Der Elefantenmensch (1980) – Filmkritik

Prolog

Ein besonderer Film wie DER ELEFANTENMENSCH verdient auch eine besondere Form der Präsentation. Eine solche liegt uns nun durch den Filmverleih ARTHAUS vor. Da ist zunächst die von Regisseur David Lynch höchstpersönlich überwachte 4K-Abtastung vom Original Kamera Negativ. Darüber hinaus hebt das umfangreiche Bonusmaterial dieses bewegende Drama auf das Niveau, welches ihm gebührt: leidenschaftliche Filmkunst in Vollendung.

„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ – Antoine de Saint-Exupéry

In seinem zweiten Spielfilm führt uns David Lynch auf eine Suche nach genau diesem Herz in uns allen. Dazu leitet er unsere Augen ins Wesentliche unseres Menschseins. Kontrastreich macht er Verborgenes in seinen schwarz-weißen Bildern sichtbar. Lynchs sensibel inszenierte Darsteller beleben die Idee von der inneren Schönheit eines Menschen. Die Schönheit eines seit seiner Geburt entstellten Mannes:
DER ELEFANTENMENSCH.

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Die Handlung

DER ELEFANTENMENSCH beginnt mit einer surrealistischen, an Luis Buñuel erinnernden, Bildcollage. In ihr sehen wir das Foto einer jungen Frau. Dieses wird von einer Gruppe wilder Elefanten überblendet. Am Ende liegt die Frau auf dem Foto zuckend und monströs schreiend auf dem Boden. So nimmt Lynch kunstvoll zwei Kernelemente des folgenden Films vorweg: den Mythos um die Entstehung seiner Hauptfigur und das Foto seiner Mutter. Das Bild der attraktiven Frau begleitet ihn seitdem durch ein zutiefst trauriges Leben.

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London um 1880, eine innere Neugier führt den renommierten Chirurgen Frederick Treves (Anthony Hopkins, DAS SCHWEIGEN DER LÄMMER, 1991) auf die Spur einer geheimnisvollen Jahrmarktssensation. Sein Weg führt ihn von einem Rummelplatz hinter die Kulissen einer Freakshow und von dort in dunkelste Gassen einer unter Maschinendampf schwitzenden Stadt. Hinter den viktorianischen Fassaden Londons pulsiert die Industrialisierung wie ein auf Hochtouren arbeitender Blutkreislauf. Gegenüber dem stetigen Hämmern produktiver Maschinenkolben zählt ein Menschenleben wenig. Hier erlebt Dr. Treves jene Welt, aus der seine von Arbeitsunfällen gezeichneten Patienten kommen. In diesen Eingeweiden einer rhythmisch pochenden Menschmaschine trifft Dr. Treves auf ein Trio schicksalshaft miteinander verbundener Außenseiter. Der alkoholkranke Schausteller Bytes (Freddie Jones, 18 STUNDEN BIS ZUR EWIGKEIT, 1974) ist herrschsüchtiger Ziehvater zweier Waisen. Neben einem ca. 12-jährigen Laufburschen (Dexter Fletcher, CARAVAGGIO, 1986 und später Regisseur von ROCKETMAN, 2019) hält er sich einen körperlich deformierten, jungen Mann als geldbringende Kirmesattraktion. Diesen stellt er Dr. Treves in einer menschenverachtenden Darbietung als DER ELEFANTENMENSCH (John Hurt, ALIEN, 1979) vor.

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Tief bewegt von dessen Schicksal, kann der Arzt Bytes dazu bringen, ihm den schwer kranken Mann für Untersuchungen im Royal London Hospital zu überlassen. Dort präsentiert er ihn auch einem staunenden Fachgremium. Anfänglich noch auf die Steigerung seines eigenen Renommees abzielend, entwickelt Dr. Treves nach und nach eine freundschaftliche Bindung zu dem von ihm zunächst als „schwachsinnig“ und „entartet“ titulierten Mann. Hinter der wissenschaftlichen Zirkusnummer tritt nach und nach der gebildete John Merrick hervor. Der trotz seines Schicksals hoffnungsvolle und künstlerisch begabte Mann gewinnt nun auch die Zuneigung des Krankenhauspersonals. Oberschwester Mothershead (Wendy Hiller, MORD IM ORIENTEXPRESS, 1974) und Klinikdirektor Mr. Carr-Gomm (Sir John Gielgud, ARTHUR, 1981) legen nach und nach ihre anfänglichen Vorbehalte gegenüber dem neuen Patienten ab. Durch ihn entdecken auch sie die innere Schönheit ihrer eigenen Menschlichkeit.

