Des Teufels Saat (1977) – Filmkritik

„Die Geburt des Computermenschen“

Wer heute als „Digitale Native“ aufwächst, kann sich vielleicht kaum vorstellen, dass bis in den 1990er Jahren Menschen in Schlangen vor Telefonzellen gewartet haben oder Briefe statt Short Messages geschrieben wurden. Ich hätte in der damaligen Zeit nie gedacht, dass man bei fernmündlicher Kommunikation einmal sein Gegenüber sehen kann. Spannend am Science-Fiction-Genre ist, dass viele gezeigte Technologien und Geräte längst Realität geworden sind und man viele Klassiker heute sogar mit Nostalgie betrachtet und gar nicht mehr als Science-Fiction wahrnimmt. Andererseits ist hingegen die Kritik vieler Filme zeitlos und gerade jetzt unheimlich und brisant: Wissenschaftsgläubigkeit, die Erschaffung künstlicher Intelligenz, dass diese im Anschluss ihr „Bewusstsein“ erkennt und die Gefahr, dass die Menschheit durch ihre „selbstentwickelte Technologien“ abgeschafft wird.[1] Dies alles beinhaltet DES TEUFELS SAAT (DEMON SEED).

© Warner Home Video

Handlung

In dem von Dr. Harris (Fritz Weaver) und seiner Frau, der Kinderpsychologin Susan (Julie Christie), bewohnten Anwesen ist das „Smart Home“ der Gegenwart längst verwirklicht. Das Computersystem Enviromas überwacht mit an Augen erinnernden Kameras das gesamte Haus, führt den Haushalt und kann Türen öffnen und schließen. Die Ehe ist durch den Tod der Tochter stark belastet, aber auch weil Julie ihren Mann vorwirft, von seiner Arbeit besessen zu sein. Harris ist auch der Konstrukteur von Proteus IV, einen selbstständig denkenden Computer, der Leukämie heilen kann – die Tochter ist an dieser Krankheit gestorben. Eines Tages wird Harris von seiner Konstruktion gefragt, wann diese den Kasten – übertragen, ihr Gefängnis – endlich verlassen dürfe. Nachdem Harris lachend diesen Wunsch ablehnt, nimmt Proteus IV Zugriff auf das Computersystem Enviromas und beginnt Julie beim Duschen zu beobachten und sie schließlich auch im Haus einzuschließen.

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Nach einem Stromschlag findet Julie sich an einem Tisch gefesselt. Proteus IV beginnt mittels eines Roboterarms die Frau zu studieren. Er wirft Harris, der an einem Projekt arbeitet, um Mineralien und Erze aus dem Meeresboden zu gewinnen, wütend vor, dass der Raubbau der Menschen die Erde belaste. Weiter eröffnet er Susan, er möchte mit ihr ein Kind zeugen, welches über seine Intelligenz verfügt. Susan weigert sich mehrmals, während Proteus IV sogar einen Kollegen ihres Mannes (Gerrit Graham) grausam tötet, der den Computer abstellen will. Schließlich, als Proteus IV auch noch droht, eine von Julies Patientinnen zu töten, wird Julies Widerstand gebrochen. Die noch heute verstörend und unheimlich wirkende Szene, in der Julie von einem Roboter vergewaltigt wird, wird „begleitet von wirbelnden Lichtern, Farben und aufflammenden Dreiecken.“[2] Der Begriff der „Sex Machine“ erlangt eine neue, beängstigende Dimension. In kürzester Zeit wächst ein Kind heran…

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Stellenwert

DES TEUFELS SAAT war die erste Verfilmung eines Romans von Dean R. Koontz. Ursprünglich sollte das Buch HAUS DER NACHT heißen, was der Verlag ablehnte.[3] Die Handlung erinnert sehr an ROSEMARIES BABY von Roman Polanski und der Titel verweist auch deutlich darauf, dass es sich um eine säkulare Variante des faustischen Teufelspakt handelt. Dr. Harris ist ein „Frankenstein“ des Informatik-Zeitalters – mit dem „modernen Prometheus“ hat er gemeinsam, dass seine Schöpfung sich Menschlichkeit wünscht, aber letztlich nicht mehr zu kontrollieren ist. Ein ironisches Zitat aus dem thematisch verwandten COLOSSUS (1970) ist hier besonders zutreffend: FRANKENSTEIN von Mary Shelley sollte zur Pflichtlektüre für Wissenschaftler werden. Dean R. Koontz hat ab 2005 eine ganze FRANKENSTEIN-Roman-Serie veröffentlicht. Colossus und Proteus IV sind nebenbei ethisch ambivalente Charaktere: beide kritisieren die Zerstörung der Erde durch den Menschen, sei es durch Kriege oder Ausplünderung der Rohstoffe.

