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Die besten Horrorfilme der 2010er Jahre | Platz 30 – 16

Die besten / wichtigsten Horror-Filme der Jahre 2010-2019

Willkommen bei einer neuen Ausgabe unserer beliebten „Best-of-Horrorfilm-Reihe“.

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Mit einem lachenden und einem weinenden Auge präsentieren wir heute das vorläufig letzte „Horror-Best-of“. Über mehrere Jahre hinweg haben wir mit unermüdlichem Einsatz für euch immer die besten Filme aus einem mittlerweile fast schon unübersichtlichen Angebot herausgefiltert. Viel Arbeit war es und hat auch einige Nerven gekostet. Erneut haben sich unsere Autoren zusammengefunden und die für uns überzeugendsten und spannendsten Filme unseres Lieblingsgenres herausgefiltert, sortiert und kommentiert. Doch wie immer erst ein schneller Überblick, was so in dieser Dekade alles auf unserem Planeten passierte: Da wir uns sicherlich noch alle sehr gut an die letzten Jahre erinnern, werde ich die Ereignisse in verkürzter Form ausführen. Zu Beginn dieses Jahrzehnts wütet noch immer die Staatsschuldenkrise im Euroraum. Fast gleichzeitig beginnen Aufstände in Nordafrika sowie Vorderasien, was später als „Arabischer Frühling“ in die Geschichte eingeht. Im Zuge dessen bekommen Länder wie Ägypten, Libyen und der Jemen neue Staatsoberhäupter. Lediglich in Syrien beginnt ein Stellvertreterkrieg, der bis zum heutigen Tage andauert. Eine weitere weltweite Bedrohungslage ist weiterhin der Islamische Staat mit seinen zahlreichen Terroristen, die ihre Anschläge gegen unschuldige Zivilisten durchführen: Man denke nur an Frankreich, Großbritannien, Belgien, Spanien, Dänemark und auch Deutschland. Durch diese fortwährenden Bedrohungen beginnen viele Menschen gerade aus dem Afrikanisch-Arabischen-Raum nach Europa zu flüchten. Diese Flüchtlingswelle führt zum einen zu weiteren Problemen und Spannungen in der europäischen Gesellschaft, zum anderen erfolgt eine Erstarkung rechtspopulistischer sowie extremistischer Parteien, was sich sogar bis in die USA auswirkt. Denn dort wird der Rechtspopulist Donald Trump in den Jahren von 2017 bis 2021 zum Präsidenten gewählt.

Fahrenheit 11/9 Filmkritik
Fahrenheit 11/9 © Midwestern Films LLD

Doch das waren nur einige der schwelenden Konflikte weltweit. Zu erwähnen wäre noch der Atomstreit mit dem Iran, der anhaltende Korea-Konflikt, der Einmarsch russischer Truppen in die Krim, der Brexit (der Austritt von Großbritannien aus der EU) oder auch der wirtschaftliche Aufschwung Chinas. Die beiden letzten Jahre in diesem Jahrzehnt waren zusätzlich zu all den beschriebenen Problemen durch eine extreme Hitzewelle in weiten Teilen Europas geprägt. Die Gletscherschmelze nahm weiter zu und es gab zudem einen weltweiten Anstieg des Meeresspiegels. Das Jahrzehnt gilt bis dato als das heißeste in den bisherigen Aufzeichnungen. Zu guter Letzt wird wohl niemand von uns vergessen, dass uns in Deutschland gegen Ende des Jahres 2019 die COVID-Pandemie erreichte, die uns bis heute beschäftigt. Auf technischer Seite setzen sich vermehrt Smartphones wie auch Tablets in allen sozialen Schichten vieler Länder durch, was mehr und mehr den Bedarf an stationären Computern ins Abseits drängt. Im Zuge dessen werden soziale Netzwerke wie Facebook oder Twitter immer beliebter und es gibt kein Thema, was dort nicht diskutiert wird. Je kontroverser, brutaler oder radikaler, desto mehr Likes und Kommentare. Messaging-Dienste wie Instagram, Snapchat, Tumblr und auch WhatsApp finden ebenfalls eine weite Verbreitung. Doch auch die ersten YouTuber, Blogger und Influencer traten in Erscheinung. Ebenfalls im Aufwind befanden sich Anbieter von Streaming-Diensten.

© Netflix

Der Platzhirsch Netflix erhielt scharfe Wettbewerber mit den Diensten von Amazon Prime und Apple TV. Sie festigten sich schnell als alternatives Konsummodell, vorwiegend für junge Leute, von TV und Kinofilmen sowie Serien und traten in Konkurrenz zum klassischen Fernsehen. Die wiederum reagierten auf die Herausforderer und einige richteten prompt eigene Online-Mediatheken ein, über die zuvor gesendeten Inhalte bequem jederzeit abgerufen werden konnten. Erfolgreiche Serienproduktionen aus dieser Dekade sind beispielsweise BREAKING BAD (2008-2013), GAME OF THRONES (2011-2019), HANNIBAL (2013-2015), HOUSE OF CARDS (2013-2018), THE BIG BANG THEORY (2007-2019), AMERICAN GODS (2017-), THE WALKING DEAD (2010-) und nicht zu vergessen AMERICAN HORROR STORY (2011-). Auch im Kino gab es in den Jahren vor Corona noch so Einiges zu sehen: Die französische Komödie ZIEMLICH BESTE FREUNDE (INTOUCHABLES, 2011) oder die Tragikomödie GREEN BOOK (2018) etwa, die 2019 auch mit dem Oscar ausgezeichnet wurde. Oder die grandiose Komödie BIRDMAN (2014) mit Michael Keaton, der ebenfalls ein Jahr später den Oscar bekam.

Foto von Thierry Valletoux © Gaumont

Weiterhin erlebten wir das Ende von Christopher Nolans gigantischer BATMAN-Trilogie mit THE DARK KNIGHT RISES (2012), erneut mit Christian Bale als Batman. Zwei James Bond-Filme mit Daniel Craig SKYFALL (2012) und SPECTRE (2015) sowie Christopher Nolans Science-Fiction-Meisterwerke INCEPTION (2010) und INTERSTELLAR (2014). Weiterhin sehr sehenswert und äußerst amüsant war Quentin Tarantinos Western-Epos THE HATEFUL EIGHT (2015) mit einem umwerfenden Kurt Russell. Auch wenn die Schlagzeilen in diesen Jahren hauptsächlich von diversen Marvel-Verfilmungen (die fraglos mit zum Besten gehörten, was in dieser Richtung bisher produziert wurde, doch hier nicht weiter aufgezählt werden sollen) bestimmt wurden, gab es im Horror-Genre ebenfalls einige interessante Entwicklungen. Neben den üblichen langweiligen Teenie-Geistergeschichten mit Jump-Scares am Fließband fanden vor allem Hexen und Exorzisten reißenden Absatz.

Samuel Jackson am Set von HATEFUL 8 Tarantino Tom Shone
©Alamy/Photo 12//Knesebeck Verlag

Zwei neue Stilrichtungen etablierten sich in dem hier besprochenen Zeitraum. Mitte des Jahrzehnts entstand eine Form von Film, der die Social Media-Anbieter in seinen Handlungen integrierte. Filme, deren Story zu großen Teilen oder auch komplett am PC oder Laptop abliefen. Besonders im Focus stand dabei natürlich Facebook aufgrund seiner Möglichkeiten der ungehemmten Vernetzung. Es entstanden Filme wie UNKNOWN USER (UNFRIENDED, 2014), UNFRIEND (FRIEND REQUEST, 2016), UNKNOWN USER 2: DARK WEB (UNFRIENDED: DARK WEB, 2018), SEARCHING (2018) oder UNFRIENDED: PROXY (2020). Alle mit naiven, selbstverliebten und arroganten Teenies ausstaffiert, die meinten, sie könnten sich alles erlauben und wären die Könige der Welt. Doch im Grunde kann man diese Filme darauf herunterbrechen, dass sie nichts weiter als schlechte Neuinterpretation japanischer Techno-Geister sind, die uns schon zu Beginn der 2000er das Fürchten lehrten. Gerade solche Streifen wie UNFRIEND, die nur eine andere Form von Sadakos Story aus RING – DAS ORIGINAL (RINGU, 1998) darstellen, sind das beste Beispiel. Die mysteriöse Videokassette wird mit Facebook getauscht, alles andere ist bekannt und schon seit langer Zeit etabliert. Damals euphorisch in den Himmel gehoben, ich zitiere gerne das Magazin Deadline: „So und nicht anders muss Horror im Jahre 2016 aussehen.“ Wie gut, dass die meisten Filmemacher und Produzenten nicht auf diesem Zug aufsprangen und uns weitere Trauerspiele dieses fragwürdigen Teenie-Horrors bis heute erspart haben.

