Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber (1989) – Filmkritik

„Hell’s Kitchen“

Leuchtende Primärfarben, die jeden Raum in eine ganz besondere Stimmung tauchen. Geschmackvolle Dekors und ausschweifend stilisiertes Ambiente, die sich wie ein prachtvoller Bilderreigen über die Augen der Zuschauer ergießen und das sinnliche Thema des Films visuell spürbar werden lassen. Schließlich eine Atmosphäre, die sich konsequent vom menschlichen Drama zum blanken Horrorszenario erhebt. Nein, wir sprechen heute einmal nicht über Dario Argentos SUSPIRIA (1977), sondern über Peter Greenaways vielleicht berühmtesten Film DER KOCH, DER DIEB, SEINE FRAU UND IHR LIEBHABER (THE COOK, THE THIEF, HIS WIFE AND HER LOVER, 1989). Soeben ist das Werk via Justbridge Entertainment als deutsche HD-Premiere im Mediabook erschienen.

Cinephiles 5-Sterne-Menü

Peter Greenaway, für den „der Realismus im Film eine Sackgasse“ darstellt und der sich lieber in exorbitanter Stilisierung verliert, setzte im Jahr 1989 ein Menü auf den cineastischen Speiseplan, das in seiner Ausgefallenheit nicht allen schmeckte. DER KOCH, DER DIEB… macht indes noch 30 Jahre später von sich reden, einzigartig, intensiv und schon länger als moderner Klassiker des Schauspielkinos angesehen. Der Film versammelt Akteure vor der Kamera, die sich gleichermaßen im Kino wie auf der Bühne einen Namen gemacht haben: Schauspielgrößen wie Helen Mirren (EXCALIBUR, DIE QUEEN), Michael Gambon (GOSFORD PARK, HARRY POTTER), Richard Bohringer (DIVA, SUBWAY) und Tim Roth (RESERVOIR DOGS, VATEL). Dabei unterstreicht das auffällig am Theater orientierte Raumkonzept zusätzlich den Bühnencharakter des Films. Wüsste man es nicht besser, man würde fest davon ausgehen, DER KOCH, DER DIEB… sei die filmische Adaption eines Bühnenstücks.

© Justbridge Entertainment

Die farbliche Konnotation der einzelnen (überschaubaren) Räume, diese strikte Zuordnung speziell in Grün (Küche), Weiß (Toilette) und Rot (Speiseraum) lässt den Film bereits wie ein Gemälde erscheinen. Jede Farbe hat ihre Bedeutung: wenn sich in der Küche eine hoffnungsvolle Liebe entfalten darf und gemeinhin der Part des Chefkochs (Bohringer) positiv gezeichnet ist, der seinem Handwerk voller Hingabe und Finesse nachgeht; das gesetzte Braun von des Liebhabers (Alan Howard) Bücherzimmer, das Ruhe und Geborgenheit ausstrahlt; wenn die Toiletten in strahlender Helligkeit als (Zwischen-)Räume der Reinheit und (sinnlichen) Wiedergeburt präsentiert werden – nur um mittels rötlicher Farbspielereien an entscheidenden Stellen just dieses Bild zu unterlaufen; und schließlich der festliche Speisesaal, der mit seinen unzähligen Variationen von Rot wie der Vorhof zur Hölle wirkt und wo der Dieb (Gambon) als grausame Machtfigur im Zentrum steht (bzw. sitzt). Jedenfalls spart der Film in den entscheidenden Momenten nicht an tiefroter Farbe – Blut, Wein, Trauben, Fleisch – die vom Koch in einem Schlüsselmoment sogar hin zur viel dunkleren Tonlage, ja schwarz, angesprochen wird: „Sehr viel berechne ich für alles, das schwarz ist: Trauben, Oliven, schwarze Johannisbeeren. Offenbar lassen sich die Leute immer wieder gerne an den Tod erinnern. Schwarze Sachen essen ist, als würde man den Tod verzehren […] schwarze Trüffel sind das teuerste… und Kaviar. Tod und Geburt. Das Ende und der Anfang.“ Wie nahe Tod und Essen zusammenliegen, wird in diesem düster-genussvollen Film immer wieder ins Bild gerückt. Das Finale überschattet dann in seiner Konsequenz alles…

So ist die Handlung in den ausgefüllten zwei Stunden auch überschaubar, nicht eine Vielzahl von Aktion und Reaktion bestimmt das Geschehen. Auf das „wie“ kommt es an. DER KOCH, DER DIEB… begeistert vor allem auf ästhetischer Ebene. Zu den Farbstrukturen, die grundlegend durch das Interieur aber auch durch die effektive Beleuchtung aufblühen, gesellt sich die durchweg ausgefeilte Ausstattung entlang der Wahl mannigfaltiger Requisiten, insbesondere der Kostüme, die kein Geringerer als Jean Paul Gaultier entwarf. Wer aufmerksam bleibt, dem fallen auch die (farblich) passenden Wechsel einiger Kostüme in sogenannten „unsichtbaren Schnitten“ auf, wenn Figuren scheinbar durchgängig in ihren Bewegungen von einem Raum zum nächsten gezeigt werden.

