Crying Freeman – Der Sohn des Drachen | Blu-Ray-Release

„Anmut und Explosivität“

Ein junger Mann, er könnte ein Sohn von Bruce Lee sein, steht auf dem Gipfel eines im Wald erbauten Tempels und zieht sein Schwert. Die Klinge ist die eines Samurai, mehrfach gehärteter Stahl in Handarbeit. Er schwingt die tödliche Verlängerung seiner Extremitäten und streckt athletisch seine zahlreichen Gegner nieder. Einer nach dem anderen fällt in Zeitlupe dem Schwert des Freeman zum Opfer. Der grüne Waldboden färbt sich blutrot… eine Träne fließt dem Freeman die rechte Wange hinunter – ein Augenblick brutaler Anmut, ein ganz besonderer Moment, wie ich ihn im Kino von Heute immer vergeblicher suche.

© TURBINE CLASSICS

Der Macher

Christophe Gans hat im letzten Vierteljahrhundert gerade einmal vier Spielfilme gedreht. Verzeiht mir bitte diese dimensionale Überbetonung, aber es hätten meiner Meinung nach gerne doppelt so viele sein dürfen. Denn Gans ist ein visueller Meister, ein Bilderpoet des jüngeren Kinos.
Mit jungen Jahren liebte er bereits das Kino, verschlang Filme, studierte aber auch intensiv die Popkultur bzw. counter culture, wie als Dreißigjähriger Anfang der 1990er vorrangig Videospiele und Manga. Gans ist immer noch relevant, aber man muss kurz explizit über ihn schreiben, da er leider zu wenig Output als Regisseur geliefert hat. Viele kennen seine Filme PAKT DER WÖLFE (LE PACTE DES LOUPS, 2001) mit Vincent Cassell und Monica Bellucci, die gelungene Videospielverfilmung SILENT HILL (2006) oder zuletzt seine Adaption von DIE SCHÖNE UND DAS BIEST (LA BELLE ET LA BȆTE, 2014), wieder mit Cassell und dazu mit der wunderbaren Léa Seydoux, die seit BLAU IST EINE WARME FARBE (2013) zu meinen Lieblingsdarstellerinnen zählt. Die Handvoll Filme des international umtriebigen Franzosen waren nie übermäßig erfolgreich, doch bestanden sie recht gut in den Mühlen der Industrie. PAKT DER WÖLFE, bei dem auch Mark Dacascos aus CRYING FREEMAN wieder mitspielte, wurde schließlich zu einem Kultfilm in Frankreich.

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Gansʼ Einfluss schließt besonders die südostasiatische Filmkultur mit ein, die kurz vor der Produktion zu CRYING FREEMAN – DER SOHN DES DRACHEN (1995) einen internationalen Boom erlebte, der seinesgleichen suchte: Japan, Hong Kong, Kantonesisches Kino – vieles wurde Anfang der 1990er umfangreich und innerhalb kurzer Abstände auf Laserdisc veröffentlicht und war bei asiatischen Videomärkten in aller Welt ein Verkaufsschlager. Doch vor allem sind Gansʼ eigene filmische Expositionen künstlerisch erhaben. Mit Ausnahme des leidenschaftlichen Subtextes, dass jedes seiner Werke eigentlich eine Lovestory ist, gleicht keines optisch dem anderen. Jeder seiner Filme ist visuell beeindruckend, ja, und man erkennt darin auch eine gewisse Handschrift des Regisseurs, doch ist jeder einzelne durchaus einzigartig.

CRYING FREEMAN erstmals auf Blu-ray 

Grund genug, mit Nachdruck auf die aktuelle, wichtige Veröffentlichung von Turbine hinzuweisen, die Gansʼ internationalen Durchbruch, eigentlich seinen ersten großen Film überhaupt, CRYING FREEMAN, erstmalig hierzulande auf Blu-ray herausgebracht haben.
CRYING FREEMAN beginnt – und durchzieht sogleich das komplette Filmerlebnis – mit sinnlichen Bildern. Bereits während des von SPARX damals höchst innovativ gestalteten Vorspanns tastet die Kamera einen muskulösen, aber nicht auf Masse definierten Oberkörper eines jungen Mannes ab. Dieser Body gehört dem in Hawaii geborenen Marc Dacascos, der ebenso wie sein Regisseur mit diesem Film den internationalen Durchbruch feierte. Entlang Dacascosʼ Rücken und Brust liegt ein faszinierender Schatten in Form eines Drachentattoos auf seiner Physis, der sich bald, zunächst durch phototechnischen Trick und anschließend CGI, über seinen Körper bewegt. Sein Tattoo, Teil der Ideologie des von ihm im Film gespielten Auftragskillers, spiegelt das Bild des Drachen wider, der als Geheimorganisation im Film eine zentrale Rolle spielt, und dem Yo, so der Name des von Dacascos verkörperten Freeman, entfliehen will.

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Es muss Liebe sein

Die Liebe zu einer unschuldigen, außenstehenden jungen Frau (Julie Condra) bewirkt einen tiefgreifenden Sinneswandel von Yo bereits zu Beginn des Films und stellt uns den professionellen Killer als überraschend sensible und auch sympathische Figur vor. (Ein bisschen hat mich das bei erneutem Ansehen an Jean Renos Léon in Luc Bessons gleichnamigem Film erinnert.)