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Darüber hinaus wird die populäre Theaterschauspielerin Madge Kendall (Anne Bancroft, DIE REIFEPRÜFUNG, 1968) auf ihn aufmerksam. Die Künstlerin sieht direkt die Reinheit seiner Seele. Durch sie erblüht sein geschundenes Ich zu wahrer Größe. Sie öffnet ihm nicht nur die Türen in die feine Gesellschaft Londons, sondern auch die zum tiefsten Inneren seiner Persönlichkeit. Wird sie zur guten Fee seiner Träume?

Trotz allem bleibt er ein Spielball der niederen Instinkte weniger schöner Menschen. Dr. Treves muss immer wieder um seinen neuen Freund kämpfen.

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Der Film

Es ist die Geschichte über ein verlorenes Kind. Verloren irgendwo hinter der Monstrosität seines eigenen Körpers. Als DER ELEFANTENMENSCH auf Jahrmärkten zur Schau gestellt, wird dieses Kind zur Marionette einer weiteren verlorenen Seele. Eine Marionette, die sich nichts sehnlicher wünscht, als Mensch sein zu dürfen. Wie Pinocchio muss auch er seine gute Fee finden, um ein echter Junge zu werden.

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So werden die Geschwüre eines körperlich gezeichneten Mannes zur schwer durchdringlichen Oberfläche auf dem Weg zu seiner wahren Natur. Durch die sich nach und nach entfaltende Schönheit seiner Seele gewinnt er wertvolle Freunde. Mit ihrer Freundschaft wächst seine Anerkennung in den Reihen der Menschen. Ohne sie wäre er vollkommen verloren. Verloren in einer Welt, in der „das Andere“ als wertloser Makel verspottet, verlacht und geschlagen wird.

Es ist ein Film über den wichtigsten und zugleich gefährdetsten Wert unseres Menschseins: Mitgefühl.

Lynch und Brooks

Als Zuschauer erleben wir ein tief bewegendes Kapitel im Leben einer historischen Figur. Als Cineasten entdecken wir in seiner Geschichte auch das Spiegelbild seiner Erschaffer. Beide spiegeln sich in den Hauptfiguren ihrer eigenen Filmschöpfung. Zwei Filmschaffende, die auf den ersten Blick nicht unterschiedlicher sein könnten. Auf der einen Seite ein von vielen belächelter Midnight Movie Freak. Auf der anderen ein nur für seine Lacher gewürdigter Komiker. David Lynch, das missverstandene Künstlermonster und Mel Brooks, der Meister der überzeichneten Filmparodie. Für beide ist dieser Film ein Wendepunkt. Für Lynch ein bedeutender Schritt aus dem Schatten abseitiger Programmkinos ins Scheinwerferlicht Hollywoods. Für Brooks eine bewusste Erweiterung seines Repertoires in Richtung ambitionierter Filmdramen. Um die Wirkung des Films nicht im Vorfeld durch falsche Erwartungen oder voreingenommene Bedenken zu gefährden, verzichtet Brooks bewusst auf eine offizielle Nennung als Produzent. Diesen Titel überlässt er Jonathan Sanger und Stuart Cornfelder. Und doch ist er die treibende Kraft hinter dem Projekt. Erst durch ihn kann Lynch den Film machen, den wir heute sehen.

„Du bist ja ein Wahnsinniger! Ich liebe Dich, Mann!“
Mel Brooks zu David Lynch direkt nach einer Privatvorstellung von ERASERHEAD

Mit diesen Worten kommen sie final zusammen: Regietalent und Produzent auf neuen Wegen. Dieses Liebesbekenntnis löst die ersten Geburtswehen einer vollkommen beseelten Filmschöpfung aus. Beseelt durch die außergewöhnliche Schöpfungskraft seiner Erschaffer wird DER ELEFANTENMENSCH 1980 für die Leinwand geboren.

1 Stuart Craig 2 Eric Bergren 3 Jonathan Sanger 4 David Lynch 5 Mel Brooks 6 Chris De Vore // aus dem Buch TRAUMWELTEN

David Lynch

Trotz seines hohen Budgets und der hohen Anzahl an Mitwirkenden vor und hinter der Kamera wirkt DER ELEFANTENMENSCH von Beginn an wie eine erwachsene Weiterentwicklung von ERASERHEAD (1977). War sein über Jahre entwickelter Erstlingsfilm noch eine von klassischen Drehbuchfesseln befreite Kunstinstallation zwischen Alptraum, Sozialparabel und erlösendem Märchen, führt seine zweite Filmregie zielsicher durch eine klar strukturierte Handlung. Vielleicht auch deswegen, weil Brooks ihn von Anbeginn des Projekts auch als Co-Autoren einsetzte. Dem inhaltlich bewegenden, aber viel zu umfangreichen Original-Drehbuch von Christopher De Vore/Eric Bergren (FRANCES, 1982) fehlte noch eine filmische Struktur. Dass er diese bei einem, bis dahin eher strukturlos und rein intuitiv arbeitenden Filmneuling suchte, spricht für die hohe künstlerische Intelligenz von Mel Brooks.