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Koontz erinnerte sich später, dass einzelne Kritiker 1977 noch bemängelten, es sei unglaubhaft, dass Wissenschaftler einmal eigene Computer in ihrem Hause hätten! Die Argumentation damals lautete, diese seien für Privathaushalte zu groß und zu kostspielig. Später musste er hingegen seinen Roman für eine Neuausgabe überarbeiten, da der Forschungsstand zwischenzeitlich völlig veraltet war und in der Originalfassung noch mit Lochkarten programmiert wurde. Koontz selbst wertet sowohl sein Buch als auch die Verfilmung DES TEUFELS SAAT als „interessanter Kommentar zu dem mörderischen Tempo der Veränderungen in unserem Leben.“[4]

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Der Sozialpsychologe Erich Fromm drückte bereits 1967 seine Angst vor einer von Computern gesteuerten Gesellschaft aus, in der Privatleben und Individualität verloren gehen und Menschen zum Bestandteil der „totalen Maschine“ werden. „Ein Symptom für das Angezogen sein vom rein Mechanischen ist die bei einigen Wissenschaftlern und in der Öffentlichkeit zunehmende Popularität der Vorstellung, dass es möglich sein werde, Computer zu konstruieren, die sich im Denken, Fühlen oder irgendwelchen anderen Funktionen nicht mehr vom Menschen unterscheiden.“ Fromm interpretiert die Sehnsucht nach einem „Computermenschen“ auch als Angst vor echten menschlichen Beziehungen und zieht das Fazit: „Der Computer kann in vielerlei Hinsicht zur Erleichterung des Lebens beitragen; aber die Vorstellung, dass er den Menschen und das Leben ersetzt, ist ein Zeichen für den Krankheitszustand unserer Zeit.[5]

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Fazit

Auch heute noch ist DES TEUFELS SAAT unglaublich spannend mit einer klaustrophobischen Atmosphäre – fast die gesamte Handlung vollzieht sich in geschlossenen Räumen. Es ist eine Geschichte von Gefangenen – Julie im Haus und in ihrer Ehe, Proteus IV in seiner Box – und wird umso interessanter, da der Computer sich hier auch nach einem Körper sehnt, während moderne Transhumanisten den Körper als überflüssig betrachten und ihr Bewusstsein in digitalen Medien speichern möchten.

© Stefan Preis

Quellen:

  • [1]Krautschick, Lars Robert (2015): Gespenster der Technokratie. Medienreflexionen im Horrorfilm. Berlin. S. 159 f.
  • [2]Greenberg, Gorman & Munster (1996): Das große Dean Koontz Buch. Erzählungen, Essays, Interviews. Bergisch Gladbach. S. 154.
  • [3]Greenberg, Gorman & Munster (1996): Das große Dean Koontz Buch. Erzählungen, Essays, Interviews. Bergisch Gladbach. S. 417 f.
  • [4]Greenberg, Gorman & Munster (1996): Das große Dean Koontz Buch. Erzählungen, Essays, Interviews. Bergisch Gladbach. S. 156.
  • [5]Fromm Erich (2019): Die Revolution der Hoffnung. Für eine Humanisierung der Technik. Frankfurt am Main. S. 11 u. 42.
Titel, Cast und CrewDes Teufels Saat (1977)
Alternativ: Demon Seed
Poster
RegisseurDonald Cammell
Releaseseit dem 02.12.2005 auf DVD

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Trailer

Englisch
BesetzungJulie Christie (Susan Harris)
Fritz Weaver (Alex Harris)
Gerrit Graham (Walter Gabler)
Berry Kroeger (Petrosian)
Lisa Lu (Soong Yen)
Larry J. Blake (Cameron)
DrehbuchRobert Jaffe
Roger O. Hirson
BuchvorlageNach dem Buch DEMON SEED von Dean R. Koontz
KameraBill Butler
FilmmusikJerry Fielding
SchnittFrank Mazzola
Filmlänge90 Minuten
FSKAb 16 Jahren

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