Die 27. Etage (1965) – Filmkritik

Hat etwa nur Hitchcock die besten Thriller in den 1950ern und 1960ern geschrieben? Wer die Filmografie des „Master of Suspense“ schon hoch und runtergespult hat, schaut sicher auch begierig nach Unbekanntem. DIE 27. ETAGE ist definitiv einen Besuch wert, denn der Thriller ist nicht nur maßgeschneidert besetzt, sondern bringt die Qualitäten der besten Films noirs noch einmal zum Erblühen. Das alles in einem New York, was so nur noch auf alten Postkarten zu finden ist. Kein Wunder, dass sich hier Edward Dmytryk, einer der besten Film-noir-Regisseure, hinter dem Regieposten verbirgt. DIE 27. ETAGE, welcher im Original MIRAGE heißt, erzählt neben seinem Plot auch eine düstere Geschichte über das Hollywood der McCarthy-Ära, aber zuerst zur Handlung.

© Koch Films

Handlung

In einem emsigen Wolkenkratzer in New York gibt es einen Stromausfall. Während alle Kollegen in der 27. Etage über die plötzliche Freizeit ganz aufgeregt sind und schon Partys in Konferenzräumen planen, will David Stillwell (Gregory Peck) lieber nach Hause. Im Treppenhaus trifft er auf Shela (Diane Baker). Sie erkennt ihn, er aber sie nicht und das liegt nicht nur an der spärlichen Beleuchtung. Als Shela im Keller verschwindet und David einen Schritt auf die Straße macht, hat sich bereits eine Menschenmenge um einen Selbstmörder auf dem Bordstein gebildet. In typisch sarkastischer Großstadtmanier geht es trotzdem in die nächste Feierabendbar. Als David danach in seinem Apartment ankommt, wartet schon ein bewaffneter Mann auf ihn, der ihn zwingt Kontakt mit einem gewissen Major aufzunehmen. David weiß aber nicht, was das Ganze soll und danach tauchen immer mehr Details in seinem Leben auf, die keinen Sinn ergeben. Nach einem erfolglosen Besuch beim Psychiater, beauftragt er den Privatdetektiv Ted Caselle (Walter Matthau) herauszufinden, wer David Stillwell eigentlich ist.

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Mystery und Spionage

Es geht gleich direkt mit den ersten Geheimnissen los. Figuren, die unlogische Dinge sagen, welche unserem Protagonisten nur Fragezeichen über dem Kopf entstehen lassen und Kühlschränke, die noch leer und dann auf einmal voll sind. Als Filmerfahrener fängt man bereits an, eine Latte von möglichen Erklärungen zu prüfen: Schizophrenie, ist David nur ein Geist oder gibt es einen unbekannten Zwillingsbruder. Die Erklärung lässt bis kurz vor dem Finale auf sich warten und bis dahin gilt es einige Rätsel zu lösen bzw. es lebend zu überstehen. Ganz so düster ist DIE 27. ETAGE aber dann doch nicht, denn das Drehbuch schreibt Gregory Peck immer wieder ein paar flotte Sprüche auf die Lippen:

„27 Etagen, wenn wir unten sind, sind wir vielleicht alte Freunde“

Aber auch die Bildsprache hat manchmal die Qualität eines Billy Wilders, wenn David zum Beispiel nach Feierabend in die Bar geht und dort alle Angestellten am Tresen einen trinken. Man sieht zunächst nicht wie voll es ist, sondern die Kamera fährt nur auf Beinhöhe die langen Reihen ab und neben jedem Hosenbeinpaar steht ein Aktenkoffer. Schnell nach Hause zu Frau und Kind möchte hier keiner.

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Die Darsteller

Gregory Peck (WER DIE NACHTIGALL STÖRT) spielt den fragenden David Stillwell. Der Nachname ist schon ein kleiner Hinweis, dass er bald wieder zu den Gesunden gehört. Peck spielt seine Verwirrung mit dem nötigen Ernst und der objektiven Ruhe. Ihm gelingen immer noch ein paar kesse Dialoge, vor allem in Anwesenheit von Kollegin Diane Baker (MARNIE, DER PREIS). In abgestimmter Garderobe auf das Schwarzweiß-Medium lässt Diane Baker nicht nur ihre Augen leuchten, sondern auch die Juwelen aus dem Hause Tiffany. Sie mag David wohlwollend gegenüberstehen, aber ihr Äußeres ist ganz klar auf einen hohen Status ausgelegt. Highlight bei den Nebenfiguren und zu Recht in großen Buchstaben auf dem Kinoplakat: Walter Matthau. Sein Eis essender Detektivcharakter wirkt zu keiner Zeit wie ein Berufsneuling, der er vorgibt zu sein. Mit schlauen Kommentaren und seiner grummeligen Matthau-Art, die wir aus seinen Filmen so lieben, machen seine Szenen am meisten Spaß.

