Der Schneeleopard (2021) – Filmkritik

„Die Natur sichtbar machen“

Es gibt einige Tugenden, die der Mensch in seiner Entwicklung verlernt hat. Wir sind im 21. Jahrhundert vielleicht ein Profi in effektiver Zeitplanung geworden und können Informationen in Sekundenschnelle jederzeit abrufen, aber mit dem grundlegenden Leben auf diesem Planeten hat das nur noch wenig zu tun, geschweige denn man könne damit in der Wildnis überleben. Selbstverliebte Einstellungen bis hin zur wohlhabenden Arroganz von uns Menschen den eigenen Lebensraum zu domestizieren, finden in Katastrophen, Umweltverschmutzung oder der Vernichtung von Lebensräumen ihre grausamen Höhepunkte. DER SCHNEELEOPARD zeigt aber nicht mit dem erhobenen Zeigefinger auf die Missstände, sondern fotografiert die Schönheit der Natur auf sensible und emotionale Weise. Anhand eines kleinen wie auch empfindlichen Lebensraums in Tibet auf 5.000 Metern Höhe bekommen wir etwas so Schönes vor Augen geführt, dass man nicht anders kann als es schützen zu wollen. In diesem Reich ist der Schneeleopard das anmutige Oberhaupt, welches selten in Erscheinung tritt. Die Dokumentation erzählt von der Suche nach dieser bedrohten, wilden Großkatze und strahlt zusätzlich eine enorme Energie aus, die den Personen vor wie auch hinter der Kamera zu verdanken ist. Ihre Lebenseinstellung bringt das auf, was wir Menschen schon gar nicht mehr kennen: Demut.

© Vincent Munier, 2021

Die Begleitung

Drei Künstler im Geiste begeben sich auf die Reise ins Himalaya-Hochgebirge, um den Schneeleoparden mit eigenen Augen zu sehen und für alle Daheimgebliebenen zu filmen und zu fotografieren. Der Fährtenleser und mehrfach mit Preisen ausgezeichnete Wildtierfotograf Vincent Munier leitet die Gruppe. Ihn begleitet vor der Kamera der Schriftsteller und Vielreisende Sylvain Tesson. Ganz unauffällig haben die beiden Abenteurer, die viele Stunden hinter Felsvorsprüngen durch Ferngläser schauen, die Regisseurin und Kamerafrau Marie Amiguet im Schlepptau. Hauptaugenmerk liegt auf Vincent, der mit seiner Fotokamera durch die Weidengebiete und zerklüfteten Felsregionen schleicht. Er will nicht nur den Schneeleoparden fotografieren, sondern auch die unzähligen anderen Tierarten, denen es gelungen ist in dieser kalten, unbewohnten und vor allem vegetationsarmen Region zu überleben.

© Paprika Film & Kobalann Productions, 2021

Wir erblicken Tiere, die wir so noch nie gesehen haben, wie zum Beispiel Pfeifhasen, Wildesel, tibetische Füchse oder Wildyaks. Sie alle leben in dieser weiten Landschaft mit unzähligen erdigen Farbnuancen in einer natürlichen Balance mit anderen Tieren und ihrer Umwelt. Die Fotografien und Aufnahmen treffen tief in der eigenen Seele auf etwas Unterdrücktes, was man schon gar nicht mehr kennt. Der mitreisende Schriftsteller Sylvain spricht schon von einer göttlichen Berührung, hadert aber dann wieder mit seinen ersten Worten, um dieser Reise gerecht zu werden. Aber wie soll man etwas beschreiben, was man als Mensch verlernt hat: zu verweilen und die Natur bei ihrem Schauspiel beobachten?

