Das Philadelphia Experiment (1984) – Filmkritik und zum Mediabook

Untrennbar verbindet DAS PHILADELPHIA EXPERIMENT und BLACK MOON RISING (1986) das gleiche, traurige Schicksal. Beide basieren auf Ideen von John Carpenter (HALLOWEEN, 1978), die er Anfang der 1970er-Jahre niederschrieb, zu einer Verfilmung durch ihn kam es jedoch nicht. Stattdessen verkaufte Carpenter beide Entwürfe, da er kein befriedigendes Ende finden konnte, an Avco Embassy. Produzent Douglas Curtis bekam so 1982 DAS PHILADELPHIA EXPERIMENT in die Hände. Er fragte bei Carpenter an, ob noch Interesse an einer Verfilmung bestünde. Der lehnte nach erneuter Sichtung der Unterlagen ab. Daraufhin wurde die Idee an Michael Janover vergeben, der alles umschrieb und das Element der Zeitreise hinzufügte. Den Studiobossen war bewusst, dass sie mit Carpenters Namen auf dem Kinoplakat deutlich mehr Einnahmen generieren konnten, als ohne ihn. Erneut gab es Anfragen. Erneut gab es Absagen, da Carpenter die neuen Drehbuchentwürfe nicht zusagten und nichts mehr mit seiner Ursprungsidee gemein hatten. Schließlich kam es doch zu einer Einigung und Carpenter bekam einen Credit als Produzent. Somit war der Weg frei, den zugkräftigen Namen an der Kinokasse einzubinden.

© Koch Films

Der Schachzug funktionierte, die Menschen strömten in die Kinos und New World Pictures (sie hatten Avco Embassy mittlerweile aufgekauft) freute sich über die Einnahmen. Keiner wusste damals, dass John Carpenters „Mitarbeit“ darin bestand, nur das Drehbuch zu lesen. Einfluss auf die Produktion hatte er keinen. Als die Produzenten Douglas Curtis und Joel B. Michaels ein Nachfolgeprojekt suchten, kamen sie auf BLACK MOON RISING, der dann zwei Jahre später produziert wurde. Hier erhielt Carpenter einen Drehbuch-Credit, doch mehr Einfluss hatte er dadurch nicht. Alle, die Carpenters ursprüngliche Ideen gelesen hatten, waren begeistert. Aufgrund der durchschnittlichen Qualität beider Filme stellt sich die Frage, wie diese Originalideen aussahen.

© Koch Films

Geschichtlicher Hintergrund

Die US-Marine führte angeblich Anfang der 1940er-Jahre einige mysteriöse Experimente durch. Unter dem Decknamen „Rainbow“ versuchten Wissenschaftler einen magnetischen Schutzschild für ihre Kriegsschiffe zu entwickeln, der gegen die Torpedos der Deutschen schützen sollte. Eine andere Story behauptet, bei den Experimenten ging es um einen Tarnschirm, der die Schiffe für das feindliche Radar unsichtbar werden ließ, so wie im Film dargestellt. Ein gewisser Carlos Miguel Allende alias Carl Meredith Allen behauptet, im Oktober 1943 beobachtet zu haben, wie die USS Eldrige auf offener See unsichtbar wurde. Das Ganze ist unter dem Begriff „Allende-Briefe“ bekannt, benannt nach seinem Verfasser. Warum Allende erst zwölf Jahre später mit seinem Wissen an die Öffentlichkeit ging, ist unbekannt. Über alle Vorfälle gibt es zahlreiche Bücher, die sich mit der Thematik befassen.