Ohne dabei seine ihm ganz eigene Bildsprache zu verleugnen, öffnet Lynch durch diesen Film all jenen, die sich von ERASERHEAD noch verschrecken ließen, den Zugang zum humanistischen Vorhof seines Herzens. Wo andere das schnelle Spektakel inszenieren, leitet er den Zuschauer mit respektvoller Ruhe durch das Geschehen. Lynch hat die Gabe, filigran gestaltete Atmosphären zu erschaffen, wo andere durch oberflächlichen Aktionismus blenden müssen. Statt effekthascherischer Schwenk- und Schnittorgien, vertraut er auf die fast theatrale Architektur seiner Szenen. Dadurch schafft er gerade für seine Darsteller einen inspirierenden Kosmos, zur Belebung ihrer eigenen Kunst. Hier zeigt sich, wo er mit seinem Schaffen hinmöchte: an einen Ort deutungsfreier Kreativität.

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Spätestens jetzt offenbart sich die Schönheit seines besonderen Blickes auf unsere Welt. Ein INLAND EMPIRE, verborgen hinter zunächst abschreckenden Hüllen. Wem die Liebe eines Vaters zu seinem missgebildeten Kind in ERASERHEAD noch verborgen blieb, wird nun behutsam in das strahlende Innere John Merricks geführt. So folgen wir dem unvoreingenommenen Blick jedes Künstlers auf die wahrhaftige Natur allen Seins. Das Schicksal eines zu lange, wegen seines Äußeren, verkannten Menschen wird zum mitfühlenden Wegweiser zur wahren Schönheit in uns allen. Ein Wegweiser der Lynchs ersten beiden Filme auf magische Weise miteinander verbindet. Das Schwarzweiß seiner Bilder, wie auch Anfang und Ende beider Werke, bilden einen motivischen Rahmen dieser Verbindung.

Auch in DER ELEFANTENMENSCH durchschreiten wir rauchverhangene Straßen, einsame Häuserschluchten, klaustrophobische Räume, passieren rauschende Heizungsrohre, ehrfurchtgebietende Maschinenkörper, nähern uns fremdartigen Oberflächen und werden schließlich von einer guten Fee erlöst. All diese Elemente werden uns durch Lynchs weiteres Schaffen begleiten. Seine Faszination für technische Objekte, verstörende Strukturen und magische Zwischenwesen ist auch hier mit jedem Zelluloidframe spürbar. Auch hier werden Märchen und Theaterbühne zum Ausweg aus einer ernüchternden Realität.

Ein „Flug“ hinter die Gesichtsmaske des Elefantenmenschen ähnelt nicht von Ungefähr dem Dahingleiten über den geheimnisvollen Planeten in ERASERHEAD. Hier wie dort durchbrechen wir eine stofflich greifbare Barriere in das Innere seiner eigentlichen Natur. Mit DER ELEFANTENMENSCH hat Lynch das perfekte Projekt für seine weitere Reise als Filmregisseur gefunden. Oder hat es ihn gefunden? Durch diesen Film war es ihm nun möglich seine Sonderstellung im Universum Film nachhaltig zu kultivieren.

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Die Emanzipation des Tons

Ein existentielles Element seiner Sonderstellung ist die intensive Gestaltung der Tonebene. Bei Lynch wird sie zum eigenständigen Erzählelement. Erst durch ihn erhielt der Begriff „Sound Design“ seine tiefere Bedeutung. Für ihn ging Ton immer über das bloße Vertonen gleichzeitig sichtbarer Aktionen hinaus. Ton und Bild verschmelzen zu einer Meditation zwischen sichtbarer Logik und traumähnlicher Verfremdung. Zusammen mit Ton-Guru Alan Splet komponierte er bereits für ERASERHEAD eine eigenständige Stimme zum Choral seiner Bilder. Erst durch diese multimediale Mehrstimmigkeit erzielen seine Handlungsgemälde ihre soghafte Wirkung einer Realität zwischen Schein und Sein. Hundertfach verfremdete Geräusche aus rostigen Heizungsrohren, nach Luft ringende Dampfmaschinen und bis ins Unendliche gefilterte Alltagslaute bilden auch IN DER ELEFANTENMENSCH eine sphärische Verbindung zwischen Innen und Außen. Splet und Lynch verbinden sichtbar mechanische Abläufe mit unsichtbaren Vorgängen im Inneren des menschlichen Körpers. Belüftungsröhren werden zu gefluteten Arterien, rauchende Fabrikschlote verschmelzen mit hochfrequenten Hirnströmen. Ton und Bild gehen immer wieder getrennte Wege, um so neuen Bedeutungen Platz zu machen. Das Gesehene bleibt zurück, während sich der Ton von dem ihm zugedachten Bild emanzipiert. Diese Emanzipation des Hörbaren führt uns durch kunstvoll komponierte Bilder an selten besuchte Räume unseres Unterbewusstseins.