UNKNOWN USER (2014) // © Universal Pictures

Der zweite Newcomer drängte gegen Ende des Jahrzehntes mit aller Macht auf den Markt, die sogenannten Escape-Filme. Der Escape Room ist ein thematischer Raum, in dem eine Anzahl von Spieler in einer vorbestimmten Zeit unterschiedliche Rätsel lösen müssen, um den Raum wieder verlassen zu können. Ziel des Spiels ist es, die Gruppe von Spielern zur Zusammenarbeit zu bewegen, um alle Rätsel erfolgreich abzuschließen und den Ausgang zu finden. Das Ganze erinnert immer wieder an eine Variante des erfolggekrönten CUBE (1997) von Vincenzo Natali. Der bisher bekannteste Film dürfte der durchaus ansehnliche ESCAPE ROOM (2019) von Adam Robitel sein, der im Jahr 2021 eine Fortsetzung mit ESCAPE ROOM 2: NO WAY OUT bekam. Davor gab es schon etliche diverse TV-Serien und Kurzfilme wie auch einige Spielfilme. Und um die Verwirrung weiter zu steigern, hatten die auch noch alle den gleichen Titel wie Peter Dukes ESCAPE ROOM (2017) oder Will Wernicks Version mit genau dem gleichen Titel aus demselben Jahr. Mit einem ähnlichen Titel startete der TV-Spielfilm NO ESCAPE ROOM (2018) von Alex Merkin oder die italienisch-russische Koproduktion QUEST OF FEAR aka ESCAPE ROOM: QUEST OF FEAR (2018). Im Gegensatz zu den Social Media-Filmen ist das Subgenre der Escape-Filme noch in Bewegung und es ist mit weiteren Produktionen zu rechnen.

ESCAPE ROOM (2019) © Sony Pictures

Der Slasher hingegen präsentierte sich in dieser Dekade etwas zurückhaltender, was nicht unbedingt sein Stil ist. Über das unsägliche HALLOWEEN-Reboot (2018) bzw. Neustart oder was auch immer lasse ich mich hier lieber nicht aus. Abseits der millionenschweren, seelenlosen Mainstream-Produktionen gab es das ein oder andere Filmchen, das selbst den erfahrensten Slasher-Freund durchaus zu überraschen verstand. Etwa der niederländische Geister-Slasher THE WINDMILL MASSACRE (THE WINDMILL, 2016) oder die US-Produktion PITCHFORK (2016), die sehr interessante Ansätze offenbarten und Lust auf mehr machten. Daneben gab es weitere solide Kandidaten mit Potenzial wie MADISON COUNTY (2011), PINUP DOLLS ON ICE (2013) oder THE FINAL GIRLS (2015). Vergessen wollen wir nicht die erste Slasher-Serie, die 2016 mit SLASHER ihren Anfang nahm. Im Jahr 2017 folgten mit SLASHER: GUILTY PARTY die zweite und mit SLASHER: SOLSTICE die dritte Staffel. Laut IMDb erschien 2021 bereits Staffel 4 und wie es scheint, wird es auch noch eine fünfte Staffel geben. Ob die allerdings bei uns über die Bildschirme flimmern werden, bleibt abzuwarten.

© justbridge entertainment GmbH

Neben weiteren zahlreichen überraschenden sowie ungewöhnlichen Produktionen aus aller Welt tat sich ganz besonders ein Land in dieser Dekade in unserem Lieblingsgenre hervor: Deutschland. Kaum zu glauben, aber so steht es geschrieben. Der Horrorfilm lebt wieder, auch in unserem engstirnigen, von „Political Correctness“ durchzogenem Land gab der Horror neue Lebenszeichen von sich. Filme wie DIE FARBE (2010) nach H. P. Lovecrafts Kurzgeschichte „Die Farbe aus dem All“, das Vampir-Drama WIR SIND DIE NACHT (2010), MASKS (2011) oder auch der sehr kontroverse RAMMBOCK (2010) überraschten. Doch das war noch lange nicht alles, denn sogar in der Science-Fiction wagten sich unsere Filmemacher vor und überzeugten dort ebenfalls mit Produktionen wie HELL (2011), S.U.M. 1 (2017) und LOCKDOWN – DIE STUNDE NULL (2017). Doch gerade das Horror-Genre wurde in dieser Dekade neu entdeckt, denn es folgten weitere außergewöhnliche Werke: DER LETZTE ANGESTELLTE (2010), TRUE LOVE WAYS (2014), DER BUNKER (2015), DER NACHTMAHR (2015), die Anthologie GERMAN ANGST (2015), IMMIGRATION GAME (2017) dem Slasher SCARS OF XAVIER (2017) oder gar dem Horrordrama DER GOLDENE HANDSCHUH (2019). Es geht wieder aufwärts im Land von Nosferatu und Co. Bleibt zu hoffen, dass es mehr als nur ein kurzes Strohfeuer war.

HELL (2011)

Beschließen möchte ich diese Einführung mit zwei meiner absoluten Lieblingsfilme aus jener Dekade, die aber nicht mehr so richtig zum Horrorgenre gehören und darum keinen Einzug in unsere Listen erlangten. Jedoch unerwähnt sollen sie nun auch nicht bleiben, da ein klein wenig Horror sicherlich auch dort zu finden ist. Als Erstes die unglaubliche und einmalige Action-Komödie GOD BLESS AMERICA (2011), Regie führte Bobcat Goldthwait. Wer auf rabenschwarzen Humor ohne Grenzen steht, findet hier die Offenbarung, anders kann ich es nicht sagen. Ein wahnsinniger Trip durch Amerika, bei dem endlich all die Arschlöcher dieser Welt ihr Fett so richtig blutig weggeschossen bekommen. Dagegen sehen Filme wie DER BLUTIGE PFAD GOTTES (THE BOONDOCK SAINTS, 1999) oder auch PULP FICTION (1994) lächerlich harmlos aus, auch wenn das jetzt nicht jedem gefallen wird. Der zweite Streifen ist ein echter Geheimtipp, da er bis heute gerne vergessen wird, warum auch immer: Es handelt sich um THE INVITATION (2015), Regie führte hier Karyn Kusama. Diesen Film in ein Genre einordnen zu wollen fällt sehr schwer. Am ehesten würde es als Psycho-Drama durchgehen. Action und Horror wird erst in den letzten Minuten richtig präsent, dann aber wie ein Dampfhammer. Davor sollten die Zuschauer sehr genau auf die Personen und ihre Dialoge achten, denn dort lauert das echte Grauen und bereitet uns auf das vor, was noch folgt. Zwei Filme, die ich jedem bedenkenlos empfehlen kann.

Wie immer so auch diesmal: Die nachfolgende Auflistung erhebt keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit, sie soll lediglich anhand der wichtigsten Filme die Entwicklung des Horrorfilms verdeutlichen. Zudem ist die Reihenfolge nicht zwingend als „in Stein gemeißelt“ zu verstehen.

 

Platz 30: HOUNDS OF LOVE (2016)

Ein Film über die Abgründe menschlichen Daseins, über die finstersten Ecken unserer Seele, die nur den wenigsten wirklich bewusst sind. Kurz gesagt, ein Film wie ein Schlag in die Magengrube der noch lange nachwirkt. HOUNDS OF LOVE basiert auf einem echten Fall, der sich in den 1980er-Jahren in Australien zutrug. Dabei verschwanden mehrere junge Mädchen spurlos. Und ja, diese Fälle gab es und wird es immer wieder geben im Verlauf der menschlichen Existenz auf diesem Planeten, egal in welchem Land.

Perth, Australien: Während der 1980er-Jahre verschwinden mehrere Frauen, die Polizei ist ratlos. Die erst 17-jährige Vicki (Ashleigh Cummings) ist das nächste Opfer, das den Psychopathen und Serienkillern John (Stephen Curry) und Evelyn (Emma Both) White in die Hände fällt. Doch Vicki ergibt sich nicht so einfach ihrem schrecklichen Schicksal und kämpft verzweifelt um ihr kleines Leben. Sie entwickelt einen Plan, bei dem sie ihre Peiniger gegeneinander auszuspielen versucht, denn nur so kann sie ihrem qualvollen Ende entkommen. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, denn ihre Folterknechte planen schon den nächsten Beutezug.

