Der Schrecken der Medusa (1978) – Filmkritik

DER SCHRECKEN DER MEDUSA ist einer der zu Unrecht vergessenen Klassiker des fantastischen Films (auf Platz 13 unserer Liste, der besten Horrorfilme aus den 1970ern). Nicht nur bei vielen Liebhabern fristet er ein Leben abseits der Öffentlichkeit, ebenso ergeht es ihm bei bekannten Kritikern und Filmwissenschaftlern. Daher ist es mir eine umso größere Freude diesen ganz besonderen Film hier und heute vorstellen zu dürfen. DER SCHRECKEN DER MEDUSA erfasste mich in sehr jungen Jahren – genauer gesagt mit 13 – bei einer späten Ausstrahlung im deutschen TV und hat mich seitdem nie wieder losgelassen. Mit einer großartigen Starbesetzung erschuf Regisseur Jack Gold (DER KLEINE LORD / LITTLE LORD FAUNTLEROY, 1980) eine unglaublich dichte und bösartige Atmosphäre, die sich wie ein fiebriger Albtraum durch den Film zieht, bis zu ihrem unausweichlichen Ende. Gleichzeitig inszenierte er eine fantastische Story seines US-Drehbuchautors John Briley (GANDHI, 1982) unter mithilfe seines kongenialen Kameramannes Arthur Ibbetson (AGENTEN STERBEN EINSAM / WHERE EAGLES DARE, 1968) und erschuf Momente, die noch lange im Gedächtnis verhaften bleiben. Alles verpackt mit dem gelungenen und sehr passenden Score von Michael J. Lewis. 1979 wurde der Film als bester Horrorfilm für den Saturn Award nominiert.

© Koch Films

Inhalt

Der Schriftsteller John Morlar (Richard Burton) wird das Opfer eines Mordanschlages in seiner eigenen Wohnung, vom Täter oder gar einem Tatmotiv fehlt jede Spur. Doch Morlar ist nicht tot und trotz schwerster Kopfverletzungen wird er im Krankenhaus am Leben erhalten. Der behandelnde Arzt Dr. Johnson (Gordon Jackson) ist jedoch der Meinung, dass Morlar aufgrund der schweren Verletzung nicht mehr lebensfähig sei. Der französische Austauschpolizist Kommissar Brunel (Lino Ventura) wird auf den Fall angesetzt. Er findet seltsame Notizen in Morlars Unterlagen, die scheinbar keinen Sinn ergeben, sowie ein Sammelalbum mit Zeitungsausschnitten über alle möglichen Katastrophen weltweit. Bei seiner Suche findet Brunel auch einen Hinweis auf Morlars Arzt, Dr. Zonfeld (Lee Remick). Zonefeld erzählt Brunel mehr über Morlar und seine vermeintlichen Kräfte sowie seinen Wahn, der die ganze Welt bedroht und in den Abgrund zu reißen droht.

© Koch Films

„Ich verneige mich vor einer Welt, die sich so schnell für den Teufel entschieden hat.“

Dieser Satz des Terroristen Carroll Oerstadt (Jim Caviezel) aus dem Film DÉJÀ VU – WETTLAUF GEGEN DIE ZEIT (2006) passt wie kaum ein anderer auf den hier vorliegenden DER SCHRECKEN DER MEDUSA. In diesem Satz ist alles versammelt was den Schriftsteller Morlar an einem weiter Bestehen der Welt, wie wir sie kennen, zweifeln lässt. Das Drehbuch basiert auf den gleichnamigen Roman des Briten Peter Van Greenaway (1929-1988) aus dem Jahre 1973. Greenaway, der hauptsächlich politische Thriller und Science-Fiction mit satirischen Elementen verarbeitete, ist ein äußerst interessanter Schriftsteller. Seine Themen sind vielseitig, überraschend und äußerst spannend sowie durch und durch von einer garstigen Dunkelheit durchzogen. Im Jahre 1980 wurde DER SCHRECKEN DER MEDUSA erstmalig im Fernsehprogramm der ARD ausgestrahlt, im darauffolgenden Jahr kam er dann auch in die deutschen Kinos, allerdings mit dem Titel MEDUSA TOUCH – DIE SCHRECKEN DER MEDUSA. Für die Videoveröffentlichung wurde der Titel dann nur noch auf DIE SCHRECKEN DER MEDUSA verkürzt.

