Die besten Horrorfilme der 90er Jahre

Die besten / wichtigsten Horror-Filme der Jahre 1990-1999

Nach einiger Recherche-, Beratungs- und Schreibzeit sind wir dieses Mal in den stürmischen 1990ern gelandet. Der Horror ist endgültig aus seinen Kinderschuhen gewachsen und hat das viel zu enge Gewand der Klassiker endgültig abgeschüttelt. Herausgekommen ist ein Biest der neuen Art, ohne jegliche Hemmungen oder Zurückhaltung, das im Jahrzehnt darauf noch einen enormen Blutdurst entwickeln sollte.

Einleitung überspringen und direkt zu Platz 20

Zunächst jedoch ein kurzer Blick auf die wichtigsten Ereignisse außerhalb des Kinos: Die 1990er waren vor allem eine Zeit der Neuordnung, gerade nach dem Ende des Kalten Krieges und dem Zerfall der Sowjetunion. Die USA verbleibt zunächst als einzige Supermacht der Welt. Nach der deutschen Wiedervereinigung beginnt eine Zeit des scheinbaren Friedens, aber auch der Desorientierung und Gewalt. So kommt es zum zweiten Golfkrieg sowie zu den Jugoslawienkriegen. In einer Umlaufbahn um die Erde beginnt 1998 der Aufbau der Internationalen Raumstation ISS. Das Umweltbewusstsein der Menschen steigt, in Deutschland wird 1990 der Grüne Punkt eingeführt. Im Zuge dieses Umdenkens werden ab 1993 nur noch Autos mit einem 3-Wege-Katalysator zugelassen. Doch auch innerhalb der Gesellschaft kommt es zu gewaltigen Umbrüchen.

Die digitale Revolution, die schon in den 1980ern begann, setzt sich mit großen Schritten fort. Berufliche wie private Nutzung von Computern und Mobiltelefonen werden zur Normalität und für immer mehr Menschen erschwinglich. Internet, Modem, E-Mail und SMS sind keine Fremdwörter mehr, und im Jahr 1996 wird endlich die DVD eingeführt. PlayStations und Game Boys landen unter den Weihnachtsbäumen, gleichzeitig werden die Spiele immer realer. Bestes Beispiel ist die Kultfigur Lara Croft, die ab Mitte der 1990er bis in die Popkultur aufrückt.

Im deutschen TV regieren diverse Talkshows auf allen Sendern, daneben rücken immer mehr Comedians ins Bewusstsein der Bevölkerung, spätestens seit Thomas Hermanns bekanntem „Quatsch Comedy Club“ sind sie in aller Munde. Daneben entstehen die ersten Sport-, Kinder-, Shopping- und Musiksender. Vor allem die Erotik-Show „Tutti Frutti“ sorgt für Schlagzeilen. Neben bekannten US-Serien erreichen auch immer mehr japanische Anime die deutschen TV-Sender. David Lynchs Kult-Serie TWIN PEAKS (1990-1991) gerät auch im deutschen Fernsehen zum absoluten Straßenfeger. Ebenso zum Kult wird die beliebte TV-Serie AKTE X (THE X FILES) mit den beiden FBI-Agenten Mulder und Scully, die gemeinsam auf UFO-Jagd gehen. Gleichzeitig löst diese Serie eine neue Welle von Verschwörungstheorien, UFO-Sichtungen und dem Glauben an außerirdisches Leben aus.

Für die Kinolandschaft werden die 1990er zu einem (über-)großen Jahrzehnt. Steven Spielberg lässt in seiner Michael Crichton-Verfilmung JURASSIC PARK (1993) die Dinosaurier auf die Menschheit los, während Roland Emmerich die unfähigsten Aliens, die die Filmgeschichte je erleben durfte, ein paar Jahre darauf in INDEPENDENCE DAY (1996) herbeiruft. Quentin Tarantino bringt seinen Kult-Streifen PULP FICTION (1994) heraus, der beim Filmfestival Cannes für Aufruhr sorgte und dem jungen Filmemacher/Filmfan schnell den Ruf des postmodernen Auteurs einbrachte. Nach jahrelanger Planung bringt George Lucas seinen lang erwarteten ersten Teil der STAR WARS-Saga in die Lichtspielhäuser: STAR WARS: EPISODE I – DIE DUNKLE BEDROHUNG (1999) wird 22 Jahre nach dem ursprünglich ersten Teil KRIEG DER STERNE (STAR WARS, 1977) veröffentlicht, der nun als vierter in der – damals noch gedachten – Gesamtreihe steht.

Lucio Fulci versucht noch einmal, an seine früheren Erfolge anzuknüpfen und bringt mit NIGHTMARE CONCERT (UN GATTO NEL CERVELLO, 1990) eine rabenschwarze Satire heraus, die mit den blutigsten Szenen seiner Filme gespickt ist. Doch verstanden haben den Film nur die wenigsten. Im März 1996 verstarb dieser großartige Regisseur in Rom. Im selben Jahr startet Wes Craven mit SCREAM eine neue Welle der Slasher, die jedoch eher als Horror-Komödie und Zitatenkino, jedoch nicht zwingend als beste Genrevertreter in unserer Liste verstanden werden. Bekannteste Ableger neben dem SCREAM-Franchise dürften dabei ICH WEISS, WAS DU LETZTEN SOMMER GETAN HAST (I KNOW WHAT YOU DID LAST SUMMER, 1997) und DÜSTERE LEGENDEN (URBAN LEGEND, 1998) gewesen sein. Mit David Finchers SIEBEN (SE7EN, 1995) erscheint wiederum ein weiterer Meilenstein und einer der besten Filme der 1990er, der geschickt zwischen Psychothriller und Horrorfilm mäandert und auf lange Sicht einen gewaltigen Einfluss auf die Filmschaffenden in aller Welt ausüben sollte – bereits die Eröffnungssequenz ist legendär und stilprägend.

© Warner Bros.

Mit MISSION: IMPOSSIBLE (1996) hieven Regisseur Brian De Palma und Produzent/Hauptdarsteller Tom Cruise die klassische TV-Agenten-Serie KOBRA, ÜBERNEHMEN SIE (MISSION: IMPOSSIBLE, 1966-1973) auf Blockbuster-Niveau und liefern zugleich eine ernstzunehmende James-Bond-Variante, was sich nur ein Jahr zuvor im späten Dekaden-Neustart GOLDENEYE (1995) widerspiegelte. Harold Ramis erschafft mit UND TÄGLICH GRÜSST DAS MURMELTIER (GROUNDHOG DAY, 1993) eine der bekanntesten Komödien, während James Cameron mit viel Aufwand die Titanic erneut im Meer versenkt: TITANIC (1997). Im gleichen Jahr bringt Vincenzo Natali mit CUBE einen ungemein spannenden, außergewöhnlichen wie auch stilbildenden Film in die Kinos, der es bis heute auf insgesamt drei Teile gebracht hat, sowie einer Unzahl von Nachahmern. Kurz vor der Jahrtausendwende brechen die Wachowski-Brüder (heute -Geschwister) die bekannten Science-Fiction-Konventionen restlos auf und erschaffen einen Film, der bis dahin seinesgleichen suchte. Ein grenzüberschreitendes Spektakel, das die komplette Film-Branche auf den Kopf stellte: Die Rede ist natürlich von MATRIX (1999). Im Schatten dieses übergroßen Films steht seither David Cronenbergs ebenso düster-prophetischer EXISTENZ, der eine ganz ähnliche Thematik behandelt. Mit FIGHT CLUB liefert David Fincher schließlich sein ultimatives Meisterwerk ab und zeigt einmal mehr, dass er seiner Zeit stets einen Schritt voraus ist. Zuletzt nimmt die ganze (Film-)Welt von einem der größten überhaupt Abschied: Stanley Kubrick verstirbt im März 1999 – kurz nach dem Filmschnitt seines letzten Films, dessen Veröffentlichung er nicht mehr erlebte: EYES WIDE SHUT. Doch die 1990er halten natürlich noch viele weitere großartige Filme bereit, die es zu entdecken gibt.

© SK Film Archives LLC

Hierzu noch ein Wort zu unseren beiden Kandidaten DAS SCHWEIGEN DER LÄMMER (1991) und FUNNY GAMES (1997): Beide Werke tendieren zwar eher in Richtung Psychothriller bzw. Terrorfilm/Home-Invasion, über weite Strecken können sie jedoch auch als blanker Horror erfasst werden, darum ihre Nominierung. Das postmoderne Horror-Kino der 1990er, das wir hier in unserer – bewusst etwas alternativen – Liste abzubilden versuchen, lässt die zuvor einigermaßen klaren Grenzen und Definitionen des Genres immer mehr verschwimmen. Phantastische Elemente, die noch den 1980ern stark ausgeprägt waren, rücken zunehmend in den Hintergrund.

Dass unser Horror-Best-Of der sicherste Weg ist, das Genre des Grauens zu entdecken, ist unbestritten. Nun haben wir uns noch eine kleine Zugabe ausgedacht, die das Erlebnis erweitert und ergänzt. Und zwar in Form einer Liste mit weiteren Filmen, von denen wir der Meinung sind, dass es sich lohnt, sie zu entdecken. Nach und nach werden die schon erschienenen Jahrzehnte damit ausgerüstet. Somit erhält jeder Horrorfreund oder der, der es noch werden will, einen umfangreichen und kompetenten Leitfaden an die Hand, der ihn zielsicher durch das Genre führt. So ist von Anfang an garantiert, nur das Beste zu sehen. Hier sind die weiteren Titel versteckt. (SF)

Wie immer so auch diesmal: Die nachfolgende Auflistung erhebt keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit, sie soll lediglich anhand der wichtigsten Filme die Entwicklung des Horrorfilmes verdeutlichen. Zudem ist die Reihenfolge nicht zwingend als „in Stein gemeißelt“ zu verstehen.