Auf den ersten Blick scheinen die Killer das „perfekte Paar“ abzugeben. Er, John, ist der dominierende, manipulative Part. Sie, Evelyn, ist dagegen die folgsame, eher etwas labile, unterwürfige Psychopathin. Beides sind gnadenlose Killer und Sadisten durch und durch. Doch im weiteren Verlauf der Handlung wird nicht nur den Zuschauern schnell klar, dass es in der Beziehung zwischen den beiden Psychopathen breite Risse gibt, die schlussendlich auch ihr Schicksal besiegeln werden. Auch wenn Folter und Vergewaltigungen zum größten Teil hinter verschlossenen Türen oder außerhalb der Kamera durchgeführt werden, ist der Film stellenweise schwer zu ertragen. Dass die Gewalt nicht in voller Pracht dargestellt wird, ist weder nötig noch würde es einen Mehrwert bringen. Diese Entscheidung passt perfekt zum restlichen Film, denn hier geht es nicht um Blut und Splatter, sondern um Atmosphäre, Stimmung und Gefühle. Somit wandert das Abscheuliche, das Grauenhafte der Story direkt in den Kopf des Betrachters und trägt dort schnell Früchte, die sich noch lange bis nach der Sichtung festsetzen. Dagegen ist der hochgelobte und immer wieder zitierte WOLF CREEK (2005) wie ein Besuch in der örtlichen Krabbelgruppe. Nicht das wir uns falsch verstehen, WOLF CREEK ist ein guter Film, aber nach meinem Dafürhalten maßlos überbewertet und gehört nur zum etwas besseren Durchschnitt des Backwood-Slasher-Subgenres.

Spätestens mit HOUNDS OF LOVE muss man dem Australischen Kino zugestehen, dass es in den letzten Jahren wieder einen beachtlichen Aufschwung verzeichnete, was in intensiven, grandiosen und außergewöhnlichen Filmen wie etwa der Horror-Splatter-Satire THE LOVED ONES (2009) oder dem gigantischen Endzeitdrama THESE FINAL HOURS (2013) mündete. Wir sind gespannt, was in den nächsten Jahren noch alles aus Down Under zu uns herüberkommen wird. (SF)

 

Platz 29: THE AUTOPSY OF JANE DOE (2016)

Der Gerichtsmediziner Tommy (Brian Cox) und sein Sohn Austin (Emile Hirsch) betreiben ein Bestattungsunternehmen in Virgina. Als Sheriff Sheldon (Michael McElhatton) den Körper einer namenlosen jungen Frau zu ihnen bringt, sieht alles nach einem ganz gewöhnlichen Fall aus. Doch im Laufe der Autopsie kommt es zu äußerst rätselhaften Entdeckungen: Äußerlich weist die Leiche keine Verletzungen auf, im inneren jedoch ist der Körper durch unzählige Narben entstellt, verschmort und verstümmelt. Als die beiden beginnen, die grauenvollen Entdeckungen zu einem Gesamtbild zusammenzufügen, entfesseln sie eine fremde, bösartige Kraft, die alle in Gefahr bringt.

Der norwegische Regisseur André Ovredal dürfte den Meisten vor allem durch seinen Found-Footage-Film TROLL HUNTER (2010) bekannt sein, der für ihn auch den Durchbruch bedeutete. Daneben arbeitet Ovredal immer wieder als Drehbuchautor und Produzent bei seinen Projekten. Mit THE AUTOPSY OF JANE DOE inszenierte Ovredal seinen bisher größten Erfolg. Gerade in der ersten Hälfte besticht sein Film durch eine intensive, fast schon erdrückende klaustrophobische Atmosphäre und einem genialen Spannungsaufbau sowie dem Mysterium, das die namenlose Leiche umgibt. Ganz im CSI-Stil werden Fakten und Beweise gesammelt. Beeindruckend sind auch zahlreiche Kameraeinstellungen in und um die Leiche der Jane Doe, die zum Teil mit Prothesen und zum Teil von der Schauspielerin Olwen Catherine Kelly dargestellt wurde. Umso enttäuschender sehen wir dann die zweite Hälfte, in der Ovredal scheinbar ideenlos nach allzu bekannten Mustern vergangener Genrefilme greift, was schlussendlich in einem schwachen und vorhersehbaren Finale mündet. Geister oder Zombies taumeln durch die Nacht, übernatürliche Kräfte beeinflussen Strom, Telekommunikation und sogar das Wetter. All das könnte auch aus einem billigen Exorzisten oder Geister-Drama der letzten Jahrzehnte stammen. Für den Aufwand, den Ovredal in der ersten Hälfte betrieben hat, ist der Rest eine glatte Enttäuschung, auch wenn alles immer noch gut und zu keiner Zeit billig daherkommt. Doch das kann über die hohen Erwartungen, die sich zu Beginn aufgebaut haben, keinesfalls hinwegtrösten.

Alles in allem eine gute, frische Idee, die mit hervorragenden Darstellern und einem feinen Set-Design wunderbar in Szene gesetzt wurde, die sich jedoch nach einiger Zeit in Belanglosigkeiten zu verlieren beginnt. (SF)

 

Platz 28: ICH SEH ICH SEH (2014)

Die komplexe Geschichte der beiden Zwillinge Elias (Elias Schwarz) und Lukas (Lukas Schwarz) zieht den Zuschauer sofort in seinen Bann. Der aus der Sicht der Kinder erzählte Film bietet den Zuschauern allerdings nur bruchstückhafte Infos auf die Handlung. Als die Mutter (Susanne Wuest) von einer umfangreichen Gesichtsoperation in ihr einsam gelegenes Haus zurückkehrt, nimmt der Film den Faden auf. Aus Gesprächsfetzen und Internetrecherchen erfahren wir, dass es zuvor eine Trennung und einen Unfall gegeben haben muss. Für die Jungen erscheint die stark bandagierte Mutter verändert, wirkt fast wie ein Fremdkörper in ihrem merkwürdigen Leben. Auch ihre Handlungen scheinen darauf abzuzielen, ihr wahres Gesicht vorerst zu verbergen und ihre Eigenheiten verwundern zunehmend die Kinder. Das Misstrauen steigt von Tag zu Tag in dem einsamen Haus.

Gedreht wurde im Sommer 2013 bei Haugschlag im niederösterreichischen Waldviertel. Die beiden Österreicher Veronika Franz und Severin Fiala führten bei ICH SEH ICH SEH zum ersten Mal gemeinsam den Regieposten aus. Sie erschufen eine kalte, abgründige, von Misstrauen gezeichnete, klaustrophobische Atmosphäre, die ihresgleichen sucht. Die kalten Bilder von Kameramann Martin Gschlacht tragen ihren Teil zur unheimlichen Stimmung des Films bei. Auch wenn wir nicht viel von Susanne Wuest zu sehen bekommen, da sie die meiste Zeit mit bandagiertem Gesicht zu sehen ist, ist ihre Inszenierung der veränderten Mutter, der Fremden, hervorragend. Die meisten dürfte die bekannte Wienerin aus der ein oder anderen deutschen TV-Serie her kennen, sie spielte unter anderem in diversen Folgen des TATORT (1970-) mit wie auch bei DER BERGDOKTOR (2008-), DER KRIMINALIST (2006-2020) oder SOKO KITZBÜHEL (2001-2021). Wer genau hinschaut, entdeckt sie in einer Mini-Rolle in Gore Verbinskis A CURE FOR WELLNESS (2016). Ebenso einprägsam wie professionell ist das Spiel der beiden zehnjährigen Jungen Elisa und Lukas Schwarz, von denen man glauben könnte, dass sie schon bei Dutzenden von Filmen zuvor mitgespielt haben. Tatsache ist jedoch, dass beide bis heute nur in diesem einen Film vor der Kamera zu sehen sind.

