Deadpool 2 Ryan Reynolds

Deadpool 2 – Filmkritik

„Pool and the Gang“

Gerade als die stringent durchgeplanten Fortsetzungsabenteuer etablierter und ebenso zahllosen Origin-Stories noch weitgehend unbekannter Übermenschen das Cinematic Universe der Disney-Stieftochter Marvel allmählich zur Produktionsmaschinerie zwar hochkarätiger, aber überraschungsscheuer Popcorn-knabber-Rechtfertigungen werden ließen, fiel 2015 ein Deadpool vom Fließband. Die rotzfreche, bluttriefende Comic-Farce, war das hauseigene Gegenprogramm zum kreuzbraven Avengers-Kader: Eine Liebes- und Rachegeschichte mit einer moralisch flexiblen Hauptfigur, die sich Helden-Tugenden verweigert und geistig ohnehin nicht ganz richtig verdrahtet zu sein schien – genial-treffsicher interpretiert vom immer noch unterschätzten Ryan Reynolds. „Deadpool“ nahm nicht nur das Superhelden-Genre mit ungezügelter Dreistigkeit auseinander, sondern spielte am laufenden Band mit den Erwartungen des Publikums. Ein so erfrischend hemmungsloses, auf mehreren Ebenen unkonventionelles Werk hatte das Mainstream-Kino schon lange nicht mehr hervorgebracht. Gleichzeitig ist Deadpool nicht nur mediale Selbstreflektion, sondern auch eine eigenständige Spaß-Granate, ebenso wie eine Liebeserklärung an die Popkultur … allerdings eher so eine von einem großen Bruder, der seine Liebe dadurch ausdrückt, dass er einen immer verkloppen muss.

Deadpool 2 Ryan Reynolds
© 2018 Twentieth Century Fox Film

All diese Qualitäten vereint auch „Deadpool 2“. Er ist so witzig wie aberwitzig. Reynolds Sprüchedauerfeuer und Durchbrechen der Vierten Wand sind dabei nur der Zuckerguss auf der Lachertorte. Das direkte Ansprechen des Publikums und das, sich seiner eigenen Fiktivität gewahre Kommentieren des Geschehens sind schon in den Comics fester Bestandteil des satirischen Humors und finden hier genau im richtigen Maße statt, ohne die Dramaturgie zu zerstören.

Allerdings kann auch Teil 2 immer noch nicht wirklich gut seine Geschichte erzählen. Nach einer temporeichen Metzel-Montage, die Wade Wilson alias Deadpool bei seinem leichenreichen Söldner-Tagewerk zeigt, dem er seit den Geschehnissen des Erstlings nachgeht, wird vom Zuschauer plötzlich und wiederkehrend erwartet in einer Weise mit der Hauptfigur mitzufühlen, die sich nur recht schwer auf einen Charakter übertragen lässt, der sich nicht zuletzt dadurch Sympathien erhascht, dass er eine vergnüglich-zynische Scheißegal-Haltung nach außen trägt. Mir ist klar, dass die Gratwanderung zwischen offensiver Clownerie und seelischer Introspektion bei einer psychologisch so schwer zu erfassenden Figur recht knifflig, aber dennoch wichtig ist. Ein hohler Sabbelkopp wirkt auf Dauer schließlich auch ermüdend. Allerdings haben sich die Autoren ja nunmal selbst für diesen Weg entschieden. Womöglich liegt es auch noch ein wenig an David Leitchs Unerfahrenheit ein komplettes dramatisches Werk zu leiten, denn sein Atomic Blonde litt unter einer ähnlich unentschlossenen Mixtur aus ernsthaftem Charakterdrama und aufgesetzter Kultfilm-Attitüde.

Deadpool 2 Josh Brolin als Cable
© 2018 Twentieth Century Fox Film

Für Nicht-Kenner der Trailer (wie mich) wird auch erst recht spät klar, wohin die Reise eigentlich geht. Bis Cable (Josh Brolin) nach etwa einem Drittel der Spielzeit auf der Bildfläche erscheint, bekommt man eher das Gefühl, dass alle vorhergehenden Ereignisse eher der Vorbereitung und dem Etablieren des Tons dienen, um dann überrascht festzustellen, dass wir bereits mitten in der Geschichte sind und Cables Auftritt praktisch der große Plot-Point ist, welcher die Story alsbald auf ihr Ende zuführt. Dass die Zeitreise-Fähigkeiten des Zukunftssoldaten dabei weitgehend ungenutzt bleiben, ist für mich rein persönlich enttäuschend. Ich muss der Erzählung jedoch zugutehalten weiterhin einen eher kleinen persönlichen Rahmen zu wahren, anstatt sich zum x-ten Mal der Rettung des Planeten oder Universums zu widmen.

