Der Falke und der Schneemann Review Mediabook

Der Falke und der Schneemann – Filmkritik & Review zum Mediabook

„Spione aus Leidenschaft“

In meiner Jugend habe ich einiges an Streifen im Fernsehen regelrecht konsumiert. Das meiste wurde am Freitag- oder Samstagabend hintereinander weggeschaut. Mit etwas Glück konnte man sogar einen Hattrick erlangen, was drei gute Filme in Folge ab 20:15 bedeutete, obwohl meist der Mitternachtsfilm nur noch irgendeine geschnittene Version von PHANTOM KOMMANDO oder Ähnlichem mit müden Augen war. Jedenfalls muss es in dieser Filmrausch-Zeit gewesen sein, dass ich DER FALKE UND DER SCHNEEMANN das erste Mal gesehen habe. Bei den ersten Minuten der Blu-ray-Neuauflage von OFDb-Filmworks wurde mir meine Erinnerungslücke schlagartig bewusst: Diesen Film kenne ich, er ist verdammt gut und warum zum Teufel nochmal habe ich ihn vergessen. Ich danke somit dem Publisher schon einmal vorab, meinem Hirn mit diesem Mediabook- und Blu-ray-Release auf die Sprünge geholfen zu haben. Selbst 20 Jahre nach diesem vergessenen Erlebnis vor der Glotze, bietet der auf wahren Begebenheiten basierende Spionage-Thriller intensives Spannungskino und politische Bildung jener Zeit.

Der Falke und der Schneemann Review Mediabook
© Metro-Goldwyn-Mayer Studios

Inhalt

Christopher Boyce (Timothy Hutton) hat sein Theologie-Studium satt und beendet es zum Missfallen seiner Eltern. Gut, dass sein Vater als Ex-FBI-Agent noch ausreichend Kontakte hat und so vermittelt er den Sohnemann als Laufburschen für den Kommunikationskonzern RTX. Sein neuer Chef erkennt in Chris einen talentierten jungen Mann, sieht seinen  regierungstreuen, amerikanischen Familien-Hintegrund als ausreichende Sicherheit an und befördert ihn zum „schwarzen Raum“. Dort werden verschlüsselte Botschaften, die mit Hilfe von Spionage-Satelliten aufgezeichnet werden, der CIA zugearbeitet. Bei den neuen Kollegen ist von hoher Sicherheitsstufe kaum etwas zu spüren und der Reißwolf muss auch mal als Cocktail-Automat herhalten. In diesem laxen Berufsalltag erkennt Christopher, dass er mit der politischen Einstellung seines Auftraggebers wenig anfangen kann. Als er eines Tages noch entdeckt, in welchen weitreichenden internationalen Affären der amerikanische Geheimdienst seine Finger im Spiel hat, beschließt er Informationen an Erzfeind „Mütterchen Russland“ zu verkaufen. Um die Übergabe in die Wege zu leiten, kommt ihm sein alter Schulfreund Dalton Lee (Sean Penn), der hauptberuflich Drogen aus Mexiko schmuggelt, sehr gelegen.

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© Metro-Goldwyn-Mayer Studios

Schauspiel

Der Film von John Schlesinger besitzt nicht gerade den Glanz des 80er-Jahre-Filmjahrzehnts, jedoch besticht er mit einer äußerst interessanten Geschichte und zwei Hauptfiguren, die durchaus nachvollziehbar handeln. Sicherlich liegt es auch an den Schauspieltalenten Timothy Hutton (EINE GANZ NORMALE FAMILIE, DER GUTE HIRTE) und Sean Penn (MYSTIC RIVER, MILK), aber vor allem an der Hintergrundgeschichte. Denn die beiden Spione Christopher Boyce und Dalton Lee gab es wirklich und sie haben in den 70er Jahren Staatsgeheimnisse an Russland verkauft. Jedoch ist der Rest der Geschichte in DER FALKE UND DER SCHNEEMANN fiktiv interpretiert und man kann wirklich nur davon sprechen, dass das Drehbuch auf diesen beiden Personen beruht, nicht aber auf den korrekten Geschichtsfakten. Dies ist aber auch gar nicht wichtig, denn Schlesinger und der Drehbuchautor Steven Zaillan (SCHINDLERS LISTE, ZIVILPROZESS) wollen hier die Perspektive der junger Männer darstellen, die sich eine ungewöhnliche Art der Rebellion ausgesucht haben.