ICH SEH ICH SEH erhielt diverse Preise und Auszeichnungen auf verschiedenen Filmfestspielen, unter anderem als Bester Spielfilm, für Beste Regie, Beste Kamera, Beste Maske und Bestes Szenenbild. Im April 2021 gab Amazon Prime bekannt, an einer Neuverfilmung zu arbeiten. Die Hauptrolle sollte Naomi Watts spielen. Die Österreicher Veronika Franz und Severin Fiala inszenierten 2019 den Psychothriller THE LODGE, bei dem sie auch das Drehbuch schrieben. THE LODGE hat gewisse Ähnlichkeiten und Anspielungen auch auf ICH SEH ICH SEH vorzuweisen. ICH SEH ICH SEH ist mit Sicherheit einer der ungewöhnlichsten Beiträge in diesem Jahrzehnt wie auch ein exzellenter, verstörender und außergewöhnlicher Beitrag zum Genre aus unserem Nachbarland. (SF)

 

Platz 27: DON’T BREATHE (2016)

Die Grundidee von Fede Alvarez DON’T BREATHE ist nicht neu: Eine zurückgezogen lebende und blinde Person wird von einigen kriminellen Subjekten bedroht. Zwei große Klassiker zu diesem Thema wären 23 SCHRITTE ZUM ABGRUND (23 PACES TO BAKER STREET, 1956) sowie WARTE, BIS ES DUNKEL IST (WAIT UNTIL DARK, 1967). Doch der aus Uruguay stammende Alvarez schafft es, dem bekannten Thema einige neue Ideen mitzugeben. Die Handlung beginnt in den verlassenen Vororten von Detroit. Mitten zwischen Verfall, Armut und Verwahrlosung steht das Haus des blinden Mannes Norman Nordstrom (Stephen Lang), der dort nur mit seinem Wachhund lebt. Die drei kleinkriminellen Rocky (Jane Levy), Alex (Dylan Minette) und Money (Daniel Zovatto) verdienen ihr Geld mit regelmäßigen Einbrüchen. Nun haben sie erfahren, dass in Nordstroms Haus jede Menge davon zu bekommen sein soll. Leichte Beute, wie es scheint, denn der Hausbesitzer ist blind. Doch schnell wird allen Beteiligten klar, dass dieser Einbruch der größte Fehler ihres Lebens ist, denn der blinde Mann ist zum einen ein hoch dekorierter Kriegsveteran, zum anderen trotz Verlust des Augenlichts, äußerst wehrhaft.

Der Home Invasion-Thriller DON’T BREATHE besticht vor allem durch seine düstere Atmosphäre und sein klaustrophobisches Setting. Zudem kommen noch einige Überraschungen im Finale auf den Zuschauer zu. Auf der anderen Seite finden wir jedoch einige sehr fragwürdige Handlungen und ab und an erscheint der unbesiegbare blinde Mann wie Superman, dem nichts unmöglich ist. Trotz dieser kleinen Ungereimtheiten ist es ein überdurchschnittlicher Film, der von der ersten Minute an unterhaltsam und spannend in Szene gesetzt wurde. Durch den enormen Erfolg an den Kinokassen zeichnete sich schnell ab, dass hier eine Fortsetzung kommen wird. Als endlich feststand, dass die Kuh weiter gemolken wird, zog sich Fede Alvarez zügig vom Projekt zurück. Für ihn übernahm sein Co-Autor Rodo Sayagues den verwaisten Regiestuhl. Beide arbeiteten beim Remake EVIL DEAD (2013) in der gleichen Kombination ebenfalls zusammen. Mit der Veröffentlichung von DON’T BREATHE 2 im Jahre 2021 wurde schnell deutlich, warum sich Alvarez davon distanzierte. Die Fortsetzung ist im Grunde eine Neuverfilmung der alten Thematik, nur mit mehr Action und Feuerwerk und kommt nicht annähernd an die Qualität und Spannung des Originals heran. (SF)

 

Platz 26: YELLOWBRICKROAD – WEG OHNE WIEDERKEHR (2010)

Mysteriös, fremdartig, unnahbar und verstörend würde ich den ersten Spielfilm der beiden US-Amerikaner Jesse Holland und Andy Mitton beschreiben, die auch das Drehbuch verfassten. New England 1940: Alle 572 Einwohner des Ortes Friar, New Hampshire, verlassen ohne ersichtlichen Grund gemeinsam den Ort, um über einen Bergweg in der Wildnis für immer zu verschwinden. Eine Gruppe junger Abenteurer macht sich 2008 auf den Weg, um das Geheimnis der verschwundenen Menschen zu lösen.

Sofort fällt dem erfahrenen Filmfreund die Kolonie Roanoke ein, die für YELLOWBRICKROAD Pate stand. Diese Gruppe Menschen aus dem Jahre 1590 verschwand ebenso spurlos wie jene aus dem fiktiven Ort Friar, ihr Schicksal bleibt bis heute ein ungelöstes Rätsel. Die gelbe Ziegelstraße (Yellowbrickroad) aus dem Titel des Films bildet das zweite tragende Element der Handlung. Es ist einer der Hauptwege im Land Oz und führt den Wanderer bis zur legendären Smaragdstadt. Diesem Weg folgten einst Drothy und ihre Freunde in der wundervollen Geschichte „Der Zauberer von Oz“, um den geheimnisvollen Zauberer zu treffen, der ihnen all ihre Wünsche erfüllen soll. Aus diesen beiden Elementen spinnen Holland und Mitton eine Story wie kaum eine andere mit einem mehr als nur überraschenden Finale. Zu Beginn erscheint unsere kleine Gruppe Studenten wie die Standardmischung aus vielen bekannten zweitklassigen Werken. Doch so richtig spannend wird es, wenn wie aus dem Nichts Musik aus den 1930ern erklingt und die ersten psychischen Veränderungen an unseren Protagonisten festzustellen sind, die die „gelbe Ziegelstraße“ nach und nach an ihnen vollzieht. Eine Art Selbstfindung beginnt, die verschüttete Konflikte und Ängste eines Jeden an die Oberfläche spült, mit der sich die Gruppe auseinandersetzen muss.

Die Welt, in der wir leben, kann überall zur Hölle werden. ‚Der Anfang ist das Ende‘ oder ‚Das Ende der Anfang‘ könnte das Fazit nach Sichtung des Films sein, doch so einfach ist es nicht. Problematisch für die Zuschauer ist sicherlich der Moment, wenn es zu viel wird, was in jeder Filmminute auf ihn einstürzt, alle Story-Elemente und Handlungen der Protagonisten zu hinterfragen und sie in das große Puzzle einzubauen, das YELLOWBRICKROAD vor ihm auftürmt. Doch ich finde, die Arbeit lohnt sich und auch ein Durchhalten bis zum Ende ist Pflicht. Ohne etwas verraten zu wollen, ist YELLOWBRICKROAD ein sehr anspruchsvoller wie anstrengender Film, der nur durch die Bereitschaft zur Mitarbeit des Publikums seine volle Kraft entfaltet und eine mehrfache Sichtung allemal rechtfertigt. (SF)

 

Platz 25: VIVARIUM (2019)

Sprechen wir nun über eine der merkwürdigsten, aber auch interessantesten Produktionen aus diesem Jahrzehnt: Das junge Pärchen Gemma (Imogen Poots) und Tom (Jesse Eisenberg) suchen ein Haus für ihr zukünftiges gemeinsames Leben. Mehr aus Langeweile sehen sie sich die neue Wohnsiedlung Yonder mit dem seltsamen Makler Martin (Jonathan Aris) an. Schon der erste Eindruck der Siedlung ist sonderbar, denn hier ist ein Haus wie das andere, sogar der Himmel wirkt künstlich. Nach der Besichtigung von Haus Nummer 9 ist der Makler verschwunden. Verwundert wollen Gemma und Tom die Siedlung verlassen, doch sie bewegen sich immer im Kreis und landen erneut bei Hausnummer 9, solange bis der Tank ihres Wagens leer ist. Es folgen weitere Fluchtversuche zu Fuß, doch immer mit dem gleichen Ergebnis. Nach einigen Tagen entdecken sie morgens vor dem Haus eine Kiste, darin ein Baby. Und nun nimmt der Horror so richtig Fahrt auf.