„Ich bin das erste Mal seit zwanzig Jahren nicht allein.
Ich bin jemandem begegnet, einem Mann… einem Killer.
Er wird mich schon bald töten.“ – Emu OʼHara im Film

Was dem bereits halluzinatorischen Auftakt folgt, ist die spektakuläre Verfilmung der gleichnamigen Manga-Reihe (1986-88), deren Essenz Gans gekonnt in voluminöse, räumliche Bilder zu tauchen vermag. Entlang verschiedener Schlüsselszenen, deren Figuren oftmals mit nur wenigen aussagekräftigen Augenblicken eingeführt werden, entspinnt sich ein Actionfeuerwerk und gleichermaßen eine geradezu esoterische Reise durch die Seelen der Figuren. Yo wird dabei entsprechend der gezeichneten Vorlage von einem Partner begleitet, dessen Aufgabe jedoch, so wird dies auch durchgehend visualisiert, sich vorrangig auf die Sicherstellung des Freemans Überzeugung und Erfolg aus dem Hintergrund konzentriert. So ist Yo gleichzeitig ein Beschützer und kontrollierender Beobachter, gespielt von Byron Mann, zur Seite gestellt, der vorrangig die Ehre der „Söhne des Drachen“ im Blick hat. In weiteren Nebenrollen sind u.a. Tchéky Karyo (NIKITA, DOBERMANN) und Makoto Iwamatsu (Magnum, Das A-Team, CONAN DER BARBAR) zu bestaunen.

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Aller fünfzehn Minuten explodiert der Bildschirm dank perfekt choreografierter Action-Sequenzen, die im Laufe des Films alle Arten von Waffen bedienen. Die Leute der Pyrotechnik- und Stuntabteilung, der perfekt getimte Schnitt wie auch die Kameraarbeit von Thomas Burstyn (THIS WAY OF LIFE, 2009) liefern erstklassige Ergebnisse. So wird CRYING FREEMAN zum einen die Zeit als mustergültiger Actionfilm der 1990er überdauern, bei dem noch ganz viel Wert auf Handarbeit gelegt wurde. Doch gerade die besondere emotionale Seite des Films macht ihn schließlich über Genrekonventionen erhaben und verleiht ihm das zuvor angesprochene Prädikat „einzigartig“. Symbolisch für die besondere Stimmung und Qualität des Streifens steht das handgemalte Porträt von Yo, vor dem in wiederholter Szene zu Anfang und Ende von CRYING FREEMAN eine Wasserfontäne emporschießt und das Antlitz unseres verewigten Helden mit feinen, klarsichtigen Tropfen besprenkelt, die wie Tränen unter seinen Augen abfließen. Die zwei Seiten von Yo, dem eiskalten Killer, der dennoch hingebungsvolle Liebe verspürt, werden auch auf dem gelungenen Artwork der Heimkino-Veröffentlichung eingefangen.


limitierte Releases von Turbine

Details zur aktuellen Heimkino-Veröffentlichung

Turbine liefern mit ihren Mediabook– und Steelbook-Varianten von CRYING FREEMAN zunächst einmal ein messerscharfes, sauber restauriertes Bild, dank dem der Film in seiner besonderen Wirkung vollends überzeugen kann. Gansʼ Werk ist ein visuell betörendes Werk über Licht und Schatten sowie die diversen farblichen Nuancen dazwischen, und das wird im HD-Bild der Blu-ray perfekt wiedergegeben. Der Ton liegt in Deutsch und Englisch jeweils sowohl in DTS HD 5.1 und Stereo vor. Als Extras (insgesamt 165 Min.!) warten Audiokommentar, Archivinterviews, retrospektive Interviews mit Gans und Dacascos (je über eine halbe Stunde), Making-ofs über Gestaltung, Einflüsse, Schnitt und vieles, vieles mehr. Alles in allem ist das ein hochqualitatives, vollgepacktes Paket, das man sich als Sammler nur wünschen kann.

Fazit

Der Sohn des Drachen ist anmutig wiederauferstanden – und auch wenn es bis heute keine Fortsetzung dieses Action-Meisterstücks gibt (bei dessen Ende würde sich dies mehr als anbieten), freuen wir uns sehr, ihn in nunmehr berauschender Qualität bestaunen zu dürfen.

Titel

Crying Freeman - Der Sohn des Drachen (1995)
OT: Crying Freeman

Regisseur

Christophe Gans

Poster

Crying Freemann Kinoposter

Veröffentlichung

Limited Edition im Mediabook & Steelbook (Blu-ray und DVD) von Turbine - Im Rakete-Shop kaufen

Auflage Mediabook

Steelbook 1.500 Stück
Mediabook Cover A "Dragon" auf 1.500 Stück
Mediabook Cover C "Cast" auf 1.000 Stück

Schauspieler

Mark Dacascos (Yo Hinomura / Freeman)
Julie Condra (Shudo Shimazaki)
Byron Mann (Koh)
Eliza Roberts (Mindy Binerman)
Tom Alvich (Torn Cop)

Trailer

Comicvorlage

Nach dem Comic "Crying Freeman" von Kazuo Koike und Ryoichi Ikegami

Drehbuch

Christophe Gans
Thierry Cazals

Kamera

Thomas Burstyn

Musik

Patrick O'Hearn

Schnitt

Christopher Roth
David Wu

Technische Daten der Blu-ray

Ton: Deutsch und Englisch - DTS-HD Master Audio 5.1 & 2.0 Stereo
Bild: 2,35:1 (1080p/24 Full-HD)
Untertitel: Deutsch, Englisch
Laufzeit: 105 min + ca. 165 min Bonusmaterial
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