Der unheimliche Mr. Sardonicus (1961)

Der unheimliche Mr. Sardonicus (1961) – Filmkritik

William Castle verweilte gerade im Familienurlaub als er durch Zufall Ray Russels Kurzgeschichte „Mr. Sardonicus im Playboy zu lesen bekam. Sofort war er Feuer und Flamme und erwarb auf schnellstem Wege die Rechte an Russels Story. Als Inspiration für den US-Autor diente vermutlich Paul Lenis Film DER LACHENDE MANN (THE MAN WHO LAUGHS, 1928). Dieser wiederum basiert auf den Roman des bekannten Autors Victor Hugo (unter anderem DER GLÖCKNER VON NOTRE DAME) und wurde bis heute nur dieses eine Mal verfilmt. Der deutsche Conrad Veidt wurde damals für die Titelrolle besetzt und erscheint auf alten Szenenfotos wie Batmans Nemesis, der Joker, bösartig und verdammt unheimlich. Der einzige Mann in Hollywood, der ein ähnliches Grinsen besaß, war wohl das Allround-Talent Kirk Douglas. Genau der plante für Ende der 1960er-Jahre auch eine Neuverfilmung von Hugos bekanntem Roman. Aber nach Begutachtung von Lenis Stummfilm sagte Douglas das Projekt kurzerhand ab. Vermutlich war dem Hollywood-Strahlemann die ganze Thematik schlussendlich dann doch zu finster. Aber zurück zu Castles Film:

Der unheimliche Mr. Sardonicus (1961)
© Koch Films

Inhalt

London im Jahre 1880: Der Arzt Sir Robert Cargrave (Ronald Lewis) erhält einen Brief seiner einstigen Geliebten Maude (Audrey Dalton), in dem sie ihn bittet, schnellstens nach Transsilvanien auf das Schloss ihres Mannes Baron Sardonicus (Guy Rolfe) zu kommen. Nach einer langen und beschwerlichen Reise erreicht Cargrave das Dorf Groslava, wo er am Bahnhof von Krull (Oskar Homolka), dem Diener Sardonicus, abgeholt wird. Kaum im Schloss, lernt er auch gleich Maudes Mann kennen, den Baron höchstpersönlich. Jedoch trägt der Baron eine Maske hinter der er sein entstelltes Gesicht verbirgt. Schnell macht er ihm klar, warum Cargrave wirklich hier ist. Der junge Arzt soll ihn mit den neusten Behandlungsmethoden von seiner fürchterlichen Fratze befreien, koste es was es wolle. Doch der Baron ist nicht nur der liebenswürdige Gastgeber, sondern auch eine gewissenlose Bestie, die, wenn nötig, über Leichen geht.

Der unheimliche Mr. Sardonicus (1961)
© Koch Films

The Gimmick-King

William Castle präsentiert uns hier eine Story, die im typischen Look der goldenen 1930er-Jahre der Universal-Monster daherkommt, aber auch so gar nicht zu seinen anderen Filmen passen will. All die so typischen Zutaten für den Gothic-Grusel sind vorhanden: eine unheimliche Fahrt in eine trostlose und menschenleere Landschaft, ein furchtbares Ereignis in der Vergangenheit, ein unheimliches Schloss, schreckliche Experimente, verängstigte Dorfbewohner, ein nebelverhangener Friedhof, ein verunstalteter Diener und ein bösartiger Adeliger. All das, verpackt in einen kleinen und sehr makaberen Film, ergibt diesen überdurchschnittlichen Gothic-Grusel-Schocker. Dass sich die Erzählstruktur sehr stark an DRACULA anlehnt, wird gleich in den ersten Minuten deutlich. Zudem erinnert die Maske des Barons sofort an den französischen Klassiker AUGEN OHNE GESICHT (LES YEUX SANS VISAGE, 1960) von Georges Franju. Darin trägt die Tochter des Chirugen Dr. Génessier (Pierre Brasseur), Christiane (Édith Scob), eine ähnliche ausdruckslose Maske, da ihr Gesicht bei einem Unfall entstellt wurde. Eine weitere Übereinstimmung der beiden Filme finden wir in den Experimenten an Hunden, die Dr. Cargrave und Dr. Genessier durchführen. Eine weitere interessante Tatsache war, dass Castle komplett auf den Einsatz von US-Schauspielern verzichtete. Er wollte den klassisch-britischen Gothic-Look konsequent verdeutlichen, was ihm auch ohne Frage gelungen ist. Alleine von den beiden Charakter-Darsteller Ronald Lewis (geboren in Wales) und Guy Rolfe (geboren in England) wird jede Menge Good-Old-England-Stimmung erzeugt.