Das der Titel nicht nur auf ein Gehege für Tiere anspielt, zur Beobachtung und Untersuchung unter naturnahen Bedingungen, sondern auch ein Gefängnis für Menschen beinhaltet, wird im Verlauf des Films schnell deutlich. Die Dreharbeiten fanden im belgischen Lüttich und in den Ardmore Studios in Dublin statt. Regie führte Lorcan Finnegan, dessen intensiver und verstörender Kurzfilm FOXES (2011) schon sein ungeheures Talent zeigte. Eng mit ihm arbeitete der Drehbuchautor Garret Shanley zusammen, der schon für Finnegans Kurzfilme die Vorlagen lieferte. VIVARIUM ist ein Film, der unter die Haut geht, sowohl von der Story als auch von seinen Darstellern und dem finalen Twist. Jared Mobarak von The Film Stage meinte dazu, VIVARIUM sei aber auch eine Metapher für das, was unser Leben innerhalb des menschlichen Kollektivs bedeutet: „Wir sind Waren, Sklaven, Laborratten und Viren. Wir existieren unter dem Deckmantel der Individualität nur, um uns einer kapitalistischen Welt anzupassen, die uns unsere Einzigartigkeit nimmt, um uns den Launen eines größeren Ganzen zu unterwerfen.“ Als Mensch passe man sich an, um in diesem System zu überleben, doch in Wirklichkeit seien wir nur Werkzeuge, die durch unsere Kinder unseren eigenen Ersatz erzeugten, so Mobarak. Er nennt die Menschen „Inkubatoren, die sicherstellen, dass die kapitalistische Maschinerie nicht aufhört“. Dies würden die Menschen auch noch freiwillig tun, weil es in ihrer Natur liege. In Bezug auf das titelgebende Gefängnis, in dem sich Gemma und Tom befinden, resümiert Mobarak: „Wie man in Vegas sagt: Das Haus gewinnt immer.“ (SF)

Eine umfangreiche Filmkritik von Christoph findet ihr hier.

 

Platz 24: FRESH MEAT (2012)

Dass Neuseeland ein Garant für ungewöhnliche wie auch außergewöhnliche Filme ist, mag schon länger kein Geheimnis mehr sein. Man denke da nur an den Science-Fiction-Klassiker THE QUIET EARTH (1985), an Peter Jacksons Splatter-Orgie BRAINDEAD (1992) oder seine DER HERR DER RINGE-Trilogie (THE LORD OF THE RINGS, 2001- 2003), die wunderbar komische Vampir-WG in 5 ZIMMER KÜCHE SARG (WHAT WE DO IN THE SHADOWS, 2014) oder den mysteriösen Geist in HOUSEBOUND (2014), um nur ein paar zu nennen. Danny Mulherons FRESH MEAT ist ein kleiner Geheimtipp, der sich nahtlos in diese kleine Liste außergewöhnlicher Filme einfügt. Denn diese neuseeländische Horrorkomödie hat alles zu bieten, was sich ein Horror-Fan wünscht. Eine dysfunktionale Verbrecherbande nimmt sich ausgerechnet die auf den ersten Blick durchaus respektable Maori-Familie Crane in einem ruhigen Vorort als Geisel. Schon nach kurzer Zeit eskaliert die unüberlegte Aktion und die Gangster entdecken, dass sie sich mit Kannibalen angelegt haben. Die Handlung schreitet zügig voran und immer schneller verwischen die Grenzen zwischen der kriminellen Bande und der Maori-Familie.

FRESH MEAT ist ein herrlich kurzweiliger Spaß, in dem vor allem Temuera Morrison (Hemi Crane) und Kate Elliott (Gigi) besonders hervorstechen. Beide gehen völlig in ihren Rollen auf, inklusive Overacting vom Feinsten. Doch auch die restlichen Charaktere sind liebevoll wie absurd, farbenfroh und verrückt gezeichnet und können jederzeit überzeugen.

Regisseur Mulheron zeigt dabei sein gutes Gespür für Timing, passende Gags und blutige Momente. Wer auf absurde Einfälle, aberwitzige Situationen, durchgeknallte Charaktere und pinke Hotpants steht, wird in FRESH MEAT bestens bedient. Genau diese Balance zwischen Komödie, Action, Horror und Satire macht Danny Mulherons Film so besonders. Übrigens war FRESH MEAT erst sein zweiter abendfüllender Spielfilm. Sehr angenehm in Mulherons Horrorkomödie ist das Fehlen jeglicher „Political Correctness“ und ähnlichem Gift, es kommt alles auf den Tisch, was das Genre hergibt, ohne Rücksicht auf Verluste. Somit präsentiert uns FRESH MEAT – der Titel ein schmackhaftes, kleines Wortspiel – eine extrem witzige sowie kurzweilige und blutige Schlachtplatte, die jede Menge Spaß macht. (SF)

 

Platz 23: A CURE FOR WELLNESS (2016)

Wenn der Name Gore Verbinski fällt, dürften die meisten Leser sofort an die ersten drei Teile der FLUCH DER KARIBIK-Reihe (PIRATES OF THE CARIBBEAN, 2003-2007) denken. Schon mit dem ersten Film über Jack Sparrow zeigte uns der US-Amerikaner Verbinski sein ganzes Können und seinen Einfallsreichtum. Dass er Horror kann, durfte er mit dem US-Remake RING (2002) vorführen, auch wenn seine Interpretation im Vergleich zum japanischen Original RING (RINGU, 1998) eine glatte Enttäuschung war. Losgelöst von allen Vorgaben präsentierte er uns schließlich 2016 einen Horrorfilm, der alle Grenzen des Genres sprengte und weit darüber hinaus ging. Die Rede ist von A CURE FOR WELLNESS. Ausgestattet mit einer brillanten Filmästhetik, die irgendwo zwischen Leni Riefenstahl und Stanley Kubrick liegt, in der das Auge prachtvoll arrangierte Bilder genießt, während der Geist eine Story verfolgt, die mit der Schauerromantik eines „Frankenstein“ glänzt, mit einer Prise bizarrem David Lynch angereichert und mit einer großen Portion von Thomas Manns „Der Zauberberg“ veredelt wird.

Der ehrgeizige Jung-Manager Lockhart (Dane DeHaan) wird von seinem Chef beauftragt, den Vorsitzenden ihrer Firma aus einem Wellness-Center in den Schweizer Alpen zurück ins Geschäftsleben zu eskortieren. Schon kurz nach der Ankunft an dem weit abgelegenen Ort wird klar, dass es in dem wundersamen Kurort um mehr als nur Erholung oder Spa-Anwendungen geht. Nach einem Autounfall ist Lockhardt gezwungen, einige Tage in dem Sanatorium zu verbringen. Er beginnt, die Geheimnisse dieses mysteriösen Ortes zu erkunden, was seinen Verstand schlussendlich auf eine harte Probe stellt.

Ein fantastischer Gothic-Horror mit einer ungeheuren Sogkraft und kreatürlicher Angst, der gleichzeitig verführerisch-liebevoll alle Sinne des Betrachters umspielt, ähnlich einem Stanley Kubrick. Ungewohnt nuanciert zeigt sich hier Regisseur Verbinski; vergessen sind der langweilige LONE RANGER (2013), die albernen FLUCH DER KARIBIK-Komödien oder der flügellahme Geist aus RING. Der US-Amerikaner verblüfft uns mit einem unglaublichen Gespür für bedrückende Situationen, tiefsinnige Dialoge und einer intuitiven, raumgreifenden Verunsicherung. Er schert sich nicht im Geringsten um bekannte Regeln und Gesetze des Genres oder gar den Publikumsgeschmack. Stattdessen geht er seinen ganz eigenen Weg und der ist faszinierend mit seiner durchdachten erzählerischen Opulenz und den mannigfaltigen Interpretationsmöglichkeiten in A CURE FOR WELLNESS. Auch wenn der ein oder andere sich am faschistoiden Gedankengut von Selektion und Herrenrasse, von Reinheit, Körperkult und Makellosigkeit nebst okkulten Untertönen der Nazi-Ideologie stoßen wird, finden wir in A CURE FOR WELLNESS einen faszinierenden Gesellschaftskosmos der Dekadenz. Nicht nur die Laufzeit von gut 150 Minuten, der fast schon bedächtige Spannungsaufbau oder die überaus komplexe Handlung sind nicht für jeden Zuschauer gemacht. Doch wer sich ganz dem Zauberberg hingibt und die Spa-Anwendungen genießt, wird am Ende fürstlich entlohnt werden. (SF)

 

Platz 22: Kill List (2011)

Ben Wheatley sollte im vergangenen Jahrzehnt mit einigen außergewöhnlichen Filmen auf sich aufmerksam machen: der in Schwarzweiß gedrehte, historische Folk-Horror A FIELD IN ENGLAND (2013) mit psychologischen und psychedelischen Elementen oder die Ballard-Adaption HIGH-RISE (2015) mit Tom Hiddleston und Jeremy Irons. Doch es war sein zweiter Spielfilm KILL LIST, mit dem er bereits entschieden über sich reden machte. Ein Film über das Fremde im Vertrauten, über das Böse im Geliebten. Eine finstere Odyssee in seelische Abgründe. KILL LIST ist kein Horrorfilm im vordergründigen Sinne, vielmehr ein harter psychologischer Thriller mit Horrorelementen, die jedoch im unvorhersehbaren Finale alptraumhaft nachwirken. Spätestens an dieser Stelle gilt für die geneigten Leser: es folgen Spoiler! Diesen Film muss man einfach möglichst unvorbereitet sehen. Bitte überspringt die folgenden zwei Absätze, wenn ihr den Film noch nicht kennt.

