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Der Liebhaber (1992) – Filmkritik

Es gibt sie noch, die Skandalfilme. Manche schockieren mit ihrer extremen Darstellung von Gewalt, andere mit der realitätsnahen Inszenierung von Sex. DER LIEBHABER ist der Kategorie mit dem hautnahen, schweißtreibenden und leidenschaftlichen Liebesakt zuzuordnen. Ein weiterer Aufreger der französischen Produktion ist der Altersunterschied zwischen den liebenden Protagonisten, sie 17, aber in Wahrheit 15 Jahre alt und er 32. Der dritte Skandal, der schon im Produktionsjahr 1992 noch wenig zum Protestieren bewog, war der Aspekt, dass sie eine Französin und er ein Chinese ist. Es gibt aber noch einen vierten Aspekt, da beide in verschiedenen Gesellschaftsklassen leben. Das verleiht dem Ganzen den Hauch von Prostitution, da er immer wieder Geld an sie weitergibt. Im Übrigen ist diese Arm-Reich-Diskrepanz auch inhaltlich der spannendste Aspekt der Geschichte, wenn man einmal die Augen von dem hemmungslosen Treiben ablassen kann.

DER LIEBHABER (1992)

© Capelight Pictures

Handlung

Ende der 1920er Jahre in Französisch-Indochina, dem heutigen Vietnam: Ein neues Schuljahr beginnt für die 15-jährige junge Französin (Jane March). Sie verlässt die kleine Schule, die ihre Mutter zusammen mit den Brüdern betreibt, um nach Saigon aufs Wocheninternat zu fahren. Auf der Fähre über den Mekong trifft sie auf den jungen Chinesen (Tony Leung Ka-Fai), der in seinem auf Hochglanz polierten Rolls-Royce ebenfalls auf dem Dampfer übersetzt. Der in Paris zur Uni gegangene junge Mann spricht das Mädchen an und bietet ihr an, sie in seinem Wagen zum Internat zu fahren. So muss sie nicht mehr den vollen, stickigen Bus nehmen. Er erzählt von sich, während sich ihre Hände auf der Rückbank näherkommen. Nachdem sie abgesetzt wurde, haben beide noch nicht genug voneinander und sie treffen sich im Geheimen in seiner Junggesellen-Wohnung im chinesischen Stadtviertel Saigons. In den Tagen darauf kommen sie kaum noch aus dem Bett. Die Affäre ist ein gesellschaftlicher Skandal und führt bei ihrer Familie, wie auch bei seiner, zu Missgunst. Die Beziehung ist nicht für die Ewigkeit.

© Capelight Pictures

Es muss Liebe sein

Der Film von Jean-Jacques Annaud (IM NAMEN DER ROSE, SIEBEN JAHRE IN TIBET) basiert auf dem gleichnamigen, autobiografischen Roman von Marguerite Duras, den sie erst 1984 veröffentlichte. Der Produktionsprozess ging aber für Regisseur und Autorin nicht wohlwollend aus, weil Annaud viel Leidenschaft auf der Leinwand sehen und Duras es gern nur andeuten wollte, um die emotionale Liebe zu einem Fremden hervorzuheben. Sie beendeten noch vor dem Drehstart recht schnell das Arbeitsverhältnis. Dem Filmkonzept tut dies aber in seiner Gesamtheit keinen Abbruch und umschifft den meist offensichtlichen Vergleich des Films mit dem Buch. DER LIEBHABER konzentrierte sich auf die physikalische Liebe, die heißblütig auf Zelluloid fotografiert wird.