 

Platz 20: UNTOLD STORY
(BAT SIN FAN DIM JI YAN YUK CHA SIU BAU, 1993)

Ende der 1980er, Anfang der 1990er startete eine kleine Welle von Filmen aus Hongkong, die den geneigten Filmfreund in westlichen Ländern überraschte, verblüffte und gelegentlich auch faszinierte. John Woo und sein A BETTER TOMORROW (YING HUNG BOON SIK, 1986) wie auch A CHINESE GHOST STORY (SIEN NUI YAU WAN, 1987) waren ein Wegbereiter für weitere Produktionen, die noch folgen sollten. Filme, die mit naiven, sehr gefühlsduseligen oder auch spannenden Storys überraschten. Dazu gab es den sehr eigenwilligen asiatischen Humor, eine Mischung, die nicht jeden überzeugte. Für die meisten jedoch eine gern gesehene Abwechslung zum ausgelutschten Hollywoodeinheitsbrei, der sich selbst überholt hatte, boten sie allemal. Egal ob Thriller, Komödie oder Horror, hier war für jeden etwas dabei. Mitten in dieser Welle befindet sich das Splatter-Monster UNTOLD STORY der beiden Regisseure Danny Lee und Herman Yau.

Serienkiller Wong Chi Hang (Anthony Wong Chau-Sang) flieht von Hongkong nach Macao. Dort angekommen, landet er in einem Restaurant, wo er dessen Besitzer wie auch seine gesamte Familie nach einem Streit tötet. Da ihm die Arbeit im Restaurant gefällt, übernimmt er kurzerhand den Laden. Um die Spuren der Vorbesitzer zu beseitigen, verarbeitet er alle zu Fleischbällchen und verkauft sie im Restaurant. Das gleiche Schicksal erleiden auch Personen die zu viele Fragen stellen. Erst dem Polizist Lee (Danny Lee) gelingt es, den brutalen Killer zu überführen.

Das Drehbuch von Law Kam Fai entstand nach einer wahren Begebenheit, bei dem ein Angestellter in Macao seinen Chef samt Familie tötete. Später wurden nur noch einige wenige Knochen entdeckt, die Polizei ging davon aus, dass der Mörder das Fleisch seiner Opfer den Gästen verkauft hatte. Während der Untersuchungshaft begann der Killer Selbstmord. Regisseur Herman Yau unternahm für seinen Film umfassende Recherchen. Er sprach mit den am Fall beteiligten Polizisten, wie auch mit Gefängnisinsassen, die den echten Mörder während der Haft kennengelernt haben. Für die Gore-Szenen wurden hauptsächlich Körperteile und Innereien von Schweinen verwendet, da sie dem Aussehen von Menschenfleisch am ähnlichsten sind. Trotz der typisch asiatischen Blödelei im Film bleibt dem Betrachter schnell das Lachen im Hals stecken. Ob die harten Gore- und Folterszenen den moralischen Kompass des Zuschauers sprengen oder nicht, muss letztendlich jeder für sich selber entscheiden. Aufgrund der großen Popularität folgte eine Fortsetzung unter dem Titel THE UNTOLD STORY 2 (YAN YUK CHA SIU BAU II: TIN JUE DEI MIT, 1998), die aber nichts mit seinem Vorgänger am Hut hat. (SF)

Platz 19: CABAL – DIE BRUT DER NACHT (NIGHTBREED, 1990)

Nach dem kommerziellen und auch künstlerischen Erfolg von HELLRAISER (1987), Clive Barkers Verfilmung seines eigenen Romans „The Hellbound Heart“, ebnete sich der Weg für den Briten im internationalen Kino. Clive Barker ist bis heute vor allem als Schriftsteller, Grafiker und Maler zu begreifen, sein Werk umfasst über 70 Romane, Kurzgeschichten, Bühnenstücke, Drehbücher und Sammlungen von Zeichnungen und Grafiken. Mit NIGHTBREED – oder CABAL, wie seine Romanvorlage (1988) und auch der deutsche Filmtitel lautet – kehrte Barker nach dem furiosen Erfolg von HELLRAISER II (1988, Drehbuch und Produzent) auch wieder auf den Regiestuhl zurück. Es sollte ein heikles Unterfangen werden.

CABAL, im Jahr 1990 durch Einmischung der Produzenten nur stark gekürzt und ungeschnitten veröffentlicht, wurde ein Flop. Zu unausgewogen erschien das Werk für ein größeres Publikum, selbst im Horrorfach. Doch unter dem Mantel des Flops schlummerten bereits damals besondere Qualitäten. Bereits die auf 102 Minuten zusammengestauchte Kinofassung konnte einigen Kritikern Lob entlocken. Tatsächlich ist es die Ernsthaftigkeit zum Stoff und den Figuren, die Barker bereits bei der (reduzierten) Umsetzung in HELLRAISER erkennen ließ, die CABAL ungeahnte Tiefe verleiht. Eine Verschiebung der Sympathien lässt – ganz ähnlich wie in Tod Brownings Meisterwerk FREAKS (1932) – die scheinbaren Monster zu den Gefühls- und Handlungsträgern werden. Die auch in ihrer Ausstattung überwältigende Unterwelt Midians mit ihren zahlreichen Gestalten bildet das dunkle, aber auch warme Herzstück des Films. Während hier Ocker- und Brauntöne und magische Lichtspiele das Filmbild bestimmen, ist die Welt oben, die der grausamen Menschen, eisig kalt. In diese Kälte hat sich kein Geringerer als Regisseur David Cronenberg in einer beachtlichen Nebenrolle (beinahe schon Hauptrolle) als psychotischer Psychiater Dr. Philip K. Decker mit stahlblauen Augen und rasiermesserscharfer Klinge festgesetzt.

Wir bezeugen in CABAL eine faszinierende, sorgfältig ausgearbeitete Fantasiewelt, die die Vielfalt der Zenobiten aus HELLRAISER noch übertrifft, sowie einen denkwürdigen Antagonisten, der einige Schreckensmomente bereithält. Diese beiden Säulen entlang von Barkers Tiefgründigkeit und Ernsthaftigkeit um die von ihm entwickelte Mythologie machen aus CABAL einen sehr guten Film – ein bis heute unterbewerteter Klassiker des Horrorfilms. Um die ganze Qualität des einstigen Festivalhits zu Hause nachspüren zu können, empfehlen wir dringend die restaurierte und von Barker abgesegnete Blu-ray-Veröffentlichung aus dem Hause Arrow Video (England). Hier befindet sich der 124-minütige Director’s Cut in bestmöglicher Qualität, der insgesamt über 40 Minuten Umschnitte bzw. neuer Szenen gegenüber der einstigen Kinofassung enthält. Den 145-minütigen „Cabal-Cut“ hingegen braucht es nicht. Hier wurden, teils von Videoelementen, unzählige Deleted Scenes in eine Art „Frankenstein-Schnittfassung“  zusammengebaut, was den Sehgenuss arg trübt. Diese Fassung wurde auch nie von Barker als offizielle befürwortet. (SJ)

Platz 18: FROM DUSK TILL DAWN (1996)

In vielen Horrorfilmen muss das spektakuläre und meist blutige Finale erarbeitet werden. Für Horrorfans oft eine langwierige Geduldsprobe, über den ersten langatmigen Akt hinauszukommen. Die Charakter- und Szenario-Vorstellung kann, wenn schlecht geschrieben, schnell langweilig werden. FROM DUSK TILL DAWN von Regisseur Robert Rodriguez und Drehbuchautor Quentin Tarantino beweist, dass es gelingen kann, beide Teile hochwertig zu präsentierten. Die ersten zwei Drittel sind Gangsterstreifen bzw. Roadmovie über zwei gewalttätige Bankräuber, die versuchen, über die Grenze nach Mexiko zu fliehen. Das letzte Drittel ist ein Splatterfest mit Vampiren, blutrotem Humor und Übertreibung wie in einem Comic. Der Soundtrack, ikonische Szenen und einprägsame Dialoge brachten FROM DUSK TILL DAWN schnell auf Kultstatus, vom Table Dance einer sirenenartigen Salma Hayek ganz zu schweigen.

Die Gecko-Brüder sind nach einem blutigen Banküberfall auf der Flucht in die Freiheit: Mexiko. Leichen von Rangern, Polizisten und Zivilisten pflastern ihren Weg. Seth Gecko (George Clooney) hat sich meist unter Kontrolle, nicht so sein Bruder Richard (Quentin Tarantino), ein verhaltensgestörter, brutaler Sexualverbrecher. Als ihnen in einem Motel die Geiseln ausgehen, greifen sie die Familie Fuller auf. Jacob Fuller (Harvey Keitel) ist nach dem Tod seiner Frau von seinem Prediger-Posten zurückgetreten und will mit Tochter Kate (Juliette Lewis) und Scott (Ernest Liu) in einem Wohnmobil Urlaub machen. Die Kleinfamilie ist die beste Tarnung für die Flüchtigen. Ein paar Meilen nach der Grenze kehren sie in den ranzigen Stripclub Titty Twister ein, doch hier gibt es keine Erlösung von den Sünden, hier wohnt das Böse und macht vor den guten wie auch den schlechten Menschen keinen Halt.

Das Drehbuch von Tarantino entstand für einen Gegenwert von 1.500 Dollar. Die Geschichte sollte als Plattform für den Special-Effects-Künstler Robert Kurtzman und seine Firma herhalten. Dafür hatte Kurtzman bei Tarantinos Spielfilm-Regiedebüt RESERVOIR DOGS (1992) die Rechnung über ein abgeschnittenes Ohr unter den Tisch fallen lassen. Robert Rodriguez und Quentin Tarantino sind seit jungen Jahren sehr gute Freunde, deren berufliche Wege sich zu gern kreuzen. Man merkt beiden ihre Liebe zum Grindhouse und Autokino an. FROM DUSK TILL DAWN ist nicht nur ein Salut an das Genre, sondern auch ein Spielplatz für die beiden Filmnerds. Auch wenn Tarantino hier den Regiestuhl an Rodriguez übergibt, hat es sich für ihn mehrfach gelohnt: Seine gelungene Darbietung als Schauspieler und ein Drehbuch mit exzellenten Dialogen und Monologen über anekdotische Geschichten. Außerdem durfte der bekannte Fußfetischist Hochprozentigen von Salma Hayeks Zehen lutschen. 2007 fanden Tarantino und Rodriguez ein weiteres Mal im großen Stil zusammen, für ihr Grindhouse-Doppel: DEATH PROOF und PLANET TERROR.