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Hinweise und Details

Der Drehbuchautor Peter Stone und Regisseur Edward Dmytryk wissen ganz genau die Aufmerksamkeit der Zuschauer zu lenken. Ein paar interessante Gegenstände richtig in Szene gerückt, surreale Portraitkunst an den Wänden und immer wieder kleine Hinweise für den willigen Geheimnislöser vor dem Bildschirm. Im Buchladen steht zum Beispiel in großen Buchstaben „Reading is the key“ oder auch die Schulklasse im Park begutachtet einen Ginkgobaum. Ginkgo-Präparate sollen bei Vergesslichkeit und Gedächtnisstörung helfen, was der Hauptfigur David Stillwell vielleicht zur schnelleren Genesung verhelfen würde. Auch die kleinen Hinweise, wie der Schlüsselanhänger „The Future is Here“ bringen alles mit, was es für einen guten Thriller benötigt. Spätestens bei DIE 27. ETAGE erkennt man, wie gut die Coen-Brüder bei ihrer Hommage HAIL, CAESAR! (2016) referenziell gearbeitet haben.

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Hintergründe

Die Blu-ray

Als die düsteren Filme Ende der 1940er-Jahre einen beispiellosen Siegeszug an den Kinokassen vollführt haben, wurde hinter der Kamera politische Hetzjagd betrieben. Im Zug der McCarthy-Ära wurden Künstler, die der kommunistischen Partei angehörten oder Ideale derer unter der Bevölkerung verbreitet, politisch verfolgt. Der politische Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion war im vollen Gange. Die Hetze in Hollywood gipfelte in den „Hollywood Ten“: zehn Regisseure, Schauspieler und Drehbuchautoren (Robert Adrian Scott, Edward Dmytryk, Dalton Trumbo, Samuel Ornitz, Lester Cole, Herbert Biberman, Albert Maltz, Alvah Bessie, John Howard Lawson und Ring Lardner Jr.), die vor den Kongress geladen wurden. Alle verweigerten eine Aussage mit der Berufung auf den Ersten Zusatzartikel der Verfassung auf Privatsphäre und Meinungsfreiheit. Alle zehn bekamen Bußgelder und Haftstrafen wegen Missachtung des Gerichts, landeten auf der schwarzen Liste und hatten Arbeitsverbot in der Traumfabrik. Regisseur Edward Dmytryk lenkte jedoch als erster ein und kooperierte mit dem Komitee. Er durfte wieder arbeiten, aber seinen „Verrat“ haben ihm viele seiner Kollegen nicht verziehen, vor allem nicht Adrian Scott, den er als Mitglied der kommunistischen Partei beschuldigte.

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1965 als DIE 27. ETAGE entstand, ist bereits viel Wasser den Fluss hinuntergelaufen, aber es ist eine Welt der Täuschung, der Geheimbünde und Intrigen im Film von Edward Dmytryk zu erkennen. So setzt sich die medienwirksame Figur Charles Calvin (Walter Abel) für den Weltfrieden ein, führt aber dunkle Machenschaften bei der Nuklearforschung im Schilde. Politische Statements verweigert sich der Film, aber es ist eine deutliche Unsicherheit in der öffentlichen Wahrnehmung zu erkennen, was einen weiteren Pflasterstein auf den langen Weg des Paranoia- und Verschwörungskinos legt.

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Fazit

Der Neo Film noir DIE 27. ETAGE ist sehr gut gealtert. Die Schauspieler fegen geradezu durch die Sets aus Licht und Schatten. Der Thriller begeistert vor allem durch die Drehs direkt auf den Straßen von New York und im dortigen Central Park. Die finale Auflösung im 65. Stockwerk hält bis zum Schluss die Spannung, jedoch wirkt die Aufklärung etwas zäh, weil sie Komplexität vortäuscht, die es nicht gibt. Der Thriller eignet sich perfekt für ein Filmdoppel nach CHARADE (1963) mit Cary Grant und Audrey Hepburn. Beide Filme haben nicht nur den Drehbuchautor und Walter Matthau gemeinsam. Spannender Geheimtipp in Filmgeschichte und Fans des Film noir.

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewDie 27. Etage (1965)
OT: Mirage
Poster
Releaseab dem 10.09.2020 auf Blu-ray

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RegisseurEdward Dmytryk
Trailer
BesetzungGregory Peck (David Stillwell)
Diane Baker (Shela)
Walter Matthau (Ted Caselle)
Kevin McCarthy (Sylvester Josephson)
Jack Weston (Lester)
Leif Erickson (Major Crawford Gilcuddy)
Walter Abel (Charles Stewart Calvin)
George Kennedy (Willard)
Robert H. Harris (Dr. Augustus J. Broden)
DrehbuchPeter Stone
Buchvorlagenach dem Roman FALLEN ANGEL (Die 27. Etage) von Howard Fast (Walter Ericson)
KameraJoseph MacDonald
FilmmusikQuincy Jones
SchnittTed J. Kent
Filmlänge108 Minuten
FSKab 16 Jahren

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