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© Metro-Goldwyn-Mayer Studios

Boyce, der mit seinem Falken Fawkes (der sicherlich nach Guy Fawkes benannt ist, welcher 1605 das britische Parlament in die Luft sprengen wollte), rutscht eher ungewollt in den Beruf mit hoher Geheimhaltungsstufe. Die schwierige Beziehung zu seinem republikanischen Vater prägt sein Tun, aber er verkauft die Geheimnisse nicht aus dem Grund ein Linksliberaler oder treuer Kommunist zu sein, sondern des Geldes wegen. Die 80er sind in den USA auch eine Zeit, die vom Kapitalismus geprägt ist. Aber Boyce ist Geld zumindest augenscheinlich nicht so wichtig wie seinem Freund Lee.

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© Metro-Goldwyn-Mayer Studios

Dieser muss sein wohl situiertes Elternhaus übertrumpfen. Er sieht nur den Handel mit Drogen als Möglichkeit das schnelle Geld zu machen und jetzt auch noch den Handel mit Geheimdaten, was ihn sogar dazu bringt seinen Freund Boyce um die Teile der Ausbeute zu bescheißen. Seine geistigen Fähigkeiten erweisen sich jedoch als recht limitiert. Hinzu kommt auch noch das abhängige Verlangen nach seiner eigenen Schmuggelware, was seine Paranoia noch verstärkt. Sean Penn spielt hier mit viel Talent den Charakter Dalton Lee und sieht aus wie direkt aus den FAST TIMES AT RIDGEMONT HIGH (1982) herausgefallen und steht kurz vor seinen ersten Jahren als Cop in COLORS (1988). Vor allem in der Originalsprach-Version ist Penn mit seiner hohen quietschigen Stimme unangenehm und bemitleidenswert zugleich.
Beide Figuren merkt man die langjährige treue Freundschaft an und dennoch sieht man, dass sie sich in unterschiedliche Richtungen entwickeln werden. Das ist die große Stärke des Films, zwei großartige, talentierte Schauspieler mit einem Regisseur, der weiß damit umzugehen.

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© Metro-Goldwyn-Mayer Studios

Spionage

Was für mich den Film auch äußerst unterhaltsam macht, ist die Art wie hier politische Spionage schon fast amateurhaft betrieben wird. Die Szenen werden noch dazu, trotz begrenztem Produktionsbudget, genial von Kameramann Alan Daviau (DAS REICH DER SONNE, E.T.) eingefangen. Protagonist Christopher Boyce lässt Dokumente einfach in seinem Aktenkoffer verschwinden und Lee trifft sich mit russischen Regierungsmitgliedern der Botschaft in Mexiko City. Diese Treffen wirken in der heutigen Zeit vielleicht etwas amateurhaft, aber ohne Digitalisierung und permanenten Draht zu allen Informationen, kann die Übergabe einer Zeitung als Ummantelung für Geheimakten äußerst spannend sein. Witzig wird es zudem noch, als Lee dem russischen Kontakt Alex (David Suchet) sein Spitzel-Honorar quittiert.

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© Metro-Goldwyn-Mayer Studios

Der Weg der Freunde trennt sich in der Motivation der Spionage: Boyce will vor allem gegen das System rebellieren und genießt seine Freiheit, wohingegen Lee hinter dem „Schnellen Geld“ für Drogen, Frauen und dem naivem Wunsch seiner Familie eine Villa zu bauen, unterliegt. Diese Gedanken kommen uns als Zuschauer bereits während des Films, denn Schlesinger lässt sich Zeit mit der Geschichte (126 min), so dass sich manchmal der Eindruck entwickelt, dass die Kamera nur so nebenbei draufhält. Dadurch intensiviert sich die Geschichte noch viel mehr und beschäftigt durch sein tragisches Ende.

