Der Untergang des Römischen Reiches (1964) – Filmkritik

Ein Reich, was in der Antike über tausend Jahre bestand, gibt einige gute Geschichten her. Am interessantesten ist aber seine Vernichtung. Welche Kräfte haben gewirkt, eine solche Weltmacht von ihrem Thron zu stoßen? Historiker und Geschichtsinteressierte wissen, dass dieser Prozess über viele Jahre andauerte und von mehreren Faktoren beherrscht wurde. Hollywood hat sich vor allem in der Zeit der großen Studioproduktionen nicht viel um historische Korrektheit bemüht. So handelt DER UNTERGANG DES RÖMISCHEN REICHES die Vernichtung in nur wenigen Jahren ab und beschränkt die treibende Kraft hierfür auf wenige Akteure. Wie es sich gehört, hat eine dramatische Liebe ihre Finger mit im Spiel oder ist es doch nur ein verzogener Erbe?

Marcus Aurelius (Alec Guinness) // © 1964 Samuel Bronston Productions

Handlung

180 n. Chr., die letzten Kämpfe an der Nordgrenze des Römischen Reiches mit den Barbaren gehen ihrem Ende zu. Caesar Marcus Aurelius (Alec Guinness) sowie sein bester Militärtribun Livius (Stephen Boyd) sorgten mit ihrer Anwesenheit im kühlen, bergigen Norden für einen diplomatischen Sieg. Der Kaiser sieht jedoch sein Lebensende kommen und so möchte er, dass nicht sein Sohn Commodus (Christopher Plummer) der nächste Caesar wird, sondern Livius. Aurelius schafft es jedoch nicht mehr seinen Wunsch schriftlich festzuhalten, denn er wird von intriganten Beratern mit Gift getötet und Livius sieht keine Möglichkeit den Wunsch seines Caesars ohne Beweise zu erfüllen. Der Erbe Commodus wird der neue Kaiser. So ist aber für Livius der Weg frei seine Liebe gegenüber Lucilla (Sophia Loren), der Schwester von Commodus, zu gestehen. Doch dem neuen Kaiser fehlen die Eigenschaften ein solch großes Reich zu regieren, wie sein Vater vorhergesehen hatte.

Der Untergang des römischen Reiches (1964)
Lucilla (Sophia Loren) und Livius (Stephen Boyd) // © 1964 Samuel Bronston Productions

Liebesdrama

Der Beginn ist unerwartet. Keine monumentalen Bauten in der Hitze Italiens erwarten den Zuschauer, sondern eine Burg in dem schneebedeckten Norden Europas. Die Römer ziehen gegen die dickköpfigen, rothaarigen Barbaren zu Felde, die keine römischen Sklaven werden wollen. Marcus Aurelius hatte erkannt, dass das Römische Reich an seine Grenzen gestoßen ist und nun eine Phase der Diplomatie beginnen sollte. Commodus als verzogener Großstadtjunge sieht das allerdings nicht ein. Warum Livius als erfolgreicher Feldherr der bessere Diplomat gewesen wäre, wird uns nicht verraten. Das Dreigespann Livius, Lucilla und Commodus gibt genug Spannungen für ein Liebesdrama her, aber für den Untergang einer Weltmacht reicht es nicht. So werden Ereignisse in die Geschichte gestreut, die jeder Zuschauer als mögliche Auslöser des Untergangs versteht. Die Steuern der eroberten Provinzen zu erhöhen, hat zum Beispiel noch nie sonderlich geholfen und weitere Probleme wie Pest und Hungersnöte fordern weitere Opfer in Rom.

© 1964 Samuel Bronston Productions

Besetzung

Wenn eine Weltmacht von einer Handvoll Personen in die Knie gezwungen wird, dann sollen sie zumindest darstellerisch überzeugen. Aber es handelt sich um einen Film aus den 1960er-Jahren und da wurde noch viel Theater vor der Kamera gespielt. Die langen Einstellungen beweisen nicht nur die Textsicherheit seiner Darsteller, sondern bescheinigen auch eine gewisse Leinwandstärke. Jedoch kann man mit den zähen Monologen und Dialogen heutzutage keinen mehr hinterm Handy vorlocken. Vor allem die Liebesschwüre zwischen Lucilla und Livius, wobei einer die Sätze des anderen wiederholt, lassen die Augenlider schwer werden. Die Freundschaft zwischen Commodus und Livius beginnt hingegen recht herzlich und locker.

„Wir wollen nicht denken, wir wollen trinken.“

Das führt aber, nachdem sich jeder seiner entgegengesetzten Rolle bewusst geworden wird, zu keinem Zeitpunkt zu einem Diskussions- oder Streitgespräch zwischen beiden. Das Drehbuch versucht dies den Nebenrollen zu überlassen.