Die beiden Ex-Soldaten Jay (Neil Maskell) und Gal (Michael Smiley) arbeiten in unregelmäßigen Abständen als Profi-Auftragskiller, um das „gute“ Leben ihrer Familien finanziell zu sichern. Jay leidet unter den Nachwirkungen einer nicht näher erläuterten Mission einst in Kiew, sein Wesen ist durchzogen von Depressionen und Aggressionen. Von Beginn an vermittelt der Film auf emotionaler und psychosozialer Ebene extremes Unwohlsein, in den Bildern steckt häufig eine schmerzvolle Kälte, sterile Beleuchtung ergänzt sich mit der mimisch vermittelten Misere der Hauptfiguren. Der Konflikt und die Reibung der Protagonisten, allen voran bei Jay und seiner Frau Shel (MyAnna Burning), wird wiederholt in distanzierten und vagen Einstellungen aufgegriffen. Die vorbildliche Montage betont die Gegensätzlichkeit und Schwankungen der Figuren und ihrer Stimmungen. Brutaler Streit und leise Versöhnung gehen Hand in Hand, doch es überwiegt eindeutig die Tristesse. Ein Film über erschreckende Störungen. Wie ein Virus fressen sich Zorn, Schmerz und Trauer durch die Figuren. Dann, nach knapp einem Drittel, kommt der scheinbar konventionellere – und zunächst greifbarere – Handlungsabschnitt ins Rollen, in dem wir unsere beiden Killer auf Auftragstour begleiten. Es gilt, eine Liste abzuarbeiten. Doch die seelische Leere und emotionale Zerrüttung hat sich bereits zu deutlich in die filmische Sprache gefressen. Irgendetwas stimmt hier überhaupt nicht. Der atmosphärische Ambient-Score von Jim Williams (POSSESSOR; TITANE) fügt sich perfekt zu den schmerzgetränkten Bildern. Ein nuancierter Klangteppich aus Drone-Sounds, unstetem Flirren und dissonanten Synthie-Akkorden verstärkt das enorme Unwohlsein und die seelische wie körperliche Gewalt der Figuren.

Von Beginn an steckt der Teufel im Detail, zwei frühe Bilder, ein kleiner Schnitt ins eigene Fleisch und ein Symbol deuten bereits auf das Ende hin. Nach weiteren gut 40 Minuten vollzieht der Film eine völlige Kehrtwende und besinnt sich auf Klassiker des Folk-Horrors, entsprechend seines Produktionslandes ist hier sofort THE WICKER MAN (1973) zu nennen. Was zunächst noch wie ein etwas unübliches Hindernis auf dem Weg der beiden Killer erscheint, entpuppt sich Minuten später als das finale Setting und der okkulte Höhepunkt, in dem alle zuvor getroffenen Entscheidungen kulminieren. Die Liste kommt zu einem Ende. In einer Verbindung aus mythologisch aufgeladenem Horror und psychosozialem Terror findet KILL LIST mit einer gleichzeitigen Verbeugung vor der Filmgeschichte sein originelles Ende, das manch bekanntes Motiv gekonnt in einen eigenen Kontext stellt und dem Genre seinen Respekt zollt, statt nur Elemente davon zu kopieren. Lida Bach schrieb damals sehr passend, der Film sei bis zum doppelbödigen Finale darauf bedacht, das „Air des Dämonischen“ nie aufzulösen und Jay als Hauptfigur wirke zugleich „mitleiderregend in seiner innerlichen Verzweiflung“ und „abstoßend in seiner Grausamkeit“. Dem Bösen und Monströsen, worüber dieser Film durchweg handelt, werde so „ein irritierend menschliches Gesicht“ verliehen. (SJ)

 

Platz 21: MIDSOMMAR (2019)

MIDSOMMAR (2019)

„Atmosphäre ist alles“ wusste bereits H. P. Lovecraft (in Die Literatur der Angst) und es ist vielleicht das Geheimnis des Erfolgs von MIDSOMMAR, dass er trotz Überlänge – allein 148 Minuten dauert die Kinofassung, der Director’s Cut beinhaltet weitere 23 Minuten –  immer wieder eine beklemmende Atmosphäre heraufbeschwört und verdichtet: die meisten Szenen spielen im gleißenden Tageslicht, von den überfreundlich wirkenden, in weiße Gewänder gehüllten Mitgliedern der Gemeinde Hårga geht eine seltsame, unerklärliche Bedrohung aus. Schließlich stellt sich heraus, dass sich eine als aufgeklärt verstehende Moderne bei der Konfrontation mit archaischen Ritualen die eigene Gesellschaft gespiegelt sieht.

Ari Asters zweiter Langfilm (HEREDITARY erschien 2018) handelt daher vom vielleicht ultimativen Horror, wie es Hans Schifferle in Die 100 besten Horrorfilme beschrieben hat: dem „Weg ins Ich“. Die Einflüsse von DIE SCHWARZE 13 (EYE OF THE DEVIL, 1966) und THE WICKER MAN (1974) sowie den Erzählungen „Die Lotterie“ von Shirley Jackson, „Kinder des Mais“ und „Regenzeit“, beide von Stephen King, sind offensichtlich. Wir lernen ein junges Studentenpaar, Dani (Florence Pugh) und Christian (Jack Reynor), kennen, deren Beziehung bereits von Anfang an massiv beschädigt ist. Dani muss zudem mit einer kaum zu bewältigenden traumatischen Erfahrung umgehen: Ihre Schwester hat zuerst ihre Eltern und anschließend sich selbst getötet. Mit zwei Freunden unternehmen sie schließlich eine Reise in eine abgelegene schwedische Kommune, um paganistische Rituale zu erforschen.

Der schockierende Moment, in dem sich einzelne Gemeindemitglieder „freiwillig opfern“ ist es dann auch, der unbequeme, vielleicht manchmal verdrängte Fragen einer Gegenwart aufwirft, die auf Leistungsprinzip und Produktivität aufgebaut ist: Wie gehen arbeitsteilige Gesellschaften mit denjenigen um, welche nicht oder nicht mehr arbeitsfähig sind? MIDSOMMAR ist eine schaurige Parabel über die Anfänge und die ständige Reproduktion autoritätsgläubigen und menschenfeindlichen Denkens, das sich oft nicht als solches zu erkennen gibt, sondern sich hinter einer Maske von Freundlichkeit und traditionellen „Werten“ verteidigend versteckt und fragwürdige Entwicklungen als „Schicksal“ oder „Notwendigkeit“ betrachtet. (SP)

Eine ausführliche Filmkritik findet ihr in Andreas seiner Filmkritik.

