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Der Gesang der Flusskrebse (2022) – Filmkritik

„Sumpf, aber sauber“

„Nazis sind immer die anderen“, hieß ein taz-Essay über den ZDF-Dreiteiler UNSERE MÜTTER, UNSERE VÄTER und diagnostizierte die merkwürdige Schuldfreisprechung des deutschen Volkes in Phillip Kadelbachs Epos. Die Mär des ‚guten Nazis‘ bleibt die beliebteste dramaturgische Bearbeitung von Dritten Reich Stoffen. Weil es ja auch so einfach ist. DER GESANG DER FLUSSKREBSE holt diese merkwürdige historische Bereinigung jetzt für die 60er in den Südstaaten der USA nach.

© 2022 Sony Pictures Entertainment Inc.

Delia Owens 2019 in Deutschland erschienener, gleichnamiger Roman entwickelte sich zum überraschenden Buchblockbuster. 2020 platzierte es sich jede Woche unter den TOP 20 der Spiegel-Bestsellerliste und die jetzt angelaufene Verfilmung dürfte die Buchverkäufe nochmals in die Höhe katapultiert haben (die Journalist:innen bekamen bei der Pressevorführung sogar ein Exemplar geschenkt). Wären wir ein Literaturblog, dann könnte man hier jetzt seitenlang spekulieren, was es mit dieser Faszination nach historischem Kitsch auf sich hat (siehe auch die Ferrante Freundinninnen Bücher). Wer Spaß an überkonstruierten Metaphern und der ganz dicken Leidenspathos-Keule hat, der kann sicherlich mal einen Seitensprung riskieren. Wir wollen aber hier über Olivia Newmans Verfilmung reden.

© 2022 Sony Pictures Entertainment Inc.

North Carolina, irgendwann in den 60ern: Kya (Daisy Edgar-Jones) wuchs unter ständigem Spott und dauernder Demütigungen der ‚townies‘ in den Sumpf- und Marschlandschaften auf. Trotz nur einem einzigen Tag auf der Schulbank, entwickelte sie sich ob ihres beispiellosen Verständnisses der Natur zur erfolgreichen Illustratorin und Autorin. Auch eine Affäre mit dem Stadtschönling Chase (Harris Dickinson) sorgte kurz für Freude. Bis Chase eines Tages tot in der Marsch liegt. Für die Polizei ist der Fall klar: Das „marsh-girl“ muss die Mörderin sein. Einzig Anwalt Tom Milton (David Strathairn) hält zu Kya und macht sich auf, sie in einem schmutzigen und von Vorurteilen gekennzeichneten Gerichtsprozess zu verteidigen. In Rückblenden entschlüsselt sich ein mehr oder weniger komplexes Beziehungsdrama.

© 2022 Sony Pictures Entertainment Inc.

Selten sah man in einem Film eine solch merkwürdige Diskrepanz zwischen Historie und Abbildung im Film. Kya erzählt uns zwar ständig, wie sehr sie unter der Diskriminierung der Stadtbewohner:innen zu leiden hatte, der filmische Text zeigt uns das, aber so gut wie nie. Ein einziges Mal gibt es eine Rückblende zu Kyas erstem (und einzigem) Schultag, in der man sie auslacht, weil sie das Wort dog nicht buchstabieren kann. Wenn die Diskriminierung und Demütigung aber so elementarer Bestandteil und irgendwo auch Motivator für den Plot sind, und man diese fast vollständig ausspart, dann fühlt man sich als Zuschauer:in merkwürdig aseptisch, oder noch schlimmer, als würde man gerade die Hauptfigur aktiv gaslighten.

© 2022 Sony Pictures Entertainment Inc.

Aseptik ist sowieso das Stichwort der Stunde, wenn wir über den DER GESANG DER FLUSSKREBSE reden. Die 60er Jahre erstrahlen in schönster bereinigter Instagram-Optik, die Akteur:innen sind Models mit porenreiner Haut, perfekt sitzenden Haaren und diesen hollywoodtypischen Beachkörpern. Denkt man an die Südstaaten und ihre filmische Bearbeitung, dann kommt einem doch unweigerlich eher diese flirrende Schwitzigkeit von IN THE HEAT OF THE NIGHT, WILD THINGS oder MISSISSIPPI BURNING in den Sinn, als eine Ästhetik, die einem höchstwahrscheinlich einen Rabattcode für besonders wirksame Hautcreme andrehen möchte. Das hier niemand raucht versteht sich natürlich von selbst. Man mag von den haltlos dummen GREEN BOOK verlachen, wie man will, wenigstens kann man ihm jetzt attestieren, authentischer zu sein als DER GESANG DER FLUSSKREBSE.

© 2022 Sony Pictures Entertainment Inc.

Der alles umspannende Krimiplot ist als Whodunit tatsächlich relativ effektiv, bringt es aber fertig, für einen letzten Twist vor dem Abspann sämtliche erzählerische Integrität und Figurenkontinuität dem stumpfen Wow-Effekt zu opfern. Diese Dreistigkeit ist fast schon einen Blick wert, zum Vergleich denke man vielleicht kurz an DIE UNFASSBAREN.

All das könnte man abhaken als: So weit, so uninteressant. Eben dieser typische Biofilm, den man sich ebenso im Programmkino anschaut, um mal wieder so richtig authentisch am Leiden weniger privilegierter Menschen teilhaben zu können. Aber mit nem richtig wohligen Gefühl am Ende, damit es nicht zu schlimm wird.

© 2022 Sony Pictures Entertainment Inc.

Was den DER GESANG DER FLUSSKREBSE aber wirklich ärgerlich und geradezu unverschämt macht, dass ist seine komplette Ausklammerung des Themas Rassismus. In einer Zeit, in der der Ku-Klux-Klan unzählige Hassverbrechen in den Südstaaten der USA beging, eine Geschichte darüber zu erzählen, dass am meisten die armen weißen Menschen aus den Sümpfen unter Diskriminierung litten, zeugt von einem sehr merkwürdigen historischen Verständnis. DER GESANG DER FLUSSKREBSE präsentiert uns mit den Figuren von Jumpin‘ und Mabel Madison (Sterling Macer Jr. und Michael Hyatt) zwei POCs, die natürlich nie mehr als die tropischen magical negros sind. Rassismus erfahren sie nicht und so kann sich der konservativerer Teil Amerikas munter ihrer Vergangenheit reinwaschen, indem man sagt: Die wahren Opfer in den Südstaaten, das waren die armen weißen Menschen aus dem Sumpf. Die Rassisten, das waren die anderen.

© Fynn

Titel, Cast und CrewDer Gesang der Flusskrebse (2022)
OT: Where the Crawdads Sing
Poster
RegieOlivia Newman
ReleaseKinostart: 18.08.2022
ab dem 18.12.2022 auf Blu-ray & DVD erhältlich.

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Trailer
BesetzungDaisy Edgar-Jones (Kya Clark)
Taylor John Smith (Tate Walker)
Harris Dickinson (Chase Andrews)
David Strathairn (Tom Milton)
Michael Hyatt (Mabel)
Sterling Macer Jr. (Jumpin')
Logan Macrae (Jodie Clark)
Bill Kelly (Sheriff Jackson)
Ahna O'Reilly (Ma)
Garret Dillahunt (Pa)
DrehbuchLucy Alibar
Vorlagebasiert auf dem gleichnamigen Buch von Delia Owens
KameraPolly Morgan
FilmmusikMychael Danna
SchnittAlan Edward Bell
Filmlänge125 Minuten
FSKAb 12 Jahren

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