Der Wilde Planet Mediabook Review Camera Obscura

Der wilde Planet – Filmkritik & Review zum Mediabook

„Lang lebe die Revolution“

Einer der Vorteile sich mit Filmen auseinanderzusetzen, ist der nicht enden wollende Fundus an Material, welches einem zur Verfügung steht. Ich spreche jetzt nicht von den wöchentlichen Kino-Neustarts plus die neuen Veröffentlichungen auf Streaming-Plattformen. Nein, es ist der Griff in die Vergangenheit der unermesslichen Filmgeschichte. Die Auswahl findet eher willkürlich statt, zum Beispiel durch eine Empfehlung von einem Freund oder mit Wissenslücken in einer Top 100-Liste. Und dann gibt es Labels, deren Filmauswahl man vertraut und deren Veröffentlichungen es überhaupt erst ermöglichen den Film zu sehen. Camera Obscura, die sich mit ihrer „Italian Genre Cinema Collection“ qualitativ hochwertig bewiesen haben, ist eines dieser Labels, welches der Aussicht auf eine hohe Gewinnspanne trotzt und die Wahrung von Filmkultur sicherstellt. Jetzt bringt Camera Obscura einen der ungewöhnlichsten Animationsfilme, der sich zu einem europäischen Klassiker der 70er-Jahre entwickelte, in einem umfangreichen Mediabook heraus: René Lalouxs DER WILDE PLANET (1973). Er ist nicht nur einer der wenigen Animationsfilme, der in Cannes prämiert worden ist, sondern einer der ungewöhnlichsten Filme mit politischen Perspektiven versehen, in prächtigen Bildern gezeichnet und in einer ungewöhnlichen Science-Fiction-Szenerie erzählt.

Der Wilde Planet Cover Review Mediabook Camera Obscura
Tiwa mit ihrem Haustier Terr // © Camera Obscura

Inhalt

In einer fernen Welt gibt es auf dem Planet Ygam ebenfalls die menschliche Rasse (Oms). Diese befindet sich jedoch auf einem steinzeitähnlichen Entwicklungsniveau und wird von den riesenhaften blauen Wesen namens Draag dominiert. Die Menschen fristen ein Dasein, welches zwischen Ungeziefer und Haustier schwankt. Manche erhalten den Schutz als Haustier durch die hochentwickelten, blauen Wesen. Zur Unterhaltung der Draag-Kinder leben sie ein Sklavendasein, wobei sie die Annehmlichkeiten von Essen und einem sicheren Zuhause gegenüber ihren wilden Verwandten genießen. Der junge Terr wird von dem Draag-Mädchen Tiwa aufgezogen. Tiwa ist ganz vernarrt in ihr Haustier und gibt Terr sogar die Möglichkeit mit ihr Wissen zusammen zu erlernen. Dies geschieht bei den hochentwickelten Draag mit Hilfe von Kopfhörern, die direkt Informationen in dem Gehirn des Lernenden abspielen. Terr wird durch diese Ausbildung zum intelligentesten Menschen auf dem Planeten und will seine Art aus dem angsterfüllten Dasein befreien.

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DER WILDE PLANET (La Planète sauvage) // © Camera Obscura

Vom Kinderprogramm weit entfernt

Dass DER WILDE PLANET ein 45 Jahre alter, gezeichneter Animationsfilm ist soll nicht die eigenen Erwartungen an die Kraft dieser Geschichte trüben. Die Zeichnungen Laloux erinnern an Werke von Salvador Dali und Hieronymos Bosch, haben aber ab und zu den Witz von Terry Gilliams Cartoon-Sequenzen in Monthy Python. Die Darstellung der Menschen, die Kleidung und vor allem die Filmmusik von Alain Goraguer riechen förmlich nach den Siebzigern, aber der Ideenreichtum dieser Fantasiewelt hat immer noch jede Menge Originalität, an der sich aktuelle Filmproduktionen ein Beispiel nehmen können. Vor allem die Welt der Draag mit ihren meditativen Eigenschaften, der technischen Entwicklung – man kann die Verwendung eines Replikators wie aus STAR TREK sehen – aber auch mit ihrer surrealen Architektur und den Strukturen der Gemeinschaft sind ungewöhnlich.

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DER WILDE PLANET (La Planète sauvage) // © Camera Obscura

In aktuellen Science-Fiction-Filmen wird die Entwicklung immer auf technische Errungenschaften wie Hologramme, Laserwaffen oder ähnliches beschränkt. Die Draag ernähren sich hingegen aus einer Art Wolke oder erfinden Waffen, die nur mit Licht töten. Die Welt auf dem Planeten Ygam wirkt wesentlich organischer, vor allem wenn es sich um die Makrowelt der Menschen handelt. Da tauchen die skurrilsten Wesen auf und bescheren dem Zuschauern den ein oder andern WTF?-Moment. Es gibt einen Kampf zwischen Terr und einem Menschen der Wilden, um dessen Glaubwürdigkeit in der Gruppe zu stärken. Sie bekommen keine Waffen für einen Zweikampf, sondern ihnen werden Wesen mit einem großen Schnabel auf den Bauch gebunden mit denen sie ein Kapf auf Leben und Tod führen.