 

Platz 20: IT FOLLOWS (2014)

IT FOLLOWS Poster©WeltKino

In Horrorfilmen geht es Teenagern häufig an ihre straffen Hälse. Die junge Zielgruppe will nicht nur mit ihren Identifikationsfiguren ins Kino gelockt werden, sondern die Geschichten unterstellen den jungen Leuten eine gewisse Sorglosigkeit, um als leichtes Ziel in die Fänge von Angst und Schrecken zu geraten. In den Slashern der 1980er-Jahre mussten vor allem die Charaktere daran glauben, die kurz zuvor Sex hatten. Zwei Fliegen mit einer Klappe: Man kann nackte Haut in diesen Erwachsenenfilmen zeigen und außerdem indirekt davor warnen. Nach dem Motto: Sex vor der Ehe und der Sensenmann ist nicht weit entfernt. Was ich selbst aber an Filmgeschichte so liebe, ist es, wenn Filmnerds selbst Filmemacher werden und mit ihrer cineastischen Erfahrung arbeiten, diese auf die Gegenwart anpassen und weiterentwickeln. IT FOLLOWS von David Robert Mitchell ist einer, wenn nicht der beste Teenager-Horrorfilm des noch jungen Jahrhunderts. Der Horrorthriller ist simpel in seiner Story und übersichtlich bei seinem Setting, tiefgründig und schockierend in seinem Erlebnis, aber auch so leichtfüßig in seiner Inszenierung und so nachwirkend wie ein Marathonlauf der Angst.

Ein amerikanischer Vorort, der sich zeitlich schwer einordnen lässt. Röhrenfernseher flimmern in den dunklen niedrigen Wohnungen der Familien, aber Literaturklassiker kann man bereits digital auf dem Schminkspiegel lesen. Smartphones scheint es nicht zu geben und die Natur befindet sich mit einem Schritt im Herbst, obwohl alles noch grün an den Bäumen ist. IT FOLLOWS macht gleich zu Beginn klar: hier könnte alles geschehen, und das tut es auch. Ein Fluch treibt sein Unwesen. Wenn man verflucht ist, gibt es ein Wesen, das nur du sehen kannst, welches die Gestalt von Menschen annimmt und geradewegs auf dich zugeht. Nicht schnell, aber unnachgiebig. Wenn es dich erreicht, bist du bereits tot. Du kannst es nicht töten, sondern nur an eine Sexualpartnerin oder einen Sexualpartner weitergeben. Dann hat es ein neues Ziel, dem es unnachgiebig nachgeht, wenn es erreicht ist, kommt es wieder zurück zu dir.

IT FOLLOWS zieht uns bereits mit der ersten Szene in seinen Bann. Mit staunendem Gesicht stehen wir auf der Straße und beobachten eine angsterfüllte Tochter aus der Nachbarschaft. Wovor flieht sie? Ihr Vater kann sie nicht beruhigen. Gehetzt steigt sie in den Wagen und rast davon. Am nächsten Morgen wird man ihre entstellte Leiche am Strand finden. Wir verstehen (noch) nichts, aber der Film bringt uns diese Welt anhand einer Gruppe von Teenagern nahe, immer mit etwas emotionalem Abstand, aber stets sympathisch. Allen voran Jay (Maika Monroe), die nach der ersten intimen Nacht mit ihrem Freund Hugh (Jake Weary) nun den Fluch in sich trägt und den Tod magnetisch anzieht. Immer wieder stellen sich uns die Nackenhaare auf, wenn im Hintergrund eine Fremde oder ein Fremder auf uns zuläuft. Der Film ist komplett in Weitwinkel gedreht, hat beunruhigende Kamerafahrten und eine Schnittmontage, die einem die letzten Nerven raubt. Ohne dröhnende Musik oder Jump-Scares erzeugt IT FOLLOWS eine so intensive Sogwirkung, dass es permanent an das Gefühl erinnert, nach einem Alptraum aufzuwachen und im Schatten eine Gestalt zu sehen.

Die Deutung des Films ist recht naheliegend: Krankheiten, die durch Geschlechtsverkehr weitergegeben werden, vor allem bei Teenagern, die schlecht aufgeklärt sind. Die Erwachsenen in diesem Film sind zwar da, jedoch keine Unterstützung. Die Jugend ist allein mit ihren Problemen, Ängsten und emotionalen Achterbahnen. Jedoch knallt der Film einem nicht so leicht die Metapher auf den Tisch wie erwartet. Viel intensiver ist die Gefühlswelt der jungen Generation, die sich einer Welt gegenüberstehen sieht, die schon zur Ruine geworden ist – nicht ohne Grund wurde viel in der verlassenen Autoindustriestadt Detroit gedreht. Positive Gefühle werden kaum gezeigt, Freude oder innige Liebe ist kaum in den Gesichtern auszumachen. Es sind leblose Hüllen, die von ihren Trieben und Ängsten bewegt werden. Traurig, aber manch pubertärer, depressiver Zeit vielleicht nicht unähnlich, die Einige in jungen Jahren durchgemacht haben.

IT FOLLOWS ist ein minimalistisches Horrormeisterwerk, das unsere Stimmungen und Aufmerksamkeit spielend zu manipulieren weiß. Ein bisschen David Lynch, viel John Carpenter und jede Menge junge Kreativität machen IT FOLLOWS zu einem Genre-Ausrufezeichen im 21. Jahrhundert, ohne dabei seine eigene Herkunft zu leugnen. (CM)

 

Platz 19: THE PURGE – DIE SÄUBERUNG (2013)

THE PURGE von James DeMonaco ist vom Grundgerüst dem Science-Fiction-Genre zuzuordnen. Die Handlung ist in der nahen Zukunft, hier im Jahr 2022, angesiedelt, erzählt wird die Anti-Utopie eines Staates, der um Kriminalitäts- und Arbeitslosenstatistiken möglichst gering zu halten, einmal im Jahr eine zwölfstündige „Purge-Nacht“ veranstaltet, in der sämtlichen Aggressionen freien Lauf gelassen werden kann, es gibt für diesen Zeitraum keine gesetzliche Ahndung oder Schutz für die Bevölkerung. Die hoffnungslos-düstere Atmosphäre ähnelt den Beschreibungen aus dem Roman Menschenjagd von Richard Bachman (Pseudonym von Stephen King). Dies verbindet der Film mit einer Home-Invasion-Geschichte, also mit Thriller- und Horror-Elementen. Ist bei seinen Vorläufern FUNNY GAMES (1997, R: Michael Haneke) und vor allem WER GEWALT SÄT (STRAW DOGS, 1971, R: Sam Peckinpah), an dessen Handlung sich THE PURGE in weiten Teilen orientiert, das Gewaltmonopol des Staates permanent abwesend, weil es von den Geschehnissen keine Kenntnis erlangt – diese vollziehen sich an abgelegenen Orten, wo die Betroffenen ihren Peinigern nahezu hilflos ausgeliefert sind –, so wird in THE PURGE von einem Apparat, der eigentlich innere Sicherheit gewährleisten soll, billigend in Kauf genommen, dass Einzelne geschädigt, verletzt oder sogar getötet werden. Das Regime stellt sich hierdurch allerdings auch selbst in Frage.

Zu den Profiteuren gehört James Sandin (Ethan Hawke), der durch die Herstellung hochwertiger und kostspieliger Sicherheitssysteme ein Vermögen angehäuft hat. In Sandins kameraüberwachten Anwesen vollziehen sich kammerspielartig ähnlich einem Theaterstück die schrecklichen Ereignisse der Purge-Nacht: Sandins Sohn Charlie (Max Burholder) gewährt einem verletzten Unbekannten (Edwin Hodge) Einlass. Dessen Verfolger, die sadistisch das Quälen von Menschen als eine Art „Sport“ zelebrieren, belagern das Haus.

Der Film stellt viele ethische Fragen, wie sie häufig in der Ideengeschichte und der Verhaltensforschung auftauchen: ist individuelle Freiheit überhaupt möglich, wenn es nicht ein Mindestmaß an Sicherheit gibt? Neigen Menschen von Natur aus zu Gewalttätigkeit und benötigen sie diese, um überhaupt existieren zu können? Antworten bleiben dem Publikum überlassen. Bis 2021 erschienen vier Fortsetzungen sowie eine gleichnamige Serie. (SP)

 

Platz 18: OUR EVIL (MAL NOSSO, 2017)

Dass Brasilien nicht für seine Horrorfilme bekannt ist, liegt zum einen daran, dass es von dort nicht viele gibt, zum anderen wohl auch an den verschwindend kleinen Budgets für die Filmemacher vor Ort. Umso überraschender ist die Klasse von OUR EVIL, das Spielfilmdebüt des jungen Brasilianers Samuel Galli. Ein kleiner, feiner Film, der zu Unrecht zwischen all den namenlosen, nichtssagenden Produktionen seiner Zeit unterging. Die Eindrücklichkeit der Story und die Intensität, mit der diese ungewöhnliche Geschichte uns Zuschauern dargelegt wird, ist umso beeindruckender. OUR EVIL ist ein Film, der nach dem Sinn des Lebens sucht sowie nach Erlösung und Frieden in einer Welt aus Gewalt, Sex und Tod. Doch der Weg dorthin ist lang und beschwerlich.

