Der Schrecken im Paradies beginnt

Das mörderische Paradies (1985) – Filmkritik & Review des Mediabooks

DAS MÖRDERISCHE PARADIES ist einer jener Filme, der mir immer wieder entwischt ist, nur um schließlich komplett vom Radar zu verschwinden. Doch nun, mit dieser Neuauflage in einem schicken Mediabook, bekomme ich eine erneute Chance und diesmal habe ich zugegriffen. Aber auch bei Filmfans und Kritikern weltweit wird Philip Borsos Thriller gerne mal unter den Tisch gekehrt, zu unrecht, wie wir sehen werden. Allerdings muss ich auch gestehen, dass mir der Name Phillip Borsos, der nur eine sehr kleine Filmografie vorweisen kann, bis dahin vollkommen unbekannt war. DAS MÖRDERISCHE PARADIES ist Borsos zweiter abendfüllender Spielfilm. Das Drehbuch entstand nach dem gleichnamigen Roman DAS MÖRDERISCHE PARADIES (THE HEAT OF THE SUMMER) von John Katzenbach. Borsos war nicht nur als Regisseur aktiv, er arbeitete auch als Schauspieler, Drehbuchautor und Produzent. Der Kanadier, geboren in Tasmanien (Australien), verstarb sehr früh mit gerade einmal 41 Jahren an Leukämie.

MARIEL HEMINGWAY und Kurt Russell
© OFDb Filmworks

Inhalt

Der Reporter Malcolm Anderson (Kurt Russell) hat die Schnauze voll von seinem Job. Ein letzter Auftrag, ein letzter Artikel, dann will er endgültig alles hinwerfen. Die Story über einen Mord an einem Teenager soll der letzte Job sein. Doch als der Artikel veröffentlicht wird, meldet sich der Mörder (Richard Jordan) bei Malcolm in der Redaktion und kündigt weitere Morde an. Die Polizei, allen voran Ray Martinez (Andy Garcia), drängt Malcolm, dass er die zweifelhafte Beziehung zu dem Mörder beibehält und in den folgenden Telefonaten versuchen soll, mehr über den Unbekannten in Erfahrung zu bringen. Im Gegenzug bekommt er exklusive Informationen für seine Artikel. Doch je berühmter Malcolm mit seinen Berichten über die Morde wird, desto Eifersüchtiger auf seinen Erfolg wird auch der Mörder. Als der Killer sich eines Abends bei Malcolm Zuhause meldet, wendet sich das Blatt. Denn nun gerät auch Malcoms Freundin, die Lehrerin Christine Connelly (Mariel Hemingway), ins Visier des Killers.

Der Jäger wird selber zum Gejagten der Reporter
© OFDb Filmworks

Der Story-Jäger wird selbst zur Schlagzeile

Ein Killer, der sich in einer Zeitungsredaktion meldet, um seine nächsten Taten anzukündigen, gab es schon einige Male in diversen Filmen zu bewundern. Als Beispiel möchte ich hier nur David Finchers überragenden ZODIAC: DIE SPUR DES KILLERS (ZODIAC, 2007) anführen. Regisseur Phillip Borsos schafft es jedoch, die Story so zu erzählen, dass sie uns erneut überrascht und auch gleichzeitig fesselt. Dieser Killer sucht nicht nur die Bewunderung der Massen, sondern auch noch einen Menschen, der ihm zuhört, einen Freund, einen Vertrauten. Er sucht eben den einen guten Kumpel, dem er bei einem Bier seine schrecklichen Taten beichten kann. Danach kommt erst das Bedürfnis, die Anerkennung der Massen einzustreichen, sich selber in der Zeitung zu finden und Berühmtheit zu erlangen.

