Dazed and Confused (1993) – Filmkritik

„Der letzte Schultag“

Die Schulzeit prägt jeden. Ob es nun im Ausprobieren verschiedenster Rollen und Stile ist, in Konflikten mit selbsternannten Alphatieren oder im Erleben der ersten Liebe und wichtiger Freundschaften. Selbst für diejenigen, die froh sind endlich diese Zeit der Abhängigkeit hinter sich gelassen zu haben, ist es umso wichtiger als Erwachsene ihre Freiheit zu genießen. Für Regisseure ist die Epoche der Jugend ein wichtiges Erlebnis, das auf Film gebannt werden will: Cameron Crowe (ALMOST FAMOUS), Jason Reitman (JUNO), Sofia Coppola (THE VIRGIN SUICIDES), John Hughes (THE BREAKFAST CLUB), Alexander Payne (ELECTION), Wes Anderson (RUSHMORE), Greta Gerwig (LADY BIRD), Rian Johnson (BRICK) oder George Lucas (AMERICAN GRAFFITI).
Richard Linklater (BOYHOOD, BEFORE MIDNIGHT) machte 1993 seine Schulzeit zum authentischen 70er-Jahre-Trip: DAZED AND CONFUSED.

© Koch Films

Inhalt

Es ist 1976 in Austin, Texas und die nahende Freiheit liegt in der Luft. Gähnende Langeweile in den Schulklassen, Sonnenstrahlen locken aus den stickigen Räumen und man hat es satt hinter der Schulbank eingesperrt zu sein. Es ist der der letzte Tag vor den Sommerferien. Unbegrenzte Möglichkeiten, wilde Partys, heiße Flirts imaginieren sich vor dem inneren Auge. Nicht so bei den sogenannten Freshmen, die Schüler, die im kommenden Schuljahr zum ersten Mal die High School betreten dürfen. Sie müssen das erniedrigende „Hazing“ über sich ergehen lassen. Bei den Mädels treten die jungen Damen an, um sich mit Essen bewerfen zu lassen und Heiratsanträge zu verteilen. Bei den Jungen geht es handfester zur Sache, denn hier gehen die Seniors mit einem Brett auf Jagd, um den Jungs den Hintern zu versohlen. Klingt martialisch? Ist es auch. Es soll die Vorbereitung dafür sein, dass das Leben als Kind vorbei ist und man als Teenager in der High School noch viel Schlimmeres ertragen muss.

© Koch Films

Alles ist erlaubt

Der deutsche Verleihtitel setzt auf Vermarktung als Komödie: CONFUSION – SOMMER DER AUSGEFLIPPTEN. Nicht, dass hier bereits die Anspielung auf den Song „Dazed an Confused“ von Led Zepplin abhandenkommt, sondern auch der Untertitel ist eine Lüge. Denn der Film spielt nur an einem Tag, dem besagten letzten Schultag.

Es gibt so viele Charaktere, dass man kaum einen Hauptcharakter ausmachen kann. Für zwei wird jener Tag jedoch zu einem prägenden Ereignis: Randall „Pink“ Floyd (Jason London), der Held der Schule – und natürlich Quarterback des Footballteams – soll die Erklärung unterschreiben, dass er weder Alkohol noch Drogen zu sich nimmt und seinen Fokus allein auf den Sport legt. Problem ist nur, dass Pink zu gern mit seinen Freunden auch mal einen Joint raucht. Es scheint, er müsse sich an diesem Tag entscheiden, die strikten Regeln der Erwachsenenwelt anzunehmen oder die Freiheit der 70er-Jahre voll auszukosten.

Freshman Mitch Kramer (Wiley Wiggins) schafft es knapp unversohlt aus dem Schulgebäude und dank der Schrotflinte seiner Mutter auch ins Haus, aber nach einem Baseballspiel geht es auch an seinen Hosenboden. Nach diesem Ritus bringt ihn Pink nach Hause und lädt ihn ein mit auf die Party des Abends zu kommen. Für Mitch wird es die coolste Nacht seines noch jungen Lebens und für Pink ein Tag der Entscheidung.

Matthew McConaughey als Wooderson // © Koch Films

 

Cruisen gegen die Erwartung

Wenn man schon so einige Coming-Of-Age-Geschichten gesehen hat, wartet man in DAZED AND CONFUSED auf die Dramen der Jugend. Selbstmordgedanken, Überdosis oder Mobbing vermutet man noch zu Beginn in jeder Filmminute, aber sobald alle ins Auto steigen, ist die Angst vorbei. Die Partylocation wurde überraschend abgesagt und nun rollen die Kidz in ihren aufgemotzten Kisten über die breiten Straßen der Stadt. Von dem Fast Food Diner über die Spielhalle bis zur Tanke ziehen sie PS-stark über den Asphalt und üben Balzrituale durch die Fensterscheiben. Bier und Tüten voller Gras gehören zur Standardausrüstung und die Zigarette ist nur eine Pause bis zum nächsten Rauschmittel. Vor lauter Lässigkeit und coolen Charakteren vergisst man seine Zweifel, ob denn das alles rechtens ist, aber da sich scheinbar jeder damit abgefunden hat, tut man es auch.

