Crawl (2019) – Filmkritik

„Ein perfekter Titel“

Gleich zu Beginn führt uns CRAWL sehr schlau in eine der tieferen Bedeutungen seines Filmtitels ein. Wir starten zusammen mit Haley (Kaya Scodelario, PIRATEN DER KARIBIK: SALAZAR´S RACHE, MAZE RUNNER) in einen Schwimmwettkampf an ihrer Universität. Sie wird gleich um ihren Verbleib in der Schwimmstaffel „kraulen“. Dass es hier um mehr als um die Verlängerung ihres Stipendiums geht, weiß sie kurz vor dem Sprung ins Hallenbecken noch nicht. Bereits in dieser Eröffnungsszene lernen wir all die Eigenschaften an ihr kennen, die sie später in unterschiedlichen Variationen immer wieder zeigen muss, um zu überleben. Neben einem athletischen Körper ist sie fokussiert, kämpferisch und hat eine hohe Frusttoleranz. Die knappe Niederlage beim finalen Anschlag ist gleich zu Beginn die perfekte Vorbereitung auf ihr kommendes Abenteuer.

Non scholae, sed vitae discimus  – Wir lernen nicht für die Schule, sondern für das Leben.

Nur so wird sie beim nächsten Wettkampf ihre überlebenswichtigen Kraftreserven für den alles entscheidenden Schlusssprint freisetzen können.

Kaya Scodelario // © Paramount Pictures

Als wäre der Tag noch nicht schlecht genug gestartet, erfährt Haley von ihrer Schwester (Morfydd Clark) via Handy, dass ihr gemeinsamer Vater (Barry Pepper, THE GREEN MILE) schon länger nicht mehr auf ihre Anrufversuche antwortet. Nachdem die Eltern sich getrennt haben, bedroht nun auch noch ein Hurrikan das ehemalige Familienhaus, in dem ihr Vater nun allein und zurückgezogen lebt. Spontan entschließt sich daraufhin Haley, nach längerer Vater-Tochter-Funkstille, zu ihm zu fahren. Mutig fährt sie tief ins Herz des aufziehenden Sturms und findet ihn schließlich schwer verletzt im schlammigen Keller ihres alten Familienhauses. Doch neben dem steigenden Regenwasser droht in dieser klaustrophobischen Szenerie noch eine weitere „kriechende“ Gefahr. Regen und angrenzende Sümpfe sind keine gute Kombi, um die eigentlichen Ur-Einwohner Floridas auf Abstand zu halten: hungrige Alligatoren. Ab dann lernen wir noch einmal alle Bedeutungen des Wortes CRAWL sehr bildhaft kennen: kriechen, robben, schleichen, rutschen, schleimen, schwänzeln und wieder: kraulen

Kaya Scodelario // © Paramount Pictures. Photo Credit: Sergej Radovic.

Der Film

Die, für 13,5 Mio. US-Dollar größtenteils in Serbien gedrehte amerikanisch, kanadische Co-Produktion (Sam Raimi war mit im Produzenten-Team), macht gemessen an ihrem relativ geringen Budget sehr vieles richtig. Regisseur und Co-Autor Alexandre Aja (HIGH TENSION, PIRANHA 3D) erzählt seine simple Geschichte erfrischend knapp und effektiv in 88 Minuten. Das ist im Vergleich zu zeitlich immer aufgeblasener daherkommenden No-Brainern à la FAST & FURIOUS: HOBBS & SHAW (2 Std. 17min.) eine echte Wohltat. Nach der wirklich klug geschriebenen und mitfühlend inszenierten Exposition kann sich Aja nun voll auf die weitestgehend humorfreie Kernhandlung konzentrieren. Schnell ist klar um was es geht und welche Hürden zu überwinden sind. Und das wird von Anfang bis Ende konsequent und mit knochentrockener Body-Horror-Würze erzählt. Das was da passiert fühlt sich echt und spürbar schmerzhaft an. Ohne Pathos und irrelevante Nebenschauplätze konzentriert sich Aja voll auf das was der Film soll: unterhalten. Und das gelingt außerordentlich gut.

Kaya Scodelario // © Paramount Pictures Photo Credit: Sergej Radović.

