie werden. Der dänische Regisseur Benjamin Christensen hatte ursprünglich geplant, in den beiden Fortsetzungen die Themen Geisterbeschwörung wie auch Visionen von Heiligen umzusetzen, doch es blieb bei diesem ersten und einzigen Film. In HEXEN wurden geschickt Elemente des Spielfilms wie auch des Dokumentarfilms vermischt, was ihn gleichzeitig zu einem sehr sperrigen und nicht gerade leicht zu konsumierenden Film macht. Eingeteilt in sieben Abschnitte, die unterschiedliche Themen behandeln – von der Geschichte der Hexen über ihre unterschiedlichen Mixturen, die sie zusammenbrauen bis hin zu Hexenprozessen, Folterungen und den dazu verwendeten Werkzeugen sowie einem Hexensabbat – ist alles dabei. Dass der Film bei seiner Uraufführung in Dänemark heftige Proteste aufgrund der extremen Gewalt (für damalige Verhältnisse) auslöste ist selbstredend. Aber nicht nur in Dänemark sondern auch in anderen Ländern gab es Zensur, Proteste und Verbote gegen Christensens Film. Allen voran die Kirche, was anschaulich verdeutlicht, wie nah an der Wahrheit HEXEN eigentlich spielt. Erst 1941, als Christensen seinen Film erneut in die Kinos brachte, konnten die Zuschauer auch außerhalb Dänemarks sein Werk ungekürzt genießen. Weder der Film noch seine damals skandalösen Auswüchse von Gewalt ist mit heutigen Werken wie ROSEMARIES BABY (ROSEMARY‘S BABY, 1968), DER HEXENJÄGER (WITCHFINDER GENERAL, 1968), HEXEN BIS AUFS BLUT GEQUÄLT (1970), THE BLAIR WITCH PROJECT (1999) oder gar THE WITCH (THE VVITCH: A NEW-ENGLAND FOLKTALE, 2015) zu vergleichen.

Platz 13: Schatten (1923)

Alternativtitel sind: SCHATTEN – EINE NÄCHTLICHE HALLUZINATION oder auch SCHATTEN – DIE NACHT DER ERKENNTNIS. Regisseur dieses ungewöhnlichen Films ist der in Deutschland aufgewachsene Amerikaner Arthur Robison. Geboren wurde Robison im Juni 1883 in Chicago, Illinois; im Oktober 1935 verstarb er in Berlin. Sein letzter Film entstand im selben Jahr und ist ein Remake von Paul Wegeners DER STUDENT VON PRAG.

Dreh- und Angelpunkt des Ganzen ist ein eifersüchtiger Ehemann (Fritz Kortner), der seine Frau (Ruth Weyher) auf Schritt und Tritt verfolgt, da er von ihrer Untreue überzeugt ist. Endlich glaubt er, den Beweis für ihre Schuld gefunden zu haben als er bei einem abendlichen Dinner ein Schattenspiel hinter einer Gardine beobachtet. Doch es ist ganz anders als er glaubt, denn seine Frau berührt keiner, der anwesenden Männer, es wird nicht einmal der Versuch dazu unternommen. Einer der Anwesenden, ein Schausteller (Alexander Granach), will dem Ehemann mit einer Hypnose die Wahrheit vor Augen führen. Nachdem alle unter Hypnose stehen, beginnt er ein ganz besonderes Schauspiel, das die Wünsche und Ängste aller Personen im Raum mehr als deutlich vorführt.

Den Schausteller kann man auch als Zauberer interpretieren, der sein Publikum verzaubert und in eine andere Welt entführt, so wie das Kino seinen Besuchern für kurze Zeit eine Auszeit vom Alltag verschafft. Robisons Hauptaugenmerk bestand darin, den Film ohne Zwischentitel zu inszenieren, da er der Meinung war, dass Zwischentitel nur unnötige Brüche und Unterbrechungen des Filmes darstellen. Somit bedurfte es einer besonders ausgefallenen Schauspielkunst wie auch einer extrem ausdrucksstarken Mimik aller Darsteller. Zusätzlich schaffte es Robison mit einer perfekten Kameraführung und Beleuchtung die Darsteller in ihrem Bemühen zu unterstützen. Herausgekommen ist ein beeindruckender Stummfilm. SCHATTEN wurde lange Zeit von Kritikern und Filmwissenschaftler missachtet. Mittlerweile hat sich die Meinung gewandelt und der besondere Stellenwert wurde endlich anerkannt. Seinerzeit fand die „Weltbühne“ in einer Kritik die ehrlichsten Worte: „In SCHATTEN habe der Stummfilm erstmalig sein eigenes Wesen ernsthaft ausgedrückt.“ Aber auch der Phantastische Film findet hier sehr starke Momente.

Platz 12: Der müde Tod (1921)

Fritz Langs erster großer Film ist ein expressionistisch-romantisches Meisterwerk mit einer fantastischen Bildgestaltung. Es geht hier um die reine Liebe, die sogar stärker ist als der Tod. Von der deutschen Kinofassung aus dem Jahr 1921 ist leider keine Kopie mehr erhalten. Es gibt lediglich einige Umkopierungen aus den 1930er-Jahren. Da diese Fassungen nur in Schwarz-Weiß vorhanden sind, ist nichts bekannt über die Einfärbung der Originalfassung. Die Story besteht aus mehreren Motiven des deutschen Märchens „Der Gevatter Tod“.

Zwei Liebende, Lil Dagover und Walter Janssen kommen in ein kleines deutsches Städtchen. Dort erwartet sie ein Fremder, Bernhard Goetzke, der mit dem Liebsten des Mädchens ohne ein Abschiedswort davon geht. Lange irrt das Mädchen umher bis sie in einer Vision ihren Geliebten längst verstorben wiedersieht und der Fremde sich als der Tod vorstellt. Das Mädchen ist vollkommen verzweifelt und will Selbstmord begehen, doch der Tod bittet sie zu sich und sie in einem geheimnisvollen Raum führt, wo sie vor die Wahl gestellt wird: Wenn sie es schafft ein Leben zu retten, dass sich dem Ende zuneigt, dann bekommt sie ihre Liebe zurück. Ab hier beginnen drei Episoden, die aus dem Orient, einem Renaissance-Venedig und aus einer chinesischen Episode bestehen. Das Mädchen begegnet in jeder Geschichte einem mächtigen und bösen Mann, der ihr den Geliebten entreißt.