Man muss unweigerlich an AMERICAN GRAFFITI denken, wo es auch nur darum geht im Auto gesehen zu werden und den besten Song aus den Lautsprechern dröhnen zu lassen. Aber das waren die 60er und wir sind jetzt in den 70ern, der Zeit des Mixtapes und nur einen Steinwurf von der Erfindung des Walkmans entfernt. Wer Musik unterwegs hören und damit angeben will, muss sich in ein Auto setzen. DAZED UND CONFUSED verlässt zum Finale, durch den Gewinn von genug Dollars für ausreichend Bier, die urbanen Wege. Es geht zu den „Moonlight Towers“, um sich endgültig abzuschießen oder seinen Schwarm final hinter den Busch zu locken.

© 2016 – Mondo/Dan Black

Die Charaktere

Klar gibt es die ein oder andere Rolle, die stark am typischen High-School-Klischee entlangschrammt, aber jeder Schauspieler verleiht seiner Figur durch kleine Mimen und Gesten genug Leben: Matthew McConaugheys Schlafzimmerblick unter der blondierten Fönwelle, Milla Jovovichs bedröhntes Gitarrenspiel oder Ben Afflecks sadistische Versessenheit in einem viel zu großen Jeanshemd. Insgesamt kommt man auf 30 Rollen, die alle genau in diese Zeit und an diesen Ort gehören. Auch die Konflikte jener Zeit wie Fremdgehen, Prügeleien, intellektuelle Außenseiter oder der erste illegale Bierkauf treiben nicht die Geschichte voran, sondern es sind die Menschen, die in DAZED AND CONFUSION leben. Richard Linklater lässt nichts aufgesetzt und künstlich wirken. Man verfällt auch nicht zu sehr in einen Requisitenrausch wie es vielleicht Tarantino getan hätte. Nein, alles bleibt schön normal, aber dennoch durchgeknallt. Das liegt auch am äußerst flüssigen Schnitt und einer geschmeidigen Kameraführung. Der Soundtrack besiegelt endgültig die perfekte Zeitreise und Linklater tat gut daran, einen fetten Anteil seines Budgets (angeblich ein Fünftel) für Songrechte herzugeben. Ein teures Mixtape, aber ein sehr gutes.

© Koch Films

Das Mediabook

© Koch Films

Bild und Ton sind perfekt auf HD-Qualität gebracht. Das Mediabook von Koch Films mit der derzeit einzigen deutsche Blu-ray-Version ist allemal einen Kauf wert. Vielleicht sind die Dialoge etwas leise abgemischt, aber dafür hauen die Bands wie ZZ TOP oder AEROSMITH umso mehr aus den Boxen. Das Booklet kommt mit einem schönen Text von Oliver Nöding (Remember It For Later) aus, was im Stil eines persönlichen Aufsatzes genau zu DAZED AND CONFUSED passt. Die Extras belaufen sich auf gut 30 Minuten. Besonders sehenswert ist der Original-Schul-Aufklärungsfilm (4 min) zum Thema Marihuana.

Fazit

Wie McConaugheys Charakter die High-School-Girls beschreibt – „Ich werde immer älter, aber sie tun es nicht.“ – trifft dies auch auf DAZED AND CONFUSED zu. Man selbst wird immer älter, aber dieser legendäre letzte Schultag in Austin, Texas von 1976 wird immer jung und spontan bleiben. So und nicht anders wollten wir es haben, anschauen und treiben lassen.

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewConfusion - Sommer der Ausgeflippten (1993)
OT: Dazed and Confused
Poster
Releaseab dem 22.08.2019 auf Blu-ray (Mediabook)

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RegisseurRichard Linklater
Trailer
BesetzungJason London (Pink)
Joey Lauren Adams (Simone)
Milla Jovovich (Michelle)
Shawn Andrews (Pickford)
Rory Cochrane (Slater)
Adam Goldberg (Mike)
Anthony Rapp (Tony)
Sasha Jenson (Don)
Marissa Ribisi (Cynthia
Deena Martin (Shavonne)
Michelle Burke (Jodi)
Cole Hauser (Benny)
Christine Harnos (Kaye)
Wiley Wiggins (Mitch)
Ben Affleck (O'Bannion)
Esteban Powell (Carl)
Christin Hinojosa (Sabrina)
Parker Posey (Darla)
Matthew McConaughey (Wooderson)
DrehbuchRichard Linklater
KameraLee Daniel
SchnittSandra Adair
Filmlänge102 Minuten
FSKab 16 Jahren

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