Die Abenteuer des Prinzen Achmed (1926) – Filmkritik & Review der restaurierten Fassung

„Märchenhafter Zauber“

„Alles an diesem Film ist bewunderungswürdig… Aus der genialen Kombination mehrerer Märchen aus 1001 Nacht entsteht ein eigenes, nur in dieser Gestalt existierendes Märchen – über dem ganzen, einer Art Feenspiel gleichenden Film liegt die Macht reiner Poesie.“

– Harald Eggebrecht, Süddeutsche Zeitung (29.11.2011)

Lotte Reiniger

„Sie wurde mit zaubernden Händen geboren.“ – Jean Renoir

Lotte Reiniger wurde am 2. Juni 1899 in Berlin geboren. Bereits als Schülerin beschäftigte sie sich mit Silhouetten und Schattentheater. Ein Vortrag von Paul Wegener (Regisseur der drei originalen GOLEM-Filme, 1915-1920) beeinflusste Reiniger nachhaltig in ihrem weiteren Lebensweg. Für Wegeners Märchen-Stummfilm RÜBEZAHLS HOCHZEIT (1916) etwa schuf Reiniger die Scherenschnitte für die Tafeln der Zwischentitel. Die phantastischen Möglichkeiten des Trickfilms hatten es ihr angetan und so produzierte sie im Laufe der Jahre bereits ihre eigenen Kurzfilme, u.a. DAS ORNAMENT DES VERLIEBTEN HERZENS (1919) oder ASCHENPUTTEL (1922). Ihr früher Werbefilm für Nivea-Creme, DAS GEHEIMNIS DER MARQUISE (1921) ist in der im Folgenden besprochenen Edition mit enthalten.

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DIE ABENTEUER DES PRINZEN ACHMED, den Reiniger von 1923 bis 1926 produzierte und der aus über 96.000 (!) Einzelbildern besteht, besitzt einen ganz besonderen Stellenwert innerhalb der Filmgeschichte: Er ist der weltweit älteste, vollständig animierte Spielfilm. Lediglich zwei Animationsfilme des Argentiniers Quirino Cristiani erschienen früher, gelten jedoch heute als verschollen. Die handwerkliche Raffinesse Reinigers, ihr ganzes hingebungsvolles Talent spiegelt sich in jedem einzelnen Bild von DIE ABENTEUER DES PRINZEN ACHMED. So erschuf sie an ihrem Tricktisch beispielsweise durch in die Tiefe gestaffelte Glasplatten einen frühen 3-D-Effekt – wunderbar zu beobachten, als Aladin im Film ein kleines Segelschiff durch ein Unwetter manövriert und der peitschende Ozean auch in der Tiefendimension, also Vorder- und Hintergrund, durch gesonderte Formen erkennbar wird.

Im von mir auf diesem Blog besprochenen Buch MÄRCHEN IM MEDIENWECHSEL existieren zwei eigene Kapitel über Lotte Reinigers Kunst, eines über ihr eigenes Schaffen sowie eines über ihren Einfluss auf spätere (Film-)Künstler. Darin ist unter anderem über die besondere Qualität von Reinigers Arbeit zu lesen:

„Reiniger verleiht der normalerweise durch die geraden Linien des Frames begrenzten Diegese durch die organisch-durchbrochene Struktur der gebogenen Floralornamente eine der Realität entrückte Qualität. Wir befinden uns in einer anderen, einer magischen Welt.“

– Andrea Hartmann / Michel Nölle im Kapitel „Scissors on a screen“, S. 91

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Aladin und die Wunderlampe

Wer glaubt, die Geschichte um Aladin – manche englische Schreibweisen suggerieren „Aladdin“ – hätte seinen Ursprung von den Regionen der Arabischen Halbinsel, der irrt gewaltig. Wie ich bereits in meiner Audio-Besprechung zu Disneys ALADDIN (1992) reflektiere, handelt es sich bei Aladin und die Wunderlampe um ein aus dem Chinesischen mündlich überliefertes Volksmärchen, das erstmals im frühen 18. Jahrhundert zu Papier gebracht wurde. Der französische Orientalist Antoine Gallant fixierte die Geschichte, die tatsächlich nicht dem Kanon der Märchen aus 1001 Nacht zuzuordnen ist, sondern eigenen Charakter besitzt. (Gallant flechtete etwa Story-Elemente aus Ali Baba und die 40 Räuber in seine Geschichte mit ein). Insofern verwundert es kaum, das auch dessen filmische Adaptionen sich immer wieder unterscheiden, bald ja mit Disneys Real-Life-Adaption der bereits vermarkteten Geschichte. (Ich erinnere mich noch an ein SEGA-Spiel, als ich so acht, neun Jahre alt war.)