© Koch Films

Inhalt

Im Oktober 1943 führt die US-Marine ein geheimes Experiment durch, mit dem die alliierten Kriegsschiffe für das feindliche Radar unsichtbar sein sollen. Kopf des Ganzen ist Dr. Longstreet (Miles McNamara). An Bord der USS Eldrige befinden sich die beiden Matrosen David Herdeg (Michael Paré) und Jim Parker (Bobby Di Cicco), die im Generatorraum arbeiten. Die Eldrige verschwindet nicht nur vom Radar, sie ist auch vor Ort nicht mehr zu sehen. Gleichzeitig entsteht ein Brand auf dem Schiff. David und Jim retten sich mit einem Sprung über die Reling. Sie landen nicht im Wasser, sondern in einer Wüste, mitten in der Nacht. Kaum angekommen entdeckt sie ein Hubschrauber, dem sie mit viel Glück entkommen können. Auf einem Rastplatz in der Nähe geraten David und Jim in einen Konflikt, nur die junge Allison Hayes (Nancy Allen) ist bereit, ihnen zu helfen. Sie ist es, die den beiden mitteilt, dass sie sich im Jahr 1984 befinden. Mittlerweile ist ganz Amerika auf der Jagd nach den Zeitreisenden  Matrosen und ein Entkommen scheint unmöglich. Gleichzeitig bildet sich ein gigantischer Sturm, der einen unheimlichen Einfluss auf David und Jim ausübt.

© Koch Films

Der Zeitreise-Film, ein (kurzer) Überblick

Ein Genre, in dem alles möglich und gar nichts unmöglich ist. Egal ob wir Spannung oder Komödie, Drama oder Liebe suchen, hier ist für jeden etwas dabei. Aufgrund der Menge an Filmen folgt nur ein kleiner, schneller Überblick: Einer der bekanntesten und wichtigsten ist DIE ZEITMASCHINE (THE TIME MACHINE, 1960) von George Pal. Nicht zu vergessen ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT (BACK TO THE FUTURE, 1985) von Robert Zemeckis mit Michael J. Fox und Christopher Lloyd, der es auf zwei Fortsetzungen brachte. Ebenso die TERMINATOR-Reihe, PLANET DER AFFEN (PLANET OF THE APES, 1968) und noch viele mehr.

Doch das sind nur die großen Produktionen. Viel interessantere und sehr spezielle Perlen gibt es dahinter zu entdecken. Beispielsweise die französische Produktion AM RANDE DES ROLLFELDES (LA JETÉE, 1962) oder TIMECRIMES – MORD IST NUR EINE FRAGE DER ZEIT (LOS CRONOCRIMES, 2007) aus Spanien. Ungewöhnlich, aufgrund der Story, ist PREDESTINATION (2014), ebenso wie … UND TÄGLICH GRÜSST DAS MURMELTIER (GROUNDHOG DAY, 1993). Vor Kurzem erst waren in ihrem letzten Film die Avengers auf Zeitreise: AVENGERS: ENDGAME (2019). Werfen wir noch einen Blick auf die britische DOCTOR-WHO-Serie, die seit 1963 über die Bildschirme flimmert, dann bemerken wir, dass Zeitreisen zum Alltag geworden sind wie der morgendliche Kaffee und nur noch ein Fingerschnippen erfordert. Apropos Fingerschnippen: Ein Kampf zwischen dem Doctor und Thanos wäre ein Crossover wert. Schallschraubenzieher gegen Infinity-Steine… doch ich schweife ab. Dreh- und Angelpunkt bei den meisten Zeitreisen ist häufig, dass die Protagonisten mit der Angst kämpfen, den Verlauf der Geschichte zu verändern. Was letztendlich Einfluss auf ihr eigenes Leben oder das der ganzen Zivilisation haben könnte. Ob das möglich ist oder nicht, sei dahingestellt. Jedenfalls birgt diese Idee ein unglaubliches Potenzial für allerlei spannende wie auch skurrile Handlungen.