Regisseur Peter Greenaway // © Justbridge Entertainment

Höhepunkt der cinephilen Extravaganz bleibt aber der Detailreichtum der kulinarischen Genüsse. Was hier an Speisen – von Anfang bis Ende der Zubereitungskette – aufgefahren wird, lässt Marco Ferreris DAS GROSSE FRESSEN (LA GRANDE BOUFFE, 1973) wie ein Picknick aussehen. Gleich zwei Lastwagen voller Rinderrippen, Schweineköpfe, Truthähne, Fasane, Meeresfrüchte, Fisch, Gemüse und Südfrüchte werden zu Beginn angekarrt. Die Küche mit ihren gefühlt 100 Töpfen wirkt so herrlich übergroß, ähnlich einer Lagerhalle, in der immer zwei Dutzend Menschen gleichzeitig arbeiten. Ausladende Kamerafahrten fangen wiederholt die Dimension des topographischen Herzstücks ein. Dieser ganze Pomp, diese überwältigende Ausstaffierung wird dann in einzelnen Momenten wieder auf das im wahrsten Sinne Wesentliche heruntergebrochen. Zwei nackte Menschen, eingepfercht im Kühlhaus voll totem Getier: um zu überleben, muss sich der Mensch, der so viel Genuss und Schmuckwerk zu seinem verwöhnten Lebensstandard gemacht hat, schließlich vollständig entblößen – und so wie Gott ihn schuf inmitten von animalischen Körpern Zuflucht finden.

© Justbridge Entertainment

Wirkung und Zensur

Zur Wirkungsgeschichte – aber auch zur besonderen Ästhetik – des Films gibt es allerhand im ausführlichen Booklet von Christoph N. Kellerbach zu lesen, so auch, dass die US-Version um eine halbe Stunde (!) zensiert werden musste um ein R-rating zu erhalten. Es gibt wahrlich viel nackte Haut, nicht nur von Tieren, zu sehen, Lust, Gewalt und auch Schmutz sind die markante bildsprachliche Kennung dieses ästhetisch so exorbitanten Gesamtkunstwerks. Regisseur Peter Greenaway hatte sich drei Grundelemente für den Film zurechtgelegt: das Jakobinische Theater, die Ästhetik von Tischgemälden (u. a. Leonardo da Vincis „Das letzte Abendmahl“) und das England von Margaret Thatcher. Der Film ist neben all seiner ästhetischen Extravaganz auch ein herber Schlag in die Magengrube soziopolitischer Zustände, denn Thatchers England befand sich bei Veröffentlichung dieses Films noch in seiner späten „Blüte“. Greenaway selbst beschrieb, „dass Thatcher seiner Meinung nach das Land durch ihre Reformen vergewaltigen, vulgärer und anti-intellektueller machen würde.“ (Christoph N. Kellerbach im Booklet).

© Justbridge Entertainment

Helen Mirren, das mag man heute im Hinblick auf ihren Adelstitel bisweilen vergessen haben, war sich noch nie zu schade, mutige und körperbetonte Rollen aktiv zu gestalten. Hier zeigt sie sich mehrfach entblößt (man fühlt sich an ihre Rolle in Tinto Brass’ CALIGULA erinnert), und transportiert in ihrem Auftreten, auch indirekt in den Dialogen über ihre Figur (von ihrem Mann, dem Dieb), eine vielschichtige Bedeutung von Körperlichkeit und Existenz: die Frau, die keine Kinder gebären kann, die sich von ihrem Mann wie Vieh behandeln lassen muss, ein versautes Stück, bar jeglicher Würde, die dann aber im Umkehrschluss bei allen Bediensteten des Restaurants als die Feinschmeckerin und Grand Dame behandelt wird, die den Genuss des Lebens zu schätzen weiß.

