Wir sind mittendrin im größten Wandel von Flora und Fauna auf diesem Planeten. Im Vergleich zu den Kosten für Rechenzentren, die einen technologischen Quantensprung versprechen und noch nicht einhalten, könnten Wälder auf diesem Planeten zu einem Schnäppchenpreis geschützt und bewahrt werden. Und wenn wir schon bei Zahlen sind, circa 32 % der Fläche Deutschlands sind mit Bäumen bepflanzt. Dabei handelt es sich aber hauptsächlich um Monokulturen und Plantagen, die zur Forstwirtschaft genutzt werden. Reiner, naturbelassener Buchenwald – quasi Europas Urwald – sind lediglich 0,16 %. Ein grober Vergleich: Das ist ein Blatt Toilettenpapier im Vergleich zur ganzen Rolle. Diese kleine Fläche leidet noch zusätzlich unter der Erderwärmung. Aber was hilft es, hier mit Zahlen Schrecken zur verbreiten, wenn wir alle nur noch in urbanen Räumen leben und gar nicht mehr wissen, wie Wald aussieht, sich anhört und sich anfühlt? Deswegen sollte man dringend den Ort in den Städten aufsuchen, der schon immer für Reisen und Horizonterweiterung bestens geeignet ist: das Kino.

DAS FLÜSTERN DER WÄLDER erzählt von der Schönheit der Natur mit einer solch feinfühlig poetischen Stimme, dass einem beim Verlassen des Kinosaals ganz schwer ums Herz wird, wenn man wieder in das eigene Umfeld aus Beton, Stahl, Feinstaub und Krach hinausgelassen wird. Der Dokumentarfilm von Vincent Munier ist weit entfernt von den üblichen Natur-Dokumentarfilmen aus dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk oder den Beobachtungen eines David Attenborough. DAS FLÜSTERN DER WÄLDER ist eine Wanderung durch das beste Erholungszentrum auf diesem Planeten: unberührter Wald. Und das auf einem technischen, visuellen und akustischen Niveau, das seinesgleichen sucht.

Die heimischen Wälder
Nachdem er im Himalaya nach dem titelgebenden DER SCHNEELEOPARD gesucht hatte, zeigt Vincent Munier die Natur vor seiner eigenen Haustür. Die Vogesen, das Mittelgebirge in Frankreich, prägten ihn von der Kindheit an. Sein Vater Michel prägte ihn als Naturschützer, und erlebte das Verschwinden des Auerhahns in dieser Region mit. Zusammen mit der jüngsten Generation der Muniers, dem jungen Simon sind die drei Generationen in den Wäldern unterwegs und warten, lauschen und beobachten. Gleich zu Beginn wird deutlich, welcher Ansatz gewählt wird. DAS FLÜSTERN DER WÄLDER macht keine herrschaftlichen Bilder von imposanten Hirschen im Sonnenlicht. Munier spielt mit den Unschärfen, pirscht sich manchmal mit der Perspektive förmlich ran, sodass man kaum zu atmen vermag. Wenn zum Beispiel der Luchs auftaucht, passiert das ganz leise und unauffällig. Die Tiere kündigen sich selbst durch ihre Geräusche an oder andere Tiere verraten deren Ankunft. Das muss hier noch einmal besonders erwähnt werden, wie gut das Sounddesign in dieser Dokumentation ist. Der Regisseur sammelt zusammen mit den Bildaufnahmen über zehn Jahre auch Tierlaute und Geräusche und diese dichte Stimmung des geduldigen Wartens und Beobachtens zu erzeugen. Wer schon einmal im Spätsommer bzw. Frühherbst die Brunft des Rotwilds gehört hat, wird erkennen, wie genau in diesem Film gearbeitet wurde.

Der Mensch darf nicht fehlen
Wir gehören zur Natur, auch wenn es kaum noch den Anschein macht, dass wir darauf angewiesen wären, aber das sind wir! DAS FLÜSTERN DER WÄLDER kann einen Besuch in unseren Urwäldern nicht ersetzen, der Film vermittelt aber wieder das Gefühl mitten in der Natur zu stehen – ein Ökosystem, das sich über Jahrtausende aufeinander abgestimmt hat. Man spürt mit jedem Bild und jedem Geräusch, wie schön dieser Planet ohne menschliche Eingriffe sein kann. Nicht jeder will freiwillig die Nacht bei Minusgraden unter einer alten Tanne verbringen und nach Tieren lauschen. Dies übernehmen die Muniers für uns und zeigen uns ihre schönsten Momente. Man möchte förmlich von Magie sprechen, aber das ist kein Zaubertrick, keine Illusion, es ist die Schönheit der Lebewesen in unseren Wäldern, die begeistern und ehrfürchtig werden lassen.

Deswegen braucht es auch diese drei Vertreter der Generationen, die ihr Wissen weitergeben. Wir lernen mit ihnen, ohne die Zwänge einer Schulstunde, lauschen ihren Geschichten bei Kerzenschein in einer einsamen Hütte. Der Jüngste darf natürlich dennoch im aktuellen Jahrzehnt mit Smartphone und Mangas von Miyazaki. Der Großvater erzählt von seiner letzten Begegnung mit dem Auerhahn in seiner Heimat und Vincent Munier schenkt seinem Vater die Beobachtung eines Luchs. Diese drei Menschen entdecken die schönsten Tiere in wunderschönen Momenten, wie der Schwarzspecht, der die Rinde eines abgestorbenen Baums entfernt oder ein Sperlingskauz, der mit seinen leuchtenden Augen so intensiv in die Kameralinse schaut, dass man froh ist, wenn auf einmal der kleine Nachwuchs sich nach vorn drängt. Den majestätischen Auftritt bekommt dann im Finale der Auerhahn, den man so nah erleben kann, dass man ehrfürchtig vergisst zu atmen, um jedes Geräusch zu vermeiden, das ihn verschrecken könnte.

Fazit
DAS FLÜSTERN DIE WÄLDER ist ein Gewinn in mehrfacher Hinsicht. Wir lernen wieder umso mehr unsere Augen und Ohren zu benutzen, entdecken die Schönheit unserer naturbelassenen Wälder und lernen, wie wichtig es ist, diese zu schützen. Der Schritt aus dem Kinosaal in den urbanen Raum zurück ist ungewohnt hart, denn so gut aufgehoben, hat man sich schon lange nicht mehr im Kino gefühlt.
Chefredakteur
Kann bei ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT mitsprechen / Liebt das Kino, aber nicht die Gäste / Hat seinen moralischen Kompass von Jean-Luc Picard erhalten / Soundtracks auf Vinyl-Sammler / Stellt sich gern die Regale mit Filmen voll und rahmt nur noch seine Filmposter


