Der Richter und sein Henker (1975) – Filmkritik

„Friedrich Dürrenmatt zum 100. Geburtstag“

Der Schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt wäre am 05. Januar 2021 100 Jahre alt geworden. Meine erste Begegnung mit einem seiner Werke bescherte mir als Grundschüler mehrere schlaflose Nächte. Die Rede ist natürlich von ES GESCHAH AM HELLICHTEN TAG (1958) und der unheimlichen Darstellung des Kindermörders Schrott durch Gert Fröbe. Dürrenmatt hatte das Drehbuch und darauf aufbauend seinen Roman DAS VERSPRECHEN – REQUIEM AUF DEN KRIMINALROMAN geschrieben. Friedrich Dürrenmatts pessimistische Sicht betrachtet die Welt als ein Labyrinth, den Menschen im Chaos gefangen und vom Zufall regiert. Dieses Konzept finden wir in seinen Dramen, aber besonders in seinen Detektivgeschichten. Schon die Entstehung seines ersten Kriminalromans ist bemerkenswert: Dürrenmatt hat aus Geldmangel DER RICHTER UND SEIN HENKER in Fortsetzungen 1950 veröffentlicht. Seine Ehefrau glaubte, er hätte den Vorschuss von 500 Franken gestohlen. Eine der besten Filmvorlagen des 20. Jahrhunderts wäre vielleicht nicht entstanden, wenn der Autor nicht in finanziellen Schwierigkeiten gewesen wäre! An der ersten Verfilmung 1957 war Dürrenmatt am Drehbuch mitbeteiligt. Bei der Adaption von Maximilian Schell aus dem Jahr 1975 spielte er sich faktisch selbst.

Martin Ritt (Hans Bärlach) // © CONCORDE Home Entertainment

Handlung

Der Film beginnt mit einer Rückblende in das Jahr 1948. Istanbul: Nadine (Rita Calderoni) läuft durch Ruinen, die Bilder sind in fahlem Gelb und Blau getaucht, der Bosporus ist im Hintergrund zu sehen. Der Vorspann ist unterlegt mit einem beeindruckenden Score von Ennio Morricone, aufwühlend und traurig zu gleich. Friedrich Dürrenmatt selbst ist in einer grotesken Szene zu sehen, in der aus zwei Bierflaschen gleichzeitig trinkt. Der Mann, der sich Gastmann (Robert Shaw) nennt, spricht aus dem Off von einer Wette, die er damals mit Bärlach (Martin Ritt) geschlossen hatte und die das Leben beider wesentlich veränderte. Gastmann wurde ein immer besserer Verbrecher und Bärlach ein immer besserer Ermittler.

Der Richter und sein Henker (1975)

© CONCORDE Home Entertainment

Der Film blendet über in die Schweiz der Gegenwart Mitte der 1970er Jahre. An einem nebligen Morgen findet ein Polizist (Willy Hügli) den Kriminalbeamten Schmied (Donald Sutherland) erschossen in seinen blauen Mercedes. Was Dürrenmatt beschreibt – ironischerweise wird er auch noch als Beobachter des Geschehens gezeigt – und Schell genial umsetzt, ist eine bitterböse Satire auf Ermittlungsarbeit. Faktisch sämtliche Spuren beseitigend, setzt sich der Polizist selbst ans Steuer und fährt den Leichnam zu Kommissär Bärlach nach Bern. Schmied galt als dessen fähigster und bester Mitarbeiter. Unterstützt von seinen Assistenten Tschanz (Jon Voigt) beginnt der bereits schwer erkrankte Bärlach mit seinen Ermittlungen. Der Verdacht konzentriert sich schnell auf den in Waffenschiebereien verwickelten Industriellen Gastmann, dessen Rechtsanwalt von Schwendi (Helmut Qualtinger) sich sogar direkt bei dem Untersuchungsrichter Lutz (Gabriele Ferzetti) beschwert.

Die einstigen Freunde Bärlach und Gastmann schlossen 1948 eine verhängnisvolle Wette. Der idealistische Bärlach argumentierte, dass durch Zufall viele Verbrechen schließlich aufgeklärt würden, da man mit Menschen nicht wie mit Schachfiguren operieren könne. Gastmann hielt dagegen, dass gerade die Verworrenheit der menschlichen Beziehungen dazu führe, dass die meisten Verbrechen unaufgeklärt blieben. Nadine, die damals zu beiden eine Liebesbeziehung unterhielt, wurde von Gastmann in den Bosporus gestoßen, wo sie hilflos ertrank.