Zu Beginn sehen wir einen Mann, Arthur (Ademir Esteves), der einen Attentäter für sich und seine Tochter Michele (Luara Pepita) engagiert. Er soll beide um Mitternacht, am Tag des 20. Geburtstags von Michele, töten. Arthur hat alles bis ins kleinste Detail genau geplant. Nach gut 30 Minuten ist unser Protagonist mit einem Kopfschuss aus dem Spiel. Ein Paukenschlag, der den Zuschauern die Luft nimmt, doch nur für einen kurzen Moment. Denn ab hier dreht der Film so richtig auf und wir verfolgen in Rückblenden den qualvollen Weg von Arthur bis zu eben jenem schicksalhaften Tag zu Beginn. Nach und nach entfaltet sich die Story und ihre unglaubliche Idee dahinter tritt Stück für Stück an die Oberfläche, bis am Ende der blutige Kreis geschlossen wird, für alle Beteiligten.

Samuel Gallis, Regisseur, Drehbuchautor und Produzent in Personalunion, jongliert in OUR EVIL geschickt mit vielen Genres: Die erste halbe Stunde zeigt er uns typische Elemente, wie sie im Südamerikanischen Kino nicht selten zu sehen sind: brutale Gewalt und Sex in einer finsteren Welt mit finsteren Gestalten. Danach schwenken wir inhaltlich zu M. Night Shyamalans THE SIXTH SENSE (1999) und etwas TWIN PEAKS (1990-1991) rundet die Sache ab – nur um schlussendlich im Exorzismus-Subgenre zu landen. Dazu sei noch gesagt, dass brasilianische Dämonen deutlich brutaler sind als das, was wir aus den bekannten Produktionen unserer Breitengrade kennen. Dagegen sind viele andere Exorzisten-Filme nur ein Kindergeburtstag. Diese Dämonen geben sich nicht damit ab, ihre Opfer pausenlos grüne Kotze im Raum verteilen zu lassen oder mit einem Kreuz zu masturbieren. Sie gehen deutlich blutiger und gnadenloser zu Werke. Das Ganze wird mit einem exzessiven Farbenspiel untermalt, das Kameramann Victor Molin in beeindruckenden und zum Teil sehr bedrückenden Bildern einfängt. Wenn man bedenkt, dass sowohl vor wie auch hinter der Kamera weitestgehend nur Amateure arbeiteten, ist das Ergebnis nicht hoch genug einzuschätzen. Ein unglaubliches Werk mit einer ebenso unglaublichen Handlung. (SF)

 

Platz 17: IT COMES AT NIGHT (2017)

Bei diesem Vertreter der 2010er-Jahre wurden alle etablierten Merkmale des Horrorfilms weggemeißelt, keine Monster, keine Wissenschaftler mit Erklärungen und keinerlei Kehrtwenden in der Handlung. Es bleibt ein Grundgerüst aus minimalen Erklärungen, Charakteren und Deutungen. IT COMES AT NIGHT ist ein Überbleibsel bekannter, ausgetretener Pfade, ein Windhauch von zu oft erzählten Szenarios, die die 90 Filmminuten zu einem intensiven Kammerspiel aus Misstrauen, Paranoia und dunklen Visionen verknüpfen. Durch das Wegfallen von Erklärungen und Schilderungen wird der Film von Tray Edwards Shults zu einer Petrischale für Deutungen und Interpretationen. Was ist die Bedrohung in der Nacht? Oder ist doch der Mensch selbst Ursprung des Übels?

Eine dreiköpfige Familie lebt einem dunklen Haus zurückgezogen in den Wäldern. Der Großvater ist an einer Infektion erkrankt. In Gasmaske gekleidet, beendet Vater Paul (Joel Edgerton) dessen Leben, verbrennt die Leiche mit seinem Sohn Paul (Kelvin Harrison Jr.) und begräbt die Überreste. Mutter Sarah (Carmen Ejogo) kann es nicht mit ansehen und bleibt im Haus. Es scheint einen Virus zu geben, der die Menschheit befallen hat. Die Familie schlägt sich mit ein paar Vorräten durch, bis auf einmal Will (Christopher Abbott) auftaucht. Nach gründlicher Prüfung durch Paul lässt er ihn mit seiner Frau Kim (Riley Keough) und ihrem kleinen Sohn mit im Haus leben. Die Familien unterstützen sich gegenseitig. Doch Blut ist bekanntlich dicker als Wasser und die Alpträume von Paul zeugen von dunklen Zeiten. Vielleicht war Will nicht so ehrlich bei seiner Geschichte.

Was die Bedrohung ist, wird nicht verraten. Ob der Virus nun Zombies hervorruft oder qualvoll tötet und wie stark ansteckend die Krankheit wirklich ist, bleibt ebenfalls unserer Fantasie und vor allem unseren Erfahrungen aus anderen Filmen überlassen. Man glaubt, Bestandteile zu kennen, aber sie ergeben nie wirklich ein Ganzes. IT COMES AT NIGHT zeigt vielmehr, wie schwierig es für Menschen ist, in einer lebensbedrohenden Situation einander zu vertrauen. Wenn bekannte Formen von Gesetzen und Kulturen vernichtet wurden, ist es extrem schwer, eine neue Gesellschaft zu gründen. Noch dazu, wenn keiner wirklich die Bedrohung kennt. Für IT COMES AT NIGHT wird jeder seine eigene Allegorie in der Geschichte finden und das macht den Film in seiner einfachen Struktur zu einem umso intensiveren Erlebnis wie auch Diskussionsstoff nach dem Abspann. (CM)

 

Platz 16: TUCKER & DALE VS. EVIL (2010)

Nicht nur die Briten, auch die US-Amerikaner kennen sich mit makaberen und skurrilem Humor aus. Das beweist Eli Craig mit seinem eindrucksvollen Spielfilmdebüt TUCKER & DALE VS. EVIL. Hier wird vor allem die FREITAG DER 13.- sowie die WRONG TURN-Reihe ein ums andere Mal bemüht und kräftig durch den Kakao gezogen. Die beiden Darsteller Alan Tudyk (Tucker) und Tyler Labine (Dale) verkörpern perfekt die bekannten Stereotypen Figuren der Hinterwäldler, wie wir sie aus Hunderten von Filmen bestens kennen. Und was passt zu filmisch-einfältigen Rednecks am besten? Natürlich eine Gruppe von überheblichen College-Gören. Dieses altbekannte Setting wurde schon oft bemüht und scheint auf den ersten Blick nichts Neues mehr in der Hinterhand zu haben. Doch Eli Craig und Morgan Jurgenson schaffen mit ihrem Drehbuch und einer grandiosen Inszenierung das Unmögliche und zaubern eine Überraschung nach der anderen aus dem Hut:

Mit den besten Vorsätzen für ein friedliches und bierreiches Männerwochenende machen sich die beiden Landeier Tucker (Alan Tudyk) und Dale (Tyler Labine) auf den Weg zur Ferienhütte in der Wildnis West Virginias. Auf der Fahrt dorthin kollidieren sie fast mit einer Gruppe Collegekids auf dem Highway, was sich im Nachhinein als Beginn einer unglaublichen Kette von bösen Zufällen entpuppt. Denn beide Parteien treffen sich in der Einsamkeit der Wälder erneut, wobei Dales schüchterne Einfalt und die Vorbehalte der Collegekids gegenüber den Hillbillys die Ereignisse in eine fatale Richtung lenken.

Regisseur Eli Craig sammelte für sein Debüt allesamt erfahrene und bekannte US-Darsteller, allen voran Tyler Labine (ESCAPE ROOM, 2019) und sein Partner Alan Tudyk (STAR WARS: ROGUE ONE, 2016), die dem Rest gnadenlos die Show stehlen. In kürzester Zeit wurde TUCKER & DALE VS. EVIL zum Kultfilm weltweit. Mittlerweile darf ich behaupten, dass er wohl einer der besten Horror-Komödien/-Parodien überhaupt ist und als moderner Klassiker in die Genregeschichte eingeht. Ein Film, den jeder gesehen haben sollte, egal ob er Horrorfilme mag oder nicht. (SF)

 

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