Commodus (Christopher Plummer) // © 1964 Samuel Bronston Productions

Statistenspektakel

Was bleibt dann noch übrig, wenn die Hauptdarsteller „Over The Top“ agieren und der Handlung jegliche Echtheit zur wahren Geschichte fehlt? Die Action und Kulissen, wie es sich für einen Monumentalfilm gehört. Es gibt imposante Szenen mit Hunderten Statisten und Dutzenden Pferden. Nicht nur Schlachten beeindrucken mit Menschenmassen, sondern auch die Beerdigung Caesars oder die Gottesfeier von Commodus. Die beste Szene in DER UNTERGANG DES RÖMISCHEN REICHES ist jedoch ein Wagenrennen zwischen Livius und Commodus, in dem sie die Serpentinen in den Bergen hinunterbrettern. Mit einem Rad schon im Abgrund schießen sie den Hang hinab und teilen noch Peitschenhiebe gegeneinander aus und das alles ohne Computereffekte. Hier waren noch Stuntmänner echte Helden am Set.

Der Untergang des römischen Reiches (1964)

Produktion

Der Film floppte an der Kinokasse und riss das Produktionsstudio Samuel Bronston Productions in den Ruin. Produzent Bronston war einer der ersten, der in Spanien solche extremen Requisitenaufbauten finanzierte und davor drehen ließ. Die Produktionen in Spanien stellten sich gegenüber Hollywood als günstiger heraus. Leider half es trotzdem nicht, denn selbst ein Forum Romanum muss erst einmal in der Nähe von Madrid errichten werden, auch wenn es nur aus Holz besteht. Regie führte Anthony Mann, der seinen Erfolg eher dem Film noir (z. B. GEHEIMAGENT T, 1947) und dem Western (z. B. WINCHESTER `73, 1950) zu verdanken hat. DER UNTERGANG DES RÖMISCHEN REICHES ist im Prinzip auch Anthony Manns einziger Monumentalfilm, wenn man von den ersten Drehtagen bei SPARTACUS (1960) absieht, wo er schnell von Produzent Kirk Douglas durch Stanley Kubrick ersetzt wurde.

Die Kostüme und das Szenenbild sind eine Augenweide, auch wenn jegliche kreative Freiheit vor Bezug zur Historie kommt. Sophia Loren zeigt eine regelrechte Modenschau von bunten Gewändern, aber auch den Rüstungen und Requisiten merkt man das hohe Handwerk der Setbauer aus den 60er Jahren an.

Der Untergang des römischen Reiches (1964)
© 1964 Samuel Bronston Productions

Fazit

Vor allem für die Intrigen und Machtkämpfe geht einem das Verständnis völlig abhanden. Warum Lucilla auf einmal eine Rebellin geworden ist, weiß keiner. Sie wird nur noch von ihrem Zwangs-Ehemann übertrumpft, der auf einmal einen Pakt mit dem Persischen Reich beschlossen hat. Auch von Pest und Hunger wird nur geredet und nichts gezeigt. Christopher Plummer spielt als Bösewicht etwas zu viel Theater, bleibt aber als stärkster Charakter in Erinnerung. DER UNTERGANG DES RÖMISCHEN REICHES begeistert mit den enormen Kulissenaufbauten und Massen an Statisten, die aufgefahren wurden. Aber das reicht am Ende nicht und somit beendet er auch die Siegessträhne der Monumentalfilme an den Kinokassen.

Trivia: Es gibt sogar ein Remake: GLADIATOR (2000) von Ridley Scott. Nein, als solches kann man es nicht ansehen, aber es gibt einige Parallelen zwischen beiden Filmen, wenn man Maximus (Russell Crowe) als Livius ansieht.

Gesehen im Zuge meiner FLUXScorseseMasterclass.

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewDer Untergang des Römischen Reiches (1964)
OT: The Fall of the Roman Empire
Poster
Releaseab dem 31.08.2020 auf Blu-ray und DVD erhältlich.

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RegisseurAnthony Mann
Trailer
BesetzungSophia Loren (Lucilla)
Stephen Boyd (Livius)
Alec Guinness (Marcus Aurelius)
James Mason (Timonides)
Christopher Plummer (Commodus)
Anthony Quayle (Verulus)
John Ireland (Ballomar)
Omar Sharif (Sohamus)
DrehbuchBen Barzman
Basilio Franchina
Philip Yordan
KameraRobert Krasker
FilmmusikDimitri Tiomkin
SchnittRobert Lawrence
Filmlänge186 Minuten
FSKab 12 Jahren

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