Der Richter und sein Henker (1975)

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Bärlach konnte Gastmann nie für Verbrechen überführen, die dieser begangen habe, nun kündigt er an, er werde ihn für Verbrechen überführen, die dieser nicht begangen habe. „Ich bin der Einzige, der dich kennt, und so bin ich auch der Einzige, der dich richten kann, ich habe dich zum Tode verurteilt.“ Am nächsten Morgen dringt Tschanz in Gastmanns Villa ein. Er erschießt Gastmann und seine Leibwächter. In der Hand eines der beiden Bodyguards wird der Revolver gefunden, mit dem Schmied getötet wurde. Der Fall scheint gelöst. Bärlach und Tschanz feiern bei einem gemeinsamen Abendessen, als Bärlach eröffnet, dass er längst wisse, dass Schmied von Tschanz aus Neid erschossen wurde. Tschanz erkennt auch, dass Bärlach ihn benutzt habe, um an Gastmann Rache zu nehmen: „Dann waren Sie der Richter und ich der Henker!“

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Bewertung

Der Folgeroman DER VERDACHT (1951), der sich kritisch mit der NS-Vergangenheit auseinandersetzt, wurde bisher leider nicht verfilmt. Zu DER RICHTER UND SEIN HENKER gibt es mehrere Adaptionen, darunter sogar einen Youtube-Clip mit Playmobil-Figuren! Für mich ist DER RICHTER UND SEIN HENKER ein Bild gewordenes Stück Weltliteratur! Bis auf einige wenige Veränderungen handelt es sich um eine bis in die Dialoge werkgetreue Umsetzung und vor allem die Intention, die Gesellschaftskritik und der schwarze Humor des Romans sind erhalten geblieben. Entsprechend negativ wird die Schweiz dargestellt. Gegenüber den Interessen des Kapitals sind Ermittler und der Rechtsstaat machtlos. Von Schwendi spricht beispielsweise ganz offen aus, dass es um verbotenen Waffenhandel geht. Menschen werden am helllichten Tag, in aller Öffentlichkeit ermordet, die Täter sind vor dem Zugriff der Justiz geschützt. Die Beziehungen Gastmanns scheinen in alle Bereiche des öffentlichen Lebens zu reichen. Gastmann geht es nicht nur um rationale Motive, er begeht Verbrechen um ‚des Bösen Willen‘. Im Roman ist es ein ihm völlig Unbekannter, der von ihm wegen der Wette mit Bärlach getötet wird.

Der Richter und sein Henker (1975)

© CONCORDE Home Entertainment

Die Anspielung auf Schachfiguren – auch Dürrenmatt wird im Film beim Schachspiel gezeigt – scheint auf Adam Smith und seine THEORIE DER ETHISCHEN GEFÜHLE (1759) zu verweisen, wonach Demagogen eine ‚ideale Gesellschaft‘ wie auf einem Schachbrett planen und über die einzelnen Menschen wie über Schachfiguren verfügen. Letztlich – dies ist der Pessimismus der Geschichte – hat Gastmann die Wette gewonnen. Der todkranke Kommissär Bärlach erinnert wegen seiner völlig unkonventionellen Methoden an die amerikanischen Detektive der Schwarzen Serie (Film noir) – nach außen distanziert, teilweise zynisch, ohne wirkliche Beziehungen, ohne Familie, ohne Glauben, aber erfüllt von einem tiefen Streben nach Gerechtigkeit und solidarisch mit den Benachteiligten der Gesellschaft. Ich habe die Vermutung, dass die Serienfigur DER ALTE (ab 1977), der von Siegfried Lowitz verkörperte Kommissar Köster, an die Figur Bärlach angelehnt ist. Das Tragische an den Ermittlerfiguren bei Dürrenmatt ist, dass ihr Gerechtigkeitsstreben zu Fanatismus wird, an dem sie letztlich scheitern.

Die 2011 erschiene Blu-Ray enthält 35 Minuten Bonusmaterial: einen Vorher-Nachher-Vergleich der restaurierten Fassung, ein Gespräch mit Maximilian Schell zu dem Film und vor allem Friedrich Dürrenmatt beim Schachspiel.

© Stefan Preis

Weiterführende Literatur:

Dürrenmatt, Friedrich (1986): Der Richter und sein Henker. Kriminalroman. Anhang mit Texten von Peter Rüedi, Armin Arnold, Walter Jens und Gerhard P. Knapp. Zürich

Titel, Cast und CrewDer Richter und sein Henker (1975)
Poster
RegisseurMaximilian Schell
Releaseseit dem 04.08.2011 auf Blu-ray und DVD

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Trailer

Englisch
BesetzungJon Voight (Walter Tschanz)
Jacqueline Bisset (Anna Crawley)
Martin Ritt (Hans Bärlach)
Robert Shaw (Richard Gastmann)
Helmut Qualtinger (Oskar von Schwendi)
Friedrich Dürrenmatt (Lamont Friedrich)
Lil Dagover (Gastmanns Mutter)
Gabriele Ferzetti (Dr. Lucius Lutz)
DrehbuchFriedrich Dürrenmatt
Maximilian Schell
KameraRoberto Gerardi
Ennio Guarnieri
Klaus König
FilmmusikEnnio Morricone
SchnittDagmar Hirtz
Filmlänge92 Minuten
FSKAb 12 Jahren

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