Auf der anderen Seite kann sich nun wohl auch der unzähmbare Deadpool nicht mehr der Marvelfizierung entziehen. Nicht nur die schwermütige Erkundung seiner emotionalen und moralischen Konstitution gleicht ihn etwas mehr den anderen aufrichtigen, kostümierten Streitern für das Gute an. Dabei beißt sich die dramarturgisch essentiell eingebundene “Botschaft” des Films doch arg mit der ausgelassen gewaltglorifizierenden Vorgehensweise des Helden. Einigen – wie mir – mag das weniger sauer aufstoßen. Es ist aber definitiv ein Skript-Problem, das man besser hätte lösen müssen. Punkt zwei ist die wohl Comic-integrale Pflichterfüllung der Franchise-Bildung. Wie bereits dem Filmplakat schon zu entnehmen ist, wartet die zweite große Deadpool-Show mit einigen weiteren Super-Typen in den Nebenrollen auf. Das ist prinzipiell nichts Schlimmes – zumal in der Deadpool-Welt auch mal wirklich jemand über die Klinge springt – nimmt der Reihe aber ein wenig von ihrem “Anarchischer Außenseiter”-Ruf, sich einen Dreck um Koventionen zu scheren.

Deadpool 2 Brianna Hildebrand
© 2018 Twentieth Century Fox Film

Marvel-typisch ist der Cast makellos. Josh “In einem anderen Monat bin ich auch Thanos” Brolin überzeugt als knallharter Cyber-Soldat wie er eben immer überzeugt. Die deutsch-amerikanische Zazie Beetz als Domino ist eine extrem sympathische Neuentdeckung, die sich hiermit ihren Sprung in andere prestigeträchtige Produktionen mehr als verdient hat. Andere frische Zugänge zur “X-Force” sollen aus Spolier-Gründen aber unerwähnt bleiben. Leider ist allen gemein, dass sie in „Deadpool 2“ deutlich zu kurz kommen. Der ernste Cable und sein Wissen über die wohl wenig rosige Zukunft der Erde wird kaum ergründet. Dominos “Glück” hätte auch außerhalb der Action-Szenen enorm viel Potential für grandiose Situationen gehabt. Wade und Vanessa (Morena Baccarin) waren für mich schon im Vorgänger ein so frisches, ungewöhnliches, doch wundervoll ehrliches und passendes Liebespaar und ihre Beziehung weit glaubwürdiger als die meisten anderen romantischen Zusammekünfte des seriellen Blockbuster-Kinos. Doch leider verkommt Deadpools Flamme auch diesmal schnell wieder zum undankbaren Plot-Device.

Deadpool 2 Josh Brolin
© 2018 Twentieth Century Fox Film

Was hier nach einer Menge negativer Kritik klingt, kann in der Praxis den Spaß an „Deadpool 2“ kaum schmählern. So ist es weniger eine stringente, fesselnde Geschichte, als mehr die Abfolge immer neuer unvorhersehbarer Ereignisse, die für anhaltende Begeisterung sorgt. In diesem Film kann einfach alles passieren und der Ideenreichtum der Autoren kennt kaum Grenzen. Es gibt Momente in „Deadpool 2“, die so unfassbar und gleichzeitig so sensationell komisch sind, dass ich schalend lachen und mir meine Hände vor Ungläubigkeit vor das Gesicht halten musste. Auch wenn nicht jeder Witz perfekt sitzt, ist man beinahe ununterbrochen in einem angekicherten Vergnügungsrausch, wie ein Kind, das im Freizeitpark von einer Achterbahn zur nächsten flitzt. Das Zusammenspiel und die Chemie der Darsteller ist ebenfalls eine Wonne. Gerade die schwierige Freundschaft zwischen dem ungehobelten Wade und dem gutmütigen Stahlriesen Colossus ist herzallerliebst und ein Highlight des Films. Wo „Deadpool 2“ zudem mit seinem zentralen moralischen Aufhänger eher ungeschickt hantiert, werden hingegen Werte wie sexuelle Offenheit oder ethnische Diversität mit ironischem Witz und einem beiläufigem Selbstverständinis propagiert, das keinen ernst dreinblickenden Holzhammer nötig hat und gerade dadurch viel wirkungsvoller ist.

