Darling (2015) – Filmkritik

Gleich zu Anfang möchte ich betonen, dass DARLING beileibe kein einfacher Film ist. DARLING wirft alle bekannten Muster des Genres über den Haufen, tritt sie mit Füßen und errichtet auf den Trümmern eine neue Sicht der Dinge. Es ist kein Unterhaltungs-Horror wie zum Beispiel INSIDIOUS (2010) oder THE CONJURING – DIE HEIMSUCHUNG (2013). DARLING ist ein Film, den man erfühlen muss und das am besten mehrmals und in Ruhe. Was der relativ unbekannte Regisseur Mickey Keating hier auf die Leinwand zauberte, lässt sich am ehesten mit Roman Polanskis Meisterwerken EKEL (REPULSION, 1965), DER MIETER (LE ROCATAIRE, 1976) und ROSEMARIES BABY (1968) vergleichen. Unter anderem auch, weil zahlreiche Anleihen und Zitate aus diesen Filmen in DARLING verpackt sind. Aber Keating kopiert nicht etwa nur die großen Vorbilder. Er bezeugt kurz seinen Respekt vor ihnen, nur um anschließend konsequent sein eigenes Ding durchzuziehen.

© Splendid Film

Inhalt

Die junge Darling (Lauren Ashley Carter) nimmt einen Job als Haushüterin an. Am ersten Tag bekommt sie von einer Frau genaue Anweisungen, die nur als Madame, gespielt von Sean Young (keine geringere als Replikantin Rachael aus BLADE RUNNER) bezeichnet wird. Madame erzählt ihr auch von den Geistergeschichten, die sich um das alte Haus ranken und vom Selbstmord ihrer Vorgängerin. Im ersten Rundgang Darlings durch das leere Haus findet sie unter anderem eine seltsame, verschlossene Tür am Ende eines kleinen, engen Gangs vor. Auf telefonische Nachfrage bei Madame erfährt Darling, dass weder die Tür, noch das Zimmer dahinter, sie nichts angehe und alles immer verschlossen sein muss. Schließlich gibt es im Verlauf des Films noch eine schicksalshafte Begegnung auf der Straße zwischen Darling und einem fremden Mann. Diese Begegnung lässt längst vergessen geglaubte Dämonen aus ihrer Vergangenheit wieder erwachen. Langsam und Stück für Stück gerät sie tiefer in den Bann des uralten Gebäudes und der Wahnsinn nimmt seinen tödlichen, unaufhaltsamen Verlauf.

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„Das Haus wird sich um Sie kümmern.“

Die erste, besondere Auffälligkeit an DARLING ist die Wahl des Filmmaterials. Mickey Keating hat sich für Schwarz-Weiß entschieden, was eine sehr gute Entscheidung war. Durch diese Besonderheit wird der konsequente Verfall der kranken Psyche von Darling, wie auch die alptraumhafte Atmosphäre, die im Inneren des Hauses herrscht, Bild für Bild intensiviert. Die elegische Ruhe der Story ist bedrückend, fast schon erdrückend. Dazu passt auch die sehr bedachte Kameraführung, die das Geschehen nur begleitet, aber niemals bewertet oder gar verurteilt, was zweifellos einen David Lynch begeistert hätte.

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Es gibt Szenen und Momente in denen vor der Kamera fast nichts passiert, aber aus dem Off Geräusche zu vernehmen sind. Einige der fantastischen Aufnahmen erinnern gar an ein Stillleben. DARLING ist das komplette Gegenteil zu den heute so üblichen schnellen Kamerafahrten und hektischen Schnittfolgen. Dagegen ist der Klangteppich eher zurückhaltend, im Gegensatz zum Score, der sich mehr an Darlings Geisteszustand orientiert. Der Kontrast von Heavy-Metal-Stücken und klassischen Werken ist brutal, aber perfekt mit den Ereignissen auf der Leinwand abgestimmt. Eine weitere Auffälligkeit gegenüber dem Mainstream dürfte die Tatsache sein, dass es in DARLING nur sehr wenige Dialoge gibt. Dafür sprechen die Bilder eine deutliche Sprache: Durch sie wird diese Geschichte nicht nur transportiert, sondern eindrucksvoll entblättert.

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„Man fällt von einer Sünde in die andere.“

Immer wieder begegnen uns Bilder einer großen, kalten Stadt, in der der Film spielt. Wir erahnen zu Beginn die Isolation unserer Protagonistin und die Furcht vor dem Leben. Sie hat panische Angst vor Menschen, zeigt ihre Einsamkeit und auch Unsicherheit. Zum Ende hin verändern sich diese Bilder. Darlings Welt gerät nun unwiderruflich aus den Fugen. Ebenso verstörend wie schockierend sind ihre Alpträume und Visionen, die überfallartig auf sie und somit auch auf den Zuschauer einprasseln. Nur für Sekundenbruchteile blitzen Bilder des Schreckens auf. Das reicht aber aus, um uns den ganzen Horror darzulegen, der sich im inneren und äußeren Kosmos der Protagonistin Darling und dem Antagonisten, dem Haus, abspielt.

