Das Pendel des Todes (1961) – Filmkritik

„Edgar Allan Poe und der französische Film noir“

Aus dem sehr umfangreichen und vielseitigen Gesamtwerk des amerikanischen Regisseurs, Produzenten und Meister des Exploitationfilms Roger Corman sind seine sechs Poe-Adaptionen heute sicher die bekanntesten. Jack Nicholson, der wie viele andere seine Karriere bei Corman begann, soll gesagt haben, dass von Poe der Anfang und der Schluss eines Filmes wäre, den Rest übernehme Corman. Tatsächlich werden Poe-Motive teils sehr frei interpretiert, aber auch der Einfluss anderer Filmemacher und Autoren ist erkennbar. Corman verfilmte etwa als erster den Roman CHARLES DEXTER WARD von H. P. Lovecraft unter dem Titel des Poe-Gedichts DIE FOLTERKAMMER DER HEXENJÄGERS (THE HAUNTED PALACE, 1963). Allerdings ist der wohlige Schauer, der sich bei der Lektüre der unheimlichen Geschichten Edgar Allan Poes einstellt, auch bei Corman erhalten geblieben. So vor allem bei DAS PENDEL DES TODES (THE PIT AND THE PENDELUM, 1961), der auf der gleichnamigen Vorlage ebenso basiert wie auf Elementen aus DIE VERFLUCHTEN (HOUSE OF USHER, 1960), der ersten Umsetzung einer Poe-Vorlage, die Corman im Vorjahr realisierte. Vincent Price verkörperte in beiden Filmen auch eine ähnliche Rolle. Die Kritik lobte besonders die Kameraführung von Floyd Crosby (12 UHR MITTAGS) sowie die prächtige Farbdramaturgie. Das Drehbuch stammt von Richard Matheson, der mit I AM LEGEND und THE SHRINKING MAN unsterbliche Klassiker der phantastischen Literatur geschaffen hat.

© Metro-Goldwyn-Mayer Studios Inc.

Handlung

Spanien gegen Ende des späten 16. Jahrhunderts. Francis Barnard (John Kerr) reist zu dem steil auf einer Klippe gelegenen Anwesen der Medinas. Seine noch junge Schwester Elizabeth (Barbara Steele) ist unter mysteriösen Umständen verstorben. Barnard lernt erstmals seinen psychisch wie physisch labilen Schwager Nicolas (Vincent Price) und dessen Schwester Catherine (Luana Anders), die für Nicolas eher die Rolle einer Mutter einnimmt, kennen. Da auch der Hausarzt Charles Leon (Anthony Carbone) keine befriedigende Erklärung für den Tod Elizabeths findet, begegnet Barnard seinen Schwager mit immer stärkerem Misstrauen und Feindlichkeit. Catherine berichtet von einem schrecklichen Familiengeheimnis: Nicolas habe als Kind miterlebt, wie sein Vater Sebastian seine Mutter und seinen Onkel, die eine Liebesbeziehung zueinander unterhielten, folterte und die Mutter lebendig einmauerte. Elizabeth wurde den Namen „Sebastian“ flüsternd in jener Folterkammer sterbend vorgefunden.

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Merkwürdige Vorfälle geschehen auch weiterhin, so wird etwa das Porträt, das Nicolas von Elizabeth gemalt hat, von Unbekannten beschädigt. Das Grab Elizabeths wird geöffnet – ihr schon verwesender Leichnam wird stark verkrümmt vorgefunden. Mit der Erkenntnis, seine Frau lebendig begraben zu haben, erleidet Nicolas einen völligen Zusammenbruch und versucht zunächst Suizid zu begehen. Nachts hört er Elizabeths Stimme seine Namen flüstern. Im Keller des Hauses stürzt er und bleibt regungslos liegen. Dann nimmt der Film eine überraschende Wende. Dr. Leon stellt den Tod des Hausherren fest. Er und Elizabeth küssen sich. Die beiden haben Elizabeths Ableben vorgetäuscht, um Nicolas völlig in den Wahnsinn zu treiben, sein Tod sollte als natürlich oder als Unfall erscheinen. Als Elizabeth in einer morbiden Szene beginnt, Nicholas Leichnam zu verhöhnen, folgt die nächste dramaturgische Wendung. Sebastian scheint in den Körper seines Sohnes zu reinkarnieren.