Nach und nach entsteht fast so etwas wie eine Beziehung zwischen dem Reporter und seiner Nemesis, aber auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Malcolm hat zwar die Schnauze voll von seinem Job, doch mit seinem letzten Auftrag nimmt er die Witterung erneut auf, wie ein Bluthund. Bezeichnenderweise ist es dann auch eine Blutspur (der erste Mord) die ihn noch einmal für seine Zeitung aktiv werden lässt. Er ist derjenige, der der Bestie „Gesellschaft“ die benötigen Schlagzeilen liefert, eine Leserschaft die nach Sensationen und Blut dürstet, seit ewigen Zeiten schon. Malcolm benutzt den Mörder als Quelle für seine Informationen, der Killer hingegen baut so etwas wie Vertrauen zu seinem Gegenüber auf, eine intime, bizarre Nähe. Doch je weiter sich Malcolm dem Mörder nähert, desto näher kommt auch der Killer Malcolm. Plötzlich passiert etwas, mit dem keiner der Protagonisten gerechnet hätte. Aus dem Jäger nach Informationen wird selbst der Gejagte. Gejagt von seinen eigenen Kollegen, denn nun ist Malcolm die nächste Schlagzeile im tagtäglichen Wettstreit der Medien um die Zuschauer. Der Mörder macht Malcolm zu seinem Komplizen, zu einem Mittäter, und zu seinem Sprachrohr in der Öffentlichkeit. Schlussendlich ist der Reporter berühmter als der Killer, was diesem wiederum gar nicht gefällt und ihn rasend vor Wut macht.

Der kritische Plot schont weder die Polizei noch die Medien und fragt nach der Verantwortung, welche diese Institutionen tragen. Aber auch dem Kinozuschauer und dem Konsumenten dieser Nachrichten wird der Spiegel vorgehalten, der pausenlos mit seiner immer größer werdenden Gier nach Blut, Tod und dem Leid anderer, nach diesen Schlagzeilen verlangt. Ebenso wird das perverse Verhältnis zwischen dem Killer und den Medien sehr ausführlich und von allen Seiten beleuchtet und spart nicht mit kritischen Untertönen.

Kurt Russell beim Dinner
© OFDb Filmworks

Die Darsteller

Kurt Russell spielt diesmal den ausgebrannten Reporter, der mit seiner Freundin aufs Land ziehen will und zur Gesellschaft auf Abstand gehen will. Für den Zuschauer eine ungewohnte Rolle, da Russell bei den meisten wohl für seine harten Actionrollen und kompromisslosen Charaktere bekannt geworden ist. Aber schon in dem besonderen und wirklich genialen SILKWOOD (SILKWOOD, 1983) hatte er mich mit einer dieser „normalen“ Rollen überrascht und begeistert. Charaktere, die ganz einfache Menschen darstellen, mit ihren ganz alltäglichen Problemen und Hoffnungen. Überhaupt hat Russell im Laufe der Zeit durch seine enorme Wandelbarkeit überzeugt. Egal welche Person er gerade darstellen soll, er kann sie alle spielen. Schon in jungen Jahren glänzte er vor der Kamera und hatte kleine Auftritte in bekannten Serien wie SOLO FÜR O.N.K.E.L (THE MAN FROM U.N.C.L.E., 1964-1968) oder DIE LEUTE VON DER SHILOH RANCH (THE VIRGINIAN, 1962-1971) wie auch in RAUCHENDE COLTS (GUNSMOKE, 1955-1975). Seinen ersten richtig großen Erfolg feierte er mit dem TV-Movie ELVIS – THE KING (ELVIS, 1979) wo er auch die Hauptrolle spielte. Hier arbeitete er zum ersten Mal mit John Carpenter zusammen und es entstand eine langjährige Freundschaft, die in Filmen wie DIE KLAPPERSCHLANGE (ESCAPE FROM NEW YORK, 1981) oder DAS DING AUS EINER ANDEREN WELT (THE THING, 1982) mündeten. Das Russell noch mehr auf dem Kasten hat, zeigte er mit dem schon erwähnten Thriller SILKWOOD sowie der Komödie OVERBOARD – EIN GOLDFISCH FÄLLT INS WASSER (1987). Das Russell bis heute vor der Kamera aktiv ist, unterstreicht seine ganze Klasse in jedem Genre und in jeder Rolle Höchstleistungen zu vollbringen.