© Koch Films

Bei der Erwähnung des Namens Medusa erinnern wir uns gleich an Filme wie KAMPF DER TITANEN (1981) von Desmond Davis oder an den Hammer-Film DIE BRENNENDEN AUGEN VON SCHLOSS BARTIMORE (THE GORGON, 1964). Regie führte hier Terence Fisher, als Darsteller brillierten unter anderem die beiden Haudegen Christopher Lee und Peter Cushing. Aber die Medusa ist bei Regisseur Gold nur eine Metapher oder Analogie für den bösen Blick des John Morlar, vor dem sich seine Mitmenschen so sehr fürchten. Wenn wir schon beim bösen Blick sind, dann sollten wir noch David Cronenbergs SCANNERS – IHRE GEDANKEN KÖNNEN TÖTEN (1981) erwähnen, der thematisch das gleiche Feld bearbeitet, ebenso wie die Stephen-King-Verfilmung CARRIE: DES SATANS JÜNGSTE TOCHTER (Platz 20 der Horrorfilm-Best-Of der 1970er) (1976) von Brian de Palma.

In John Morlars Wohnung befindet sich neben dem Gemälde des Norwegers Edvard Munch „Der Schrei“ auch noch Michelangelo Merisi da Caravaggios bekanntes Bild der Medusa: „Testa di Medusa“ aus dem Jahr 1597. Bedrohlich starrt sie von der Wand auf jeden Besucher herab, so angsteinflößend wie Morlars Blick.

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„Wir sind alle Kinder des Teufels.“

Zu Beginn erscheint uns der Anschlag auf Morlar sinnlos und äußerst brutal, die Tat eines Wahnsinnigen. Doch schon nach kurzer Zeit wandelt sich das Blatt und es entsteht ein verwirrendes Spannungsdreieck zwischen der Ärztin Zonfeld, Kommissar Brunel und dem übermächtigen Morlar der sich mehr und mehr zu einem mysteriösen und gefährlichen Menschen verwandelt, der sein ausuferndes Rechtsbewusstsein und sein Gerechtigkeitssinn in allen Facetten auslebt, in dem er Richter, Geschworene und Henker in Personalunion darstellt. In Morlars Bewusstsein entwickelt sich der Gedanke, dass die Menschheit es einfach nicht verdient hat, weiter zu leben.

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Der Mordanschlag an den umstrittenen Autor Morlar ist die Fortführung der katastrophalen Mondmission der Amerikaner, Achilles 6 genannt, die gerade Live im TV übertragen wird. Als klar ist, dass die Männer in ihrem Raumschiff nicht mehr zu retten sind, kommt es zum Übergriff, der gekonnt mit dem bekanntesten Gemälde von Edvard Munch, „Der Schrei“, zusammengeschnitten wurde. Eine Katastrophe folgt der nächsten und wenige Minuten später erfahren wir noch von dem Absturz eines Jumbojets in London. Überdeutlich wird der Zuschauer darauf hingewiesen, dass wir in einer Zeit Leben, in der Katastrophen vollkommen normal geworden sind. Egal ob das jetzt ein Buschbrand in Australien ist, Überschwemmungen in Brasilien, ein Kleinkind aus einem Fenster stürzt, Erdbeben, Vulkanausbrüche oder Kriege. Vor dem Hintergrund dieser niemals endenden Kette von Katastrophen sind Vergewaltigungen und Morde nur noch Randnotizen. Im Angesicht dessen verstehen wir Morlars Aussage; „Wir sind alle Kinder des Teufels.“, und seine umfassende Anklage gegen Gott, in einem ganz neuen Licht.

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Das Testament des Bösen

Morlar, der nur kurz zu Beginn aktiv vor der Kamera in Erscheinung tritt, verbringt den Rest des Filmes im Krankenbett, mehr tot als lebendig. In langen Rückblicken bekommen wir einen umfassenden Einblick in eine zerrissene und verzweifelte Seele eines Mannes, der schon zu Lebzeiten die Hölle gesehen hat. Diese Rückblicke kennzeichnen auch das Besondere an Jack Golds Film. Die komplizierte Verschachtelung von verschiedenen Zeitebenen. Diese Ebenen erzählen wichtige Ereignisse und Momente parallel aus dem Leben John Morlars. Überaus effektvoll werden die Rückblicke mit weiteren Rückblicken verwebt und führen uns tiefer in das wilde Durcheinander seines Verstands.

Die erste Begegnung zwischen Zonfeld und Brunel kennzeichnet das alles überragende Antlitz von Morlar, welches zwischen den beiden einblendet wird. Regisseur Gold zeigt uns gleich hier, wie mächtig Morlar wirklich ist. Obwohl er zu diesem Zeitpunkt schon im Krankenhaus liegt ist Morlars Präsenz zu jeder Sekunde im Film spürbar, so wie einst der geniale Dr. Mabuse. Zonfeld weiß das, doch Brunel ist hier noch skeptisch. Morlar als bösen Misanthrop abzutun, ist der falsche Ansatz. „Warum hat meine Kraft nur negative Folgen?“ fragt er dann auch, zurecht. Welchen Sinn hat das alles und steckt noch mehr dahinter? Leider bleibt eine Antwort auf diese spannende Frage, zumindest im Film, aus.

