Das Attentat (2020) – The Man Standing Next | Filmkritik

„Soldat und Revolutionär“

Man könnte meinen der Politthriller ist ein rein amerikanisches Filmgenre. Das hat vielerlei Gründe. Vor allem das komplexe und machtgesteuerte Sicherheitsgebilde: CIA, FBI, Secrets Service und dann kommen noch die ganzen verstreuten Polizei-Zuständigkeiten hinzu. Und all das im ständigen Wechselspiel der aktuellen Regierung und des Präsidenten. Aber die USA gibt auch eine geradezu theatralische Politikgeschichte dafür her (Ermordung der Kennedys, Watergate-Affäre und diverse internationale Kriege). Nun will ein Land, was seine Entwicklung auch dem amerikanischen Einfluss zu verdanken haben, einen Beitrag zum Politthriller stellen: Südkorea. Das noch sehr junge Land – Gründung 1948 nach der Besetzung der Amerikaner – hat aber auch einige Leichen im Keller, dem selbst heute noch weitere hinzugefügt werden. Man erinnere sich an den Korruptionsskandal der Präsidentin Park Geun-hye von 2016 (Wikipedia). In DAS ATTENTAT geht es aber um einen anderen Präsidenten Park. Nämlich um Park Chung-hee, der nach einem Militärputsch von 1961 bis 1979 Präsident war. Seine Regentschaft glich einer Diktatur. Wahlen waren zwar zugelassen, hatten jedoch keinerlei Wirkung. Park verdankte die 18-jährige Amtszeit seinem gewissenhaften Geheimdienst des KCIA, welcher aus treuen Offizieren, die mit ihm zusammen die Regierung 1961 absetzten, bestand. Aber dieses Vertrauen wird 1979 auf eine harte Probe gestellt.

© Capelight Pictures

Handlung

September 1979: Park Yong-gak (Kwak Do-won), der ehemalige Chef des südkoreanischen Geheimbundes, schreibt in den USA seine Memoiren, in denen Präsident Park (Lee Sung-min) der Korruption und Diktatur beschuldigt wird. Als dieser ankündigt damit an die Öffentlichkeit zu treten, wird Direktor Kim Kyu-Pyeong (Lee Byung-hun) in die USA entsendet, um seinen ehemaligen Freund und Chef zur „Vernunft“ zu bringen. Mit Geld und Drohungen gelingt es ihm, aber Park sät die ersten Zweifel in Kims Glauben an seinen Präsidenten. Es soll noch einen weiteren Geheimdienst geben, mit mehr Befugnissen und bezahlt aus der Korruptionskasse des Präsidenten. Wer könnte diesen anführen? Zuallererst fällt ihm sein größter Konkurrent am Tisch des Präsidenten ein: Kwak Sang-Cheon (Lee Hee-joon).

© Capelight Pictures

Auf den Spuren des Spionagethrillers

Seine filmgeschichtlichen Hausaufgaben hat DAS ATTENTAT gemacht. Die 1970er-Jahre werden perfekt in den Garderoben, Requisiten, Autos und Drehorten widergespiegelt. Es mutet ein bisschen seltsam an, Koreaner in Trenchcoat und Hut ein paar Akten auf einer Parkbank in Washington tauschen zu sehen, aber in dieser Zeit war Südkorea quasi das Adoptivkind der USA und somit kam es zu diesen westlichen Beziehungen. Wie es sich für einen Spionagefilm gehört, geht es im Drehbuch einmal um die Welt und so wurde nicht nur in Washington D.C. gedreht, sondern auch in Paris. Das läuft zwar alles sehr statistenarm ab, erfüllt jedoch seinen Zweck der internationalen Gewichtung dieses Falls. Der Film weiß auch immer wieder Spannung aufzubauen, sei es in einem unerwarteten Besuch des Präsidenten bei Direktor Kim mit einer Flasche Chivas Regal oder einem Mord, der von zwei Geheimdiensten gleichzeitig begangen werden will. DAS ATTENTAT ist übrigens der Film, in dem der meiste Whisky besagter Sorte geradezu runtergeschüttet wird.

