Der Outsider von Stephen King | Buchkritik

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„Das Universum hat kein Ende.“

Stephen King, Meister des Horrors und der Verwirrung, brachte Ende des Jahres 2018 wieder ein neues Buch auf den Markt. Nun, nicht weiter verwunderlich bei einem Autor seiner Größe, dessen Ideenschmiede und Gier nach noch höheren Einnahmen niemals ruht. DER OUTSIDER knüpft an eine Reihe krimi-/thrillerartiger Romane Kings an (MR. MERCEDES, FINDERLOHN, MINDCONTROL) und beweist damit die Vielfältigkeit des Autors. Doch schafft es King wirklich wieder auf den kurzlebigen Krimizug aufzuspringen, welcher lediglich durch Quantität auf seinen Schienen gehalten wird?

Inhalt

Eine typische amerikanische Kleinstadt „Flint City“, wo jeder jeden kennt und Nachbarn sich aus sicherer Entfernung mit weißem Gartenzaun als Abstandshalter grüßen, wird durch einen grausamen Mord erschüttert. Der kleine Frank Peterson wird auf grausame Weise verstümmelt und missbraucht im Stadtpark aufgefunden. Die Beweislage ist eindeutig und alle Indizien führen den ermittelnden Detective Ralph Anderson zu Terry Maitland. Dieser ist nicht nur in der Stadt allseits beliebt, sondern auch Englischlehrer an der dortigen Highschool sowie Trainer der Jugendbaseballmannschaft. Ohne den mutmaßlichen Täter bezüglich eines Alibis zu überprüfen, entscheidet Anderson aus Befangenheit (der Sohn des Detectives war ebenfalls in der Baseballmanschaft), dass Maitland während eines Baseballspiels vor versammelter Mannschaft festgenommen wird. Eine Aktion, die er noch lange bereuen wird. Wie sich nämlich herausstellt, hat Maitland ein wasserfestes Alibi. Nach erneuter Überprüfung einiger Zeugenaussagen, wird immer deutlicher, dass eine andere Kraft die Finger im Spiel haben muss. Denn auch DNA-Proben und Fingerabdrücke lassen keinen Zweifel an der Schuld Maitlands. Doch dazu muss er an zwei Orten gleichzeitig gewesen sein. Nun gilt es für den Detective das eigene Gewissen reinzuwaschen und herauszufinden, wer oder was sein Unwesen im beschaulich mittelständischen Vorstadtamerika treibt. Im Laufe der Ermittlungen bekommt Anderson einige Kollegen an die Seite gestellt. Unter anderem Holly Gibney, die wir aus Kings früheren Romanen rund um Bill Hodges bereits kennen.

  • DER OUTSIDER von Stephen King
  • erschienen am 27.08.19 im HEYNE-Verlag
  • gebunden für 26 €
  • ab dem 11.11.19 als Taschenbuch für 12,99 €
  • 752 Seiten
  • ISBN: 9783453271845

Kritik

Stephen Kings Bücher haben mich stets fasziniert. Bis heute kann ich nicht genau in Worte fassen, welcher Aspekt seiner schreiberischen Fähigkeiten mich so sehr in den Bann zieht. Die ständige Ambivalenz zwischen Sympathie und Abstoßung (wenn nicht gar Ekel) bezüglich seiner geschaffenen Figuren und deren Handlungen, spielt dabei eine tragende Rolle. Tatsächlich hat dem OUTSIDER eben dieser Aspekt gefehlt. Was ist los Stephen? Wo sind die spannenden, detailliert charakterisierten Figuren geblieben? Wo die fesselnde Handlung voller unerwarteter Wendungen und dem nie endenden Spannungsbogen? Stattdessen bekommt der Leser eine schrecklich klischeebehaftete „Guter-Cop-Böser-Cop-Story“ vorgesetzt. Ein langsam in die Jahre kommender Detective übt Rache am gefühlt freundlichsten Menschen der Stadt, weil er selbst Vater ist und schließlich auch sein eigener Sohn an der Stelle des Opfers hätte stehen können. Gesetze scheint es eben so wenig zu geben wie große Überraschungen in diesem Buch und dass jeder in Amerika eine Waffe hat, wundert mittlerweile auch keinen mehr. Jedes Ermittlungsergebnis als Polizeibeamter erst mit der eigenen Familie zu besprechen und generell auf eigene Faust zu ermitteln, das war mir neu. Ja, es ist eine fiktive Handlung, doch ein wenig kann man schließlich bei der Wahrheit bleiben. King webt in das Handlungsnetz seiner Geschichte so viele, nur minimal beschriebene Figuren ein, dass der Leser schon nach den ersten Kapiteln hilflos zappelnd in eben diesem Netz hängt. Auch nach Beendigung des Buchs kann ich kaum mehr zusammenfassen, wer nun eigentlich wer war und welche Aufgaben die Figuren innehatten. Doch nun mal die ewige Meckerei beiseite: Die Legende um die übernatürliche Kraft El Cucos, die eine große Rolle bei den Morden spielt, ist sehr spannend und gut recherchiert. Da blitzt tatsächlich die Genialität und Besessenheit Kings für Horrorwesen vom anderen Stern durch. Dem Leser wird allerdings keine Möglichkeit gegeben, auch nur ansatzweiße das Denken des Wesens nachzuvollziehen und Genaueres über dessen Herkunft zu erfahren. Es zeigt uns lediglich, dass das Universum tatsächlich kein Ende hat und, dass Dinge, die wir nicht sehen und verstehen, trotzdem leben können. King spielt diesen Kontrast gekonnt aus: Auf der einen Seite steht Detective Anderson, für den eine Welt abseits des eigenen Tellerrandes nicht existiert. Auf der anderen Seite bezeugt die wahrgewordene Legende El Cucos, dass wir Menschen keine Ahnung haben, wer oder was noch alles unter uns wandelt.

Abschluss

DER OUTSIDER ist im HEYNE-Verlag erschienen und kommt im Hardcover mit stilvoll gestaltetem Umschlag in dunkelblau und weiß daher. Mit 747 Seiten hält man einen ordentlichen Folianten in den Händen. Leider konnte mich die Geschichte nicht in ihren Bann ziehen und das Buch blieb zwischenzeitlich oft liegen und setzte Staub an. Solltet ihr Krimileser sein und Geschichten mit polizeilicher Ermittlungsarbeit und einer Spur Horror lieben, dann seid ihr hier genau richtig. Für alle anderen, die nach Stephen King greifen, weil sie SHINING, ES und FRIEDHOF DER KUSCHELTIERE verschlungen haben, ist DER OUTSIDER wahrscheinlich nicht das Richtige. Doch vergesst nicht: „Das Universum hat kein Ende.“ und es lohnt sicher immer, einen Schritt außerhalb der eigenen Komfortzone zu wagen.

© Paula

 

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