Der weiße Hund von Beverly Hills (1982) – Filmkritik

Im Jahr 1968 – der Bürgerrechtler Martin Luther King wurde ermordet und Proteste sowohl gegen Diskriminierung als auch gegen den Vietnamkrieg erreichten in den USA ähnlich wie in Europa ihren Höhepunkt – veröffentlichte Romain Gary seinen Roman WHITE DOG in Fortsetzungen im Magazin LIFE. Erst 1975 erschien eine französische Buchausgabe. Samuel Fuller gelang mit der Verfilmung DER WEISSE HUND VON BEVERLY HILLS (WHITE DOG) ein Klassiker des rassismuskritischem Kinos.

Der weiße Hund von Beverly Hills (1982)

© Paramount

Handlung

Die Schauspielerin Julie Sawyer (Kristy McNichol) fährt nachts einen weißen Schäferhund an und behält ihn bei sich, nicht zuletzt, weil er sie eines Nachts vor einem Einbrecher beschützt. Außerdem würde der besitzerlose Hund ansonsten eingeschläfert werden. Dann geschehen seltsame Dinge. Der Hund verschwindet und kehrt schließlich blutverschmiert zurück. Eine afroamerikanische Kollegin von Julie wird von dem Tier attackiert. Die Hundetrainer Carruthers (Burt Ives) und Keys (Paul Winfield) erklären ihr, dass der Hund ein so genannter „White Dog“ ist, der darauf abgerichtet wurde, Schwarze anzugreifen und zu töten – „eine tickende Zeitbombe auf vier Beinen“ herangezüchtet von „einem Rassisten auf zwei Beinen“. Anders als der schon ältere Carruthers ist der Afroamerikaner Keys überzeugt, den Hund, der von nun an „Jekyll“ genannt wird, wieder „umprogrammieren“ zu können. Das Ende des Films macht betroffen und traurig zugleich.

© Paramount

Bedeutung

Samuel Fuller soll einmal gesagt haben, man müsse (im übertragenen Sinn) mit einem Maschinengewehr von der Leinwand schießen, um das Publikum zu treffen. Sowohl die Bilder in DER WEISSE HUND VON BEVERLY HILLS, die gezeigt werden, als auch die, die nicht gezeigt werden, sind verstörend: der Hund streicht tagsüber durch einsame Straßen in einem deutlich sichtbar von großer Armut betroffenen Stadtteil und fixiert ein Kind, das aber noch rechtzeitig von seiner Mutter gerufen wird. Kurz darauf tötet er einen Afroamerikaner in einer Kirche – einer der schockierendsten Momente in einem Film der frühen 1980er Jahre.

Der weiße Hund von Beverly Hills (1982)

© Paramount

In ausführlichen Erzählungen wird über die Dressur des Hundes und die historischen Hintergründe berichtet – Hunde wurden zur Sklavenjagd eingesetzt, arme Afroamerikaner wurden bezahlt, das Tier zu misshandeln und zu quälen. Gegen Ende des Films erscheint der eigentliche Besitzer und möchte seinen Hund zurück, ansonsten würde er sich an die Polizei wenden. Dieser Mann ist ein unscheinbarer, freundlich wirkender älterer Herr, der mit zwei kleinen Mädchen, vermutlich seine Enkelinnen, vorspricht und der entsetzten Julie auch stolz erklärt, dass er den Hund dressiert habe. Wütend sagt Julie den Kindern, dass der Mann aus dem Hund einen Mörder gemacht hat und warnt sie davor, sich ebenfalls so manipulieren zu lassen. Auch Menschen werden zu hassenden Tötungsmaschinen herangezogen.