In den drei Geschichten wird der Tod eines geliebten Menschen behandelt sowie der Glaube, dass niemand dem Schicksal entkommen kann. Doch selbst der ist müde und ausgelaugt (kein Wunder, denn der Erste Weltkrieg endete gerade erst vor drei Jahren), doch er muss dem Befehl eines unbekannten Gottes folgen. Sehr beeindruckend ist das Gebäude, in dem der Tod residiert. Hohe Felswände umgeben das Gebäude und nur wer von ihm gerufen wird, erhält auch Zutritt.

Platz 11: Spuk im Schloss (The Cat and the Canary, 1927)

Der deutsche Regisseur Paul (Josef Levi) Leni debütierte mit SPUK IM SCHLOSS in Hollywood. Leni war nicht nur Regisseur, sondern auch als Grafiker, Bühnenbildner und Szenenbildner aktiv. Er beeinflusste den deutschen expressionistischen Film maßgeblich. Unter anderem drehte er auch den bekannten DER MANN, DER LACHT (THE MAN WHO LAUGHS, 1928) mit Conrad Veidt in Amerika.

Der reiche Exzentriker Cyrus West hat in seinem Testament festgelegt, dass erst 20 Jahre nach seinem Tode das gesamte Vermögen an die Verwandten ausgezahlt werden darf. Am Stichtag treffen pünktlich alle in Frage kommenden Personen auf dem Herrensitz des Verstorbenen ein. Doch bei der Testamentseröffnung stellt sich heraus, dass die weit entfernte Verwandte Annabelle West (Laura La Plante) alles zugesprochen bekommt. Es sei denn, es könne nachgewiesen werden, dass sie verrückt ist. Sollte das der Fall sein, gibt es ein zweites Testament. Gleichzeitig erreicht die illustre Runde die Nachricht, dass der entflohene Serienmörder „The Cat“ in der Nähe des Anwesens gesehen worden ist.

Dieser Film trägt ganz klar die Handschrift des deutschen expressionistischen Horrorfilmes, den Paul Leni meisterhaft beherrscht. Lange, dunkle Gänge mit wehenden Vorhängen, mörderische Hände, die aus dem Dunkel nach dem Opfer greifen und vieles mehr, was in späteren Filmen zum Standard erkoren wurde. In diesem typischen Edgar-Wallace-Szenario (DAS INDISCHE TUCH, 1963), das nach einer erfolgreichen Theater-Vorlage von John Willard entstand, inszenierte Regisseur Paul Leni diese interessante Mischung aus Komödie und Horror. Immer wieder erzeugt Leni unheimliche Momente und eine Stimmung, die eines Geisterfilmes würdig ist. Abgelöst werden diese aufgeladenen Szenen von witzigen und lockeren Einschüben, die das Komödiantische des Stoffes geschickt in den Vordergrund bringen.

Großen Einfluss hatte SPUK IM SCHLOSS auf die kommende Geisterhaus-Welle, die sich zwischen den 1930er und 1950er Jahren entwickeln sollte. Dessen Höhepunkte DAS ALTE FINSTERE HAUS (THE OLD DARK HOUSE, 1932) mit Boris Karloff, ebenso wie DER UNHEIMLICHE GAST (THE UNINVITED, 1944) mit Ray Milland darstellen. Bis her wurde der Stoff fünf Mal verfilmt, als die bekannteste Version gilt die aus dem Jahre 1939 von Elliott Nugent mit dem bekannten Komiker Bob Hope in der Hauptrolle: ERBSCHAFT UM MITTERNACHT (THE CAT AND THE CANARY).

Platz 10: Alraune (1928)

Henrik Galeen führt hier erneut Regie und verfasste auch das Drehbuch zu diesem außergewöhnlichen Film. In der Hauptrolle sehen wir die wunderbare Brigitte Helm, die als Maschinenfrau in Fritz Langs METROPOLIS (1927) Weltruhm erlangte. An ihrer Seite kommt erneut Paul Wegener auf die Leinwand, der als Balduin im STUDENT VON PRAG (1913) wie auch als DER GOLEM, WIE ER IN DIE WELT KAM (1920) dem Kinopublikum bekannt war. ALRAUNE ist eine Mischung aus Horror, Science-Fiction und Drama.

Professor Jakob ten Brinken (Paul Wegener) experimentiert mit künstlicher Befruchtung und benutzt das Sperma eines hingerichteten Mörders (Georg John) bei einer Dirne (Mia Pankau). Heraus kommt das Mädchen Alraune (Brigitte Helm). Zunächst wächst sie in einem Klosterpensionat auf bis sie mit einem Jungen flieht und schließlich im Zirkus landet. Professor ten Brinken findet sie und nimmt sie bei sich auf. Durch Zufall gelangt sie an seine Tagebuchaufzeichnungen und erfährt von ihrer Herkunft. Aus Hass auf den Professor denkt sie sich einen sadistischen Plan aus, um ihn zu vernichten.

Das besondere an ALRAUNE ist die Vorwegnahme der künstlichen Befruchtung, die in der echten Medizin noch einige Jahre auf sich warten ließ. Regisseur Galeen, der schon mehrere phantastische Stoffe verfilmt hat, schöpft hier wieder aus den Vollen. Die dunkle Stimmung zieht sich wie ein roter Faden durch den Film. Fantastische Sets und schöne Kameraeinstellungen kennzeichnen den Film. Vor allem aber sticht Brigitte Helm als emotionsloses Monster, das den Tod bringt, besonders hervor.