Der Weg zum Film

DER ELEFANTENMENSCH ist ein Glücksfall der Filmgeschichte. Wäre auch nur eine Komponente in der magischen Abfolge glücklicher Zufälle nicht zum exakten Zeitpunkt an die richtige Stelle geraten, sähen wir heute einen anderen Film.

Der wachsende Kultcharakter seines Filmdebüts beflügelt Lynch, sein nächstes Filmprojekt anzugehen. Schon während ERASERHEAD arbeitete er an einer weiteren, skurrilen Außenseitergeschichte: RONNY ROCKET. Darin soll es u. a. um einen Detektiv, der die meiste Zeit auf einem Bein stehend verbringt und einen kleinwüchsigen Rockstar mit elektrischen Superkräften in einer industrialisierten Parallelwelt gehen. Allein die Einführungssätze seines ersten umfangreichen Scriptentwurfs werfen ihre ersten Schatten auf ein Projekt, welches Lynch bis dahin noch nicht kennt.

„Schwarze Wolken die über eine dunkle, von Ruß bedeckte Straße hinwegrollen“

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Cornfelder – Sanger – Brooks

Um seine Idee erfolgreich an den Start zu bringen, spricht er mit unterschiedlichen Agenten. Doch nur in Stuart Cornfelder (später mit Mel Brooks Produzent von DIE FLIEGE, und diversen Ben-Stiller-Komödien) findet er denjenigen, der ihn ernsthaft weiterbringen möchte. Dieser hat selbst Filmproduktion studiert und weiß wie das Geschäft läuft. Darüber hinaus hat er sich ein wichtiges Branchennetzwerk aufgebaut. Zwei seiner Bekannten aus Studienzeiten sind Martin Brest (DER DUFT DER FRAUEN) und Anne Bancroft. Bancroft verschafft ihm einen wichtigen Assistentenjob bei einem Film ihres Mannes Mel Brooks (MEL BROOKS – HÖHENKOLLER, 1977). Brest empfiehlt ihm, sich ERASERHEAD anzuschauen. So wird Cornfelder auf Lynch aufmerksam. Um potenzielle Geldgeber für dessen nächstes Herzensprojekt begeistern zu können, rät er Lynch, zunächst einen kommerziellen Studiofilm anzugehen, um zu beweisen, dass er mehr als ein eremitischer Undergroundkünstler sein kann. Lynch ist einverstanden und Cornfelder macht sich „auf die Suche“ nach diesem Film.

MEL BROOKS HÖHENKOLLER (1977)

Bei MEL BROOKS – HÖHENKOLLER hat Cornfelder den 1. Regieassistenten Jonathan Sanger (MISSION IMPOSSIBLE II) kennengelernt. Sanger hat eine Babysitterin, die ihn auf ein Drehbuch ihres damaligen Freundes Christopher De Vore aufmerksam macht, welches dieser zusammen mit Eric Bergren geschrieben hat. Die beiden haben das Buch bislang erfolglos allen großen Studios angeboten. So erhält die magische Zufallskette ein weiteres Element. Sanger zeigt das Drehbuch Cornfelder und schließlich Brooks. Der verliebt sich in die historische Geschichte und sieht darin das erste nicht komödiantische Projekt seiner neu gegründeten Filmfirma Brooksfilm. Während Brooks für die Regie dabei sofort an Alan Parker (MIDNIGHT EXPRESS, 1978) denkt, sieht Cornfelder darin den Film, den er Lynch versprochen hat.

Das ist eine Version über das Zustandekommen des Films. Auch durch unterschiedliche Aussagen von Lynch selbst, existieren dazu weitere, leicht variierte Anekdoten. In einer soll Sanger das Buch zunächst Anne Bancroft gegeben haben, damit sie es ihrem Mann schmackhaft machen solle.