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DER WILDE PLANET (La Planète sauvage) // © Camera Obscura

Politische Ausdruckskraft

In den ersten Momenten spielt der Film auf künstlerische Art mit den Gedanken, was wäre, wenn der Mensch nicht das höchstentwickelste Wesen auf einem Planeten ist und dann nicht mal am Ende der Nahrungskette stehen würde, wie es in unserer Gegenwart der Fall ist. Auch die Haltung von Haustieren zur eigenen Unterhaltung findet in der Figur von Terr bei DER WILDE PLANET kritische Szenen. Die Hypothese, dass sich jede Art von Lebewesen mit ausreichend Wissen aus der Gefangenschaft einer größeren Lebensform befreien zu vermag, ist einer der moralisch interessantesten Aspekte des Films. Man muss dem Film aber auch starke, unnötige Zeitsprünge, die auf Kosten der Spannung gehen, unterstellen. Vor allem das Finale mit der Lösung des Konflikts geschieht auf schnelle und holprige Art, an die man sich aber in dieser äußerst schrägen Welt gewöhnt haben dürfte.

Der Wilde Planet Cover Review Mediabook Camera Obscura
DER WILDE PLANET (La Planète sauvage) // © Camera Obscura

Das Mediabook

Der Wilde Planet Cover Review Mediabook Camera Obscura
Das limitierte 3-Disc-Mediabook von Camera Obscura

Camera Obscura hat hier ein umfangreiches Paket für Liebhaber des surrealen Films zusammengestellt. Das größte Plus dieser Edition ist der Film an sich, der nicht nur in der restaurierten Criterion Collection-Version von 2016 vorliegt, sondern in einer neuen, für dieses Release angefertigten, Farbkorrektur. Mit den Farbkorrekturen ist das immer so eine Sache, man will auch nicht zu viel Nostalgie wegbügeln, aber im direkten Vergleich ist die 2018-Version wesentlich angenehmer zu schauen. Die Zeichnungen sind insgesamt ungewöhnlich genug, so dass nicht auch noch die äußerst blaustichige Atmosphäre des Planeten den Filmgenuss beeinflussen soll. Die deutsche Synchronisation in Stereo ist lupenrein anzuhören und die jazzigen, schon fast lasziven Kompositionen von Alain Goraguer sind facettenreich zu erkennen. Das Bonusmaterial auf der Blu-ray ist mit den Kurzfilmen LES DENTS DU SINGE, LES TEMPS MORTS, LES ESCARGOTS und COMMENT WANG-FO FUT SAUVÉ – alle sind ebenfalls von René Laloux – äußerst üppig und lassen die Arbeit des französischen Malers und Filmregisseurs noch wertiger erscheinen. Das Booklet verfügt über einen persönlichen Text von Marcus Stigglegger und auch das Cover inklusive der Verpackung ist qualitativ hochwertig. Auch die Wahl zur seidenmatten Außenhaut des Mediabooks schätzt man, wenn man Fingerabdrücke nicht gern sieht. Die Filmmusik auf Audio-CD hätte diese Edition zur Perfektion gebracht, was man aber schnell mit dem Kauf der Vinyl-Neuauflage von Superior Viaduct beseitigen kann.

Fazit

DER WILDE PLANET ist eine beeindruckende Reise in die kreative Vergangenheit des europäischen Kinos der 70er-Jahre und beeinflusst zusätzlich ideenreich unser jetziges Denken auf Natur, Politik oder Gesellschaft. Das Mediabook von Camera Obscura stellt ein umfangreiches Bündel zusammen, welches bei der Erfahrung dieser Science-Fiction-Welt das Herz jedes Filmfans höher schlagen lässt und selbst einer Criterion Collection ebenbürtig die Stirn bieten kann.

Titel

Der wilde Planet (1973)
OT: La planète sauvage

Regisseur

René Laloux

Poster

Der Wilde Planet französisches Kinoposter

Release

3-Disc Mediabook von Camera Obscura
bei Amazon kaufen (Affiliate-Link)
oder bei OFDb.de kaufen

Auflage

2.000 Stück

Trailer

(Englisch)

Drehbuch

Roland Topor
René Laloux

Buchvorlage

„Oms en Série“ von Pierre Pairault (als Stefan Wul) aus dem Jahr 1957

Kamera

Boris Baromykin
Lubomir Rejthar

Musik

Alan Goraguer

Schnitt

Hélène Arnal
Marta Látalová

Technische Daten

Bildformat: 1,66:1 (HD 1080p, 23,98 fps)
Tonformat: Deutsch, Französisch in Stereo 2.0
Untertitel: Deutsch

Filmlänge

69 min

Altersfreigabe

Ab 12 Jahren freigegeben

 

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Chefredakteur

Kann bei ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT mitsprechen / Liebt das Kino, aber nicht die Gäste / Hat seinen moralischen Kompass von Jean-Luc Picard erhalten / Soundtracks auf Vinyl-Sammler / Stellt sich gern die Regale mit Filmen voll und rahmt nur noch seine Filmposter

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