Der Stoff wurde erstmals in Ungarn inszeniert: ALRAUNE (1919), Regie führte hier Michael Curtiz und Edmund Fritz, genau jener Michael Curtiz der 1942 auch bei CASABLANCA Regie führte. Im Jahre 1930 drehte Richard Oswald ein Remake von ALRAUNE erneut mit Brigitte Helm in der Titelrolle. Eine weitere sehr bekannte Verfilmung kam dann 1952 erneut unter dem Titel ALRAUNE heraus, den Regieposten übernahm Arthur Maria Rabenalt. Dieses Mal spielte Hildegard Knef die Hauptrolle. Im Jahre 2010 schlugen die deutschen Titelakrobaten bei dem US-Movie ALRAUNE – DIE WURZEL DES GRAUENS (MANDRAKE, 2010) wieder zu. Der Film von Tripp Reed hat rein gar nichts mit dem bekannten Stoff zu tun. Fünf Jahre darauf, also 2015, benannte Andreas Marschall in dem Anthologiefilm GERMAN ANGST (2015) seine Episode mit ALRAUNE.

Platz 9: Der Student von Prag (1913)

DER STUDENT VON PRAG war der Startschuss für die steile Karriere von Paul Wegener, der auch das bekannte Stummfilmonster „Der Golem“ verkörperte: DER GOLEM (1915), DER GOLEM UND DIE TÄNZERIN (1917) und in DER GOLEM, WIE ER IN DIE WELT KAM (1920). Wegener war auch mit von der Partie bei Henrik Galeens Verfilmung der ALRAUNE (1928), an der Seite von Brigitte Helm. In DER STUDENT VON PRAG haben wir eine Variante des „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“-Themas von R. L. Stevenson. Balduins Spiegelbild ist seine bösartige Hälfte, ohne die ist kein Leben möglich, wie er auch am Ende auf schmerzhafte Art erfahren muss. In jenen Jahren ein sehr beliebtes Thema. Im selben Jahr verfilmte auch Max Mack mit seinem Film DER ANDERE das bekannte Motiv.

Paul Wegener, der nicht nur Hauptdarsteller, sondern auch Regisseur ist, arbeitete hier sehr stark mit eingefärbten Bildern – in jenen Jahren gängige Praxis. Man hielt farbige Folien vor die Linse, um verschiedene Tages- und Lichtzeiten zu simulieren oder gewisse dramatische Momente zu verstärken (siehe Einleitung). Zu Beginn des Films werden die Hauptdarsteller im Bilde vorgestellt, dabei sticht einer besonders hervor: Scapinelli, gespielt von John Gottowt (spielt in NOSFERATU den Professor Bulwer).

Das Besondere an Scapinelli ist sein Aussehen mit dem Raben auf der Schulter. Zum einen spielt er hier ja eine Art Teufel, man könnte ihn aber auch als ein Abbild von Odin sehen, im Altgermanischen auch als Wodan bekannt. Der hatte zwar zwei Raben, spielte aber auch gern den Menschen einen Schabernack. Zumindest die Ähnlichkeit ist verblüffend, wenn man sich die vielen historischen Zeichnungen und Darstellungen des Odins ins Gedächtnis ruft. Auf der IMDb wird Scapinelli als „an Old Sorcerer“ bezeichnet, also einen alten Zauberer. Wegeners Student atmet schon den Geist des Deutschen Expressionismus, der sich in den folgenden Jahren noch weiter in der Filmlandschaft manifestieren sollte. Remakes gab es auch hier: Im Jahre 1926 mit Conrad Veidt als Balduin und Henrik Galeen als Regisseur, ebenso 1935, dann aber als Tonfilm, dort führte Arthur Robison die Regie.

Platz 8: Der Untergang des Hauses Usher (La Chute de la Maison Usher, 1928)

Jean Epsteins Version der bekannten Kurzgeschichte des Amerikaners E. A. Poe gilt als die früheste in der Filmgeschichte. Die Bekannteste dürfte allerdings Roger Cormans DIE VERFLUCHTEN (HOUSE OF USHER, 1960) mit dem großen Vincent Price sein. Das Drehbuch verfassten Regisseur Jean Epstein gemeinsam mit seinem mexikanischen Assistenten Luis Bunuel, die sich im Laufe der Produktion überwarfen und zu Bunuels Abgang führten.

Eines Tages bekommt Allan (Charles Lamy) einen Brief von seinem alten Freund Roderick Usher (Jean Debucourt) in dem er Allan um einen Besuch bittet, da seine Frau Madeleine (Marguerite Gance) schwer erkrankt sei. Als er nach einer langen und beschwerlichen Reise das Anwesen der Ushers erreicht, wird er vom Arzt (Fournez-Goffard) der Familie empfangen. Allan erfährt, dass Madeleine an einer mysteriösen Krankheit leidet, für die es scheinbar keine Heilung gibt. Unterdessen ist Roderick dabei, ein letztes Porträt seiner geliebten Frau zu malen. Doch je weiter die Arbeit an dem Porträt voranschreitet, umso schwächer wird Madeleine.

Der Film wurde in aller Herren Länder vorgeführt, lediglich in Deutschland war er erst im November des Jahres 1967 im Fernsehen zu sehen. Es gibt einige gravierende Unterschiede zu Poes meisterlicher Vorlage: Epstein veränderte die Beziehung von Roderick und Madeleine. Während Poe sie als Geschwister anlegte und das Thema Inzest damit in den Raum stellte, verzichtete Epstein bewusst auf diesen Punkt und macht aus den beiden ein Ehepaar. Für Poe war der Inzest mit einer der Gründe für den späteren Verfall und die Degeneration der ganzen Familie Usher. Zu Beginn des Films erinnert die Reise Allans an Jonathan Harkers Reise zum Schloss des Grafen Dracula und es kommen bei der späteren Verknüpfung von Gemälde und Lebenskraft der Madeleine Usher, Erinnerungen an den bekannten Roman von Oscar Wildes BILDNIS DES DORIAN GREY (1899) auf.

