Der dritte Mann (1949) – Filmkritik

„Grundkurs in Filmgeschichte“

Manche Filme, von denen man weiß, dass sie zu den Meilensteilen der Filmkunst gehören, lässt man gern ungesehen etwas liegen. Wie ein guter Wein, der im richtigen Moment oder in der richtigen Gesellschaft entkorkt werden möchte. DER DRITTE MANN ist so ein Kandidat, den man im Regal etwas zurückhält. Das Kinojahr 2020 ist ein verrücktes geworden und alles scheint in eine Art Starre verfallen zu sein. Ein guter Grund über 70 Jahre in die Vergangenheit zu reisen, ins zerstörte Wien Ende der 1940er-Jahre und zum Besten des Film noir.

Die Blu-ray von DER DRITTE MANN ist hiermit vom Staub befreit und wird zu einem Erlebnis voller Überraschungen. Jahrzehntelang wurde zum Beispiel die Ikone Orson Welles mit dem Film verbunden, aber nach fast einer Stunde fragt man sich, ob er überhaupt noch auftaucht. Er tut es. Nach ziemlich genau einer Stunde erscheint sein Fuß sowie darauf sein Gesicht im Schatten eines Hauseingangs und ab diesem Moment will man ihn nicht mehr entkommen lassen. DER DRITTE MANN, unter der Regie von Carol Reed, ist jedoch vielmehr als ein Orson-Welles-Film. Er ist ein perfektes Zeitdokument, seiner damaligen Zeit weit voraus und ungemein spannender als die neue Staffel von Streaming-Kanal 0815. Kommt mit, in eine Welt aus Schwarz und Weiß, Gut und Böse, Schönheit und Zerstörung zugleich.

DER DRITTE MANN (1949)
© ARTHAUS

Handlung

Holly Martins (Joseph Cotten), Schriftsteller von Western-Romanen, kommt auf Anraten seines Freundes Harry Lime (Orson Welles) ins Wien der Nachkriegszeit. Martins könne für ihn arbeiten und vielleicht die ein oder andere Inspiration für sein nächstes Buch erhalten. Wien ist unter den Siegermächten in vier Sektoren aufgeteilt: USA, Sowjetunion, Frankreich und Großbritannien. Ein interner Machtkampf nimmt langsam Gestalt an und der Kalte Krieg Fahrt auf. Als Martins vor der Tür seines alten Freundes steht, weist in der Hausverwalter darauf hin, dass er „Pech hat“. Harry wurde vor ein paar Tagen auf der Straße überfahren und die Beerdigung hat gerade begonnen. Holly Martins trifft auf dem Friedhof die schöne und mysteriöse Anna Schmidt (Alida Valli), Harrys Geliebte und den Major Calloway (Trevor Howard) der britischen Armee, die die Funktion der Polizei übernommen hat. Die Briten wollen Martins schnell wieder ausfliegen lassen, aber es kommen immer mehr Beweise zutage, dass Harry nicht durch einen Unfall ums Leben gekommen ist. Der Weg in die Unterwelt Wiens beginnt.

© ARTHAUS

Zeitlos

Zum Intro schwingen die Namen der Darsteller und Filmemacher auf den Seiten einer Zither. Die schon fast volkstümliche Filmmusik von Anton Karas wird auch oft als „der dritte Mann“ in diesem cineastischen Meisterwerk bezeichnet. Wie ein geheimnisvoller Unbekannter erklingt die Musik stets im Hintergrund und muss sich gegenüber orchestraler Untermalung, die in dieser Zeit ausschließlich üblich war, nicht verstecken. Die Kamera, der Schnitt und die Darsteller ermöglichen selbst im 4K-Dolby-Atmos-3D-Filmjahrhundert immer noch ein fließendes Eintauchen in diese alte Detektivgeschichte. Allein der Prolog, mit pointiertem Unterton des Erzählers, zeugt von Anspruch an seine Zuschauer. Wenn er noch auf den Schwarzmarkt in Wien hinweist und wie man damit reich werden kann, sieht man schon die ersten Flaggen der Siegermächte. Immer wieder gibt es kleine kritische oder zynische Untertöne wie diese, dass die Alliierten das Land bereits zu Geld machen. Aber auch die Requisiten und Drehorte, es wurde mehrere Wochen im zerstörten Wien und an Originalschauplätzen gedreht, zeigen in welcher Ambivalenz sich die Stadt zu diesem Zeitpunkt befand. Es ist ein Schwebezustand zwischen Armut (das Theater kann nicht lange den Strom nutzen) und Luxus (die barocken Innenräume mit dem filigranen Stuck an den hohen Wänden). Dieses Gleichgewicht zwischen den Gegensätzen und die vielen Zwischentöne, die daraus entstehen, machen DER DRITTE MANN zu einem wahren Leckerbissen der Filmgeschichte.

DER DRITTE MANN (1949)
© ARTHAUS

Ein Wechselspiel aus Schwarz und Weiß

Zuallererst sind die Figuren recht stereotypisch angelegt. Da wäre Holly Martins, der artige, gutgläubige Bürger der Mittelschicht, der mit etwas Glück erfolgreiche Besteller schreibt „bei denen das Lesen nicht so anstrengt“. Martins wird von Joseph Cotten gespielt, der immer wieder bei großen Produktionen die zweite Wahl war. So auch hier, denn Nummer eins auf der Castingliste war Cary Grant, der aber wegen Missfallen des Drehbuchs absagte. Bei DER DRITTE MANN spielt auch Cotton die zweite Geige, denn selbst nach so langer Zeit, steht er im Schatten von Orson Welles, der nur ein paar Szenen, etwa 10 Prozent der Filmlaufzeit, innehat. Cotton bringt die richtige Naivität in die Liebe zu Anna und das brodelnde Unwohlsein in die politischen Wirren der Stadt, was in der Literaturdiskussions-Szene mit dem amerikanischen Schreiber gipfelt.