© Capelight Pictures

Im Spiel von Licht und Schatten sowie eiskalten Agenten beweist der Film spätestens hier, dass er sich nicht als zweitklassiger Agentenfilm abspeisen lässt. Selbst das altbekannte Geräusch einer Schreibmaschine, wenn Orte, Zeiten und Namen in der Handlung eingeblendet werden, wirkt nie aufgesetzt.

The Man Standing Next

Neben einer aufwendigen Produktion, die zu keinem Zeitpunkt sparsam aussieht, sorgt vor allem die Besetzung dafür, dass es nie langatmig wird. Lee Sung-min gibt den südkoreanischen Präsidenten, der sich stets in einer Blase aus Informationen seiner Berater befindet. Der Alkohol hilft ihm bei der Abschottung und man wird das Gefühl nicht los, dass er sich auch hauptsächlich deswegen mit seinem Führungsstab trifft, um zu trinken. „Landesverräter“ Park wird von Kwak Do-won gespielt, den man seit THE WAILING wohl nicht mehr vergessen wird. Seine spielerische Mischung aus Faulheit, Lebemann und Kritiker findet auch in DAS ATTENTAT einen guten Platz.

© Capelight Pictures

Ein Film steht und fällt mit seiner Hauptrolle und Regisseur Woo Min-ho (THE DRUG KING) tat richtig daran, sie mit Lee Byung-hun zu besetzen. Lee kennen sicher viele Fans des asiatischen Kinos aus I SAW THE DEVIL (2010), A BITTERSWEET LIFE (2005) oder THE GOOD, THE BAD, THE WEIRD (2008). Aber auch zuletzt in ASHFALL (2019) konnte er zeigen, welch Wandlungsfähigkeit in ihm steckt. Neben Choi Min-sik einer der besten Schauspieler Koreas. Lee legt die Rolle des Direktor Kims ganz linear in seinem Verhalten über diese 40 Tage der Handlung an. Zu Beginn wirkt er noch wie eine Statue, die keinen Millimeter in seinen Ansichten zu weichen scheint, aber zum Ende findet immer mehr Bewegung in seinem Gesicht statt. So wird gerade er vom gewissenlosen treuen Soldaten zum leidenschaftlichen Revolutionär der eigenen Regierung. Wie Kim und der Konkurrent Kwak um die Gunst ihres Präsidenten kämpfen, wie zwei Sohne um die Anerkennung ihres Vaters, bringt die Unterhaltung über manch ereignislose Filmminuten. Aber diese mikroskopischen Änderungen im Spiel von Lee Byung-hun machen diesen Spionagethriller mit Musteraufbau zu einem echten Kinofilm.

© Capelight Pictures

Fazit

Zu Beginn denkt man noch eine koreanische Version der altbekannten US-Geheimdienstthriller zu sehen. Aber die kulturellen Eigenheiten und Traditionen Südkoreas finden ihren Weg in DAS ATTENTAT. Am Ende ist man begeistert von der fließenden Veränderung einer so loyalen Person hin zu einem ganz anderen Menschen. Eine südkoreanische Produktion, die wieder einmal beweist, dass sie es problemlos mit internationalen Projekten aufnehmen kann und sogar noch Interesse an Südkoreas Geschichte entfacht.

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewDas Attentat - The Man Standing Next (2020)
OT: Namsanui bujangdeul
Poster
Releaseab dem 14.08.2020 auf Blu-ray und DVD erhältlich.

Ihr wollt den Film bei Amazon kaufen?
Dann geht über unseren Treibstoff-Link:
RegisseurWoo Min-ho
Trailer
BesetzungLee Byung-hun (Kim Kyu-Pyeong)
Sung-min Lee (Präsident Park)
Do-won Kwak (Park Yong-gak)
Hee-joon Lee (Kwak Sang-Cheon)
So-jin Kim (Deborah Shim)
Jerry Rector (U.S. Botschafter in Südkorea)
DrehbuchWoo Minho
Lee Ji-min
RomanvorlageNach dem Roman NAMSANUI BUJANGDEUL
KameraGo Rak-sun
FilmmusikYoungwook Cho
Filmlänge114 Minuten
FSKab 16 Jahren

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.