Trotz einiger Änderungen in der Story erzeugt der Film eine unwirkliche, unheimliche, beklemmende Atmosphäre und schafft es auf grandiose Art und Weise, Poes fantastische Erzählung überzeugend auf die Leinwand zu bringen. Im Jahre 2000 wurde DER UNTERGANG DES HAUSES USHER in die „National Film Registry“ aufgenommen.

Platz 7: Der Golem, wie er in die Welt kam (1920)

Der Golem, ein Geschöpf aus Lehm und Magie, mit gigantischen Kräften ausgestattet. Die Hoffnung eines geplagten Volkes, eine echte Heilandsfigur, die aus göttlichem und menschlichem Zusammenwirken entstand. Doch er ist auch ein Dämon, böse und unberechenbar, gerät schnell außer Kontrolle und entfaltet dann seine alles vernichtenden Kräfte. Der Golem kann als Vorläufer für die ersten Roboter-Fantasien herhalten, denn auch er ist nur darauf programmiert bedingungslos zu gehorchen. Doch immer wieder schlägt sein menschliches Naturell durch, das nach Liebe, Achtung und Anleitung verlangt. Das verbindet ihn wiederum mit einem weiteren bekannten Geschöpf aus dem Horror-Genre: Frankenstein. Im Jahr des Dr. Caligari entstand auch dieser große Stummfilm-Klassiker.

Regie und die Hauptrolle übernahm abermals Paul Wegener, wie schon bei DER STUDENT VON PRAG. Das Drehbuch verfasste Wegener zusammen mit dem bekannten Drehbuchautor Henrik Galeen, der unter anderem die Drehbücher zu den bekannten Filmen DER GOLEM (1914), NOSFERATU – EINE SYMPHONIE DES GRAUENS (1922), DER STUDENT VON PRAG (1926) oder auch ALRAUNE (1927), verfasste. Beide teilten sich schon die Arbeit an der Regie und dem Drehbuch bei ihrer ersten Golem-Verfilmung von 1914, doch richtig zufrieden war vor allem Wegener mit dem Ergebnis nicht. Weder die Kulissen noch die Darstellung der Charaktere überzeugten Wegener beim ersten Versuch. Hingegen schafften sie es bei diesem zweiten Anlauf umso überzeugender Elemente des Jugendstils und des Expressionismus in fantastischen Sets zu vereinen, die bis heute beeindrucken.

Besonders bemerkenswert ist die plastische Filmarchitektur von Hans Poelzig und Kurt Richter, die sehr stark vom Expressionismus geprägt ist und den ganzen Film durchzieht. In Erinnerung bleibt eine Szene, in der das kleine Kind mit dem Apfel auf den Golem trifft. Hier schlagen wir einen Bogen zu einem anderen Monster: Alles erinnert sehr an das Zusammentreffen von Frankensteins Geschöpf mit dem Kind am See (FRANKENSTEIN, 1931), auch wenn der weitere Ablauf ein anderer ist. Jedoch schafft die kindlich-naive-unschuldige Art erst die Basis für einen friedlichen Kontakt mit der Bestie, die daraufhin ihre Maske des Schreckens fallen lässt und ganz harmlos wird, denn sie sucht nichts anderes als Nähe und Liebe, wie jedes andere Lebewesen auf diesem Planeten. Die Uraufführung fand 1920 im Berliner Ufa-Palast am Zoo statt. Alles in allem war DER GOLEM, WIE ER IN DIE WELT KAM der größte Erfolg des deutschen Stummfilms. Er schaffte es sogar bis in die Vereinigten Staaten und China.

Platz 6: Von Morgens bis Mitternachts (1920)

Kommt die Sprache auf den deutschen Expressionismus im Film, denken gleich alle an Caligari, doch es gibt noch weitere Filme, die dieses Feld bearbeitet haben. Neben eben schon erwähnten Caligari wären da z. B. noch GENUINE (1920), NERVEN (1919) oder auch in Teilen DER STUDENT VON PRAG (1913), wie auch SCHATTEN (1923). Dazu gesellen sich bekannte Klassiker wie DR. MABUSE, DER SPIELER (1922), DER GOLEM, WIE ER IN DIE WELT KAM (1920) sowie auch die erste Dracula Verfilmung NOSFERATU (1922) und einige weitere. Wie auch dieser Film, den nur die aller wenigsten Filmfreunde kennen werden: VON MORGENS BIS MITTERNACHTS.

Ein Bankangestellter (Ernst Deutsch) trifft auf eine reiche Italienerin (Erna Morena). In diesem Moment erkennt der Angestellte, wie trist und langweilig sein eigenes Leben eigentlich ist. Er greift in die Kasse, stürmt zu seiner Angebeteten in das nahe liegende Hotel und fordert sie auf, mit ihm zu verschwinden. Doch die hat nur Spott und Hohn für den übermütigen Mann übrig. Frustriert entschließt er sich auf eigene Faust mit dem gestohlenen Geld sein Leben zu genießen, das nun einer gewaltigen Party gleichkommt. Jedoch ist der Tod ihm immer auf den Fersen.

Mit vielen technischen Spielereien bei der Aufnahme wie Überblendungen, Doppelbelichtungen und Verzerrungen beeindruckt Karlheinz Martin sein Publikum. Die expressionistischen Bauten und Kostüme verstärken den Eindruck eines wilden Traums, in dem die hervorragenden Darsteller ungehemmt agieren dürfen. Noch nie war Schneefall so expressionistisch wie hier. Während in Martins kleinem Film der normale Arbeiter „nur“ das Geld seines Arbeitgebers stiehlt, um sein langweiliges Leben etwas amüsanter zu gestalten, zeigte uns Joel Schumacher Jahre später mit seinem FALLING DOWN – EIN GANZ NORMALER TAG (1993) die andere Seite eines extremen Ausbruchs, eines ganz normalen Typen aus der Folter des Alltages. Doch 1920 war man noch lange nicht so weit, obwohl VON MORGENS BIS MITTERNACHTS seiner Zeit schon um einiges voraus war, wie man dann auch an den bösen Kritiken ablesen konnte.