Vincent Munier (Regie, Kamera, Buch, Idee), Sylvain Tesson (Autor des Buchs „Der Schneeleopard“) © Paprika Film & Kobalann Productions, 2021

Die Reise

DER SCHNEELEOPARD hilft uns bei der Wiederbelebung der verlorengegangenen Demut als Tugend. Mit viel Gespür für Aufnahmen, versehen mit der aufregenden Dramaturgie des Fährtenlesens und mit der Entdeckung anderer Tiere, die einen Hinweis auf den Schneeleoparden sein könnten, gehen wir vertrauensvoll an der Hand dieser außergewöhnlichen Reise. Sie unterbricht auch einmal kurz, als ein paar tibetische Kinder das französische Filmteam entdecken, es ausfragen, mit ihm zeichnen und etwas tibetische Sprache lehren. Ein Volk, welches in dieser Welt aufwächst, ist anscheinend reinen Herzens und geht unerschrocken auf jeden Fremden zu. Bei den Suchenden, stellt sich nach dieser Begegnung eine gewisse Entspannung ein, dass vielleicht der Schneeleopard nicht gefunden werden muss und das Privileg in dieser Region zu sein, schon Erfüllung genug ist. Diese Entschleunigung ist eine der wertvollen Aspekte, die man nach DER SCHNEELEOPARD mit nach Hause in sein eigenes, meist urbanes Leben mitnehmen sollte.

Regie: Marie Amiguet & Vincent Munier © Vincent Munier, 2021

Der Film schärft aber auch die Sinne, welche gleich ganz zu Beginn gefordert werden. In der Erwartung ein Intro mit schönen Landschaften zu sehen, gibt es schon die erste lehrreiche, tierische Situation, wenn ein Rudel Wölfe mit einer Gruppe Yaks kämpft. Aus weiter Entfernung gefilmt, scheint es unsichtbar, zeigt sich aber dann sichtbar für den, der er sehen möchte. Die Beobachtung der Umwelt, das Entdecken von getarnten Tieren und deren Spuren ist immer wieder bewegend. Sie scheinen förmlich in den Texturen der Felsen und Wiesen zu verschwinden. Die Sinne der Zuschauerinnen und Zuschauer schärfen sich von Minute zu Minute und Fotograf Vincent Munier bringt uns immer näher an das Ziel.

© Vincent Munier, 2021

Die Musik

Verbunden werden die Aufnahmen mit Prosa aus dem Geiste des Schriftstellers Sylvain Tesson, der auch immer wieder im freundschaftlichen Gespräch mit Fotograf Vincent steht. DER SCHNEELEOPARD erhält aber eine weitere besondere Ehrerbietung: Die Filmmusik von Warren Ellis und Nick Cave. Beide sind reich an Erfahrungen neben ihrer Musikkarriere auch viel Filmmusik komponiert zu haben (HELL OR HIGH WATER, THE PROPOSITION, THE ROAD, u.v.m.) und entwickeln stets einen bodenständigen zugleich schamanenartigen Sound. Es ist wie, wenn man zum ersten Mal in den Sternenhimmel bei absoluter Dunkelheit blickt. Die Musikstücke sind voller emotionaler Tiefe und verfügen über eine Zartheit, dass man sich nicht traut die Augen bzw. in diesem Fall die Ohren zu verschließen. Zusätzlich gibt es noch Lieder, die den fremden Tierarten mit konkreten Melodien Leben einhauchen wie das Stück „Les Yaks“, was dem im Staub tanzenden urzeitlichem Ungetüm etwas Geisterhaftes verleiht.

© Paprika Film & Kobalann Productions, 2021

Fazit

Wenn wir im Kino sitzen, schauen wir bei guten Filmen tief in die künstlerische Seele der Personen, die sie haben entstehen lassen. Bei DER SCHNEELEOPARD kehrt sich dieser Prozess aber um. Durch Abbildung dieser Wesen aus einer scheinbar anderen Welt, blickt dieses dokumentarische Meisterwerk tief in unser Innerstes und erweckt Gefühle, die wir seit Generationen zu unterdrücken versuchen. Wie ein Feuer, was in einer kühlen Nacht entzündet wird, offenbaren Vincent Munier, Sylvain Tesson, Marie Amiguet, Warren Ellis und Nick Cave unsere spirituelle Verbindung zu dieser Welt. Ein Erlebnis das verändert.

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewDer Schneeleopard (2021)
OT: La Panthére des Neiges
Poster
RegieMarie Amiguet
Vincent Munier
ReleaseKinostart: 10.03.2022
Trailer

OmU
BesetzungVincent Munier
Sylvain Tesson
FilmmusikWarren Ellis
Nick Cave
KameraMarie Amiguet
Léo-Pol Jacquot
Vincent Munier
SchnittVincent Schmitt
Filmlänge92 Minuten
FSKAb 6 Jahren

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