Christine Connelly gespielt von Mariel Hemingway
© OFDb Filmworks

Mariel Hemingway, die Enkelin von Ernest Hemingway, stand 1985 noch am Anfang ihrer Karriere. Sie dürfte einigen aus Woody Allens MANHATTEN (MANHATTEN, 1979) bekannt sein, worin sie Tracy spielt. Ebenfalls am Anfang seiner Karriere stand ein junger Andy Garcia, der in der Folge unzählige großartige Filme drehte wie z. B. DIE UNBESTECHLICHEN (THE UNTOUCHABLES, 1987), DER PATE 3 (THE GODFATHER PART III, 1990) oder auch OCEAN‘S ELEVEN (2001). Aber auch der Killer des Filmes ist kein unbeschriebenes Blatt: Richard Jordan, bekannt aus Filmen wie FLUCHT INS 23. JAHRHUNDERT (LOGAN‘S RUN, 1976), DUNE – DER WÜSTENPLANET (DUNE, 1984) oder JAGD AUF ROTER OKTOBER (THE HUNT FOR RED OCTOBER, 1990). Der Rest der Besetzung ist ebenfalls mit bekannten Gesichtern besetzt worden, da wäre z. B. ein Richard Masur, der zusammen mit Kurt Russell in John Carpenters DAS DING AUS EINER ANDEREN WELT (THE THING, 1982) auftrat oder Richard Bradford der unter anderem mit Andy Garcia in DIE UNBESTECHLICHEN (THE UNTOUCHABLES, 1987) vor der Kamera stand.

Der Killer übt weiter Druck aus
© OFDb Filmworks

Das Mediabook

Das Mediabook von OFDb Filmworks

Der Transfer des Bildes in das HD-Format ist hervorragend gelungen. Wir bekommen ein immer scharfes Bild zu sehen sowie eine ruhige Farbpalette, die den Film in einem neuen Licht erstrahlen lässt. Dazu einen perfekten Kontrast, der bei allen Lichtverhältnissen sehr ausgewogen ist. Der Ton wurde in Deutsch und Englisch auf die Scheibe gepresst und kommt im Format Linear PCM 2.0 daher. Der fantastische Score von Lalo Schifrin ist niemals aufdringlich, er unterstreicht und begleitet das Geschehen auf der Leinwand perfekt. Das Mediabook selber hat ein 16-seitiges Booklet sowie eine DVD und eine Blu-ray zu bieten. Den Text zum Booklet verfasste mein geschätzter Kollege Stefan Jung, der wieder mit sehr scharfer Feder haargenau analysiert und Szenen in seine Einzelteile zerlegt. Ich will hier gar nicht weiter darauf eingehen, ich kann es nur jedem ans Herz legen sich dieser ausführlichen und faszinierenden Analyse hinzugeben. Leider sind bis auf den Kinotrailer keine weiteren Extras vorhanden. Die Qualität des verarbeiteten Materials ist sehr gut, wie auch die Bindung des Booklets selber.

Fazit

Ein sehr spannender aber auch kritischer Thriller erwartet den Zuschauer. Das Wechselspiel zwischen paradiesischen Bildern aus einer der wunderbarsten Regionen dieser Welt, und den finsteren seelischen Abgründen der Menschheit, schafft eine bedrückende Atmosphäre. Bereits sehr schön zu Beginn im Intro visualisiert, mit dem aufkommenden Sturm und den dunklen Wolken, die über die Region und die Presse, hereinbrechen. Eine perfekte Inszenierung von John Katzenbachs Roman, der in atmosphärisch dichten Bildern eine großartige Story über eine spannende Mörderjagd einfängt.

© Stefan F.

Titel, Cast und CrewDas mörderische Paradies (1985)
OT: The Mean Season
Poster
Releaseab dem 29.08.2019 im Mediabook (Blu-ray + DVD) in Covervarianten
Bei OFDb direkt bestellen

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RegisseurPhillip Borsos
Trailer
BesetzungKurt Russell (Malcolm Anderson)
Mariel Hemingway (Christine Connelly)
Richard Jordan (Alan Delour)
Richard Masur (Bill Nolan)
Richard Bradford (Phil Wilson)
Andy Garcia (Ray Martinez)
Joe Pantoliano (Andy Porter)
Buchvorlagebasiert auf dem Roman DAS MÖRDERISCHE PARADIES (THE HEAT OF THE SUMMER) von John Katzenbach
DrehbuchJohn Katzenbach
Christopher Crowe
KameraFrank Tidy
MusikLalo Schifrin
SchnittDuwayne Dunham
Filmlänge104 Minuten
FSKab 16 Jahren

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