Wie Geld einen Menschen zerstört und Seelen frisst, ein Mann den Verlockungen der Straße erliegt, sowie Wein, Weib und Gesang in allen Facetten. Selbst vor nackten Tatsachen scheute man sich nicht, was damals noch ein Novum und sehr gewagt war. Hier bekommt die Stimme des kleinen Mannes Gehör verschafft, doch es wird auch gleichzeitig klargestellt, dass eine Revolte keine Verbesserung oder gar Linderung mit sich bringt. Es war ein Abbild der Verzweiflung, der Zukunftsangst und der Armut, die sich in der Bevölkerung nach dem Ende des Krieges immer weiter ausbreitete. Regisseur Martin drehte den Film in seiner Freizeit, mit Freunden und Arbeitskollegen. Heute würde so etwas unter dem Begriff Low-Budget laufen. Nach Abschluss der Dreharbeiten kam es wohl zu einer Pressevorführung, die jedoch mit vernichtenden Kritiken am nächsten Morgen einen Verleih an die großen Kinos unmöglich machte. Lediglich in Japan gab es nachweisbar Kinovorführungen dieses außergewöhnlichen Films. Von dort stammt dann auch das letzte erhaltene Exemplar, das nun wieder als DVD in hervorragender Verfassung zur Verfügung steht.

Platz 5: Orlacs Hände (The Hands of Orlac, 1924)

Bei einem schweren Zugunglück verliert der bekannte Konzertpianist Paul Orlac (Conrad Veidt) seine Hände und auch beinah sein Leben. Am Tag des Unglücks wurde ebenfalls der Schwerverbrecher Vasseur hingerichtet und zu wissenschaftlichen Zwecken in dasselbe Krankenhaus wie Orlac eingeliefert. Yvonne, Orlacs Frau, bittet Dr. Serral (Hans Homma) alles Menschenmögliche zu vollbringen, um Orlacs Hände wiederherzustellen. Kurzerhand nimmt der Chirurg die Hände des Verbrechers Vasseur und näht sie Orlac an. Nachdem Orlac erwacht, geschehen merkwürdige Dinge in seinem Krankenzimmer und er findet einen Zettel auf seinem Bett, der ihn über seine neuen Hände aufklärt. Zutiefst verstört von dem Wissen, mit diesen Mörderhänden niemals mehr Klavier spielen zu können, wird Orlac von Panikattacken und psychischen Alpträumen geplagt. Zudem verfolgt ihn eine finstere Gestalt auf Schritt und Tritt.

Robert Wienes Film wird von der Fachwelt gerne zum Spätexpressionismus gezählt, und ja, seine Inszenierung durchzieht eine Dunkelheit und ein Wahnsinn wie der schlimmste Alptraum. Kein Ort, keine Straße, kein Zimmer oder Haus ist hier zu finden, dass man als normal bezeichnen könnte. Ein ausgewogenes Spiel von Licht und Schatten erzeugt eine Stimmung des Wahnsinns und des Terrors, von der ersten bis zur letzten Minute. Übergroße Bauten und Sets säumen den Film. Vor allem der Zugunfall sieht wie ein wirklicher Unfall, dazu Unmengen von Statisten, die wild durcheinanderlaufen.

Die musikalische Begleitung von Komponist Johannes Kalitzke, eingespielt vom Stuttgarter Kammerorchester, erarbeitete 2018 eine neue, eigenständige Partitur für ORLACS HÄNDE. Jede Note spiegelt die Ängste, den Wahnsinn, das Grauen der Protagonisten auf der Leinwand grandios wieder, wahrlich eine „Partitur der Ängste“. Es existieren noch weitere, verschiedene Filmmusik-Fassung zu dem Film, die über die Jahre entstanden sind.

Conrad Veidt, der hier phasenweise an seine unglaubliche Darstellung des Somnambulen Cesare aus DAS CABINET DES DR. CALIGARI (1920) anknüpft, zeigt hier erneut sein ganzes Können. Unglaublich, mit welch einer Intensität Veidt den Kampf Orlacs gegen seine neuen Hände vor der Kamera vollführt. Der Stoff, nach dem Buch von Maurice Renard, wurde noch zwei weitere Male verfilmt: Einmal unter dem Titel MAD LOVE (1935) mit Peter Lorre und Frances Drake, Regie führte hier Karl Freund. Ein weiteres Mal als DIE UNHEIMLICHEN HÄNDE DES DR. ORLAK (THE HANDS OF ORLAC, 1960), diesmal mit Mel Ferrer und Christopher Lee in den Hauptrollen. Regie führte der Franzose Edmond T. Gréville.

Platz 4: Das Phantom der Oper (The Phantom of the Opera 1925)

Unzählige Male wurde Gaston Leroux Roman für die Leinwand adaptiert, doch nur Rupert Julians Werk schaffte es auch wirklich zum Klassiker. Selbst wenn es mehr an ein Melodram erinnert als an einen wirklichen Horrorfilm, hat es sehr intensive Momente, die noch heute faszinieren.

Unter den weitläufigen Gewölben der Pariser Oper haust ein Phantom (Lon Chaney), das noch nie ein Mensch gesehen hat. Sein Gesicht verbirgt sich sorgfältig hinter einer undurchdringlichen Maske. Nach einer Vorführung in der Oper zeigt die Star-Sängerin Carlotta (Virginia Pearson) ihrem Chef einen Drohbrief des Phantoms. Darin verlangt der Unbekannte, dass die weibliche Hauptrolle bei der Aufführung von Faust durch die junge Christine Daaé (Mary Philbin) besetzt werden soll. Andernfalls wird es schwere Konsequenzen für Carlottas Karriere bedeuten. Am Tag der Aufführung ist Carlotta krank und Christine muss tatsächlich einspringen. Nach der Vorstellung spricht das Phantom die junge Künstlerin in der Garderobe an und ermutigt sie, weiter ihren Weg zu gehen. Trotz einer erneuten Warnung tritt am nächsten Abend wieder Carlotta auf die Bühne und es kommt zur Katastrophe. In dem folgenden Durcheinander lockt das Phantom Christine durch einen Geheimgang in die Gewölbe unter der Oper.