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Lotte Reiniger reflektiert den chinesischen Ursprung der Geschichte um die Wunderlampe in ihrer detailversessenen Gestaltung. Zahllose Reliefs, Verzierungen und Formen versetzen den Zuschauer von DIE ABENTEUER DES PRINZEN ACHMED ab dem dritten Akt nachhaltig in die Welt des fernen Orients. Der Chinesische Kaiser spielt eine wichtige Rolle, dem des Khalifen Tochter Dinarsade durch den bösen afrikanischen Zauberer zum Kauf angeboten wird. Aladin, der um die Hand von Dinarsade anhält, verbündet sich mit ihrem Bruder Prinz Achmed, der wiederum die Wunderlampe Aladins benötigt, um seine Geliebte Pari Banu zu befreien. Der dritte Akt heißt „Abenteuer in China“, der vierte „Aladin und die Wunderlampe“, in dem in einer einzigen Szene ein großer weißer Geist aus der Lampe entspringt und seinen Herren nach dessen Wünschen befragt. Zuletzt mischt Reiniger noch weitere narrative Elemente aus 1001 Nacht in ihren Spielfilm. Der fünfte und letzte Akt, „Die Geisterschlacht in Wak-Wak“ dreht sich dann ganz um Achmed und seine Geliebte Pari Banu, die als Herrin der Dämonen von ebendiesen zurückgeholt wird, die ihren Weggang aus menschlicher Sehnsucht nicht dulden. Das „Setting“ von Wak-Wak erinnert dann verstärkt an tropische Regionen, samt Vulkanfelsen, die sich entlang ihres Zentrums teilen können und ein Tor offenbaren. Ein wahres Effektfeuerwerk wird entfacht. Eine mächtige Hexe tritt zuletzt nachhaltig als Widersacherin des bösen afrikanischen Zauberers in Erscheinung und die Wunderlampe wird zur ultimativen Waffe gegen das Böse stilisiert.

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Zauberhafte Symphonien

Zu den insgesamt drei verschiedenen Filmmusiken, die für DIE ABENTEUER DES PRINZEN ACHMED auf Heimmedium präsentiert werden, gibt es im folgenden Absatz zu den Blu-ray-Spezifikationen noch eine Zusammenfassung. Ich möchte diese Zeilen kurz dazu nutzen, um zu betonen, welch immanente Wirkung sorgfältig eingespielte bzw. virtuos live vorgeführte Vertonungen gerade bei Stummfilmen auf den Zuschauer haben. Während Geräuschkulissen im frühen Tonfilm anfangs lediglich von den besten Machern – siehe Fritz Lang mit M oder DR. MABUSE – in seinen Möglichkeiten effektiv genutzt wurde, stellten bis dato neben dem exzentrischen (Theater-)Spiel der Akteure vor allem die zu hörenden Klangkompositionen das effektivste Mittel zur Spannungserzeugung dar. Perfekt abgestimmt auf die Dynamik der Bilder (vgl. METROPOLIS) brachten gerade auch diese frühen Soundtracks bei Stummfilmen das Publikum zum Staunen. Der Bedeutung gerade der frühen Filmmusik wurde bereits in zahllosen (wissenschaftlichen) Büchern Genüge getan.

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Ich selbst durfte einigen Live-Vertonungen von Stummfilmen beiwohnen, vorrangig noch in Regensburg, als ich dort studierte und arbeitete. So sah ich 2010 die zweite Aufführung überhaupt der rekonstruierten Langfassung von METROPOLIS in einer Kirche, vertont durch ein virtuoses Trio. Auch erlebte ich die Gebrüder Teichmann persönlich, die bei der jährlich stattfindenden Regensburger Stummfilmwoche stets gern gesehene Gäste sind. Ob NOSFERATU, DAS CABINET DES DR. CALIGARI oder DAS ZEICHEN DES ZORRO (THE MARK OF ZORRO) – ein Stummfilm, am besten noch als Open-Air-Vorführung im lauschigen Innenhof und mit Live-Musik ist ein Erlebnis, das man nicht mehr vergisst.