© Koch Films

„Sie konnten es einfach nicht lassen.“

Sehr schön werden im PHILADELPHIA EXPERIMENT zwei Jahrzehnte dargestellt, nicht nur optisch sondern auch musikalisch. Der bekannte Komponist Keeneth Wannberg hat mit seinem Millitärisch-Patriotischen-Mix ganze Arbeit geleistet und eine Verbindung der 1940er sowie der 1980er Jahre akustisch hergestellt. Eine leise Kritik an verantwortungslose Wissenschaftler konnte Regisseur Stewart Raffill ebenfalls unterbringen. Ansonsten macht sich die Story keine allzu großen Gedanken. Der Sturz durch den Zeittunnel erinnert verblüffend an den König aller Science-Fiction-Filme 2001: ODYSSEE IM WELTRAUM (2001: A SPACE ODYSSEY, 1968) von Stanley Kubrick. Gleichzeitig fühlt sich der Zuschauer an den vier Jahre zuvor entstandenen DER LETZTE COUNTDOWN (THE FINAL COUNTDOWN) von Don Taylor erinnert, der die US-Marine ebenfalls durch die Zeit reisen lässt. 1993 drehte Stephen Cornwell die schwache Fortsetzung mit dem Titel PHILADELPHIA EXPERIMENT II. Für das Fernsehen wurde im Jahre 2012 der Film DAS PHILADELPHIA EXPERIMENT – REACTIVATED (THE PHILADELPHIA EXPERIMENT) produziert, Regie bei dem Remake führte Paul Ziller. Bereits 2018 erschien ein Mediabook zu DAS PHILADELPHIA EXPERIMENT bei der VZ-Handelsgesellschaft mbh, im Doppelpack mit BLACK MOON RISING.

Das Mediabook

Mediabook-Cover

Das leicht körnige Bild ist für Koch Films typisch auf hohem Niveau ebenso wie der Ton, der im Klaren LPCM Stereo 48K aus den Boxen erklingt. Als Extras finden wir den deutschen und englischen Trailer, eine Bildergalerie sowie das obligatorische Booklet im Mediabook. Koch Films packt noch eine zusätzliche DVD hinzu, auf der die Doku A CONSPIRACY CLASSIC, THE MAKING OF „THE PHILADELPHIA EXPERIMENT“ enthalten ist. Die interessante Dokumentation hat eine Laufzeit von über einer Stunde und ist vollgepackt mit allerhand Information rund um den Film und den angeblichen Experimenten der US-Marine.

© Koch Films

Fazit

DAS PHILADELPHIA EXPERIMENT ist ein durchschnittliches Zeitreiseabenteuer, dass sich auf seinen Mix aus angeblichen Fakten und allerlei wissenschaftlichen Zaubereien verlässt. Die Story hält keine Überraschungen parat. Alles läuft wie an der Schnur seinem vorbestimmten Schicksal entgegen, um am Ende den Zuschauer mit einem 08/15-Happy-End abzuspeisen. Es ist ein Gemenge von Ideen und Fragmenten aus zahlreichen anderen bekannten Filmen, optisch ansprechend in Szene gesetzt, doch ohne Substanz und Tiefgang. Für einen verregneten Sonntagnachmittag jedoch ausreichend. Im Kanon der Zeitreisefilme rangiert DAS PHILADELPHIA EXPERIMENT eher auf den hinteren Plätzen.

Schwerer wiegt da der Makel des Etikettenschwindels, ein angeblicher Carpenter zu sein.

© Stefan F.

Titel, Cast und CrewDas Philadelphia Experiment (1984)

Poster
Releaseab dem 11.06.2020 im Mediabook (Blu-ray+DVD)

Ihr wollt den Film bei Amazon kaufen?
Dann geht über unseren Treibstoff-Link:
RegisseurStewart Raffill
Trailer
BesetzungMichael Parè (David Herdeg)
Nancy Allen (Allison Hayes)
Eric Christmas (Dr. James Longstreet)
Bobby Di Cicco (Jim Parker)
Louise Latham (Pamela)
Kene Holiday (Major Clark)
Miles McNamara (Junger Dr. Longstreet)
DrehbuchMichael Janover
William Gray
Wallace C. Bennett
Don Jakoby
KameraDick Bush
FilmmusikKenneth Wannberg
SchnittNeil Travis
Filmlänge101 Minuten
FSKab 12 Jahren

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.