Die wenigen digitalen Effekte sind leider schlecht gealtert, aber dafür machen vor allem die handgemachten Splattereffekte einen Heidenspaß. Außerdem kann man George Clooney in seiner bösartigsten Rolle in noch jungen Jahren erleben. FROM DUSK TILL DAWN ist Kult und darf auf dieser Liste nicht fehlen, über die Fortsetzungen und die Serie hüllen wir lieber das Tuch des Schweigens. (CM)

Platz 17: BLAIR WITCH PROJECT (THE BLAIR WITCH PROJECT, 1999)

BLAIR WITCH PROJECT gehört zu den sogenannten pseudodokumentarischen Found-Footage-Filmen (Mockumentary). Durch geschickt platzierte Werbung und angeblich echten Dokumenten, die den Fluch belegen sollen, entstand ein gewaltiger Hype. Vor allem im Internet sorgten die Macher für eine breite Basis angeblich historischer Dokumente, Zeittafeln und noch vieles mehr. Die Namen der Schauspieler sind gleichzeitig die Namen ihrer Rollen. Das Filmmaterial stammt nur von den drei Akteuren und ihrer 16-mm-Videokamera, die sie für die Dreharbeiten bekamen.

Die drei Filmstudenten Heather Donahue, Josh Leonard und Michael C. Williams wollen in Burkittsville, Maryland, eine Dokumentation über die Hexe von Blair drehen. Zu Beginn gibt es einige Interviews mit Einwohnern des kleinen Örtchens, danach geht es direkt in den nahe gelegenen Black Hill Forest. Unterwegs begegnen sie ein paar Anglern, die die kleine Gruppe davor warnen, noch tiefer in den Wald vorzudringen. Nach der ersten Nacht gelangen die drei auf einen alten Friedhof und finden mysteriöse Zeichen. Im weiteren Verlauf der Expedition fällt die Orientierung im undurchdringlichen Wald schwerer, seltsame Steinhaufen erscheinen immer öfter und nachts mehren sich undefinierbare Geräusche rund um ihr Zelt. Als eines Nachts Josh verschwindet, eskaliert die angespannte Situation endgültig.

An den Kinokassen war BLAIR WITCH PROJECT ein gigantischer Erfolg. Bei einem Budget von ca. 60.000 US-Dollar spielte er gut 248 Millionen US-Dollar wieder ein. Somit war klar, eine Fortsetzung musste her, die auch prompt ein Jahr später mit BLAIR WITCH 2 (BOOK OF SHADOWS: BLAIR WITCH 2, 2000) auf den Plan trat. Im Jahre 2001 erhielt BLAIR WITCH 2 die „Goldene Himbeere“ als schlechteste Fortsetzung. An der Kinokasse war er so erfolgreich, dass er knapp das Doppelte seines Budgets wieder reinholte. Im Jahre 2016 drehte Adam Wingard einen weiteren Teil, der einfach nur BLAIR WITCH heißt. War der Horror in der 1999er-Version noch subtil und unheimlich, ist er in der 2016er-Variante brutal und hässlich. (SF)

Platz 16: NIGHTWATCH – NACHTWACHE (NATTEVAGTEN, 1994)

Der dänische NIGHTWATCH – NACHTWACHE ist Ole Bornedals Regiedebüt für die große Leinwand. Davor hatte er lediglich einige kleinere TV-Produktionen inszeniert. Neben der Regie schrieb Bornedal auch das Drehbuch zu dem Überraschungserfolg. Nicht nur im eigenen Land sorgte der Film für großes Aufsehen und wurde begeistert gefeiert, er konnte nationale wie internationale Preise für sich verbuchen. Bornedal erschafft eine äußerst dichte und zeitweise beklemmende Atmosphäre, dazu gibt es eine gehörige Portion schwarzen Humor und zahlreiche überraschende Wendungen. Ein außergewöhnlicher Nervenkitzel an einem ungewöhnlichen Ort. Besonders auffallend ist die lebendige Figurenzeichnung der einzelnen Charaktere, die weit über die stereotypen Abziehbilder seiner Genre-Kollegen hinaus geht.

Zur Finanzierung seines Studiums übernimmt Martin (Nikolaj Coster-Waldau) den Job als Nachtwächter in der Pathologie eines Krankenhauses in Kopenhagen. Als wären die nächtlichen Rundgänge nicht schon nervenaufreibend genug, beschäftigt Martin immer wieder die Geschichte über einen nekrophilen Vorgänger, der hier sein Unwesen trieb. Zudem wütet ein Serienkiller in Kopenhagen, der gerne seine weiblichen Opfer skalpiert. Eines Nachts wird eines der Opfer eingeliefert und Martin lernt den undurchsichtigen Inspektor Wörmer (Ulf Pilgaard) kennen. Nachdem der Inspektor das Gebäude wieder verlassen hat, findet Martin bei einem weiteren Rundgang die neue Leiche außerhalb der dafür vorgesehenen Räume. Ein gefährliches Spiel beginnt, doch Martin hat keine Ahnung wie die Spielregeln lauten.

Für den damals noch unbekannten Hauptdarsteller Nikolaj Coster-Waldau war NIGHTWATCH – NACHTWACHE der erste Spielfilm in seiner langen Filmographie und machte ihn gleich zum Star in Dänemark. Seinen großen internationalen Durchbruch erlangte er vor allem durch seine Rolle als Jaime Lannister (GAME OF THRONES: DAS LIED VON EIS UND FEUER, 2011-2019). Ole Bornedal inszenierte im Jahr 1997 das schwache Remake seines eigenen Films in den USA unter dem Titel FREEZE – ALPTRAUM NACHTWACHE (NIGHTWATCH). Sowohl an den Kinokassen wie auch bei den Kritikern schnitt der Film deutlich schlechter ab als das Original. (SF)

Platz 15: FUNNY GAMES (1997)

Nach seiner sogenannten „Trilogie der emotionalen Vergletscherung“ (1989-1994) drehte Michael Haneke einen seinen berühmtesten und auch wichtigsten Filme: FUNNY GAMES mit Susanne Lothar und Ulrich Mühe in den Hauptrollen. Die beiden spielten damals – auch im realen Leben ein Paar – Ehemann und Ehefrau, die gemeinsam mit ihrem jungen Sohn von zwei brutalen Psycho-Killern heimgesucht und gefoltert werden. Heimgesucht: in der intimen Umgebung der eigenen vier Wände psychisch bedrängt und schließlich misshandelt, sodass man Hanekes Film zunächst als österreichischen Home-Invasion-Film wahrnehmen muss. Auch als Terrorfilm, wie der Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger in seinem Audiokommentar zur Blu-ray (KinoKontrovers) betont.

Haneke macht schwierige Filme, solche die zum Nachdenken anregen oder sich vielmehr schmerzhaft in den Kopf der Zuschauenden bohren wie ein mit Klauen bestückter Greifvogel. Dessen Perspektive, die der extremen Draufsicht – oder ist es gar eine göttliche? – nimmt der Film ganz zu Beginn ein, wenn die Kamera die noch kleinere und mobile Variante der eigenen vier Wände, das Auto, aus einer fliegenden Position observiert. Haneke spielt im weiteren Verlauf des Films durchweg mit Genrebezügen und -mechanismen. FUNNY GAMES als Horrorfilm? Die Perspektive der Anfangssequenz erinnert jedenfalls eindeutig an Stanley Kubricks SHINING und die weißen Handschuhe der beiden Killer (Arno Frisch, Frank Giering) wirken wie die farbliche Umkehrung schwarzer Fingerbekleidung italienischer Gialli. Zunächst und vor allem ist FUNNY GAMES ein böser Film, zynisch, zugleich medien- und gewaltkritisch, und durchaus als Psychothriller wahrnehmbar, wobei: für einen Thriller fehlt ihm (bewusst) die Geradlinigkeit. Haneke macht keine Filme nach bekannten Mustern.

Wer FUNNY GAMES gesehen hat, vergisst ihn nicht. Womöglich braucht man lange, um ihn sich wieder anzuschauen und aufarbeiten zu können. Das Perfide des Films sind seine behutsamen, langen Einstellungen, die das Geschehen geradezu klinisch-nüchtern beobachten und das Unausweichliche lange vorher andeuten bzw. thematisieren. Ganz viel „Dialog“ geschieht wortlos, über Blicke. Die besondere Kraft dieses Films, seine (An-)Spannung, äußert sich erzählerisch in Verzögerung, die stets Aufmerksamkeit abverlangt. FUNNY GAMES ist ein Kraftakt, ein Film den man aushalten muss. Ein brutaler Film voll menschlichem Horror. Obendrein haben hier die Besten vor und hinter der Kamera gearbeitet: die renommierten Theater- und Filmschauspieler Lothar und Mühe, Haneke mit seinem Team, u. a. Kameramann Jürgen Jürges (CHRISTIANE F., WHITE STAR, WOLFZEIT) und Cutter Andreas Prochaska, der einige Jahre später beim meisterlichen DAS FINSTERE TAL selbst Regie führte. Genau zehn Jahre später realisierte Haneke selbst die englischsprachige Variante mit dem bezeichnenden Titel FUNNY GAMES U.S. – mit Kameramann Darius Khondij drehte er die Sequenzen seines Originals 1:1 nach. (SJ)

Platz 14: BRAINDEAD – DEAD ALIVE (BRAINDEAD, 1992)

Der Neuseeländer Peter Jackson ist vor allem durch seine Trilogien HERR DER RINGE (2001-2003) wie auch der DER HOBBIT (2012-2014) einem größeren Publikum bekannt geworden. Unter den Horrorfans sticht vor allem ein Film des bekannten Regisseurs besonders hervor: BRAINDEAD. Kurz nach seinem Start schon zum Kultfilm avanciert, festigte er Jahr für Jahr seinen Ruf als blutigster Horrorfilm-Komödie aller Zeiten, ca. 300 Liter Filmblut fanden hierfür auf dem Set ihre Verwendung. Das Jacksons Film kurz nach seiner Veröffentlichung in Deutschland auf dem Index landete, dürfte niemanden wirklich verwundern.