Der unheimliche Mr. Sardonicus (1961) Blu-ray
© Koch Films

Der Punishment Poll

Als neustes Castle-Gimmick präsentierte diesmal der Zigarre rauchende Sonderling den „Punishment Poll“, was so viel wie Bestrafungs-Umfrage bedeutet. Angeblich drehte Castle für den Film zwei verschiedene Enden, dazu gibt es allerdings sehr unterschiedliche Meinungen: Ein Ende, in dem für Sardonics alles positiv ausgeht und er sein Leben lebt. Bei dem anderen Ende muss er als Bestrafung noch etwas mehr für all sein böses Tun während des Filmes leiden. Das gute Ende ist aber bis heute nicht entdeckt worden. Für das Publikum gab es beim Kauf der Eintrittskarten eine weitere Karte, auf der eine zur Faust geballte Hand mit ausgestrecktem Daumen gedruckt war. Das Ganze leuchtete zusätzlich im Dunkeln. Kurz vor dem Finale erschien Castle im Film und bat um Abstimmung. Der Ablauf war der Gleiche wie früher im alten Rom bei den Gladiatoren-Kämpfen. Castle sprach in einem Interview darüber, dass wohl nicht ein einziges Mal das gute Ende gezeigt wurde. Es hatte sich in all der Zeit nichts geändert, die Menschen sind noch immer so blutrünstig wie vor 2000 Jahren. Aber vielleicht war es auch einer der ältesten Film-Marketing-Tricks seiner Zeit.

Der unheimliche Mr. Sardonicus (1961) Blu-ray
© Koch Films

William Castle

Sein beschwerlicher Aufstieg begann er bei der Columbia als Auftragsregisseur, bevor er sich seinem Lieblingsgenre, dem Horror zuwandte. Unter seinen frühen Arbeiten waren vor allem Western und Komödien, aber auch einige sehr gute Film-Noirs wie z.B. DER WHISTLER (THE WHISTLER, 1944), HEIRATE NIEMALS EINEN FREMDEN (WHEN STRANGERS MARRY/BETRAYED, 1944) oder auch TÖDLICHER SOG (UNDERTOW, 1949). Dass Castle, im Gegensatz zu seinem Ruf, Talent und Können hatte, ist in MR. SARDONICUS sehr gut zu erkennen. Sein gutes Auge beim Szenenaufbau, sein perfektes Timing, eine sehr präzise Kameraarbeit und sein Händchen für die Schauspieler ist beeindruckend. Neben den oben genannten Film-Noirs sind auch seine weiteren Horrorfilme eindrucksvoll wie z.B. der schon fast legendäre DAS HAUS AUF DEM GEISTERHÜGEL (HOUSE ON HAUNTED HILL, 1959) oder SCHREI, WENN DER TINGLER KOMMT (THE TINGLER, 1959), beide übrigens mit dem großen Vincent Price. Aber auch DAS UNHEIMLICHE ERBE (13 GHOSTS, 1960) oder DIE ZWANGSJACKE (STRAIT-JACKET, 1964) mit der Mega-Diva Joan Crawford können sich sehen lassen. Im Jahre 1968 feierte er mit Roman Polanskis Meisterwerk ROSEMARIES BABY (ROSEMARY‘S BABY) auch als Produzent einen großen Erfolg. Wer noch mehr über den außergewöhnlichen Mann William Castle und seine Filme erfahren möchte, dem sei Robert Zions Buch WILLIAM CASTLE ODER DIE MACHT DER DUNKELHEIT empfohlen.

Der unheimliche Mr. Sardonicus (1961)
© Koch Films

Blu-ray

Der unheimliche Mr. Sardonicus (1961) Blu-rayDas Bild auf der Blu-ray ist nahezu perfekt: gestochen scharf und zeigt lediglich bei einigen wenigen Szenen ein schwaches Rauschen im Hintergrund. Perfekt ist ebenfalls der Ton, der in LPCM Stereo 48K aus den Lautsprechern kommt und ganz vorzüglich die knapp 90-minütige Geisterbahnfahrt untermalt. Als Extras befinden sich auf der Scheibe eine Bildergalerie, „Trailers from Hell“, ein Audiokommentar von Robert Zion, Trailer, die deutsche Fassung (verkürzte Version in HD mit einer Laufzeit von gut 86 Minuten), Featurette „Gothic Castle“ mit Jonathan Rigby, Featurette „The Punishment Poll“, Featurette „Talking the Punishment Poll“.

Fazit

DER UNHEIMLICHE MR. SARDONICUS ist zwar kein Meisterwerk des Genres, aber ein durchaus interessanter und sehenswerter Gothic-Thriller. Dieses Mediabook von Koch Films stellt den Auftakt zu einer hoffentlich umfangreichen und längst überfälligen Würdigung von Castles Werk dar. Nicht nur für Fans ist dieser Film eine Bereicherung, auch jeder andere, der sich gerne mit einem Augenzwinkern gruselt, darf zugreifen.

© Stefan F.

Titel, Cast und CrewDer unheimliche Mr. Sardonicus (1961)
OT: Mr. Sardonicus
PosterDer unheimliche Mr. Sardonicus (1961) Blu-ray
Releaseab dem 29.08.2019 in der William Castle Collection #1 auf Blu-ray + DVD
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RegisseurWilliam Castle
Trailer
BesetzungRonald Lewis (Sir Robert Cargrave)
Audrey Dalton (Baroness Maude Sardonicus)
Guy Rolfe (Baron Sardonicus / Marek Toleslawski)
Oskar Homolka (Krull)
Vladimir Sokoloff (Henryk Toleslawski)
Erika Peters (Elenka Toleslawski)
DrehbuchRay Russell
KameraBurnett Guffey
MusikVon Dexter
SchnittEdwin H. Bryant
Filmlänge89 Minuten
FSKab 16 Jahren

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