Die Hauptfigur

Mit seiner überzeigend entwickelten, weiblichen Hauptfigur, ihrer sehr menschlichen Inszenierung und der starken Darstellung durch Kaya Scodelario, schafft er die ideale Identifikationsfigur für ein auf wenige Handlungsorte und Figuren reduziertes Horrorbrett. Hier haben wir es endlich mal mit einer weitestgehend logisch handelnden Heldin zu tun. Gerade weil sie clever agiert und mal kein zum Himmel schreiendes Dummchen ist, reißt einen ihr häufiges Scheitern und ihr Stehauf-Kampfgeist wirklich mit. Dadurch gelingen Aja tatsächlich überraschende und geradlinig gebaute Schockmomente. In der Kombination aus stimmiger Figurenzeichnung und authentischer Darstellung kann sich Scodelario´s Haley selbstbewusst in der Riege unfreiwilliger Action-Amazonen zwischen Ellen Ripley (Sigourney Weaver in ALIEN) und Katniss Everdeen (Jennifer Lawrence, DIE TRIBUTE VON PANEM) einreihen.

Kaya Scodelario // © Paramount Pictures Photo Credit: Sergej Radović.

Eine Familiengeschichte

Wie es sich für einen guten Horrorfilm gehört, führt auch in CRAWL eine schicksalhafte Extremsituation die Protagonisten zusammen und lässt sie ihre lange unausgesprochenen Beziehungsprobleme aus dem Weg räumen. Es ist im Kern die Geschichte einer auseinandergebrochenen Familie und eines Kampfes um ein verlorengegangenes Zuhause. Das im Regen versinkende und von Alligatoren okkupierte Haus wird so zu einem Sinnbild eines Verfalls der klassischen Familie. Am Ende müssen sie das zerstörte Konstrukt von Familie hinter sich lassen und aus den Trümmern einen anders definierten Neuanfang entwickeln. Der totale Verlust wird so zu einer kathartischen Zäsur und einer Chance auf bessere Zeiten.

Barry Pepper and Kaya Scodelario // © Paramount Pictures

In einem sehr schön geschriebenen und überzeugend gespielten Dialog zwischen Vater und Tochter, zeigt sich ein Drama, dem sich auch schon andere Familien nicht entziehen konnten. Nachdem die Kinder aus dem Haus sind, haben sich die einstmals Liebenden nichts mehr zu sagen. Die Mutter verlässt den depressiven Vater, da er mit dem Weggang seiner Töchter, besonders dem der jüngeren Haley, seinen Lebensmittelpunkt verloren hat. Als ihr immer verständnisvoller Vater und Schwimmtrainer war er nicht nur ihr Held, sondern sie auch sein „Projekt“, bei dem er seine einstmals eigene Stärke weitergeben konnte. Am Ende muss die Tochter ihm dann unter extremen Bedingungen beweisen, wie nachhaltig sie sein Training auf das Leben jenseits seiner Obhut vorbereitet hat. So muss sie schließlich nicht nur sein Leben, sondern auch seine Seele retten.

Kaya Scodelario and Barry Pepper // © Paramount Pictures Photo Credit: Sergej Radović.

Die Umsetzung

Das geringe Budget macht sich leider gerade bei den Alligatoren immer mal wieder bemerkbar. Da sich Aja nicht scheut seine „Bösewichte“ in voller Größe zu zeigen, muss man schon das ein oder andere Mal so tun als habe man nicht bemerkt, dass sie nicht von einem der Top-Special-Effect-Schmieden animiert wurden. Besonders die Oberflächenbeschaffung der Reptilienköpfe kann nicht immer ganz mit den sonst eher handgemachten Tricks und dem sehr authentisch gebauten Production-Design mithalten. Gerade in der „Unterwelt“ des Hauses erleben wir wirklich greifbar Zerfall und Zerstörung. In der Kombination aus „echt“ und animiert kommt der Film immer wieder an sichtbare Grenzen.

Barry Pepper and Kaya Scodelario // © Paramount Pictures Photo Credit: Sergej Radović.

Doch das ist angesichts einer sonst sehr wirkungsvollen Inszenierung von CRAWL zu verkraften. Besonders in der Verknappung und Komprimierung von, für die Handlung relevanten, Fakten zeigt Aja sein großes Können als Filmregisseur. Alles was wir sehen, hat eine Bedeutung für die Geschichte. Kleine Details im Hintergrund oder während eines Kameraschwenks durch das Haus, zeigen uns das Fundament dieser nicht mehr existierenden Familie. Handgemalte Maßeinheiten am Türrahmen mit den unterschiedlichen Größen der heranwachsenden Töchter sagen mehr aus, als lange Dialoge über vergangene Episoden in der Familiengeschichte. Ergänzt durch effektiv eingesetzte Rückblenden erhält der Film so seinen emotionalen Hintergrund für die voran schnellende Handlung.