Im Jahre 1957 entdecken Zoologen auf einer kleinen Insel namens Skull Island eine neue Spezies, eine Kreuzung aus Ratte und Affe. Bald darauf ist das Tier im Zoo von Wellington, Neuseeland zu bewundern. Hier lebt auch das Muttersöhnchen Lionel Cosgrove (Timothy Balme) und seine Freundin Paquita (Diana Penalver). Immer wieder versucht Lionels Mutter Vera Cosgrove (Elizabeth Moody) diese Beziehung zu untergraben, so auch als das Pärchen sich im örtlichen Zoo trifft. Dabei wird Vera von dem sehr aggressiven „Rattenaffe“ gebissen. Der nun folgende Verfall von Lionels Mutter vollzieht sich innerhalb von 24 Stunden, ehe sie anfängt, Tiere wie auch Menschen zu verspeisen und so den Virus in der Stadt weiter verbreitet.

Die bis zur Absurdität übersteigerte Gewalt mündet in einem exzessiven Massaker, in dem Lionel mithilfe eines Rasenmähers versucht, der Unmengen an Zombies Herr zu werden. Ein deutscher Alternativ-Titel für Jacksons Blutorgie ist daher auch DER ZOMBIE-RASENMÄHERMANN. Ebenfalls Kultstatus erreichten seine beiden Komödien BAD TASTE (1987) sowie MEET THE FEEBLES (1989). In den USA lief BRAINDEAD unter dem Titel DEAD ALIVE, da es bereits einen Film mit dem Titel BRAIN DEAD (1990) gab, Bill Pullman spielt dort die Hauptrolle. Nicht zu verwechseln mit der schwachsinnigen Horrorkomödie aus dem Jahre 2007, die auf den gleichen Namen hört. (SF)

Platz 13: DELLAMORTE DELLAMORE (1994)

Irgendwo zwischen Komödie, Drama und Zombiehorror angesiedelt, außerhalb von Zeit und Raum, spielt Michele Soavi’s surreales Werk. Ein Kreislauf zwischen Leben und Tod, Schönheit und Vergänglichkeit, des unendlichen menschlichen Strebens nach immer mehr. Das Drehbuch basiert auf der gleichnamigen Novelle des italienischen Autors Tiziano Sclavi.

Francesco Dellamorte (Rupert Everett) ist ein Einzelgänger und meidet die Lebenden. Sein einziger Begleiter ist sein stummer Freund Gnaghi (Francois Hadji Lazaro). Beide leben und arbeiten auf dem örtlichen Friedhof, auf dem sich nachts immer wieder die Toten aus ihren Gräbern erheben. Francescos Aufgabe ist es, die lebenden Toten mit einem Kopfschuss erneut ins Jenseits zu schicken. Gnaghi ist danach für die zweite Beisetzung zuständig. Eines Tages erscheint auf dem Friedhof Francescos Traumfrau (Anna Falchi), die gerade ihren Geliebten verloren hat. Sofort ist Francesco Feuer und Flamme für die Fremde, die nur sehr zögerlich auf seine Annäherungsversuche reagiert.

Soavi erschafft hier eine Symbiose zwischen einer fantastischen Bildsprache, ungewöhnlichen Ideen und einer bezaubernden erzählerischen Eleganz, die bis dato im italienischen Film so nicht zu sehen war. Ein Kunstwerk verpackt in einen Horrorfilm, der bis heute nichts von seiner Faszination verloren hat. DELLAMORTE DELLAMORE ist einer der letzten wunderbaren und großartigen Filme aus dem Land der Pizza und Pasta, dessen Filmindustrie in den 1990ern nur noch ein Schatten ihrer selbst war. Regisseur Michele Soavi, Schüler von Dario Argento, hatte ursprünglich als Schauspieler begonnen. Sein erster Spielfilm als Regisseur war AQUARIUS – THEATER DES GRAUENS (DELIRIA, 1987) der sowohl Elemente des Giallo wie auch des Slasher gekonnt verarbeitete. Produziert wurde das Regiedebüt von niemand geringerem als Joe D‘Amato. Ein ungewöhnlicher und faszinierender Film. (SF)

Platz 12: DIE WEISHEIT DER KROKODILE
(THE WISDOM OF CROCODILES, 1998)

In dieser Liste ist DIE WEISHEIT DER KROKODILE, der auch unter dem Titel IMMORTALITY bekannt ist, ein eher ungewöhnlicher Vertreter. Allein durch den chinesisch-britische Regisseur Po-Chih Leong bekommt dieser Horrorfilm, der auch als Thriller zu verstehen ist, etwas Einzigartiges. Das spiegelt sich vor allem in seiner beklemmenden und schnellen Inszenierung wider. Hinzu kommt ein noch blutjunger Jude Law in der Hauptrolle, der nach GATTACA (1997) etwas Arthouse-Luft schnuppern will. Das Ganze spielt gekonnt mit einem der ältesten Subgenres des Horrorfilms, dem Vampirfilm.

Steven Grlscz (Jude Law) ist Forscher der Medizin und will den Beweis antreten, dass im menschlichen Körper gebildete Kristalle wie Nieren- oder Gallenstein durch starke Emotionen hervorgerufen werden. Dieses Thema ist nicht aus der Luft gegriffen, denn Steven bildet selbst längliche Kristalle aus, nachdem er das Blut einer Frau ausgesaugt hat, die ihn verliebt ist. Die Polizei, in Form von Inspektor Healey (Timothy Spall), kommt ihm langsam auf die Schliche, aber Steven ist erfahren und alt genug, die Mordabteilung an der Nase herumzuführen. Sein nächstes Opfer ist die Ingenieurin Anne Labels (Elina Löwensohn), die ihm aber mehr gefällt als es sein Überlebenswille zulassen will.

Geschickt werden hier altbekannte Regeln des Vampirgenres auf den Kopf gestellt oder weitergeführt. Allein der Titel DIE WEISHEIT DER KROKODILE verweist auf die berühmten Krokodilstränen, die ihren Ursprung in der Natur haben. Wenn ein Krokodil seine Beute tötet beginnt es zu weinen. Das ist auch die grundlegende Frage der britischen Produktion: Was ist stärker, wahre Liebe oder der Überlebenswille? Die Handlung wird noch mit Krimielementen aufgepeppt, was durch Timothy Spall (HARRY POTTER, MR. TURNER) zu einer komplexen Nebenhandlung wird. Und das ist gut, denn der Romanze zwischen Jude Law und Elina Löwensohn fehlt es an Chemie. Dennoch ein cleverer Beitrag zum Vampirfilm, der vor allem durch den ungewöhnlichen Einsatz von Essstäbchen als Pfählungswerkzeug ein Schmunzeln bei Filmfans auf die Gesichter zaubern wird. (CM)

Platz 11: CANDYMANS FLUCH (CANDYMAN, 1992)

Im Zuge der Veröffentlichung Anfang 2020 in Form eines schicken Mediabooks wurde CANDYMANS FLUCH bei uns ausführlich vorgestellt. Deshalb folgt hier nur eine kurze Inhaltsangabe:

Die Doktorandin Helen Lyle (Virginia Madsen) betreibt Forschungen über urbane Legenden. Bei ihren Recherchen stößt sie auf die Geschichte des unheimlichen Candyman (Tony Todd). Es heißt, wer fünfmal seinen Namen vor einem Spiegel ruft, wird von dem Candyman verfolgt und schließlich getötet. Helen versucht ihr Glück und startet einen Selbstversuch. Daraufhin geschehen seltsame Morde, die sie immer stärker als Hauptverdächtige in den Fokus der Polizei bringen. Verzweifelt versucht Helen, das Geheimnis um den Candyman zu lösen und macht sich auf die Jagd nach der ominösen Sagengestalt.

Das Drehbuch basiert auf Clive Barkers Kurzgeschichte „The Forbidden“, in dessen Erzählung allerdings ein blasser weißer Mann sein Unwesen treibt. Erst im Film wurde aus ihm der imposante Afroamerikaner mit eigener Hintergrundgeschichte, die den Darsteller Tony Todd weltbekannt machte. Die beiden Fortsetzungen schafften es nicht mehr in die Kinos. Sie sind nur noch Direct-to-Video-Produktionen: CANDYMAN 2 – DIE BLUTRACHE (CANDYMAN: FAREWELL TO THE FLESH, 1995) und CANDYMAN 3 – DER TAG DER TOTEN (CANDYMAN: DAY OF THE DEAD, 1999). (SF)

Platz 10: AUDITION (ODISHON, 1999)

Ein Horrorfilm von schizophrenem Charakter: AUDITION führt mit ruhiger Hand in die japanische Gesellschaft Ende der 1990er-Jahre mit ihrer effektiven Suche nach Liebe und Beziehung. Wenn wir beginnen, uns an diese Welt zu gewöhnen, wird uns der Boden unter den Füßen weggezogen. Regisseur Takashi Miike drehte 1999 wohl einen der bemerkenswertesten Horrorfilme, der – für diese Zeit – in ungewöhnlicher Weise eben nicht mit übersinnlichem Horror aufwartet, sondern zeigt, dass der Schöpfer des Grauens immer noch der Mensch selbst ist. Schriftsteller Ryu Murakami legte mit seinem gleichnamigen Roman den Grundstein für diese Medaille mit zwei extrem gegensätzlichen Seiten und somit auch Sinnbild für das Leben in einer von Männern dominierten Gesellschaft. Aber erst kurz zur Handlung:

Geschäftsmann Shigeharu Aoyama (Ryō Ishibashi) will sieben Jahren nach dem Tod seiner Frau wieder heiraten. Sohn Shigehiko gibt ihm seinen Segen. Es fehlt aber noch die Frau. Shigeharu hat bereits Vorstellungen: Schön, jung und intelligent muss sie sein. Eine kreative Ausbildung ist von Vorteil. Sein befreundeter Fernsehproduzent will sowieso gerade ein Vorsprechen für die weibliche Hauptrolle in einem potenziellen Film machen. Shigeharu könne doch einfach mit dabei sein und die abgelehnten Damen ausführen und kennenlernen. Vielleicht seien sie durch die Absage verletzlich genug, um mit ihm auszugehen. Schon bei den Bewerbungsunterlagen fällt ihm die Balletttänzerin Asami Yamazaki (Eihi Shiina) auf. Vor allem durch den Aspekt, dass sie ihre Karriere wegen einer Verletzung früh aufgeben musste. Ihre Gebrochenheit scheint sein Interesse geweckt zu haben. Leider erkennt er aber nicht, aus welcher Hölle Asami entstiegen ist und dass sie jeden ihrer Verehrer an dieser Welt teilhaben lassen wird.