Bekannt wurde der Film vor allem durch die geniale wie schockierende Demaskierung des Phantoms, in dem Chaney sein ganzes Potenzial voll ausschöpfte. Ebenso eindrucksvoll ist der Maskenball in Szene gesetzt, bei dem das Phantom als „Der rote Tod“ erscheint. Passend dazu wurden die Szenen des Maskenballs auch in Rot hinterlegt, um den dramatischen Effekt noch zu steigern. Lon Chaneys Darstellung als verunstalteter Erik ist einmalig. Zum einen ist die Fratze schaurig schön umgesetzt und erzeugt wohlige Schauer beim Betrachter, selbst heute noch. Zum anderen ist Chaneys Darstellung meisterhaft, auch wenn es immer wieder Reibereien zwischen dem Regisseur Rupert Julian und Chaney über die Interpretation der Rolle des Phantoms gab. Es heißt, dass Chaney daraufhin viele Szenen nach seiner Vorstellung gestaltete.

Wie auch immer, das Ergebnis ist jedenfalls einmalig. Auch wenn wir niemals die Originalfassung zu Gesicht bekommen werden, da sie 1925 zerstört wurde, sie gefiel weder dem damaligen Produzenten Carl Laemmle noch dem Testpublikum, ist der Film ein zeitloser Klassiker. Es wurden diverse neue Schnittfassungen erzeugt, von denen lediglich eine 16-mm-Kopie sowie die rekonstruierte Stummfilmfassung von 1930 erhalten ist. Ebenso existieren unterschiedliche Versionen der Filmmusik aus den Jahren 1929, 1990, 1993 und auch 1996.

Platz 3: Dr. Jekyll und Mr. Hyde (Dr. Jekyll and Mr. Hyde, 1920)

Robert Louis Stevensons bekannte Erzählung „Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ gehört zweifelsohne zu den meist verfilmten Stoffen des Horror-Genre. Doch nur die wenigsten Filmfreunde werden diese frühe Verfilmung von John S. Robertson wirklich kennen. Die meisten werden sich dagegen sehr gerne an Rouben Mamoulians Inszenierung mit Fredric March als Dr. Jekyll von 1931 entsinnen. In der 1920er-Version – die übrigens schon die fünfte amerikanische Version aber die erste Abendfüllende in Spielfilmlänge ist – treffen wir auf den unvergleichlichen John Barrymore als Dr. Jekyll. Seine überragende Performance als Mr. Hyde prägte alle weiteren Verfilmungen von Stevensons Story maßgeblich mit. Immer wieder wird John S. Robertsons Film auch als historischer Wendepunkt in der Geschichte des amerikanischen Horrorfilms betrachtet, der Punkt, an dem der Horror in Amerika Erwachsen wurde. Wobei man auch sagen muss, dass Robertson nur ein durchschnittlicher Regisseur war und niemals sonderlich auffiel, auch bei diesem Film war das so.

Die eigentliche Leistung, die den Film zu einem Klassiker macht, ist eindeutig John Barrymores Darstellung vor der Kamera zu verdanken. Den Großteil seiner Verwandlung in den Bösewicht Mr. Hyde schaffte Barrymore dank seines großen Talents, den Rest mussten ein paar Überblendungen erledigen. Durch seine unvergleichliche Beherrschung seiner Gesichtsmuskeln, ja seines ganzen Körpers, erschafft er Kraft seines Willens die Figur des Mr. Hyde zum Leben. Seine außergewöhnliche Darstellung überragte nicht nur seine Vorgänger, nein auch die Messlatte für alle anderen nach ihm lag nun sehr hoch. Selbst der viel umjubelte Fredric March erreicht niemals diese Klasse der Darstellungskunst.

John Barrymore war zu dieser Zeit als grandioser Theaterschauspieler bekannt, und als Liebling der Frauen. Umso mehr war es für ihn eine Herausforderung den Bösen und vor allem hässlichen Mr. Hyde zu spielen. In all den Jahren danach haben sich allerhand bekannte Schauspieler an dem Stoff versucht sowie an der schwierigen Rolle des Dr. Jekyll, unter anderem Hollywood Ikonen wie Spencer Tracy, Kirk Douglas oder auch Jack Palance. Selbst Horror-Legenden wie Christopher Lee (I, MONSTER, 1971) oder Tony Todd (DR. JEKYLL AND MR. HYDE – DIE LEGENDE IST ZURÜCK (THE STRANGE CASE OF DR. JEKYLL AND MR. HYDE, 2006)) versuchten sich daran, doch niemand erreichte jemals die Klasse eines John Barrymore. Im selben Jahr wurde noch eine weitere Version des bekannten Stoffes von MGM produziert: DR. JEKYLL AND MR. HYDE, Regie führte dort J. Charles Haydon, der aber seinen Namen aus der fertigen Produktion aufgrund des schlimmen Endproduktes entfernen ließ. Sheldon Lewis spielte hier die Rolle des Arztes Dr. Henry Jekyll.