Deadpoo 2 Zazie Beetz
© 2018 Twentieth Century Fox Film

„Deadpool 2“ ist mein Hype-Film 2018. Neben dem zu erwartenden Humor, der einfach genau meinen Nerv trifft, liegt das auch an der Federführung durch David Leitch. Als Regisseur vielleicht noch ungeschliffen, ist er einer der Wegbereiter der derzeitigen Renaissance des amerikanischen Actionfilms. Die John Wick-Reihe spricht für sich und trotz seiner inhaltlichen Schwächen konnte „Atomic Blonde“ mit der Treppenhausszene einen der spektakulärsten Showdowns des letzten Jahres abliefern. Der Action-Fan in mir war also besonders gespannt was „Deadpool 2“ in dieser Hinsicht wohl auffahren würde, vor allem im Vergleich zum oftmals recht leidenschaftslosen CGI-Bombardement der Superhelden-Kollegen und wurde weitestgehend nicht enttäuscht. Absolutes Highlight ist eine irrsinnige Verfolgungsjagd zum Ende des zweiten Akts. (Wobei es mich in solchen Sequenzen immer ein wenig anzeckt, dass sehr wahrscheinlich gerade unzählige unschuldige Menschen in Massenunfällen ums Leben gekommen sind, was aber kommentar- und reuelos hingenommen wird. Es bleibt jedoch auch hier wie so oft ein erzählerisch günstiger Restzweifel.) Auch einen kleinen Schlagabtausch, der einen Messerblock einbezieht, empfand ich als originell. Generell sind die Kämpfe vielfältig inszeniert und visuell ansprechend, wirkten mir aber mehrfach etwas zu durchchoreografiert und computergestützt. Stichwort “Computer”: Nicht ganz so auffällig wie in „Black Panther“, aber irgendwie doch wahrnehmbar, hatte ich bei „Deadpool 2“ hin und wieder den Eindruck hier nicht mehr die State of the Art-Effekte zu bekommen, die Marvel sonst abliefert. Das ist Gemecker auf allerhöchstem Niveau und vielleicht spinnen meine Augen auch. Doch für mich entsteht der leicht fade Beigeschmack, dass “gut genug” inzwischen reicht, um die Kassen zu füllen und “so gut wie möglich” nicht mehr der Anspruch ist. Das Film-Erlebnis wird dadurch aber nicht im Geringsten beeinträchtigt.

Deadpool 2 Ryan Reynolds
© 2018 Twentieth Century Fox Film

Er ist offiziell zurück … mein Glaube in das Blockbuster-Kino. Die John Wick-Reihe hat mir den Spaß am amerikanischen Action-Film wiedergegeben. Die letzten Jedi konnte in mir endlich den Zauber der alten Star Wars-Trilogie neu entfachen. Und „Avengers – Infinity War“ vermochte es nicht nur meine zunehmende Müdigkeit, ob Marvels bienenfleißiger, gleichförmiger Leinwandportierungen jeder Superhelden-Geschichte, die Stan Lee je beim Kacken notiert hat, wegzublasen, sondern ist eine Bombastkino-Großtat, die mit weitem Abstand meine Film des Jahres-Rangliste anführt. Und mein am sehnlichsten erwarteter Film dieses Jahr, ist zwar wie sein Vorgänger nicht perfekt, erfüllt meine Erwartungen jedoch zur vollsten Zufriedenheit. Ein dritter Teil kann kommen.

Fazit:

Deadpool stolpert in Teil 2 hin und wieder auf die etablierten Superhelden-Pfade moralischer Schwermütigkeit und Markt-loyaler Franchise-Bildung, nur um sie im nächsten Moment mit einer Wagenladung himmelschreiender Absurditäten zu pflastern und die Sehgewohnheiten des Publikums sprichwörtlich in den Asinus zu penetrieren (“in den Arsch zu ficken”, falls das Kinder lesen, die kein Latein können) und damit etwas zu bieten, das im Blockbuster-Kino selten ist: Fassungsloses Vergnügen.

Titel, Cast und Crew

Deadpool 2 (2018)

Poster

Deadpool 2 Kinoplakat

Kinostart

17.05.18

Regisseur

David Leitch

Trailer

Besetzung

Ryan Reynolds (Wade Wilson/Deadpool)
Josh Brolin (Cable)
Morena Baccarin (Vanessa)
Zazie Beetz (Domino)
Brianna Hildebrand (Negasonic Teenage Warhead)
T. J. Miller (Weasel)
Leslie Uggams (Blind Al)
Julian Dennison (Firefist)

Drehbuch

Rhett Reese
Paul Wernick
Ryan Reynolds

Kamera

Jonathan Sela

Musik

Tyler Bates

Schnitt

Craig Alpert
Michael McCusker
Elísabet Ronaldsdóttir
Dirk Westervelt

Filmlänge

119 Minuten

FSK

ab 16 Jahren
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20

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