Mit einer solchen Art von Filmen, die nach der ersten Hälfte in ein völlig anderes Genre kippen bzw. gewollt seine Zuschauer vor den Kopf stoßen, ist es immer etwas schwierig umzugehen. Diejenigen, die erwarten, ein Drama zu sehen, werden kaum bereit sein, das Ende zu ertragen und alle Torture-Porn-Interessierten sind womöglich nach den ersten 30 Minuten eingeschlafen. Wer aber AUDITION in einem Rutsch durchschaut, wird dennoch ein paar Verknüpfungen in beiden Teilen finden. Vor allem die Ausnutzung der Machtposition durch Männer im Showgeschäft lässt an manchen Skandal in der Filmbranche erinnern. Schon fast perfide sucht sich der wohlbetuchte Mann eine Ehefrau aus dem Katalog aus, was bei seinen Kriterien schon an die Wahl eines Königs erinnert. In den Rückblenden und Erinnerungen wird auch angedeutet, dass die Hauptfigur vielleicht gar nicht so freundlich ist, wie sie sich gibt. Asami zeigt mit ihrer Vergangenheit, die von Misshandlungen dominiert wurde, dass sie gelernt hat das Opfer zu spielen, um dann ihren Peinigern unvorstellbar Grausames anzutun.

AUDITION ist vor allem eine Referenz für die Arbeiten von Takashi Miike, der jedem Genre gewachsen zu sein scheint. Mit über 100 Regiearbeiten in Film und Fernsehen ist der Japaner einer der produktivsten Regisseure, nicht nur in Asien. Nicht alle Filme sorgen für einen gelungen Filmabend, aber man kann sich bei einem sicher sein: Langweilig wird es auf keinen Fall! Wer es gern abgedreht japanisch mag, kommt an seiner Filmografie nicht vorbei. Empfehlungen sind für FIRST LOVE (2019), YAKUZA APOCALYPSE (2016), PHOENIX WRIGHT – ACE ATTORNEY (2012), 13 ASSASSINS (2010) und einer seiner bekanntesten: ICHI THE KILLER (2001) ausgesprochen. (CM)

Platz 9: THE ADDICTION (1995)

The Addiction Movie Poster (1995)

Gleißende Lichtstreifen, die das Dunkel der Nacht durchschneiden. Lili Taylor als schwarze Prinzessin New Yorks, die durch einen Vampirbiss eine verhängnisvolle Sucht entwickelt und sich als Geschöpf vor allem seelisch transformiert. Auf der renommierten Ranking-Website Rotten Tomatoes ist zu lesen: „Abel Ferraras Horror-/Suspense-Experiment von 1995 verbindet urbanes Vampir-Abenteuer mit philosophischen Analysen, um eine kluge, eigenwillige und unbestreitbar sonderliche Sichtweise auf das Genre zu schaffen.“

Tatsächlich gelingt Ferrara mit THE ADDICTION eine künstlerische und psychologisch anspruchsvolle Parabel auf den Vampirmythos. Der Regisseur von MS. 45, KING OF NEW YORK und DAS BEGRÄBNIS (THE FUNERAL) ist bekannt für seine provozierenden und oft kontroversen Filme, wiewohl für die Verwendung von (Neo-)Noir-Stilismen und düsteren urbanen Szenerien. Seine Protagonisten der soeben genannten Filme – und nicht zuletzt auch Harvey Keitel im berühmten BAD LIEUTENANT (1992) – sind allesamt Anti-Helden, Außenseiter, Geschöpfe des Abgründigen. In THE ADDICTION, Ferraras vielleicht bestem Film, kommt alles gelungen zusammen. Der Film konzentriert sich neben seiner berauschenden Licht-/Schattenspiel-Ästhetik weniger auf blutige Effekte, wie man es aus einem Vampirfilm vermuten könnte, sondern dringt vor allem in seelische Untiefen vor. Aggressiv und bissig ist Manches dennoch, auch einmal bewusst orgiastisch, aber niemals exploitativ und selbstzweckhaft.

Die Bilder reflektieren gekonnt den (sich verändernden) Wesenszustand der weiblichen Hauptfigur Kathleen (Taylor), die sich nach dem Biss durch einen Vampir zunächst lange mit Müdigkeit und Desorientierung quält. Die Transformation zu einem Geschöpf der ewigen Nacht verläuft bei Ferrara schleichend und lässt die Qual der neuen, schicksalhaften Identität spürbar werden. Der philosophische Ansatz des Films wird nicht zuletzt durch die Tatsache genährt, dass Kathleen als junge Frau auch philosophische Pädagogik studiert und sie generell die Frage nach dem Bösen auf der Welt umtreibt, etwa am Beispiel der schlimmsten und gewalttätigsten Ereignisse des 20. Jahrhunderts durch die Menschen. Christopher Walken tritt als alter Vampir Peina in Erscheinung, der seinen Blutdurst fast vollständig bezwungen hat und sich wieder „menschlich“ fühlt. In all seiner faszinierenden und unverwechselbaren Erscheinung ist THE ADDICTION eine filmische Metapher für (Drogen-)Sucht und die mögliche Erlösung der Menschen, denen Schlimmes widerfahren ist. (SJ)

Platz 8: BRAM STOKERS DRACULA (DRACULA, 1992)

Kein anderes Filmmonster wie der Vampir schaffte es über all die Jahrzehnte hinweg, sich den Zeitströmungen und Umwälzungen wie ein Chamäleon anzupassen. Immer wieder findet er sein Plätzchen und erfindet sich neu. Immer wieder schreitet er wie Phönix aus der Asche, strahlend und lebendiger als je zuvor, zurück auf die Leinwand. Zu Beginn der 1980er beschritt der Vampir erneut einen langen Weg der Veränderung und Anpassung. Weg von den alten Schlössern, den dunklen Umhängen und den unbequemen Särgen. Es folgten Filme wie DIE RABENSCHWARZE NACHT – FRIGHT NIGHT (1985), LIFEFORCE – DIE TÖDLICHE BEDROHUNG (1985), NEAR DARK – DIE NACHT HAT IHREN PREIS (1987), THE LOST BOYS (1987) oder auch VAMPIRE’S KISS (1989) die diesen neuen Weg dokumentieren. Diese Neugestaltung, die Suche nach einem neuen Platz im sich radikal verändernden Horrorfilm, setzte sich in den 1990ern fort, was an Filmen wie INTERVIEW MIT EINEM VAMPIR (INTERVIEW WITH THE VAMPIRE: THE VAMPIRE CHRONICLES, 1994),THE ADDICTION (1995), JOHN CARPENTERS VAMPIRE (1998), BLADE (1998), DIE WEISHEIT DER KROKODILE (THE WISDOM OF CROCODILES, 1998) oder STEPHEN KING’S THE NIGHT FLIER (1997) deutlich abzulesen ist. Umso überraschender war die Tatsache, dass sich 1992 ein großes Studio mit jeder Menge Geld und zahllosen Hollywood-Stars an eine Neuverfilmung des Vampirstoffes wagte. Doch nicht nur der berühmte Vampir sollte in seinem klassischen Gewand erneut auf die Leinwand, ein weiteres Monster begleitete ihn zwei Jahre später: MARY SHELLEY’S FRANKENSTEIN (Regie führt Kenneth Branagh, der auch gleich die Hauptrolle übernahm, an seiner Seite brillierte Robert De Niro, der die Kreatur darstellte). Doch diesem Film war, trotz aller Sorgfalt, nicht annähernd so viel Erfolg beschieden wie DRACULA.

Die Story von Stokers Dracula sollte weitestgehend bekannt sein, darum gleich zum Wesentlichen: Coppolas Dracula-Adaption ist wie ein opulentes Gemälde, poträitiert in rauschenden Farben und mit fantastischen Klängen untermalt. Mit viel Liebe zum Detail und einer starken, wenn auch einfach gehaltenen Symbolik, verzaubert der Film seine Zuschauer. Neben der fantastischen Farbgestaltung stechen vor allem die grandiosen Kostüme hervor. Nicht zu vergessen sind erstaunliche, handgemachte bzw. fotografische Effekte und faszinierende Masken. Kein Wunder also, dass gerade diese Bereiche bei diversen Preisverleihungen mit zahlreichen Auszeichnungen bedacht wurden.

In kaum einer anderen Verfilmung wurde Dracula (Gary Oldman) so verletzlich gezeigt wie hier. Die Sehnsucht nach seiner verstorbenen Frau Elisabeta (Winona Ryder) und die Einsamkeit fressen ihn im wahrsten Sinne des Wortes auf. Sie berauben ihn all seiner Kraft, was sich vor allem in seinem Aussehen niederschlägt. Erst als er in London Harkers (Keanu Reeves) Verlobte Mina Murray (Winona Ryder) kennenlernt, die seiner verstorbenen Elisabeta bis aufs Haar gleicht, blüht der Graf auf. Regisseur Francis Ford Coppola gelang es, die historische Figur des Vlad Tepes überzeugend in Bram Stokers Story zu integrieren, zuvor hatte das lediglich Dan Curtis in seinem DRACULA (1974) glaubwürdig in Szene gesetzt.