DER DRITTE MANN (1949)
© ARTHAUS

Auch die Rolle der Anna Schmidt ist recht eindimensional angelegt. Eine Immigrantin, die sich in Wien versteckt und dank ihrer großen Liebe Harry einen gefälschten Pass erhielt. Selbst als sie erfährt, an welch grausamen Verbrechen sich ihr Geliebter schuldig gemacht hat, hält sie zu ihm. Darstellerin Alida Valli (geboren als Alida Maria Laura Altenburger von Marckenstein und Frauenberg) spielt ein paar wahre Eckpunkte aus ihrer Vergangenheit, denn die Italienerin ist auch über „Umwege“ an einen amerikanischen Pass gekommen. Ihre Anna ist trotz treuer Liebe, hinreißend und selbstbewusst. Am schönsten wird es eingefangen, wenn sie von der Polizei in ihrer Wohnung verhaftet wird. Im Pyjama mit den Initialen ihres verstorbenen Liebhabers bekleidet, zieht sie sich kurz in einen tiefen dunklen Schatten des Zimmers zurück, um daraufhin mit perfekter Frisur ausgehfertig dem Schicksal entgegenzutreten.

© ARTHAUS

Nummer Drei der durchschaubaren Hauptfiguren ist Harry Lime. Wenn Orson Welles zum ersten Mal sein jugendliches Gesicht ins Licht hält und charmant verschmitzt grinst, weiß man, warum er ein Superstar war. Harry Lime ist ein Verbrecher, dem jedes moralische Gewissen abhandengekommen ist und das er durch Gier ersetzte. Er ist sich seiner wohlwollenden Wirkung auf andere bewusst, muss aber stets auf der Flucht sein und nutzt hierfür die Kanalisation Wiens. Die Kamera folgt ihm in die, nicht nur sprichwörtliche, Unterwelt und selbst kurz vor seinem „zweiten“ Tod schickt er noch ein erlösendes Nicken an seinen besten Freund. Ein verführerischer Schurke wie er im Buche steht.

© ARTHAUS

Diese drei Hauptfiguren geraten in ein virtuoses, monochromes Spiel aus richtig und falsch, schwarz und weiß. Aber auch die Nebenfiguren sind mehr als nur Stichwortgeber.

Wundertüte für Filmfans

Es gibt so vieles in DER DRITTE MANN zu entdecken, dass man den Film am liebsten gleich einen Tag später noch einmal sehen möchte: Die Katze als Metapher für Anna Schmidt, die nur Harry Lime mag und keinen anderen, der treue Soldat Sergeant Paine (Bernard Lee), sympathisch aber unreflektiert über seine Befehle, die Beweissequenz, warum Harry ein Bösewicht ist und das wohl gruseligste Kind der Filmgeschichte:

Als Karl, der Portier (Paul Hörbiger) umgebracht wird, mischen sich Holly und Anna unter die gaffende Menge. Ein Lausbub, nicht älter als fünf Jahre, behauptet auf einmal, dass Holly Martins der Mörder ist und er ihn gesehen haben will. Ein Fünfjähriger kann wohl kaum verstehen, was ein Mord ist, noch dazu sich so genau das Gesicht eines Fremden merken. Der Junge wurde bestimmt von dem Verbrecherring dafür eingesetzt bzw. seine Eltern wurden bestochen. Er verfolgt Anna und Holly durch die Straßen und ruft ihnen hinterher, dass Holly der Mörder ist und die Wiener Bevölkerung rennt dem Jungen kopflos hinterher und glaubt dessen Aussage. Man kann hier ruhig die Behauptung aufstellen, dass dieses naive Hinterlaufen einer Anklage ohne Beweise für die grausame Treue der Bevölkerung im Dritten Reich steht. Drehbuchautor Graham Greene wird nicht ohne Grund diese ungewöhnliche Szene ins Skript geschrieben haben.

DER DRITTE MANN (1949)
© ARTHAUS

Fazit

Wem die qualitätsschwache Flut von aktuellen Neuproduktionen zu viel wird, der sollte jetzt DER DRITTE MANN aus dem Regal holen. Eigentlich braucht es hierfür keinen guten Anlass, dieses Meisterwerk des Film noir zum ersten Mal zu sehen, ist der richtige Anlass.

© Christoph Müller

Wir empfehlen die Wunschlos-Glücklich-Edition von ARTHAUS, die man, im Wert von einer guten Flasche Wein, seit 2019 erwerben kann. Ein feines 4-Remaster des Films trifft auf eine Fülle von Extras, Audio-CD des Soundtracks inklusive.

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Titel, Cast und CrewDer dritte Mann (1949)
OT: The Third Man
Poster
RegisseurCarol Reed
Releaseab dem 28.11.2019 restauriert auf Blu-ray, DVD und einer Collector's Edition

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Trailer
BesetzungJoseph Cotten (Holly Martins)
Alida Valli (Anna Schmidt)
Orson Welles (Harry Lime)
Trevor Howard (Major Calloway)
Bernard Lee (Sergeant Paine)
Wilfrid Hyde-White (Crabbin)
Paul Hörbiger (Karl, der Portier)
Annie Rosar (Frau, des Portiers)
Ernst Deutsch (Baron Kurtz)
Erich Ponto (Dr. Winkel)
Siegfried Breuer (Popescu)
Hedwig Bleibtreu (Annas Vermieterin)
DrehbuchGraham Greene
FilmmusikAnton Karas
KameraRobert Krasker
SchnittOswald Hafenrichter
Filmlänge104 Minuten
FSKab 12 Jahren

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