Der Pianist Filmkritik

Der Pianist – Filmkritik

„Eine einfache Geschichte aus einer unfassbaren Zeit“

Wenn Dinge und Ereignisse uns zu überfordern scheinen, weil sie in ihren Ausmaßen nicht mehr zu greifen sind, gibt es zwei Möglichkeiten sich ihnen zu nähern. Wir können zum einen versuchen jedes einzelne Detail dieser übergroßen Sache verstehen zu wollen.

Ein so unfassbares Ereignis wie das des Holocaust wird mit jedem Stück, welches wir entdecken in seinem Grauen am Ende aber nur noch monströser. Egal was wir uns alles anschauen, sei es die Politik nach dem ersten Weltkrieg, die damalige Gesellschaft, die Psychologie einzelner Menschen, oder nackte Zahlen wie viele Menschen am Ende zu Tätern und Opfern wurden. Am Ende bleiben wir dennoch zutiefst verstört zurück. Am Schluss von Francis Ford Coppolas APOCALYPSE NOW fasst Colonel Kurtz sein Handeln und das seiner Untertanen sehr kurz und treffend zusammen: „Das Grauen, das Grauen“. Mehr Erklärung braucht es nicht, für die Abgründe der menschlichen Natur.

Der Pianist Review Filmblog
Regisseur Roman Polanski beim Dreh // © ARTHAUS/STUDIOCANAL

Roman Polanski geht mit DER PIANIST einen anderen Weg sich diesem Grauen zu nähern: einen sehr subjektiven, fast persönlichen. Vielleicht hat er gerade dafür seinen bisher einzigen Regie-Oscar verliehen bekommen. Es ist nicht direkt seine eigene Geschichte, die er da erzählt, aber er war damals dort wo sie stattgefunden hat. Als kleiner Junge hat er vieles von dem gesehen, was die Hauptfigur Wladyslaw Szpilman sehen und erleben musste. Durch den polnischen Musiker, der eher zufällig auch jüdischen Glaubens ist, erhalten wir als Zuschauer einen kurzen Einblick in dieses Grauen von Warschau. Genau das ist die Stärke des Films. Bewusst nüchtern, ohne Zeigefinger und Pathetik widmet er sich einzig einer Person und ihrer Geschichte. Kammerspielartig bleibt er bis auf wenige Ausnahmen ganz nah bei seiner Hauptfigur. Durch sie werden wir an bestimmte Schauplätze geführt, die beispielhaft für das Schicksal hunderttausender Menschen stehen. Das was wir sehen, entsteht scheinbar ganz nebenbei. Eine nächtliche Razzia zum Beispiel zeigt Polanski fast theatral aus einer einzigen Blickrichtung. Mit der Hauptfigur und seiner Familie blicken wir aus ihrem Wohnungsfenster auf die gegenüberliegende Häuserfront. Aus dieser bewusst distanzierten Blickrichtung verfolgen wir die unfassbare Brutalität einer Nazitruppe an einer jüdischen Familie. Dabei verzichtet Polanski komplett auf filmische Stilmittel wie dramatische Musik, schnelle Schnitte und effekthascherischen Nahaufnahmen. Nah sind wir hier nur „unserer“ Familie und ihren Reaktionen auf das gerade erlebte. Sie spiegeln unser Entsetzen und lassen doch nur erahnen, was damals dort geschehen ist. Hier zeigt er seine ganze Meisterschaft als Regisseur.

Der Pianist Review Filmblog
Adrian Brody als Wladyslaw Szpilman // © ARTHAUS/STUDIOCANAL

Insgesamt ist sein Stil in diesem Film eher konventionell, fast fernsehspielartig. Viele Szenen sind sehr klassisch im Schuss-Gegenschuss-Verfahren aufgelöst. Kaum Plansequenzen (die wenigen sind aber von absoluter Meisterschaft), keine spektakulären Kamerafahrten und Blickwinkel. Auch sehen wir sehr wenige wirklich beindruckende Kernbilder. Wenn entstehen sie eher beiläufig. Dann entfachen sie aber eine wirklich beindruckende Authentizität fernab von heutigen CGI-Panoramen. Ein Beispiel ist der Abtransport mit dem Zug nach Treblinka, bei strahlendem Sonnenschein. Das Rot des Wagons und das strahlende Gegenlicht verschmelzen fast zu einer romantischen Szenerie kontrapunktisch zum Grauen im Inneren des Wagons und das was die Insassen noch erwarten wird. Sehr sparsam geht er auch mit bewusst emotionalen Szenen um. Wir erleben die Figuren eher in Momenten in den sie um Fassung ringen, ihre Würde verteidigen. Nur in einer einzigen Szene lässt er Adrian Brody sein ganzes Leid herausschreien. Sonst zeigt Brody in seiner oscarprämierten Rolle sein ganzes Können in vielen kleinen Reaktionen auf seine Umwelt und seinen langsam verfallenden Köper in einen Schatten seiner Selbst.