Platz 2: Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens (1922)

Was wurde nicht schon alles über NOSFERATU geschrieben, analysiert und kommentiert. Tausende von Seiten, Bücher über Bücher. Ich will hier nicht all die Lobeshymnen wiederholen, die diesen einzigartigen Film zu einem Meisterwerk und Vorreiter des Horror-Genre stilisieren. NOSFERATU ist vor allem einer jener deutschen Stummfilme, ohne die das amerikanische Horrorkino der 1930er Jahre, wie wir es kennen, niemals entstanden wäre. Zwar gönnt sich das Drehbuch einige Besonderheiten gegenüber Stokers Roman, trotz allem ist hier alles wie aus einem Guss. Der Autor, Henrik Galeen, der schon die Drehbücher für DER GOLEM (1915), DER GOLEM, WIE ER IN DIE WELT KAM (1920), DAS WACHSFIGURENKABINETT (1924) oder auch ALRAUNE (1928) geschrieben hat, erschuf eine fantastische und mitreisende Geschichte um Liebe, Tod und Opferbereitschaft. In einem delirierenden Alptraum begleiten wir Hutter und seine Ellen auf ihrem schweren Kampf gegen den Grafen Orlok. Ein echter Vampir, direkt aus der Hölle, kein Modeltyp wie ein Robert Pattinson in TWILIGHT – BISS ZUM MORGENGRAUEN (2008), der nicht mal Kleinkinder erschrecken kann. NOSFERATU ist die erste filmische Adaption von Bram Stokers berühmten Roman „Dracula“. Obwohl den Machern um F. W. Murnau die Genehmigung fehlte, diesen Stoff zu verfilmen, zogen sie die Sache konsequent durch. Trotz aller Namensänderungen ist aber sofort deutlich erkennbar, woher die Idee dahinter stammt und so zog nach Veröffentlichung des Films Stokers Witwe vor Gericht und setze sich auch durch. Sämtliche Kopien mussten aus den Theatern genommen werden und öffentliche Vorführungen wurden verboten. Glücklicherweise schafften es ein paar Kopien noch rechtzeitig ins Ausland, denn sonst wäre heute dieses Schmuckstück von Film für uns unwiederbringlich verloren.

Im Gegensatz zur Romanvorlage von Stoker, an dessen Ende der Graf seinen Kopf verliert, wird bei Murnau nach einem unschuldigen Menschenopfer verlangt. Der böse Dämon aus einer unbekannten, fremden Welt, ein Seuchendämon, eine Gefahr für die Sicherheit und Ordnung sowie der unterdrückten und verleugneten Sexualität, muss besänftigt werden. Das gelingt nur mit einem besonderen Opfer in Form der jungen Ellen, die sich dem Vampir am Ende hingibt. Ellens Opfer kann auch als Rebellion gegen die Zwangsinstitution Ehe gesehen werden. Sie versucht, die sexuelle Frustration in ihrer Beziehung zu überwinden. Eine weitere spannende Idee sind all die Ratten, die den Grafen nach Wisborg begleiten und den Eindruck entstehen lassen, der Vampirismus sei eine Seuche, die über das Land kommt. Gleichzeitig aber auch als Rückblick auf einen brutalen Weltkrieg, der erst seit wenigen Jahre vorbei war und Millionen von sinnlosen Opfern forderte, unter den Soldaten wie auch unter den Zivilisten.

Photo by Stiftung Deutsche Kinemathek – © Kino International.

Bemerkenswert ist ebenfalls die Szene als Ellen, Hutters Frau, immer wieder auf das Meer hinausschaut. Zur gleichen Zeit sind der Graf wie auch Hutter auf unterschiedlichen Wegen unterwegs nach Wisborg. Jedoch nur der Graf kommt mit dem Schiff über das Meer. Die meisten Zuschauer denken hier, dass Ellen auf ihren Mann wartet, ihn herbeisehnt, doch das ist nicht ganz richtig. Sie erwartet vor allem das Monster aus der anderen Welt, denn nur er kommt, wie schon erwähnt, über das Meer in ihre Heimatstadt.

Max Schreck als Graf Orlok ist das komplette Gegenteil der späteren Weltmännischen und Attraktiven wie die dämonischen Kriegsherren Bela Lugosi, Christopher Lee, Jack Palance oder Gary Oldman. Sein Blutsauger ist ein „Lebender Toter“, der den Tod im Gepäck hat. Sein furchterregendes Gesicht mit den spitzen Ohren und Zähnen erinnert an eine Mischung aus Ratte und Fledermaus. Orloks Bewegungen sind ruckartig, nicht natürlich, was die andersartige Atmosphäre, die den Grafen umgibt, noch beängstigender macht.

Dann ist da noch der bedrohliche Schatten, der seine unmittelbare Nähe stets ankündigt. In Tobe Hoopers BRENNEN MUSS SALEM (SALEM‘S LOT, 1979) versuchte man die markanten Äußerlichkeiten des Grafen Orlok in den Vampir Kurt Barlow zu übernehmen, doch es gelingt nur in Ansätzen. Erst in der hervorragenden neuseeländischen Komödie 5 ZIMMER, KÜCHE SARG (WHAT WE DO IN THE SHADOWS, 2014) wird Max Schrecks Interpretation des Vampirgrafen in einer würdigen Darstellung in die Neuzeit transportiert. 1979 drehte Werner Herzog ein Remake, das jedoch niemals die Qualität des Originals erreichte: NOSFERATU – PHANTOM DER NACHT mit Klaus Kinski, Isabelle Adjani und Bruno Ganz. Herzog wiederholte fast jede Einstellung punktgenau, bis auf das Ende, das wurde komplett auf den Kopf gestellt. Der Graf, wie auch sein Opfer, sterben hier ebenfalls, doch Harker/Hutter ist vom Gift des Vampirs verseucht und streift nun als Erbe des Blutsaugers durch die Nacht, so wie in Roman Polanskis TANZ DER VAMPIRE (THE FEARLESS VAMPIRE KILLERS, 1967). 78 Jahre nach NOSFERATU, also im Jahre 2000, drehte E. Elias Merhige den sehr interessanten SHADOW OF THE VAMPIRE, in den Hauptrollen glänzen John Malkovich als F. W. Murnau und Willem Dafoe als Max Schreck / Graf Orlok. Der Film beschreibt in spannenden Bildern die fiktive Produktion zu Murnaus NOSFERATU und der Idee, dass Max Schreck ein echter Vampir war.