© Paramount

Noch vor Abschluss der Dreharbeiten galt DER WEISSE HUND VON BEVERLY HILLS als „kontroversester Film“ des Jahres. Die Produktionsfirma Paramount zog den Film zurück, da die Gesellschaft sich einen Tier-Horrorfilm vergleichbar DER WEISSE HAI (JAWS, 1975), aber ohne deutlich politische Untertöne, wünschte. Einzelne Kritiker warfen dem Film bereits vor Fertigstellung absurderweise gegen Weiße gerichteten Rassismus vor, umgekehrt stand auch der Vorwurf im Raum, Rassismus könne nicht ohne weiteres „abtrainiert“ werden. Tatsächlich wurde der Film in den USA erst im Jahr 2008 veröffentlicht, während er von europäischen Rezensenten durchaus positiv aufgenommen und auch sehr häufig – wenn auch in einer gekürzten Fassung mit sehr freier Synchronisierung – im deutschen Spätprogramm gezeigt wurde.

Der weiße Hund von Beverly Hills (1982)

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Auch in anderen Filmen stehen Hunde gleichnishaft für den „gewalttägigem Ausbruch jeder Art von Vorurteilen“.[1] In DOBERKILLER (TO KILL A CLOWN Kill, 1972) quält ein Vietnam-Veteran mit seinen beiden Dobermännern durch sadistische Spiele ein Ehepaar – die psychologische Erklärung lautet, dass er neidisch auf deren „freies“ Leben ist, auch ein häufiges Motiv für rassistische Ressentiments. DIE HUNDE (LES CHIENS, 1979) spielt in einer französischen Kleinstadt, in der viele Bewohner aus Kriminalitätsfurcht Kampfhunde besitzen. Die Situation eskaliert, als immer mehr Hetzjagden auf Minderheiten erfolgen und schließlich sogar der Bürgermeister getötet wird. Fullers Film wird in vielen Punkten vorweggenommen, stärker beleuchtet werden jedoch die Ursachen diskriminierenden Verhaltens. In BELL MIR DAS LIED VOM TOD (BAXTER, 1989) erzählt ein Bullterrier aus seinem Leben – wie er den Tod seiner Besitzerin verschuldet, er aus Eifersucht ein kleines Kind töten will und wie ein Junge ihn mit nahezu militärischem Drill auf einen anderen Jungen hetzen will.

Der weiße Hund von Beverly Hills (1982)

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Fazit

DER WEISSE HUND VON BEVERLY HILLS zählt zum Spätwerk des Regisseurs Samuel Fuller, es folgten nur noch zwei weitere Filme von ihm. Besonders hervorzuheben ist die Kameraführung von Bruce Surtees, insbesondere die Zeitlupen-Sequenzen, in denen der angreifende Hund gezeigt wird und hierzu ergänzend der stille wie traurige Soundtrack von Ennio Morricone. Ähnlich wie CANDYMAN (1992) handelt dieser Film, der heute brisanter ist, denn je, auch von dem wirklichen Horror von Armut und gesellschaftlicher Exklusion.

© Stefan Preis

Weiterführende Literatur:

  • Coleman, Robin R. Means (2011): Horror Noire: Blacks in American Horror Films from the 1890s to Present. London.
  • [1]Schäfer, Horst und Wolfgang Schwarzer (1991): Von Che bis Z. Polit-Thriller im Kino. Frankfurt am Main. S. 100.
Titel, Cast und CrewDer weiße Hund aus Beverly Hills (1982)
OT: White Dog
Poster
RegisseurSamuel Fuller
Releaseseit dem 15.12.2015 auf DVD. Auf Blu-ray nur als UK-Import verfügbar.

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Trailer

Englisch
BesetzungKristy McNichol (Julie Sawyer)
Christa Lang (Schwester)
Vernon Weddle (Vet)
Jameson Parker (Roland Grale)
Paul Winfield (Keys)
Burl Ives (Carruthers)
Bob Minor (Joe)
Samuel Fuller (Charlie Felton)
Marshall Thompson (Director)
Paul Bartel (Kameramann)
DrehbuchSamuel Fuller
Curtis Hanson
FilmmusikEnnio Morricone
KameraBruce Surtees
SchnittBernard Gribble
Filmlänge90 Minuten
FSKab 16 Jahren

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