Der Pianist Review Filmblog
© ARTHAUS/STUDIOCANAL

Es ist ein Film des Weglassens. Wir erfahren kaum etwas von den politischen Zusammenhängen. Wenn nur durch einen kurzen Plausch über eine gerade gehörte Radiomeldung, oder kurze Informationen die Brodys Figur von seinen Mitmenschen auch eher beiläufig aufzufangen scheint. Die Hauptfigur ist zutiefst unpolitisch, wie auch unreligiös. Dass er Jude ist, scheint eher eine Tatsache in seinem Pass zu sein, als dass er seinen Glauben wirklich praktiziert. Einzig sein Bruder lässt eine politische Gesinnung erkennen. Das lässt den Genozid nur noch absurder erscheinen.

Der Pianist Review Filmblog
© ARTHAUS/STUDIOCANAL

Polanski interessiert nur die rein menschliche Seite seiner Figuren. Der langsame Verlust eines alltäglichen Lebens. „Ich wünschte ich hätte mehr Zeit gehabt zu erkennen was für ein Mensch du bist“, sagt Brodys Figur zu seiner Schwester kurz bevor sie getrennt werden. Nur kurz sehen wir was dieser Satz in beiden auslöst. Auch hier fehlt jegliche künstliche Sentimentalität. Keine Musik, keine Tränen, kein langes Draufhalten.

Der Pianist Review Filmblog
© ARTHAUS/STUDIOCANAL

Polanski ist kein politischer Regisseur. Er ist Künstler. Sowie auch seine Hauptfigur. Am Ende geht es darum die Schönheit zu bewahren. Diese Schönheit trägt der Pianist nicht nur in Form von Noten in sich, sondern auch in seiner Haltung als Mensch. Immer wieder erhält er Hilfe von ganz unterschiedlichen Personen. Von einer Verehrerin seines Klavierspiels aus noch friedlichen Vorkriegszeiten, einem jüdischen Gestapo Gehilfen (ja, auch die gab es) und am Ende sogar von einem Nazi Hauptmann. Darin zeigt sich auch Polanskis Grundhaltung. Am Ende muss die Kunst überleben, weil sie das einzige ist was uns Menschen wirklich einzigartig macht. Am Ende ist dieser Film auch ein Plädoyer für Polanski selbst. Egal welcher menschlichen Verfehlungen er sich selbst schuldig gemacht hat. Sein Werk überlebt.
Genau hier ergänzen die Extras den Film.

Der Pianist Review Filmblog
© ARTHAUS/STUDIOCANAL

 

Die Extras

© ARTHAUS

Keine sonst übliche bloße Beweihräucherung aller Produktionsbeteiligten füreinander, sondern wirklich den Film unterstützendes Material. Die Blu Ray enthält u. a. die sehr berührend intime Dokumentation „Roman Polanski – A Film Memoir“. Hier interviewt Laurent Bouzereau, seinen alten Freund Polanski aus dessen Anfängen in den 60er Jahren als Filmemacher in Polen. Das Gespräch findet während Polanskis Hausarrest in der Schweiz statt, nachdem er erneut festgenommen wurde. Seine sexuelle Verfehlung mit einer Minderjährigen in den 70er-Hollywood-Jahren und seine Flucht aus den USA verfolgt ihn bis heute. In diesem Gespräch unter Freunden erfahren wir sehr viel über den Künstler und den Menschen Polanski. Allein sein Leben wäre eine eigene Verfilmung wert. Ergänzt wird dieser Film durch Interviews mit Drehbuchautor Ronald Harwood, der 2003 ebenfalls völlig verdient mit dem Oscar ausgezeichnet wurde, sowie mit Szpilmans Söhnen Daniel und Andrzej. Diese adeln das Projekt des Films noch einmal zusätzlich.

Fazit

Die Special-Edition lohnt sich auf jeden Fall. Das Bild ist bis auf einige Ausnahmen sehr gut und scharf. Der Ton ist bezogen auf die Sprache teilweise etwas leise. Wenn es laut wird, in Form von Explosionen wird der Ton satt und zieht einen mitten ins Geschehen. Doch die technischen Elemente sind hier eher zweitrangig. Hier wird der Hauptfilm wirklich durch die Extras ergänzt und sogar noch aufgewertet.

Titel, Cast und Crew

Der Pianist (2002)
OT: The Pianist


Poster

Kinoplakat Der Pianist


Release

ab dem 20.09.2018 Digital Remastered Special-Edition Blu-ray
auf Amazon kaufen kaufen (Affiliate Link)

Regisseur

Roman Polanski

Trailer

Besetzung

Adrien Brody (Wladyslaw Szpilman)
Emilia Fox (Dorota)
Michal Zebrowksi (Jurek)
Ed Stoppard (Henryk)
Maureen Lipman (Mother)
Frank Finlay (Father)
Thomas Kretschmann (Wilm Hosenfeld)

Drehbuch

Ronald Harwood

Buchvorlage

Nach dem Buch THE PIANIST (1946) von Wladyslaw Szpilman

Musik

Wojciech Kilar

Kamera

Pawel Edelman

Schnitt

Hervé de Luze

Filmlänge

150 Minuten

FSK

ab 12 Jahren
Keinen Beitrag verpassen
20

Studierter Theater- und Filmregisseur in Wartestellung im echten Leben. Mit Worten zu Filmen bereite ich mich auf meine Rückkehr zur Kunst vor.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.