Das Vermächtnis des Professor Bondi (1959) – Filmkritik

Das Cover weckt augenblicklich Impressionen an einen gewissen Grafen Dracula, an ein geheimnisvolles Schloss, eine dunkle Gruft… doch Fehlanzeige. All diese typischen Gotik-Horror-Elemente finden bei DAS VERMÄCHTNIS DES PROFESSOR BONDI keine Verwendung. Dieser eher unbekanntere Film gehört zu keinem geringeren als Roger Corman. Ein kleiner, aber feiner Beitrag des US-Amerikaners, der einen Blick in die US-Künstler-Bohème-Szene wirft und mit einer gehörigen Portion schwarzem Humor würzt. Corman und sein Drehbuchautor Charles B. Griffith recherchierten für die Story in örtlichen Kaffeehäusern am Sunset Strip in Hollywood. Die clevere Story zeigt deutliche Tendenzen, die an die beiden großen Klassiker DAS GEHEIMNIS DES WACHSFIGURENKABINETTS (MYSTERY OF THE WAX MUSEUM, 1933) mit Lionell Atwill und Fay Wray, sowie seinem Remake DAS KABINETT DES PROFESSOR BONDI (HOUSE OF WAX, 1953) mit Vincent Price erinnern. Und ja, Walter Paisley (Dick Miller) ist der legitime Nachfolger dieser beiden Künstler Ivan Igor (Atwill) und Prof. Henry Jarrod (Price). Dazu bedarf es keines nachträglich eingefügten Prologes, wie es für den deutschen Markt durch den berüchtigten Mercator-Filmverleih geschehen ist.

DAS VERMÄCHTNIS DES PROFESSOR BONDI (1959)
© Koch Films

Inhalt

Der einfältige Walter Paisley (in der deutschen Fassung als Walter „Bondi“ betitelt) arbeitet in einer bekannten Künstlerkneipe. In seinen Tagträumen wünscht er sich nichts sehnlicher, als ebenfalls ein erfolgreicher Künstler zu sein. Seine Zeit in der Gesellschaft der Bohème und Beatniks zu verbringen, die ständig hier verkehren. Jeder seiner Versuche endet mit Spott und Häme der Künstler-Clique. Eines Tages tötet Walter durch ein Missgeschick die Katze seiner Hauswirtin, kurzerhand überzieht er das Haustier daraufhin mit Wachs. Am nächsten Tag präsentiert er das „Kunstwerk“ im Club. Von der plötzlichen Kreativität überrascht, feiern seine neuen Freunde das große Werk. Besondere Begeisterung weckt die große Authentizität des Stücks. Vom plötzlichen Erfolg und den aufmunternden Worten angestachelt, macht sich Walter an die Arbeit. Denn nur durch weitere Werke kann er sich der Freundschaft seiner Kollegen sicher sein. Da er auf lebendige „Vorlagen“ angewiesen ist, verarbeitet Walter alles, was ihm gerade in die Finger fällt oder zufällig zur Verfügung steht.

© Metro-Goldwyn-Mayer Studios Inc. All Rights Reserved

Aufstieg und Fall des Walter Paisley

Ein kritischer Blick auf die Künstler-Szene und ihre Auswüchse, die Leistungsgesellschaft und der Klassenkampf des Kapitalismus verpackt Corman in seinem kleinen Meisterwerk. Denn wer nichts vorzuweisen hat (Erfolge), der ist nichts wert. Das Thema ist aktueller denn je. Kräftige Seitenhiebe auf die Beatnik-Generation und Möchtegernkünstler, die sich gegen das Leben des Bürgertums aufbegehren. Zudem ist Walter in die Malerin Carla (Barboura Morris) verliebt und erhofft sich durch seinen Erfolg der angebeteten endlich näher zu kommen. Er verlässt seine gesellschaftliche Klasse, doch diese Art der Aufstiege hatten noch niemals ein positives Ende. Am Ende wird dem Protagonisten auch hier die Rechnung für seinen zeitweiligen Triumph präsentiert.

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Auch wenn Dick Miller mit dem fertigen Film nicht ganz zufrieden war, aufgrund des knappen Budgets, muss man ihm eine große Darbietung seines Charakters bescheinigen. Seine Darstellung des naiven Walter ist aller Ehren wert. Die innere Zerrissenheit der Figur, der die Menschen hasst, weil sie ihm nur Hohn und Spott entgegenbringen. Auf der anderen Seite der unbändige Wunsch nach Anerkennung und Akzeptanz von genau diesen verhassten Menschen. Der Wunsch, mehr aus seinem nutzlosen Leben herauszuholen und seine Traumfrau im Sturm zu erobern. Seine Verbitterung über beleidigende, neidische Kommentare, die seinen überraschenden Erfolg begleiten, verpackt Miller in einer mehr als überzeugenden Art.

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Neben unzähligen weiteren Filmen trat DICK MILLER öfters bei Cormans Filmen in Erscheinung: LEBENDIG BEGRABEN (PREMATURE BURIAL, 1962), DER MANN MIT DEN RÖNTGENAUGEN (X, 1963) oder in THE TERROR – SCHLOSS DES SCHRECKENS (1963). Miller hat mehr als 100 Einträge in seiner Filmografie. DAS VERMÄCHTNIS DES PROFESSOR BONDI ist einer von drei, in denen er eine Hauptrolle spielte. Die beiden anderen Filme sind ROCK ALL NIGHT (1957) und PLANET DER TOTEN SEELEN (WAR OF THE SATELLITES, 1958).