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Die Blu-ray von Absolut Medien (arte-Edition)

Das Cover der Blu-ray der arte-Edition © abolute Medien

Erstmals in HD restauriert, erschien DIE ABENTEUER DES PRINZEN ACHMED hierzulande im letzten Jahr in einer vortrefflichen Blu-ray-Edition, die die Möglichkeiten des Mediums voll ausnutzt. So zieht mit Absolut Medien endlich ein deutsches Label nach und veröffentlicht fünf Jahre nach dem British Film Institute (BFI), das die weltweit beste Quelle in seinem Archiv beheimatet, ein hübsch geschnürtes Paket voller Bild- und Klangjuwelen. Dieser Film ist nun in nie dagewesener Pracht erhältlich, sorgfältig restauriert, jedoch getreu dem Ausgangsmaterial als solches erkennbar und ohne zu starke Veränderungen belassen. So sind kleinere Schrammen und leichte Bildirritationen entsprechend des Alters des Werks zwangsläufig vorhanden. Das Bild erscheint viragiert, die Farben sind kraftvoll und leuchtend. Zur Wahl stehen drei Soundtracks: die Originalmusik von Wolfgang Zeller in der fabelhaft-leichten Kammermusikbearbeitung von Jens Schubbe, eingespielt vom MDR-Sinfonieorchester unter der Leitung von Frank Strobel. Die zweite Tonfassung stellt eine Live-Vertonung der Gebrüder Teichmann mit Leopold Hurt dar. Als dritter Soundtrack ist die kammermusikalische Quintettfassung von I Salonisti enthalten.

Die Bonusfilme (in HD) unterscheiden sich größtenteils von den Extras der BFI-Blu-ray, was den Mehrwert der hiesigen Edition untermauert. Enthalten sind:

  • DAS GEHEIMNIS DER MARQUISE (1921, 2:20 Minuten, auch auf der BFI-Edition enthalten, jedoch hier mit neuer Live-Vertonung vom November 2017 aus der Komischen Oper Berlin)
  • HARLEKIN (1931, 22 Minuten)
  • CARMEN (1933, 10 Minuten)
  • PAPAGENO (1935, 11 Minuten)

Ergänzt wird die Edition durch ein Interview mit Lotte Reiniger (Archivmaterial in SD) sowie ein ausführliches Booklet, in dem insgesamt fünf deutsche Autoren (darunter Jens Schubbe, der Zellers Originalmusik neu interpretierte) zu Wort kommen und die wichtigsten Aspekte um den Film kompakt beleuchten. Es ist ein der filmhistorischen Bedeutung dieses Werks mehr als angemessenes Büchlein, sorgfältig kuratiert, das so zahlreiche Hintergrundinformationen, etwa zur Entstehung, Ur-Aufführung, Restauration, Digitalisierung und (Neu-)Vertonung bietet. Auch zur Filmmusik des Bonusfilms HARLEKIN existiert eine ganze Seite Text.

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Fazit

Nicht nur als kulturelle Auffrischung der Filmkunst vor knapp 100 Jahren, sondern immer noch als lebendiger, faszinierender Unterhaltungsfilm bezaubert DIE ABENTEUER DES PRINZEN ACHMED (s)ein Publikum. Perfekt als Sonntags-Matinee für Zuhause – junge Zuschauer ausdrücklich willkommen – versetzt Lotte Reinigers Scherenschnitt-Abenteuer den Betrachter nach wie vor in Staunen. Auch wenn die Technik aus heutiger Sicht antiquiert erscheinen mag… hinter den von Hand gefertigten Animationen liegt durchweg ein besonderer Reiz, den die meisten Animationsfilme mittels modernster Computertechnik heutzutage nicht mehr transportieren können. Die aktuelle Blu-ray ist sorgfältigst kuratiert und jeden Cent wert. Pflichtkauf für jeden ernsthaft interessierten Sammler!

TitelDie Abenteuer des Prinzen Achmed (1926)

RegisseurLotte Reininger
Poster
Releaseseit dem 16.03.18 auf Blu-ray
Bei Amazon bestellen:
Trailer
DrehbuchLotte Reininger
MusikWolfgang Zeller (Originalkomposition)
KameraCarl Koch
Technische DatenBlu-ray
Bildformat: 1,33:1 (HD 1080p)
Tonformat: Dolby Digital Stereo (Orchestermusik), sowie Dolby 5.1 (Streichquintett)
Filmlänge69 min
AltersfreigabeAb 0 Jahren freigegeben

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