Allen ist jedoch die Magie um den Moment gemein, als Cornfelder ihm nur den Titel des Projekts präsentiert: DER ELEFANTENMENSCH. Lynch ist begeistert. Sofort entwickelt er erste Ideen, die er auch Brooks vorstellen darf. Der zeigt sich interessiert. Doch um vollkommen sicher zu gehen, möchte er sich noch ERASERHEAD anschauen. Lynch hat Zweifel, ob Brooks mit seinem Film überhaupt etwas anfangen kann. Und wie er das kann! Brooks verlässt beseelt den Vorführraum und fällt Lynch enthusiastisch um den Hals. So kommt es zu seinem legendären Liebesbekenntnis an Lynch.

DER ELEFANTENMENSCH (1980)
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Mel Brooks

Ab dann fungiert der Vollblutkomiker (Drehbuch Oscar für FRÜHLING FÜR HITLER, 1967) als Leader im Hintergrund. Für ihn ist es ein Leichtes Geldgeber für das bis dahin von allen Studios abgelehnte Projekt zu gewinnen. Cornfelder und Sanger werden zu seinen ausführenden Produzenten, seine Frau Anne Bancroft zu einer der wichtigsten Figuren im Film. Er holt Oscarpreisträger Freddie Francis (SÖHNE UND LIEBHABER, 1960), einen der prägendsten Kameramänner der British New Wave, nach 16 Jahren auf dem Regiestuhl an die Kamera zurück und engagiert Ausstatterlegende Stuart Craig (DER ENGLISCHE PATIENT, 1996 und alle HARRY-POTTER-Filme), Schnittmagierin Anne V. Coates (LAWRENCE VON ARABIEN, 1962), sowie Kostümbildnerin Patricia Norris (IN DER GLUT DES SÜDENS, 1978). Ergänzt wird das künstlerische Department um seinen Haus- und Hofkomponisten John Morris (SPACEBALLS, 1987).

Die Musik

Der Film beginnt mit einem leicht verstimmt klingenden Spieluhrwalzer einer längst verlassen Sonntagskirmes. Dieses kindliche Thema variiert Morris dramatisch bis elegisch durch die Handlung. Dieses „leiht“ sich später Simon Boswell für seinen Score zu Alejandro Jodorowskys SANTA SANGRE (1989) aus. Subtile Reminiszenz zwischen zwei filmischen Ausnahmeregisseuren? Eher spärlich eingesetzt, verstärkt Morris Musik die Gefühlslage der tragischen Hauptfigur. Eine sehr intime und stilvolle Partitur. Am Ende übergibt er den Taktstock an das 1936/1938 von Samuel Barber komponierte ADAGIO FOR STRINGS. Das getragene Stück des amerikanischen Komponisten gilt bis heute als eines der „traurigsten“ Kompositionen klassischer Musik. Sicher auch weil sie zu zwei staatsmännischen Beerdigungen namhafter US-Präsidenten gespielt wurde. Franklin D. Roosevelt und John F. Kennedy wurden mit Barbers Klängen zu Grabe getragen. In DER ELEFANTENMENSCH erklingen diese majestätischen Klänge zum ersten Mal in einem Spielfilm. Später begleitete es noch Oliver Stones PLATOON (1986) durch den finalen Kugelhagel. Auch bei Lynch bildet es einen zutiefst bewegenden Übergang zwischen Leben und Tod.

DER ELEFANTENMENSCH (1980)
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Mel Brooks – Teil II

Doch Brooks größter Verdienst ist das umfassende Vertrauen in seinen künstlerischen Leiter David Lynch. Immer wenn der während der Produktion an selbstkritische Grenzen stößt und an der Ablehnung seiner Crew zu scheitern droht, baut Brooks ihn wieder auf. So bestärkt er ihn in seinen Fähigkeiten. Durch ihn kann Lynch ohne Druck arbeiten und sich weiterentwickeln. Sein sicheres Gespür für Bilder und seine inspirierende Schauspielführung können sich dadurch voll entfalten.

Gerade in der Arbeit mit seinen Darstellern kommt ihm Brooks Vertrauen zugute.