DER LIEBHABER (1992)

© Capelight Pictures

Die junge Darstellerin Jane March feierte übrigens während der Produktionsphase ihren 18. Geburtstag und trotz immer wiederkehrender Gerüchte, gab es zwischen den Darstellern – die Bettszenen wurden in einem Pariser Studio gedreht – keinen echten Sex. Es ist auch schwer vorstellbar, dass bei dieser präzisen Inszenierung, die Darsteller einen kompletten Drehtag mit Sex durchgehalten hätten. Jane March stieg zwei Jahre später noch einmal mit Bruce Willis in die Film-Kiste, ein seichter COLOR OF NIGHT (1994) ist das Resultat. Sonst hüllen wir über ihre Filmografie das Tuch des Schweigens. Tony Leung Ka Fai, nicht verwechseln mit Tony Leung (IN THE MOOD FOR LOVE, 2046), war vor DER LIEBHABER bereits ein asiatischer Star und ist es danach geblieben (ASHES OF TIME 2004, Election 2005).

© Capelight Pictures

Beiden Charakteren in DER LIEBHABER wird auch etwas Persönlichkeit vermittelt ohne bestimmten Mustervorlagen zu folgen. Er als gelangweiltes Opfer seines angeborenen Status und sie als junges mutiges Mädchen, was aus ihrer parasitären Familie entfliehen will. Die Szenen mit ihren Brüdern und der gestörten Mutter geben vielleicht etwas zwischenmenschlichen Tiefgang, wirken aber zu sehr nach Bühnenstück, was nicht nur an den Darstellern, sondern auch am simplen Skript liegt. Am spannendsten sind die Andeutungen der Liebenden, ob sie nun wirklich verliebt sind, ob es einen starken Rollenaspekt in der Beziehung geben soll und inwieweit er seine Geliebte mit seinem Geld unterwirft, sie es vielleicht weiß und dankend annimmt.

DER LIEBHABER (1992)

© Capelight Pictures

Das Mediabook

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Der frühere Skandalfilm DER LIEBHABER kann nun – mit einer FSK 12 (!) – in bester Bildqualität gesehen werden. Das Label Capelight Pictures, was ihren Katalog immer wieder, um ein paar knisternde Filme erweitert, veröffentlicht das intensive Körperdrama zum ersten Mal auf UHD in einem Mediabook. Der Film liegt ebenfalls in HD auf einer Blu-ray bei. Die visuelle Qualität ist überragend, die Farbpalette surrt vor Hitze und die Details sind gestochen scharf. Nur bei sehr dunklen Szenen wird das Bild körniger und auch der Schwarzwert geht Richtung Grau. Zusätzlich gibt es in der Edition ein 24-seitiges Booklet, ein Making-of (58 Min.), Interviews (13 Min.) und unveröffentlichte Szenen (9 Min.).

© Capelight Pictures

Fazit

Erotik und Leidenschaft scheint gänzlich aus aktuellen Filmproduktionen verdammt zu sein, umso schöner ist es, die schönste Sache der Welt in hautnahen Bildern zu erleben. Und gerade der Aspekt des Altersunterschieds, wie auch der Unterwerfung des jungen, naiven Mädchens durch den reichen, älteren Mann hat immer noch gesellschaftlichen Diskussionsbedarf. Viel fürs Auge und etwas fürs melancholische Herz des französischen Kinos der 1990er-Jahre.

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewDer Liebhaber (1992)
OT: L'amant
Poster
Releaseab dem 03.12.2021 im Mediabook (UHD+Blu-ray)

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RegisseurJean-Jacques Annaud
Trailer
BesetzungJane March (Das Mädchen)
Tony Leung Ka Fai (Der Chinese)
Frédérique Meininger (Die Mutter)
Arnaud Giovaninetti (Der ältere Bruder)
Melvil Poupaud (Der jüngere Bruder)
Lisa Faulkner (Helene Lagonelle)
Jeanne Moreau (Erzählerin)
DrehbuchGérard Brach
Jean-Jacques Annaud
Buchvorlagebasiert auf dem gleichnamigen Roman von Marguerite Duras
KameraRobert Fraisse
MusikGabriel Yared
SchnittNoëlle Boisson
Filmlänge115 Minuten
FSKab 12 Jahren

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