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Die seltsamen Vorfälle stoßen wiederholt bruchstückhafte Erinnerungen an, die Darling mit ihrer schrecklichen Vergangenheit konfrontieren. Eine Vergangenheit, von der sie glaubte, hinter sich gelassen zu haben. Zu Beginn erschien uns Darling als ein Mensch, der soziale Kontakte und Menschen meidet, weil sie sich in ihrer Nähe unwohl, gar krank fühlt. Doch als wir die ersten Narben auf Darlings Körper erspähen, kommt eine Ahnung in uns auf, dass noch mehr hinter ihrem Wahnsinn stecken muss. Stück für Stück erfährt nicht nur der Zuschauer von einer Vergewaltigung, sondern auch für Darling kriecht die Erinnerung an dieses grauenhafte Erlebnis zurück in ihr Bewusstsein, dass ihr Leben komplett zerstörte. Nun erklärt sich auch die Angst vor Männern im Allgemeinen und dem unbekannten Mann auf der Straße. Da ist dann ja auch noch das verschlossene Zimmer und das strikte Verbot, dort hinein zu gehen. Das alles kommt uns doch sehr bekannt vor z. B. ELIZABETH HARVEST (2018) und natürlich Stanley Kubricks SHINING (1980). Es liegt in der Natur des Menschen, dass Verbote und vor allem verschlossene Räume unsere Fantasie beflügeln, sowie das Verlangen zu sehen, was denn dahinter verborgen ist. Übrigens, die verschlossene Tür kann auch sehr gut als Metapher für Darlings Verstand herhalten. Für den Teil ihrer Vergangenheit, den sie glaubte überwunden oder gar vergessen zu haben.

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3 kleine Hinweise aber keine Spoiler

Ein paar kurze Hinweise möchte ich dem interessierten Leser mit an die Hand geben, in der Hoffnung, dass sie zu einem verständlicheren Bild des Ganzen führen mögen: Nummer eins wäre der Spiegel, den habe ich schon ausführlich in meiner SHINING Besprechung erklärt, somit verweise ich für weitere Infos an diesen Artikel.

Der nächste Hinweis wäre der Schmetterling, den wir mehrfach im Film zu sehen bekommen. Der Schmetterling ist ein sehr altes Symbol für die Seele des Menschen. Das Christentum verleibte sich dieses Symbol ein und machte daraus die Liebe Gottes zum Menschen. Der Schmetterling steht aber auch für die Unsterblichkeit der Seele. Weiterhin symbolisiert er aufgrund seiner kurzen Lebensdauer die Vergänglichkeit von Schönheit und Liebesglück, wie auch der Eitelkeit. Außerdem steht er für einen bedeutenden Wechsel bzw. Veränderung im Leben des Sehenden.

Dann wäre da noch der Tintenfisch oder Oktupus den wir mehrmals auf Darlings Nachttisch bemerken. Er steht zum einen für den Wunsch nach Freiheit und Unabhängigkeit. Weiterhin symbolisiert er den drängenden Wunsch nach absoluter Kontrolle über eine bestimmte Situation oder einen Menschen.

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Fazit

Mickey Keatings elaborierte Art diese komplexe Story zu erzählen überzeugt, ebenso der beeindruckende Soloauftritt von Lauren Ashley Carter, die diesen kranken, alles verschlingenden Wahnsinn ihres Charakters mit einer Wucht spielt, dass einem der Atem stockt. DARLING ist eine Symphonie des Grauens, von einer Welt, die sie sich selbst geschaffen hat: düster, hoffnungslos, blutig, ohne jede Gnade und keine Chance auf eine Flucht. Wieder einmal zeigt uns ein kleiner Film, dass es nicht viel für einen guten und überzeugenden Horror-Abend braucht. Aber DARLING fordert auch sehr viel vom Zuschauer, Mitdenken ist angesagt. Das Ende, so viel sei verraten, erklärt nichts. Ganz im Gegenteil, er lässt mehrere Deutungen und Möglichkeiten für eine Interpredation zu, was für reichlich Diskussionsstoff sorgen sollte.

© Stefan F.

Titel, Cast und CrewDarling (2015)
Poster
Releaseab dem 29.09.2017 auf Blu-ray und DVD

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RegisseurMickey Keating
Trailer
BesetzungLauren Ashley Carter (Darling)
Sean Young (Madame)
Brian Morvant (The Man)
Larry Fessenden (Officer Maneretti)
John Speredakos (Officer Clayton)
Al-nisa Petty (Miss Hill)
Helen Rogers (New Girl)
DrehbuchMickey Keating
KameraMac Fisken
MusikGiona Ostinelli
SchnittValerie Krulfeifer
Filmlänge78 Minuten
FSKab 18 Jahren

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