© Koch Films

In einem weiteren Rückblick demonstriert Morlar dem zu diesem Zeitpunkt noch ungläubigen Doktor Zonfeld, sowie dem Rezipienten, dass er diese Macht tatsächlich besitzt. Ohne zu zögern, lässt er einen voll besetzten Jumbojet in ein Hochhaus fliegen, die Schlagzeile vom Beginn des Filmes. Dieser Flugzeugabsturz führt uns ohne Umwege direkt zu einem der schlimmsten Ereignisse der Neuzeit, den Terroranschlag vom 11. September 2001 in den USA, besser bekannt als Nine-Eleven (9/11). Nicht etwa das die Macher des Filmes dieses Ereignis vorhergesehen hätten, aber die Ähnlichkeit ist schon verblüffend.

Bei den Dreharbeiten der Effekte

„Wer ist L?“

Was soll man noch zu solchen Stars wie Richard Burton, Lino Ventura oder Lee Remick schreiben? Weltstars, die über viele Jahre ihre Fans und Zuschauer mit herausragenden Filmen beglückten, auch wenn die Kritiker nicht immer der gleichen Meinung waren. Auch wenn die Amerikanerin Lee Remick und der Franzose Lino Ventura nur mit an Bord durften, weil die Geldgeber aus den USA und Frankreich diesen Wunsch äußerten, ist es eine fantastische Kombination, die funktioniert.

Werfen wir stattdessen lieber einen Blick auf den mehr als überdurchschnittlichen Rest der Darsteller, der gespickt ist mit ebenfalls großen Namen: Gordon Jackson, der unter anderem in der Serie DIE PROFIS (1977-1983) als George Cowley begeisterte oder als Hudson in DAS HAUS AM EATON PLACE (1971-1975). Harry Andrews, der an der Seite von Paul Newman in DER MACKINTOSH MANN (THE MACKINTOSH MAN, 1973) spielte wie auch Michael Byrne in DIE BRÜCKE VON ARNHEIM (A BRIDGE TOO FAR, 1977) oder in BRAVEHEART (1995) glänzte. Ganz zu schweigen von Philip Stone, der zwei Jahre später in Stanley Kubricks SHINING (1980) die ikonische Rolle des Grady spielt, sowie einen kleinen Auftritt in UHRWERK ORANGE (A CLOCKWORK ORANGE, 1971) und in Steven Spielbergs INDIANA JONES UND DER TEMPEL DES TODES (INDIANA JONES AND THE TEMPLE OF DOOM, 1984) absolviert, sowie viele weitere bekannte Gesichter.

Das Mediabook

Das Mediabook-Cover © Koch Films

Gut, über das Titelbild des Mediabook kann man streiten, vor allem weil das gleiche Bild auch noch das Booklet zu sehen ist. Trotz allem ist es eine würdige und edle Aufmachung die Koch Films DER SCHRECKEN DER MEDUSA geschenkt hat. Das 18-seitige Booklet ist mit farbenfrohen Hochglanzbildern aus dem Film geschmückt, der Text informativ und interessant. Dazu gibt es die übliche Blu-ray und DVD-Version, sowie einige spannende Extras: Trailer, einen Audiokommentar von Jack Gold, Featurette „Destroying the Abbey“, eine 18-minütige Super-8-Fassung und eine umfangreiche Bildergalerie. Das Bild in der überarbeiteten HD-Fassung ist um Längen besser als das der alten DVD. Die Farben strahlen und der Kontrast ist in jeder Szene perfekt ausbalanciert. Der Ton wird in PCM 2.0 nach Hause geliefert und kommt klar aus den Lautsprechern, so wie es sein soll.

Fazit

Endlich hat dieser Ausnahmefilm aus den späten 1970er-Jahren eine würdige und vorzeigbare Veröffentlichung erhalten. Allein das große Aufgebot an Stars ist schon ein Kaufargument, zusätzlich werden sie noch in eine spannende Story verwickelt, die dem Betrachter keine Atempause lässt. Alle, die diese fantastische Mischung aus Thriller-, Horror- und Katastrophenfilm nicht kennen, sei geraten:
Schnellstens ins Heimkino holen.

© Stefan F.

Titel, Cast und CrewDer Schrecken der Medusa (1978)
OT: The Medusa Touch
Poster
Releaseab dem 30.01.2020 im limitierten Mediabook (Blu-ray und DVD)

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RegisseurJack Gold
Trailer
BesetzungRichard Burton (John Morlar)
Lino Ventura (Kommissar Brunel)
Lee Remick (Doktor Zonfeld)
Harry Andrews (Police Commissioner)
Alan Badel (Barrister)
Marie-Christine Barrault (Patricia)
Gordon Jackson (Doktor Johnson)
DrehbuchJohn Briley
MusikMichael J. Lewis
KameraArthur Ibbetson
SchnittIan Crafford
Filmlänge109 Minuten
FSKab 12 Jahren

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