Die Darsteller

Das Vertrauen seiner Schauspieler muss sich David Lynch erst hart erkämpfen. Denn die Vorbehalte der weitestgehend britischen Theatergrößen gegenüber dem sonderbaren Amerikaner sind anfänglich groß. Während es ihm jedoch schnell gelingt, die bereits geadelten Bühnenlegenden John Gielgud und Wendy Hiller durch seine begeisternde Art für sich zu gewinnen, rebelliert ausgerechnet der als progressiv angesehene Anthony Hopkins offen gegen ihn. Diese zutiefst englische Geschichte will er nicht in den Händen eines aus seiner Sicht unerfahrenen Mannes aus Montana sehen. Als sich Hopkins immer wieder weigert, auf seine Anweisungen einzugehen, platzt Lynch der Kragen. Der sonst für seine fast meditative Arbeitsweise bewunderte Menschenfreund staucht Hopkins vor versammelter Mannschaft zusammen. Das soll Wendy Hiller zu der Aussage gebracht haben „Du solltest besser tun was er sagt“. Von diesen Zwistigkeiten ist in Hopkins würdevoller Darstellung am Ende nichts zu sehen. Seine erste Reaktion auf das Erblicken des Elefantenmenschen ist schlicht atemberaubend.

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Ganz anders verhält es sich mit Hauptdarsteller John Hurt. Der lässt sich sofort auf die Vision seines Regisseurs ein. Auch wenn Hurt nicht Lynchs erste Wahl bei der Besetzung der John Merrick war (er wollte lieber „seinen“ Jack Nance aus ERASERHEAD), geben beide alles füreinander. Hurt quält sich in bis zu siebenstündigen Make-Up Sessions in den monströsen Körper seiner Figur. Obwohl er durch das Gewicht und die Beschaffenheit seiner Maske rein mimisch stark minimiert ist, gelingt ihm die vollkommene Transparenz seiner Figur auf anderen Wegen. So führen seine Augen tief ins Innere eines hochsensiblen Jungen. Mit seiner eingeschränkten Stimme transportiert er Respekt und aufrichtige Dankbarkeit. Seine Körperhaltung, wie auch seine kontrollierten Bewegungen, zeigen einen Mann mit innerer Haltung. Und doch zerreißt es uns das Herz, wenn seine angsterfüllten Augen erneute Misshandlungen erwarten. Eine außerordentliche Darstellung, die durch das Zusammenspiel mit seinen Schauspielpartnern tiefste Anteilnahme heraufbeschwört.

DER ELEFANTENMENSCH (1980)
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Das Make-Up

Über die legendäre Maskenarbeit von Christopher Tucker ist schon viel geschrieben worden. Nur soviel an dieser Stelle: Ursprünglich wollte Lynch selbst Maske und Körperprothesen für die Hauptfigur anfertigen. Bei ERASERHEAD hatte er bereits als hauptverantwortlicher Maskenbildner und Ausstatter gearbeitet. Es war ihm also eine Herzensangelegenheit, diesen für die Figur elementaren Bereich selbst zu übernehmen. Für ihn war es eine sinnliche Erweiterung seiner Arbeit mit Schauspieler John Hurt. Die Produzenten ließen ihn gewähren, um seinen Elan nicht bereits im Stadium der Pre-Production mit berechtigten Zweifeln auszubremsen. Hurt unterzog sich langwierigen Gipsabdrucksessions und stand geduldig Model, bevor sich Lynch in sein Atelier zurückzog. Doch es wollte einfach nicht gelingen. Der drohende Zeitdruck zwang ihn schließlich dazu, seinen Plan aufzugeben und diesen Part in die professionellen Hände von Christopher Tucker zu geben. Lange haderte Lynch mit dieser Entscheidung und sah sie als persönliche Niederlage an.

Auch hier war Brooks derjenige, der ihm klar machte, dass seine Fähigkeiten als Regisseur an anderer Stelle gebraucht würde. Dieses in der Kunst selbstverständliche try-and-error-Prinzip setzte bei allen noch einmal weitere Energien frei und führte im zweiten Schritt zu einer der eindrucksvollsten Make-Up-Leistungen der Filmgeschichte. Leider gab es bei der folgenden Oscarverleihung die dafür passende Kategorie noch nicht. Erst ein Jahr später erhielt Rick Baker für AMERICAN WEREWOLF (1981) einen nicht wesentlich weniger verdienten Academy Award. Doch DER ELEFANTENMENSCH wird immer für die perfekte Symbiose zwischen Darsteller und Maske stehen. Die Plastizität ihrer Beschaffenheit wird zu einem eigenständigen Charakter, zu einem bösen Alter Ego der inneren Schönheit John Merricks. Ohne diese kunsthandwerkliche Leistung wäre auch John Hurts Spiel nicht das, welches wir heute sehen.

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Das Ensemble

Lynch gelingt mit seinen Darstellern eine feinfühlige und vielschichtige Ensembleleistung. Mithilfe prägnant geschriebener Dialoge begleiten wir die Figuren durch innere Kämpfe und mitfühlende Handlungen.