Eine wunderbare Rolle von Helen Mirren – auch eine, mit der sie damals erneut Aufmerksamkeit erregte und ihren Ruf als vielseitige Charakterdarstellerin festigte. Selbst wenn die männlichen Mitstreiter ihre Parts hervorragend spielen – vor allem Michael Gambon als menschlicher Teufel – es ist die Lady, die einem für alle Zeit in Erinnerung bleibt. Dazu bedarf es gar weniger Worte, was zuletzt auf der Metaebene des Films reflektiert wird: wenn der Liebhaber zu ihr sagt, er habe einmal einen Film gesehen, in dem der Hauptdarsteller die erste halbe Stunde kein Wort gesprochen habe und als er es dann doch tat, habe er nach fünf Minuten das Interesse verloren. Tatsächlich bahnt sich die Liebesaffäre zwischen den beiden in ebendieser Weise an – das Interesse, als dann doch gesprochen wird, verliert man als Zuschauer aber wahrlich nicht.

© Justbridge Entertainment

Für Regisseur Peter Greenaway war die Produktion ein Novum, da sich auch niederländische und französische Geldgeber mit einschalteten. Der künstlerische Freiraum, den er besonders mit diesem Film genoss, ist heute so nicht mehr denkbar. Voller Drastik spielt der Film geistige und körperliche Nahrung gegeneinander aus. Der Dieb, stellvertretend für die Exekutive, verteufelt Bücher und will in seinem Restaurant (seinem Regierungsbezirk) die Leute einzig dem Materiellen frönen sehen. Auch er wird sich, genau wie die reale Politik nur ein Jahr nach Veröffentlichung dieses Films, schlussendlich seinem Schicksal stellen müssen. DER KOCH, DER DIEB… ist ein geschmackvolles, aber auch bissig-grausames Juwel der jüngeren Filmgeschichte, das es in all seinen Facetten wiederzuentdecken gilt.

© Justbridge Entertainment

Das Mediabook von Justbridge Entertainment

An dieser Stelle mache ich es kurz. Es ist schön, dass der Film hierzulande endlich in HD erstrahlt. Gerade die spektakuläre Farbdramaturgie kommt auf der Blu-ray hervorragend zur Geltung und lässt uns den Film noch einmal viel feiner verköstigen. Das Booklet von meinem Kollegen Christoph N. Kellerbach ist sehr gut recherchiert und umschreibt – entlang eines literarischen „5-Gänge-Menüs“ fünf Aspekte des Werks: Geschichte des Regisseurs (1), Produktionsgeschichte (2), Ästhetik des Films und die Hintergründe (3), Veröffentlichung und US-Freigabeprobleme (4) sowie das weitere Wirken des Regisseurs (5). Auf 20 Seiten, mit einem ausgewogenen Verhältnis von Text und Bildern, bekommt man hier den nötigen Einstieg für eine weiterführende Beschäftigung mit dem Film. Das muss (leider) reichen, denn audiovisuelle Extras gibt es leider gar keine (meine Nachforschungen haben ergeben, dass es die wohl weltweit nicht gibt). So bleibt uns der Film selbst in einem ansprechend verarbeiteten Mediabook. Dem Label sei an dieser Stelle grundsätzlich Dank ausgesprochen, da es ein solcher Titel (anspruchsvolles Schauspielkino mit „ab 18“-Freigabe) durchaus schwer hat.

© Justbridge Entertainment

Fazit

DER KOCH, DER DIEB, SEINE FRAU UND IHR LIEBHABER ist zugleich genussvolle Extravaganz und bitterböse Abrechnung auf den Materialismus der 1980er-Jahre. Wahre Schauspielgrößen geben sich hier Brust und Keule und die Primärfarben haben seit Mario Bava und Dario Argento nicht mehr so kräftig geleuchtet. Die HD-Umsetzung ist ordentlich, das Mediabook ebenfalls. Für Film(kunst)-Interessierte ist diese Veröffentlichung die willkommene Möglichkeit, eine Lücke in der Sammlung zu schließen – und vielleicht gar das Kino des Peter Greenaway neu für sich zu entdecken. Ob sich der Film allerdings gut als Begleitung zum eigens gekochten Menü Zuhause empfiehlt, oder ob man zumindest vor dem größten Spektakel schon den ersten Verdauungstrunk genommen haben sollte – das, liebe Zeitreisende, muss jeder für sich selbst entscheiden. Guten Appetit!

© Stefan Jung

Titel, Cast und CrewDer Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber (1989)
OT: The Cook, the Thief, His Wife & Her Lover
Poster
Releaseab dem 28.08.2020 im Mediabook (Blu-ray + DVD)

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RegisseurPeter Greenaway
Trailer
BesetzungRichard Bohringer (Richard)
Michael Gambon (Albert)
Helen Mirren (Georgina)
Alan Howard (Michael)
Tim Roth (Mitchel)
Ciarán Hinds (Cory)
DrehbuchPeter Greenaway
KameraSacha Vierny
FilmmusikMichael Nyman
SchnittJohn Wilson
Filmlänge124 Minuten
FSKab 18 Jahren

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