Gary Oldman als Graf interpretiert dementsprechend seine schwere Rolle vollkommen anders als seine legendären Vorgänger. Geschickt wandelt er zwischen der klassischen Version des Grafen, die jeder von uns im Kopf hat, und einer modernen Version, der in Bram Stokers London die selbstbewusst und zielsicher am Puls der Zeit lebt. Alles zusammen ergibt es eine ungewöhnliche Geschichte über eine Liebe, die Jenseits von dieser Welt ist. Darum ist diese Verfilmung auch mehr ein Liebesdrama und Kostümfilm als ein wirklicher Horrorfilm, was nicht heißen soll, das es keinen Horror gibt. Coppola erlaubt sich zwar einige größere dramaturgische Abweichungen zu Stokers Roman, trotzdem zählt diese Version zu den werkgetreuesten Umsetzungen. Ganz sicher schuf Coppola mit seinem DRACULA eine ungewöhnliche, einzigartige und faszinierende Verfilmung, die bis heute ihresgleichen sucht. (SF)

Platz 7: THE SIXTH SENSE (1999)

Die Aussage: „Ich sehe tote Menschen!“ wurde mehrfach persifliert und kopiert z. B. in SCARY MOVIE (2000), und gehört mittlerweile zur Popkultur, wie auch M. Night Shyamalans Film THE SIXTH SENSE. Mit seiner dritten Regiearbeit erlangte der in Indien geborene Shyamalan internationale Anerkennung und Aufmerksamkeit, nicht nur bei Genre-Freunden. Zahlreiche Preise, darunter sechs Oscar-Nominierungen, und ein weltweites Einspielergebnis von ca. 670 Millionen US-Dollar machten den Film zu einem der erfolgreichsten Filme des Jahres 1999.

THE SIXTH SENSE ist gespickt mit allerlei Symbolik und Anspielungen in Richtung Religion und Tod, auch Farben spielen eine elementare Rolle, die Shyamalan zwar simpel aber äußerst wirkungsvoll platziert. Wer alles früh genug entschlüsselt, dem wird das Ende nicht weiter überraschen. Die Story ist stimmig und spannend aufgebaut, bis zum Ende. Die Handlung verläuft in ruhigen Bahnen, es wird sich für die einzelnen Charaktere Zeit genommen, parallel in zwei voneinander unabhängigen Geschichten: Zum einen beschäftigt sich der Hauptplot mit Cole und seiner überforderten Mutter, in der Nebenhandlung kümmert sich Shyamalan um das Leben des ehrgeizigen Kinderpsychologen Crowe und seiner Frau. Immer wieder überschneiden sich beide Storys, bis sie am Ende ein harmonisches und logisches Ende finden. Beide, sowohl Cole als auch Malcolm Crowe, sind auf ihrem langen Weg zur Erkenntnis und Erlösung aufeinander angewiesen. Beeindruckend ist vor allem die Leistung der Darsteller, allen voran Haley Joel Osment, der zum Zeitpunkt der Dreharbeiten gerade einmal zehn Jahre alt war. Doch auch Bruce Willis kann abseits seiner Actionfilme mit einer außergewöhnlichen Performance glänzen. Nach dem gigantischen Erfolg von Shyamalans Film folgte eine Flut ähnlicher Werke, die sich mit dem Thema beschäftigten. Die Bekanntesten dürften sicher Alejandro Amenábars THE OTHERS (2001), David Koepps ECHOES – STIMMEN AUS DER ZWISCHENWELT (STIR OF ECHOES, 1999) sowie DEAD END (2003) des Regieduos Jean-Baptiste Andrea und Fabrice Canepa sein. Neu ist der Twist am Ende allerdings nicht, man denke nur an Herk Harveys TANZ DER TOTEN SEELEN (CARNIVAL OF SOULS, 1962). (SF)

Platz 6: RING – DAS ORIGINAL (RINGU, 1998)

Im Zuge meiner #FluxChallange habe ich mich ausführlich mit RING – DAS ORIGINAL auseinandergesetzt. Für eine genauere Beschreibung und Analyse verweise ich auf diesen Artikel. Hier folgt eine kurze Inhaltsangabe:

Die Reporterin Asakawa Reiko (Nanako Matsushima) recherchiert nach einer Legende, die unter den Jugendlichen in der Stadt seine Runde macht. Es geht um ein Video, einmal gesehen, erhält derjenige kurz darauf einen Anruf, in dem ihm mitgeteilt wird, dass er nur noch sieben Tage zu Leben hat. Wie es scheint, hat Asakawas vor Kurzem verstorbene Nichte ebenfalls dieses Video gesehen. Die Spur führt die Reporterin zu einer Blockhütte bei Izu, in der sie das ominöse Video entdeckt. Nach der Sichtung der verstörenden Bilder bekommt auch Asakawa den mysteriösen Anruf. Zutiefst verängstigt bittet sie nun ihren Exmann Ryuji Takayama (Sanada Hiroyuki) um Hilfe. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, an dessen Ende Asakawas Tod auf sie wartet.

Hideo Nakatas Film basiert auf dem Roman „The Ring“ von Koji Suzuki aus dem gleichen Jahr. Nakatas fantastische Umsetzung für die Leinwand startete eine ganze Reihe von ähnlich gelagerten Geisterfilmen aus dem Land der Samurai und Ninja bis hin zu einer anschließenden Flut von Japan-Remakes aus den USA. Ab sofort waren grässliche, schwerfällige Frauen mit langen schwarzen Haaren und unheimlichen Kräften überall in diesem Genre zu finden. Ein Jahr nach RING startete schon die Fortsetzung RING 2 (RINGU 2) in den Kinos. Danach folgte RING 0 – BIRTHDAY (RINGU 0: BÂSUDEI, 2000). Daneben gibt es einige weitere Ring-Adaptionen für das Kino wie RASEN aka RING-SPIRAL (1998) oder das koreanische Remake THE RING-VIRUS (RING, 1999). Im Jahr 2012 startete ein neuer Ableger der Ring-Reihe mit SADAKO 3D, der weitere Folgen im Schlepptau führte. Was ganz sicher nicht fehlen durfte, war ein Crossover, im Stile vieler US-Produktionen, der die beiden bekanntesten japanischen Bösewichte aus RING und JU-ON: THE GRUDGE (2002) präsentierte, das auf den Namen SADAKO VS. KAYAKO (2016) hört. Bisher sind nur einige wenige dieser Produktionen außerhalb Japans erhältlich. (SF)

Platz 5: EVENT HORIZON-AM RANDE DES UNIVERSUMS (1997)

Manchmal spielt uns die erste Sichtung eines Films einen Streich. Vor allem, wenn man in jungen Jahren Filme sieht, schaut man nie genau hin und lässt sich zu gern von Effekten und Emotionen ablenken. EVENT HORIZON ist so ein Film, der einem beim ersten Sehen total umwirft, vor lauter Düsternis im Weltall, der Hölle aus einer anderen Dimension und seiner schlanken effektiven Geschichte, die nur eins will: dich in Angst versetzen. Aber wenn man über die Jahre viele weitere Filme schaut, lernt man genauer hinzusehen bzw. sich zu fragen, was uns die Story eigentlich lehren möchte. Es geraten so einige Risse in das jugendlich hochgelobte Ansehen dieses Science-Fiction-Horrorfilms von RESIDENT-EVIL-Regisseur Paul W. S. Anderson. Dennoch ist es einer der besten Horrorfilme in seinem Jahrzehnt. Aber zuerst reisen wir in die Zukunft, genauer gesagt ins Jahr 2047.

Die Menschheit breitet sich immer weiter in ihrem eigenen Sonnensystem aus. Erst der Mond, dann der Mars und ein Ende ist nicht in Sicht. 2040 schickt die Erde das Raumschiff „Event Horizon“, das mit Hilfe eines Gravitationsantriebs ein schwarzes Loch erzeugen kann, was dem Raumschiff ermöglicht, schneller als das Licht zu reisen. Die Grenze des eigenen Sonnensystems soll somit nicht mehr gelten. Das Schiff und die Crew werden nach ihrem ersten Testflug nie wieder gesehen bis es sieben Jahre später in der Atmosphäre des Planeten Neptun wieder auftaucht. Das Bergungsschiff „Lewis & Clark“, allem voran Captain Miller (Laurence Fishburne), bricht widerwillig an den Rand der bekannten Planeten auf, um die verschollene Crew, wie auch die wertvolle Technik zu retten. Sie haben den Wissenschaftler Dr. William Weir (Sam Neill) an Board, der die Event Horizon konstruiert hat. Dr. Weir bringt schon ein paar eigene psychologische Besonderheiten mit auf die Reise. Dass die Event Horizon sieben Jahre aus der Dimension des Chaos zurückkehrte, macht die „Rettungsmission“ nicht gerade leicht. Stellt sich nur noch die Frage, ob das Böse an Bord gekommen ist oder dort erst grausame Nahrung fand.

In den 1990er Jahren hatte man das Gefühl, dass die Filmemacher mit dem Christentum noch ein Hühnchen zu rupfen hatten. Vielleicht lag es auch an dem nahenden Ende der Welt, wenn in der Jahresrechnung auf einmal eine Zwei ganz vorn steht. So finden sich in diesem Jahrzehnt einige Filme, die sich mit dem westlichen Glauben auseinandersetzen: STIGMATA (1999), END OF DAYS (1999) oder IM AUFTRAG DES TEUFELS (1997), um nur ein paar zu nennen. Aber im Science-Fiction-Film war die Verhandlung mit der christlich geprägten Religion noch ausbaufähig, bis die EVENT HORIZON durch die Kinos flog und alle in Angst und Schrecken versetzte. Zugegeben ALIEN (1979) ist auch mehr Horror als Science-Fiction, aber die Angst vor einer anderen Dimension in der nur Chaos herrscht, das schaffte erst Paul W. S. Anderson mit diesem Film. Die Crew wird Stück für Stück, im wahrsten Sinne des Wortes, auseinandergenommen und Dr. Weir fällt in die Schizophrenie des Wahnsinns. Die Raumschiffe und das Setdesign ist dank Modellbau grandios und sieht immer noch bedrohlich aus. Vor allem bei der Brücke der Event Horizon haben sich wahre Künstler (Produktionsdesign: Joseph Bennett und Set Dekoration: Crispian Sallis) verewigt. Die Wände erinnern mit den Säulen an die Gruft einer Kathedrale, welche scheinbar mit Ritterrüstungen beplankt wurden. Auch das Fenster in Form eines Kreuzes bringt religiösen Kontext. Die immer wieder aufblitzenden Momente aus menschlichen, blutigen Orgien, der verschollenen Crew bringen jedes Verständnis der Hölle auf eine neue Ebene.