Die innere Wandlung John Gielguds gegenüber John Merrick vom zunächst ablehnenden Klinikchef zu seinem engagierten Fürsprecher ist allerhöchste Schauspielkunst. Ebenso Wendy Hiller als resolute Oberschwester und Freddie Jones als Merricks ambivalenter Ziehvater erschaffen mit feinsten Nuancen ikonische Filmfiguren. Wie Hiller gegenüber Dr. Treves ihre Haltung gegenüber Merrick verteidigt und Jones gegen eine drohende Einsamkeit anposiert, lässt tief in die komplexe Psyche von uns Menschen blicken. Mit DER ELEFANTENMENSCH setzt Lynch sein außerordentliches Talent, Schauspieler zu komplexen Höchstleistungen zu inspirieren, auf höchstem Produktionsniveau frei.

DER ELEFANTENMENSCH (1980)
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Die vielleicht berührendste Darbietung erleben wir durch Hannah Gordon als Dr. Treves Ehefrau. In nur einer Szene repräsentiert sie uns als Zuschauer. Sie stellt dar, was wir uns selbst nicht eingestehen wollen. Ihr Mann bringt Merrick das erste Mal zu ihnen nach Hause. Wie sie von Anfang an versucht, unter der von ihr abverlangten Beherrschtheit, zunächst Abscheu und Scham zu verstecken und schließlich tiefstes Mitgefühl aus ihr herausplatzt, ist pure Schauspielmagie.

Magisch sind auch die Schauplätze von DER ELEFANTENMENSCH.

Die Drehorte

Zu einem weiteren Element in der magischen Zufallskette dieses Films ist die glückliche Wahl der Drehorte. Um das industrielle London um 1880 authentisch darstellen zu können, ging man früh auf die Suche nach historisch unverfälschten Orten. Für Lynch war es wichtig, durch sie die Luft dieser Zeit zu atmen. Das echte Royal Hospital stand für diesen Zweck nicht mehr zur Verfügung. Einerseits wegen seines laufenden Krankenhausbetriebs, andererseits wegen nicht mehr vorhandener Originalmerkmale der viktorianischen Zeit. Ersatz fand man im 1867 erbauten Eastern Hospital, welches sich tatsächlich noch weitestgehend im Originalzustand seiner Epoche befand. Da dieses seinen Betrieb langsam herunterfuhr, stand dem Filmteam ein komplett stillgelegter Gebäudeflügel zur Verfügung. Mit der Hilfe von Stuart Craig ergänzte Lynch diesen Bereich zu einer kafkaesken Zwischenwelt mit Gaslampen und Requisiten der Zeit. Ein Ort zwischen Leben und Tod, eine Haltestelle zwischen Leid und Erlösung.

DER ELEFANTENMENSCH (1980)
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Ein weiterer, wichtiger Spielort ist das Gebiet rund um das Krankenhaus. Das East End war die Armensiedlung und industrielle Unterwelt Londons. Enge Backsteingassen mit offenen Produktionsstädten, qualmenden Dampfmaschinen und schwitzenden Pflastersteinen bildeten das produktive Nervensystem einer nach außen elitär glänzenden Stadt. Dieses Fegefeuer zwischen Fortschritt und Menschenhandel findet Lynch tatsächlich in einigen gerade dort noch vorhandenen Straßenzügen.

Kurz nach Ende der Dreharbeiten fallen auch diese, wie auch das Krankenhaus unausweichlichen Sanierungsarbeiten zum Opfer. So verschwinden die letzten Inseln einer Ära. Durch diesen Film bleiben sie auf ewig für die Nachwelt lebendig.

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Epilog

Mit dieser außergewöhnlichen Fügung schließt sich am Ende die Kette magischer Zufälle. DER ELEFANTENMENSCH wird dadurch zum Dokument einer verloren gegangen Zeit. Eine Zeit zwischen Tradition und Moderne. Ein oft schmerzhafter Übergang in unsere moderne Welt. Aber haben wir wirklich alles Unmenschliche dieser Zeit hinter uns gelassen? Noch immer arbeiten Viele für Wenige. Große technische Errungenschaften feiern ihre Erfolge auf den geschundenen Rücken und Seelen ausgebeuteter Arbeitskräfte. Das Äußere eines Menschen zählt immer noch mehr als seine inneren Werte. Das industrialisierte England Victorias wird so zu einem Zerrspiegel unserer eigenen Zeit. Am Ende zeigt uns die Kunst eine tiefe Wahrheit über uns selbst. Die Kunst eines außergewöhnlichen Films. Ein strahlender Stern im Universum Film.