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Einflüsse des französischen Film noir

Neben Edgar Allan Poe – für den Schrecken gibt es eine sehr rationale Erklärung – scheinen auch der französische Psychothriller und die Drehbücher eines Jimmy Sangster (TASTE OF FEAR) eine wichtige Rolle gespielt haben. So erinnern die Figurenkonstellation und vor allem die wenig vorhersehbare Auflösung stark an DIE TEUFLISCHEN (LES DIABOLIQUES, 1955) von Henri-Georges Clouzot: Die Lehrerin Christina Delasalle ist herzkrank und wird dargestellt von der Ehefrau des Regisseurs, Vèra Clouzot, die 1960 parallel zu ihrer Filmrolle tatsächlich an einem Infarkt verstarb, nachdem über eine Affäre zwischen Clouzot und Brigitte Bardot berichtet wurde. Nicolas Medina im PENDEL DES TODES ist gesundheitlich bereits sehr stark angegriffen. Christina und Nicolas fallen raffinierten und hinterhältigen Komplotten zum Opfer, welche im nahen Umfeld geschmiedet wurden und von den beide Figuren nicht im Geringsten ahnten. Auch der Titel DIE TEUFLISCHEN hätte zu Cormans Film gepasst. Bei der Verspottung Medinas spricht Elizabeth auch von einem „teuflischen Spaß“.

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Bereits 1953 spielte Simone Signoret, die in DIE TEUFLISCHEN den Gegenpart zu Vera Clouzot darstellt, die Rolle der Gattenmörderin Tèrèse Raquin, wobei die Umsetzung durch Marcel Carnè eher an James M. Cains IM NETZ DER LEIDENSCHAFTEN (THE POSTMAN ALWAYS RINGS TWICE, 1946) als an Èmile Zola erinnert. Barbara Steele als Elizabeth im PENDEL DES TODES verkörpert eine direkte Nachfahrin der amerikanischen und französischen Femme fatales: ihre Handlungen bringen ihren Ehemann, der sowohl von der lebenden als auch ‚toten‘ Elizabeth besessenen ist und ihren Liebhaber den Tod, ihr Bruder gerät durch das titelgebende Pendel in Lebensgefahr. Ihr selbst gehört das Schlussbild; eingeschlossen erleidet sie das gleiche Schicksal wie die Ehefrau von Don Sebastian. Ihre Nachfolgerinnen sind Helen Kent aus BLUT FÜR DRACULA (DRACULA: PRINCE OF DARKNESS, 1966) und Julia Cotton aus HELLRAISER (1987).

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Auf DAS PENDEL DES TODES folgte von Roger Corman noch im gleichen Jahr 1961, die Thematik des Gattenmordes erneut aufgreifend, LEBENDIG BEGRABEN (PREMATURE BURIAL, 1962). In TALES OF TERROR 1962 werden insgesamt vier Erzählungen Poes in drei Episoden eindrucksvoll dargestellt. THE RAVEN (ebenfalls 1962) als phantastische Komödie inszeniert, weicht leicht von der Tragik der anderen Filme ab. Der gesellschaftskritische SATANAS – DAS SCHLOSS DER BLUTIGEN BESTIE (THE MASQUE OF THE RED DEATH) erschien 1964, vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie ist er heute erschreckend aktuell. Und DAS GRAB DER LYGEIA (THE TOMB OF LIGEIA, 1964) als Abschluss erzählt wieder von einer über den Tod hinausgehenden Liebe. Es wäre ein cineastisches Erlebnis, sobald es wieder möglich ist, alle Teile des Poe-Corman-Zyklus hintereinander im Kino zu sehen, zu diskutieren und dazwischen die schaurig-schönen Novellen und Gedichte Edgar Allan Poes zu lesen.

© Stefan Preis

Titel, Cast und CrewDas Pendel des Todes (1961)
OT: Pit and the Pendulum
Poster
RegisseurRoger Corman
ReleaseSeit dem 29.03.2018 auf Blu-ray

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Trailer
Fanmade Trailer
BesetzungVincent Price (Nicholas Medina / Sebastian Medina)
John Kerr (Francis Barnard)
Barbara Steele (Elizabeth Barnard Medina)
Luana Anders (Catherine Medina)
Antony Carbone (Doctor Charles Leon)
Patrick Westwood (Maximillian)
DrehbuchRichard Matheson
KameraFloyd Crosby
FilmmusikLes Baxter
SchnittAnthony Carras
Filmlänge81 Minuten
FSKab 12 Jahren

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