EVENT HORIZON ist effektiver Science-Fiction-Horror in vollendetem Design. Es stört im Nachklang aber die Aussage des Films, denn hier wird astronomischer Entdeckergeist durch die Angst auf höllisches Chaos am Rand unseres Sonnensystems verteufelt. Oder wie eine Zeile im Drehbuch so treffend sagt: „Sie brechen die Gesetze der Physik und denken sie kommen damit davon?“ Aber das Grundübel ist wohl schon im Menschen vorhanden und hier findet das Böse aus einem Paralleluniversum dankend einen Nährboden. (CM)

Platz 4: DAS SCHWEIGEN DER LÄMMER (THE SILENCE OF THE LAMBS, 1991)

Ein Horrorfilm? Ein Psychothriller? Sicherlich beides. Jonathan Demmes virtuose Adaption von Thomas Harris’ gleichnamigem Roman (1988) ist die zweite von insgesamt fünf Kinogeschichten (plus TV-Serie) um den aus der Popkultur nicht mehr wegzudenkenden Psychiater und Gourmet-Kannibalen Hannibal Lecter. Demmes Verfilmung, die so ikonisch und stilbildend für das Kino der 1990er Jahre war, macht zwei ganz entscheidende Dinge, die ihn bis heute – und wohl für immer – als unsterblichen Klassiker des Kinos gelten lassen.

Erstens: die generelle Umsetzung der Romanvorlage und die gesamte Bild- und Tongestaltung (Oscars „Bester Film“, „Beste Regie“ und „Bestes adaptiertes Drehbuch“). In entseelt-trüben Bildern betreten wir an der Seite von FBI-Agentin Clarice Starling (Jodie Foster) die Welt des Films. Durchgängig entziehen Demme und sein leitender Kameramann Tak Fujimoto den Bildern die Farben. Alles wirkt so hoffnungslos trist und grau. Der größtenteils filigrane, auch dissonante Score von Howard Shore darf hierzu als passende Ergänzung gesehen werden, nicht zuletzt wenn er doch noch ein dezent melodisches Titelthema in unser Gehör bringt, das dem Film die nötige Prise Orientierung verleiht. Ansonsten gilt der unmittelbare Blick, ein Sturz ins kalte Wasser – einfach fulminantes, unmittelbares Kino der Bilder. In seiner Einführung zum Dekaden-Band „Filme der 90er“ (Taschen) schreibt Herausgeber Jürgen Müller u. a. über „unsichtbare“ und „implodierende“ Bildern, dabei aber immer auch über Bilder von großer visueller Kraft. Das lässt sich nicht erst auf das im extremen Hell-Dunkelbereich vollzogene Finale zwischen Nachtsichtästhetik und Parallelmontage anwenden. Vielmehr gilt die gesamte Ausarbeitung der filmischen Topographie von DAS SCHWEIGEN DER LÄMMER mithilfe sorgfältig konzipierter Kameraeinstellungen und -bewegungen in, aus und durch Räume hindurch. Starling, bereits zu Beginn als einzige Frau zwischen ihren männlichen FBI-Kollegen im Fahrstuhl zu sehen, beschreitet auch fortan einen zutiefst unsicheren Weg in einer Welt voller Männer jeglicher Ausprägung. Die Fallsuche – sowie persönliche Sinnfindung – nach dem Killer vollzieht sich entlang von verschiedenen örtlichen Etappen, körperlich und seelisch: ein morbides Labor, riskante, dunkle Seitenwege, eine Sumpflandschaft, in der man den Tod förmlich riecht oder die „Festung“ von Buffalo Bill, wie der Frauenmörder Jame Gumb (Ted Levine) im Film tituliert wird. Und nicht zuletzt die unvergesslichen Gespräche mit dem assistierenden Bösen in Menschengestalt: Anthony Hopkins in der Rolle seines Lebens als der gefährliche, da hochintelligente Dr. Hannibal Lecter.

Als „allgegenwärtiger Blick“ wurden insbesondere die Dialoge zwischen Lecter und Starling in den wohldosierten – gleichwohl perfekt gespielten – Gefängnisszenen umschrieben. Diese augenscheinlichen Zwischenstationen, die Starling lediglich zur Unterstützung ihres Falls dienen sollen, entwickeln sich recht bald zu den eigentlichen Höhepunkten des Films. Das ist der zweite, entscheidende, Punkt dieses Films, die keine Adaption davor und danach so gelungen umsetzen konnte (weder Michael Manns durchaus stilvoller MANHUNTER aus dem Jahr 1986 noch die Fortführung bzw. Rückblende HANNIBAL und ROTER DRACHE). Demme visualisiert den teuflischen Pakt zwischen der Ordnungshüterin und dem Menschenmonster Dr. Lecter wiederholt in direktem Blickkontakt. Die Augen des berüchtigten Inhaftierten bohren sich tief in die seiner Gegenüber ein – beider Blicke wiederholt direkt auf die Kamera und somit auf die Zuschauenden gerichtet – und dessen scharfsinniger wie finsterer Geist setzt sich somit unumkehrbar in die Gedanken der Polizistin fest. Die Dynamik dieses überaus reizvollen Psychospiels fußt auf geradezu kindlicher Neugier: zeigst du mir deins, zeig ich dir meins. Lecter drückt es entsprechend bildungssprachlich aus, meint aber genau das: „Quid pro quo, Agent Starling!“ Mit diesem zweiten „Killer im Kopf“ wird für die junge, aufstrebende Frau die Wahrheitsfindung, der Weg ins Licht, immer schwieriger. Die perfekt choreografierten Dialoge inmitten von Trennwänden aus Sicherheitsglas überwinden die physische Grenze auf bildsprachlicher Ebene komplett. Starling und Dr. Lecter befinden sich – und wir mit ihnen – in ein und demselben Raum, der sich als beklemmender und zutiefst intimer Ort der Gedanken entfaltet. Die Geschichte um die „schreienden Lämmer“ und die daraus resultierenden Zeichnungen – Huldigungen des Täters Lecter an sein ganz persönliches Opfer Starling – wirken gemäß Thomas Elsaesser als „eine Art gnostische Parabel“ (Elsaesser: Hollywood Heute, 2009, S. 141).

Es ist richtig zu insistieren, DAS SCHWEIGEN DER LÄMMER sei mehr Thriller als Horror. Doch vermittelt die ikonische Präsenz um Hannibal Lecter, dessen schiere Gegenwärtigkeit, geradezu allgemeingültige Qualitäten des Schreckens, die gegenüber denen von zumeist phantomhaften Killern im Horrorkino zuvor um ein Vielfaches potenziert wirkten. Dieses Menschlich-Monströse lehrte alle Zuschauer auf der Welt nachhaltig das Fürchten. Hannibal Lecter war die fulminante Einlösung des Versprechens aus den NIGHTMARE-Filmen wenige Jahre zuvor: der Alptraum, der einen nicht mehr loslässt. Anthony Hopkins, das ist weitgehend bekannt und soll nur noch einmal die Intensität seiner Rolle an diesem Werk abschließend betonen, zog während der Dreharbeiten keine Grenze zwischen Method Acting und Privatleben: Jodie Foster bekam auch abseits des Sets große Angst vor ihm und seine Frau ließ sich in dieser Zeit von ihm scheiden. Näher können fiktiver und realer Horror beim Film wohl kaum beieinander liegen. (SJ)

Platz 3: MISERY (1990)

Nach dem Coming-of-Age-Drama STAND BY ME (1986) bewies Rob Reiner (HARRY UND SALLY, 1989) erneut, worauf es bei einer Stephen King-Verfilmung ankommt: Werktreue im Sinne des Autors. Mit MISERY (1990) kam der Mitbegründer der Filmproduktionsfirma Castle Rock Entertainment (benannt nach dem Hauptspielort in Kings Romanen) dem Menschen hinter der Marke „King of Horror“ näher als alle bisherigen Versuche, die intensiven Worte des Bestsellerautors für die Kinoleinwand adäquat zu adaptieren. Denn der fast körperlich spürbare Terror von Kings Sprache ist für Reiner und seinen Autor William Goldmann (DIE BRAUT DES PRINZEN, Drehbuch nach seinem eigenen Roman) lediglich natürlicher Ausbruch nicht gelöster Konflikte tief im Inneren des Menschen Stephen King. Statt einem oberflächlichem Selbstzweck-Torture-Porn folgen wir hier einer aus sich selbst herausentwickelnden, fast autobiografischen Dramaturgie Kingscher Abgründe. Anders als z. B. Stanley Kubrick für THE SHINING (1980), dessen Erzähl- und Handlungselemete fast grundmotivisch in MISERY gespiegelt werden, hat Reiner keine ichbezogenen Ambitionen besser sein zu wollen als die literarische Vorlage. Er fühlt sich, wie bei seinen bisherigen Regiearbeiten, ganz dem Geist des Autors verpflichtet. Mithilfe herausragender Schauspielführung und einem schmerzhaft stimmigen Drehbuch ist seine weitestgehend unaufgeregte Inszenierung ein Musterbeispiel wie aus Literatur adäquate Filmkunst werden kann.