Die Collector’s Edition

Die Blu-ray-Collector’s Edition (Amazon-Link)

Damit dieser Stern niemals verglüht, ist ARTHAUS mit seiner 4K-Collector’s-Edition in die Vollen gegangen. Ihre hochwertige Neuveröffentlichung von DER ELEFANTENMENSCH glänzt mit umfangreichem Bonusmaterial. Allen voran ein edles, reich bebildertes und liebevoll editiertes Einleitungs-Booklet. Dieses, wie auch die weiteren Extras habe ich bewusst nach (!) meinen Ausführungen zu diesem Film zur Hand genommen.

Das Booklet

Der aus dem Englischen übersetzte Text des britischen Horror Autors und Filmkritikers Kim Newman beleuchtet die historischen Figuren des Films und deren weitere dramatischen Umsetzungen in Film, TV und auf der Bühne. Gerade durch seine sehr genaue und weitreichend recherchierte Betrachtung der ursprünglichen Ereignisse unterstreicht er die künstlerische Sonderstellung von Lynchs Version. Weiter beleuchtet Newman etliche der bereits oben beschriebenen Produktionsprozesse. Er spannt einen sehr ausführlichen Bogen von der Entwicklung des Drehbuchs über Requisiten, Ausstattung und Maske bis hin zu einer meinen Betrachtungen nicht unähnlichen Deutung. Trotz seiner Horror-Film-Brille und einem sehr trockenen Schreibstil, hat er einen insgesamt sehr lesenswerten Text verfasst. Aus meiner Sicht eine interessante Ergänzung zur aktuellen David Lynch Biografie TRAUMWELTEN. Gerade deswegen, weil dort bestimmte Ereignisse von Lynch selbst leicht anders gesehen werden. Doch gerade das macht den Mythos um seine Figur so faszinierend.


Blick ins Booklet

 

Ergänzt wird das Booklet durch diese sehenswerten Extras:

  • Interview mit Standfotograf Frank Connor
  • Q&A mit Produzent Jonathan Sanger
  • Interviews mit David Lynch und John Hurt
  • Lynch im Interview an der Cartier Foundation
  • Joseph Merrick – Der echte Elefantenmensch
  • Mike Figgis interviewt David Lynch
  • Dokumentation: The Terrible Elephant Man Revealed
  • Bildergalerie
  • 5 Szenenfotos

Der Ton

Das Hörerlebnis ist hervorragend und lässt Lynchs Soundkompositionen dramatisch zur Geltung kommen. Der Ton liegt in diesen Formaten vor:

Deutsch, Englisch (Stereo DTS-HD MA), Französisch (Mono DTS-HD MA)

Das Bild

Die Bildqualität im Format 2,35:1 (1080/24p Full HD) ist wie man sie sich nur wünschen kann. Glasklare Bilder in erkennbarer Filmoptik. Es wirkt als sähe man die allererste Kopie durch den besten Filmprojektor der Welt gleiten. Pure Kinomagie in höchster Heimqualität.

Fazit

Ein Meisterwerk der Filmkunst, so wie man es sehen sollte. Extras, die diesen Namen wirklich verdienen. Wer Lynchs Werk noch nicht kennt, erhält durch DER ELEFANTENMENSCH einen sensiblen Zugang in die Welt seiner Kunst. Für alle Lynch Fans ein Muss für die Sammlung. Und für alle Cineasten ein Fest in den Kinosesseln unserer Leidenschaft.

© Andreas Ullrich

Titel, Cast und CrewDer Elefantenmensch (1980)
OT: The Elephant Man
Poster
Releaseseit dem 23.04.2020 auf Blu-ray (Collector's Edition) und auf UHD im Steelbook

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RegisseurDavid Lynch
Trailer
BesetzungAnthony Hopkins (Frederick Treves)
John Hurt (John Merrick)
Anne Bancroft (Mrs. Kendal)
John Gielgud (Carr Gomm)
Wendy Hiller (Mothershead)
Freddie Jones (Bytes)
Michael Elphick (Night Porter)
Hannah Gordon (Mrs. Treves)
Helen Ryan (Princess Alex)
John Standing (Fox)
Dexter Fletcher (Bytes' Boy)
Lesley Dunlop (Nora)
Phoebe Nicholls (Merricks Mutter)
DrehbuchChristopher De Vore
Eric Bergren
David Lynch
KameraFreddie Francis
FilmmusikJohn Morris
SchnittAnne V. Coates
Filmlänge123 Minuten
FSKab 12 Jahren

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