Platz 1: Das Caninet des Dr. Caligari (1920)

„Der Druck von vier Jahren Weltkrieg,“ schrieb Hans Janowitz, „der noch frisch in unserem Geist, in unseren Herzen, ja selbst in unseren Gliedern war. Eine Staatsautorität, die sich auf uns berief und uns zwang, an einem unsinnigen Krieg teilzunehmen, liegt außerhalb der Vernunft…“ und weiter: „Cesare, das Werkzeug, das für die unterjochte Armee wehrpflichtiger Rekruten stehen sollte, war nicht schuldig. Schuldig war Dr. Caligari, der die autoritative Macht verkörpern sollte.

Alles beginnt auf einer Gartenbank, auf der zwei Männer sitzen. Der Jüngere der beiden, Francis (Friedrich Fehér), erzählt in einer Rückblende, was er und seine Geliebte Jane (Lil Dagover) erlebt haben, die sich geistesabwesend aus dem Hintergrund nähert: In der fiktiven Kleinstadt Holstenwall findet ein Jahrmarkt statt. Zur gleichen Zeit wird Holstenwall von einer Serie mysteriöser Morde erschüttert. Einer der Schausteller, ein gewisser Dr. Caligari (Werner Krauß), führt seinem neugierigen Publikum den Somnambulen (übersetzt: Schlafwandler) Cesare (Conrad Veidt) vor.  Francis und sein Freund Alan (Hans Heinrich von Twardowski) besuchen genau diesen Jahrmarkt und treffen dort auf eben jenen geheimnisvollen Dr. Caligari. Bei der folgenden Darbietung lässt sich Alan die Zukunft von dem Somnambulen Cesare vorhersagen. Kurz darauf wird auch Alan ermordet. Ein besonderer Moment im Film und eine Szene mit Symbolkraft, die immer wieder kopiert wurde, ist der Augenblick, als Cesare durch das Fenster steigt. Direkt in das Schlafzimmer „der unschuldigen und von allen begehrten Jungfrau“ Jane, unter anderem wiederzufinden in James Whale‘s FRANKENSTEIN (1931).

Wo wir gerade bei FRANKENSTEIN sind, auch Cesare hat große Ähnlichkeiten mit der Kreatur des Baron Frankenstein, wie auch der Baron mit Dr. Caligari, dem Prototypen des Mad Scientist. Egal ob nun ein Dr. Jekyll, Dr. Mabuse, Dr. No, Dr. Seltsam, Dr. Emmett Brown, Dr. Frankenstein oder wie sie auch alle heißen mögen, sie alle haben ihren Ursprung in Dr. Caligari. In den folgenden Jahren gehören riesige Labore, geheimnisvolle Bücher und Notizen ebenso zu ihnen, wie ihre Zerstreutheit oder die wirre Haarpracht. Sie wandeln auf dem schmalen Grat zwischen Genie und Wahnsinn. Ethik und Moral sind für den Mad Scientist nicht mehr von Bedeutung, Tabus und Gesetze uninteressant, da sie seinem Ziel meist im Wege stehen. Doch das eigentliche Thema jeder Zeitepoche, in der ein Mad Scientist auf der Kinoleinwand vorbeischaut, beschäftigt sich mit der Frage der Grenzen für jede Art von wissenschaftlicher Forschung, wie auch das Verhältnis von Mensch und Technik.

DAS CABINET DES DR. CALIGARI war nicht der erste expressionistische Film, aber er war der erste, der es in Ausführlichkeit und Deutlichkeit visuell präsentierte. Schon 1919 experimentierte Robert Reinert in seinem Film NERVEN damit, ebenso wie die französische Produktion ICH KLAGE AN (J‘ACCUSE) von Abel Gance. Beide Produktionen galten lange Zeit als verschollen, sind aber mittlerweile glücklicherweise wiederentdeckt und auch auf DVD erhältlich. Aber auch in Österreich experimentierte man mit dem Expressionismus: Die bekannteste Produktion dürfte DAS SPIEL MIT DEM TEUFEL (INFERNO) von Paul Czinner, ebenfalls 1919, sein, sie gilt allerdings weiterhin als verschollen.

DAS CABINET DES DR. CALIGARI ist selbst heute noch ein mitreisender Horrorfilm, der eine erdrückende Atmosphäre entfaltet. In seinen unglaublich expressionistisch verzerrten Kulissen verliert sich der Betrachter auf der Jagd nach einer möglichen Wahrheit, die er niemals wirklich zu fassen bekommt. In wunderbaren, kontrastreichen Bildern schickt Regisseur Robert Wiene seine beeindruckenden Darsteller auf eine Reise in den Wahnsinn und das Grauen, aus dem es kein Entkommen gibt. Wahrlich, ein Meisterwerk!

Ein Vergleich zu dem ähnlich gelagerten SHUTTER ISLAND (2010) von Martin Scorsese bestätigt, was ich zu Beginn bereits erwähnte: „ …viele Motive und Themen die wir so sehr in unseren aktuellen Filmen und Blockbustern feiern, haben ihre Geburt und Ursprung in diesen großartigen Werken aus einer fast schon vergessenen Ära“.

Buchempfehlung

Wer sich ausführlich über den aktuellen Forschungsstand zu DAS CABINET DES DR. CALIGARI informieren möchte, dem empfehle ich das Buch „Der Caligari Komplex“ von Olaf Brill. Außerdem gibt es noch das Standardwerk von Lotte H. Eisner „Die dämonische Leinwand“. Jedoch das Werk von Brill ist wesentlich aktueller und räumt mit einigen Falschinformationen, die sich bei Eisner eingeschlichen haben, gründlich auf. Gleiches trifft auch auf Siegfried Kracauers Werk „Von Caligari zu Hitler“ zu. Im Jahre 1962 drehte Roger Kay ein Remake unter dem Titel: DAS KABINETT DES DR. CALIGARI (THE CABINET OF CALIGARI), ebenso wie 2005 David Lee Fisher THE CABINET OF DR. CALIGARI.

 

Quellen

  • [1] Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Bioskop
  • [2] Deutsche Spielfilme von den Anfängen bis 1933, Günther Dahlke und Günter Karl, Henschelverlag Kunst und Gesellschaft Berlin 1988, Seite 49

© Stefan F.

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