Paul Sheldon (James Caan) ist erfolgreicher Autor einer historischen Frauenromanreihe um die Titelheldin Misery. Sehr zum Leidwesen seiner Verlegerin Marcia (Lauren Bacall) hat er gerade die Serie durch den Tod der Hauptfigur beendet, um sich künstlerisch weiterentwickeln zu können. Für einen komplett eigenständigen, neuen Roman zieht sich Sheldon in die Abgeschiedenheit der Bergwelt von Colorado (!) zurück. Wie schon bei seinem fiktiven Schriftstellerkollegen Jack Torrance in THE SHINING wird sein Rückzug in dieses Handlungssetting zu einer schicksalhaften Begegnung mit den Geistern seiner Vergangenheit. Während der eine seinen eigenen Dämonen in die Hände fällt, landet Sheldon auf den starken Schultern einer alleinstehenden, schrulligen Frau. Ein nächtlicher Autounfall im Schneegestöber bringt ihn und Annie Wilkes (Kathy Bates) zusammen. Ausgerechnet der größte Fan seiner Misery-Serie findet den schwerverletzten Paul halberfroren im Schnee. Ab jetzt kümmert sich die ehemalige Krankenschwester aufopferungsvoll um ihren Lieblingsautor. Doch ihre anfängliche Freude verwandelt sich nach und nach in fanatischen Hass gegenüber ihrem Idol. Zunächst missfällt ihr sein neuer Roman, den er, traditionell in nur einer Kopie, vor seinem Unfall auf einer Schreibmaschine fertig gestellt hat. Als sie dann während der Lektüre des aktuellen Misery-Romans vom Tod ihrer geliebten Romanheldin erfährt, hat Paul nichts mehr zu lachen. Sie zwingt ihn mit Folter die verstorbene Heldin ihrer heilen Scheinwelt in einem weiteren Misery-Band wieder auferstehen zu lassen. Ab jetzt tippt Sheldon nicht nur um das Leben seiner Romanfigur, sondern auch um sein eigenes. Nur eine alte Schreibmaschine kann sein Martyrium beenden.

Mit MISERY erleben wir nicht nur eine der stimmigsten Verfilmung eines Stephen King Romans, sondern auch einen erwachsenen, fast schon analytischen Blick auf das Genre Horrorfilm. Das vormals monströse und überhöhte Böse durchdringt die Wand zwischen mystischer Abstraktion und konkreter Alltagsrealität. Das sichtbare Grauen wandert von den Klauen untoter Zwischenwesen in die Hände einer einfachen Frau. Durch sie wendet sich das traditionelle Blatt zwischen gewalttätiger Männlichkeit und weiblicher Unschuld. Eine Unschuld, welche sich von der Oberfläche einer sexualisierten Weiblichkeit befreit. Hier sehen wir das Gegenteil einer schützenswerten Männerfantasie. Statt nackter, makelloser Haut, die vor Bissen, Stichen und Zerfetzung gerettet werden muss, darf hier das Weibliche mit Übergewicht und Wickelrock selbstbestimmt einer männlichen Schöpfungsallmacht entgegentreten. In MISERY begegnen wir ihr in der Figur einer untersetzten, alleinstehenden Mittvierzigerin als Typus „liebenswerte Altjungfer“. Sie rächt sich für die ihr bis dato zugedachte Rolle einer zu oft übersehenen Dauerkonsumentin von extra für sie von Männern entwickelten Sehnsuchtsprodukten. Gleichzeitig erleben wir den Mann als tragisches Opfer seiner selbstbewussten Entscheidungen. Die sicher geglaubte Souveränität des allseits bewunderten Machers zerbricht im wahrsten Sinne des Wortes an der Rebellion verletzter Weiblichkeit. Hausfrau quält Supermacho. Entgegen Stephen Kings eigenem Empfinden hätte für diese Rolle kaum ein Darsteller passender gewählt sein können als der (!) He-Man der 70er und früher 80er Jahre: Mr. ROLLERBALL (Norman Jewison, 1975) und DER EINZELGÄNGER (Michael Mann, 1981), aka „Sonny“ aus DER PATE (1972), James Caan. Einer der maskulinsten und körperlichsten Helden seiner Zeit wird hier zu Kathy Bates (DOLORES, 1990) bewegungsunfähigem Spielball ihrer Rache. So grausam das sich daraus entwickelnde Geschehen, so befreiend die Neuausrichtung typischer Rollenmuster. Die Emanzipation des Horrorfilms? MISERY zeigt gleichzeitig den ewigen Kampf der Geschlechter, sowie die finale Konfrontation zwischen Autor und Leser, zwischen Künstler und Konsumenten. Ein mehrdeutiges Kammerspiel des Grauens. MISERY ist die bislang einzige King-Verfilmung mit einer Oscar-Auszeichnung: Kathy Bates als Beste Hauptdarstellerin. (AU)

Platz 2: DIE MÄCHTE DES WAHNSINNS (IN THE MOUTH OF MADNESS, 1994)

John Carpenters „apokalyptische Trilogie“, bestehend aus DAS DING AUS EINER ANDEREN WELT (THE THING, 1982), DIE FÜRSTEN DER DUNKELHEIT (PRINCE OF DARKNESS, 1987) und eben DIE MÄCHTE DES WAHNSINNS, fand hier seinen Abschluss. Gleichzeitig gab es einen Bruch in Carpenters Schaffen. Alles, was folgte, erreichte nicht mehr die herausragende Klasse seiner vorherigen Werke: DAS DORF DER VERDAMMTEN (VILLAGE OF THE DAMNED, 1995), FLUCHT AUS L.A. (ESCAPE FROM L.A., 1996), JOHN CARPENTERS VAMPIRE (VAMPIRES, 1998), GHOSTS OF MARS (2001) und THE WARD (2010) waren, für Carpenter untypisch, nur von eher durchschnittlicher Qualität. Lediglich seine zwei Folgen für die MASTERS OF HORROR-Reihe (2005-2006) erreichen das Niveau seiner früheren Werke.

Der berühmte Horrorautor Sutter Cane (Jürgen Prochnow) ist nach der Veröffentlichung seines letzten Romans verschwunden. Sein Verleger Jack Harglow (Charlton Heston) engagiert den Privatdetektiv John Trent (Sam Neill), den vermissten Autor wiederzufinden. Trent findet eine Spur, die auf ein abgeschiedenes Dorf namens Hobb’s End hindeutet. Dort glaubt er Cane zu finden, da dieser Ort immer wieder in seinen Büchern Verwendung findet. Zusammen mit Canes Lektorin Linda Styles (Julie Carmen) macht er sich auf den Weg. Doch was sie am Ziel erwartet, übersteigt ihre kühnsten Fantasien.

Das Hotel in Hobb’s End hat den Namen „Pickman Hotel“ und ist eine Anspielung auf H. P. Lovercrafts Story „Pickmans Modell“ aus dem Jahre 1926. Doch nicht nur der Name verweist auf den bekannten US-Autor, der ganze Film ist eine erstklassige Hommage an Lovecrafts Werk und seinem „Kosmischen Grauen“ in Gestalt des großen Cthulhu. Der Film wurde in zwei Kategorien für den Saturn Award nominiert und Carpenter bekam den Kritikerpreis des „Festival Internacional de Cinema do Porto“. Trotz allem war DIE MÄCHTE DES WAHNSINNS an den Kinokassen ein Flop, er spielte lediglich 9 Millionen US-Dollar ein, bei einem Budget von ca. 14 Millionen US-Dollar. Kritiker wie auch Kinobesucher waren mit Carpenters neuestem Werk weitestgehend überfordert. Die mehr als verdiente Anerkennung stellte sich erst mit der Auswertung auf Video und DVD ein. DIE MÄCHTE DES WAHNSINNS ist ein scheinheiliges Biest, dass nur darauf lauert, seinen unbedarften Zuschauer in der Luft zu zerreißen. (SF)

Platz 1: JACOB’S LADDER – IN DER GEWALT DES JENSEITS (1990)

Mit JACOB’S LADDER demonstriert Regisseur Adrian Lyne eindrucksvoll, dass ein Horrorfilm viel mehr sein kann als der Großteil der blutigen Masse, der immer wieder heftig kritisiert und gebrandmarkt wird. Im Zuge der Neuauflage im Jahre 2020 in Form eines edlen Mediabooks haben wir uns schon ausführlich darüber unterhalten. Darum gibt es hier nur eine kurze Inhaltsangabe:

Vietnam-Veteran und Postbote Jacob Singer (Tim Robbins) lebt in New York. Schreckliche Visionen seiner Kampfeinsätze in Vietnam plagen ihn Tag wie Nacht. Diese Visionen schleichen sich mehr und mehr in sein Leben und verändern seine Umwelt wie auch die Menschen um ihn herum. Selbst seine Freundin Jezebel (Elizabeth Pena) erscheint Jacob plötzlich fremd. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vermischen sich mehr und mehr, die Halluzinationen werden schließlich zur Gefahr für sein Leben. Eines Tages wird er von einem ehemaligen Chemiker der US-Armee angesprochen, der ein illegales Drogenexperiment mit Jacobs Hilfe aufdecken will, das während seiner Dienstzeit in Vietnam an Jacobs Einheit durchgeführt wurde.

Doch das ist nur ein Teil einer möglichen Wahrheit und seine Reise durch die Hölle hat gerade erst so richtig begonnen. In kunstvollen, teils mystischen Bildern, gleich einem alkoholgeschwängerten Fiebertraum, sehen wir Jacob Singer im Kampf um nichts Geringeres als seine Seele. Das einsame Ringen, das jeder von uns tagtäglich vollführt, zwischen Gut und Böse, Wahnsinn und Erkenntnis, Leben und Tod. Misshandelt von seinen eigenen Wünschen und den finsteren Kreaturen einer unbekannten Dimension. Oder wie mein Kollege Andreas kürzlich meinte: „JACOB’S LADDER versucht dem Thema Trauma/Wahnsinn eine bildhafte Entsprechung zu entfesseln“. Besser kann es nicht in einem Satz zusammengefasst werden. (SF)

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< Die besten Horrorfilme der 80er Jahre

 

2 Gedanken zu „Die besten Horrorfilme der 90er Jahre“

  1. Hallo,
    ich liebe alle Best of Film Horror Listen von Stefan F oder Stefan J :).
    Habe alle gelesen und wollte fragen, ob auch noch die beiden Best of Listen
    „Die besten Horrorfilme der 2000er“ und „2010er“ verfasst bzw. veröffentlicht werden. Würde mich sehr über Rückmeldung, in welcher Form auch immer, freuen.
    Viele Grüße
    Jon

    1. Hallo Jon,
      zuerst einmal vielen Dank für Deine lobenden Worte. Ja, die Arbeit an den Listen für die Jahre 2000 und 2010 haben schon begonnen.

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