Kaya Scodelario and Barry Pepper // © Paramount Pictures

Zusammen mit seinem belgischen Stammkameramann Maxime Alexandre (HIGH TENSION, MANIAC, THE NUN) gelingen Aja sehr wirkungsvolle Bilder und Actionsequenzen. Die bewusste B-Film-Ästhetik gibt einem noch mehr das Gefühl, dass hier ganz viel von Hand und mit sehr viel Herzblut gearbeitet wurde. Mit viel Mut für Atmos und Geräusche ist die eher sparsam eingesetzte, zweckdienliche Musik / Sound-Untermalung des Komponisten Duos Max Aruj und Steffen Thum ein Beweis dafür, dass ein Film nicht durchgängig musikalisch beschallt werden muss. Beim Abspann hören wir, wie oft bei Horrorfilmen, einen konträr gesetzten Song, der allein durch seinen Text den Film ironisch kommentieren soll. Das reißt einen ziemlich abrupt aus dem gerade erlebten Horror heraus. Nun dürfen wir wieder lachen.

Kaya Scodelario // © Paramount Pictures. Photo Credit: Sergej Radović.

Fazit

Bis auf die Tatsache, dass die Figuren in diesem Film trotz übelster Verletzungen an Armen und Beinen immer noch flink genug vor den kraftstrotzenden Urzeitechsen flüchten können, ohne ständig wegen immensen Blutverlusts das Bewusstsein zu verlieren, kommt CRAWL recht realistisch und glaubhaft daher. Mit seinen gut getimten Actionmomenten und prägnant gesetzten Ruhepunkten entwickelt der Film bis zu seinem dramatischen Finale einen überzeugenden Handlungsbogen, der nicht mehr sein will als er ist.

Barry Pepper // © Paramount Pictures Photo Credit: Sergej Radović.

Mit einigen ordentlichen Schockmomenten und Spannungsspiralen macht CRAWL dem Subgenre Reptilienhorror alle Ehre. Auch wenn er es weder mit seinen beiden australischen Verwandten, dem verstörend realistischen BLACK WATER (Regie: Andrew Traucki, David Nerlich) und dem wirklich monströsen ROGUE (mit Rhada Mitchel und Sam Worthington, Regie: Greg Mc Lean), beide von 2007, sowie dem amerikanisch schwarzhumorigen LAKE PLACID (mit Bill Pullman, Regie: Steve Miner, 1999) in Sachen realistische Darstellung der Krokodile aufnehmen kann, besticht CRAWL mit einer ganz eigenen Note. Die Attraktion des Films ist eindeutig Hauptdarstellerin Kaya Scodelario, von der wir hoffentlich noch weitere, anspruchsvolle Auftritte in Zukunft sehen werden. Sie ist Gesicht und Herz dieses im positiven Sinne einfach gestrickten Horrorfilms.
Wer sich an einem verregneten Spätsommertag mal für knapp 90 Minuten gepflegt eine Runde fürchten und recht unsentimental eine Familientherapie der besonderen Art miterleben möchte, ist in diesem, trotz Dauerregens, staubtrockenen und wirklich spannend erzählten Alligator-Horror im Kino genau richtig.

© Andreas Ullrich

Titel, Cast und CrewCrawl (2019)
Poster
Releaseab dem 22.08.2019 im Kino
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RegisseurAlexandre Aja
Trailer
BesetzungKaya Scodelario (Haley)
Barry Pepper (Dave)
Morfydd Clark (Beth)
Ross Anderson (Wayne)
Jose Palma (Pete)
George Somner (Marv)
Anson Boon (Stan)
Ami Metcalf (Lee)
DrehbuchMichael Rasmussen
Shawn Rasmussen
KameraMaxime Alexandre
MusikMax Aruj
Steffen Thom
SchnittElliot Greenberg
Filmlänge87 Minuten
FSKab 16 Jahren freigegeben

Ein Gedanke zu “Crawl (2019) – Filmkritik

  1. Mir wäre spontan überhaupt kein Film im Bereich Reptilien-Horror eingefallen. Hört sich aber an, als könnte sich das mal für den nächsten Kino-Besuch vormerken. 🙂

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