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© Metro-Goldwyn-Mayer Studios

Mediabook von OFDb Filmworks

Der Falke und der Schneemann Review Mediabook
© OFDb Filmworks

Die Filmdatenbank OFDb hatte es wohl langsam satt immer nur DVDs von Filmklassikern aufzulisten, die bereits nicht mehr erhältlich sind. Deswegen beginnen sie, vergessene Filme, wie auch in meinem Fall, in HD aufzupolieren und ihnen eine schöne Aufmachung zu spendieren. Das Mediabook ist in zwei Covervarianten erschienen, wobei Cover B bereits ausverkauft ist. Das Design vom Mantel und dem Booklet ist sehr gelungen und ich freute mich besonders über den ausführlichen Text von Stefan Jung, der ebenfalls für diesen Filmblog aktiv ist. Seine Ausführungen gehen weit über das durchschnittliche Maß hinaus und sind für jemanden wie mich, der sich mit Schlesingers Filmen kaum auskennt, die perfekte Nachfilm-Lektüre. Auch die traditionelle Szenenanalyse von Stefan, dieses Mal sogar zwei, sind treffsicher formuliert und clever durchdacht.
Das Bild auf der Blu-ray ist sehr gut geworden, wobei noch viel Nostalgie im Kontrast und den Farben erhalten geblieben ist. Das Bonusmaterial ist mit 30 Minuten überschaubar. Eigentlich lohnen sich nur die acht Minuten Interview mit Hutton, Schlesinger und Penn, die kurz nach der Filmveröffentlichung gedreht wurden. Für Fans der 80er Jahre kann man auf jeden Fall eine Empfehlung für das Mediabook aussprechen.

Fazit

Es bleibt ein eigenständiger Film seines Genres, vor allem durch die geniale Schauspielleistung von Hutton und Penn, kombiniert mit der interessanten Hintergrundgeschichte. Es ist eine unterhaltsame, aber auch traurige Geschichte über zwei Männer, die sich noch kaum richtig rasieren müssen, aber schon mitten im Kalten Krieg stecken. Ein Geheimtipp aus den 80er Jahren, der es dank OFDb Filmworks hoffentlich nicht mehr lange sein wird.

Titel

Der Falke und der Schneemann (1985)
OT: The Falcon and the Snowman

Regisseur

John Schlesinger

Poster

Release

Mediabook von OFDb Filmworks
bei ofdb.de bestellen
bei Amazon kaufen (Affiliate-Link)

Auflage Mediabook

Auf 1.500 Stück limitiert Cover A
Auf 222 Stück limitiert Cover B

Trailer

(Englisch)

Schauspieler

Timothy Hutton (Christopher Boyce)
Sean Penn (Doulton Lee)
Pat Hingle (Mr. Charlie Boyce)
Dorian Harewood (Gene)
Boris Lyoskin (Mikhael)
David Suchet (Alex)
Michael Ironside (FBI Agent)

Drehbuch

Steven Zaillian

Buchvorlage

Nach dem Buch "Der Falke und der Schneemann" von Robert Lindsey

Kamera

Allen Daviau

Musik

Lyle Mays
Pat Metheny

Schnitt

Richard Marden

Technische Daten

Blu-ray
Bildformat: 1,85:1 (HD 1080p)
Tonformat: Deutsch & Englisch (Linear PCM 2.0 Stereo)
Untertitel: Deutsch & Englisch

Filmlänge

104 min

Altersfreigabe

Ab 12 Jahren freigegeben
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20

Chefredakteur

Kann bei ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT mitsprechen / Liebt das Kino, aber nicht die Gäste / Hat seinen moralischen Kompass von Jean-Luc Picard erhalten / Soundtracks auf Vinyl-Sammler / Stellt sich gern die Regale mit Filmen voll und rahmt nur noch seine Filmposter

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