Dick Miller taucht im weiteren Verlauf seiner Karriere mehrmals in Produktionen des bekannten Regisseurs Joe Dante auf. Der besetzte ihn gerne in kleinere Nebenrollen, wo Miller mehrfach den Namen des Walter Paisley annehmen konnte, siehe z.B. in HOLLYWOOD BOULEVARD (1976) oder DAS TIER (THE HOWLING, 1981), ein kleiner „Running Gag“ der beiden.

Der restliche Cast passt ebenfalls hervorragend in diese Karikatur einer Handvoll gelangweilter Künstler und vermittelt in der kurzen Laufzeit des Films einen wohldosierten Einblick in jene elitäre Szene.

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Mit einem Taschengeld als Budget, geschätzte 40.000 – 50.000 US-Dollar, drehte Corman den Film innerhalb weniger Tage. Der Exploitation-Meister macht erneut seinem Namen alle Ehre und zaubert aus dem Nichts eine ansehnliche Horrorkomödie, die sogar mit sozialkritischen Ansätzen daherkommt. Das Set für DAS VERMÄCHTNIS DES PROFESSOR BONDI fand mehrfach Verwendung: Zuerst wurde hier THE DIARY OF A HIGH SCHOOL BRIDE (1959) gedreht, ehe Corman seinen „Bondi“ aus dem Hut zauberte und direkt im Anschluss noch KLEINER LADEN VOLLER SCHRECKEN (THE LITTLE SHOP OF HORRORS, 1960). Hier behandelt Corman das Thema der Überschreitung von Klassen und Grenzen erneut. Diesmal in einer verständlicheren Variante die dem Publikum, wie auch den Kritikern, besser bekam. Ein schwaches Remake von DAS VERMÄCHTNIS DES PROFESSOR BONDI entstand 1995 für das US-Fernsehen unter dem Originaltitel A BUCKET OF BLOOD. Regie führte hier ein gewisser Michael McDonald.

DAS VERMÄCHTNIS DES PROFESSOR BONDI (1959)
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Der deutsche Prolog

Wie bereits erwähnt wurde der Prolog nachträglich vom deutschen Verleiher Mercator-Film eingefügt. Leider ist nicht überliefert, wer für die Bilder verantwortlich zeichnet und wer der Darsteller ist. Zu Beginn des Prologes klärt uns ein unsichtbarer Sprecher über Professor Bondi und sein angebliches Ende im kochenden Wachs auf, siehe dazu: DAS KABINETT DES PROFESSOR BONDI. In dem Prolog erleben wir nach einer Reihe von Friedhofsbildern und einem düsteren Anwesen eine entstellte Gestalt, die sich in einem längeren Monolog als Professor Bondi zu erkennen gibt. Im Verlauf des Monologes fällt auch der Name von Walter (Paisley) Bondi, um die Verbindung zwischen den Filmen herzustellen. Dass dieser Vorspann nicht das Geringste mit dem eigentlichen Film zu schaffen hat, wird jedem schnell klar. Spätestens wenn die Einladungskarten für die Ausstellung von Walter ins Bild kommen, auf denen ganz klar zu erkennen ist, dass Walter eigentlich Paisley heißt, und nicht Bondi, wie der deutsche Untertitel behauptet. Direkt nach dem Prolog landen wir in der Künstlerkneipe und lauschen den erhabenen Worten des Poeten Maxwell H. Brock (Julian Burton), ab hier beginnt der Vorspann des eigentlichen Films von Roger Corman.

DAS VERMÄCHTNIS DES PROFESSOR BONDI (1959)
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Das Mediabook

Das Mediabook Cover

Leider ist das Bild sehr grobkörnig in der HD-Auflösung, ganz im Gegensatz zur alten DVD Ausgabe, vor allem in den helleren Szenen fällt das verstärkt ins Auge. Umso mehr überrascht das wesentlich bessere Material des deutschen Prologs gleich zu Beginn. Die Kontraste sind jederzeit in allen Bereichen ausgewogen. Der Score von Fred Katz ist gelungen und passt sich dem dargestellten Milieu an. Auf der DVD wie auch der Blu-ray befinden sich beide Fassungen des Films: die internationale Fassung mit ca. 66 Minuten und die deutsche Fassung mit knapp 75 Minuten. Wie gewohnt bei Koch Films gibt es allerhand Extras: Ein Interview mit Roger Corman, ein Interview mit Dick und Lainie Miller, ein Audio-Interview mit Charles B. Griffith, der Deutscher Vorspann, die Vollbild-Fassung (SD) und die Super-8-Fassung, deutscher und englischer Trailer, eine Bildergalerie und einen Audiokommentar von Christian Kessler und Robert Zion sowie ein umfangreiches Booklet.

Fazit

In gerade einmal 66 Minuten erleben wir den Aufstieg und den Fall eines Außenseiters, der es wagte, nach den Sternen zu greifen. Ein modernes Märchen vom Aschenputtel, das jedoch ohne Happyend auskommen muss. Gelungene komödiantische Einschübe sowie bissige Satire runden die kleine Grusel-Komödie überzeugend ab, den unsäglichen wie sinnlosen Prolog vergessen wir einfach.

© Stefan F.

2 Gedanken zu “Das Vermächtnis des Professor Bondi (1959) – Filmkritik

    1. Hallo Gert, vielen Dank! Ja, der Film gehört meiner Meinung nach zu Roger Corman’s besten Filmen. Und ja, eine absolute Kaufempfehlung.
      Viele Grüße
      Stefan_F

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