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Come On, Come On (2021) – Filmkritik

Unsere Zeit ist geprägt von Informationen und Meinungen. Aber die Fähigkeit über unsere Gefühle zu sprechen, haben wir irgendwie verloren. Vielleicht ist es so eine gesellschaftliche Voraussetzung, damit man in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen werden darf. Als Kind oder Jugendlicher sind die Emotionen viel klarer und auch leichter auf ihre Ursprünge zurückzuführen. Als Erwachsener sind Dinge wie Trauer in der Öffentlichkeit zeigen, Ängste zugeben oder Liebe gestehen nicht gern gesehen. Das Funktionieren in der Arbeitswelt oder in bestimmten Rollen, wie zum Beispiel als Eltern, steht immer vor den eigenen Wünschen und Emotionen. COME ON, COME ON (C’MON C’MON) zeigt in ehrlichen Schwarzweiß-Bildern die Beziehung einer kleinen Familie und setzt dafür einen tollen Rahmen aus Interviews mit Kindern zu ihren Hoffnungen und Wünschen, so dass man am liebsten selbst wieder zu dieser Unschuld zurückkehren möchte und sich mit seinen Gefühlen versöhnen will.

© DCM

Handlung

Die jungen Träume und Hoffnungen stehen im Mittelpunkt von Johnnys (Joaquin Phoenix) Radioprojekt. Er reist mit einer Kollegin durch die USA und befragt Kinder und Jugendliche was sie vom Leben erwarten, was ihre Stärken sind oder was sie ihren eigenen Eltern beibringen würden. Als Johnny am Todestag seiner Mutter bei seiner Schwester Viv (Gaby Hoffmann) anruft, erzählt sie, dass ihr Ehemann wieder unter starken bipolaren Störungen leidet und sie sich kaum um ihren 9-jährigen Sohn Jesse (Woody Norman) kümmern kann. Johnny hilft aus und fliegt von New York nach Los Angeles, um für ein paar Tage als Onkel auf seinen Neffen aufzupassen, während Viv für Ehemann Paul in Oakland versucht einen Therapieplatz zu bekommen. Neffe Jesse ist jedoch manisch veranlagt und lebt mit besonders starken Emotionen, was es mit ihm nicht immer leicht macht. Johnny und Jesse raufen sich trotzdem zusammen und beide bekommen sogar die mütterliche Erlaubnis, für ein paar Tage nach New York bzw. für die Radio-Interviewreihe nach New Orleans zu fliegen.

Woody Norman, Gaby Hoffmann Photo by Tobin Yelland // © DCM

Das Leben

Auch wenn COME ON, COME ON mit den Bildern in Schwarzweiß erst einmal auf Distanz zu uns geht, gelingt es den Schauspielern schnell uns am Leben ihrer Figuren teilhaben zu lassen. Die Wohnungen sind realitätsnah mit persönlichem Krempel voll, die Klamotten bequem und die Bettdecken nicht zusammengelegt. Die Städte wie New York, Los Angeles, New Orleans oder Oakland werden in ihren Skylines gezeigt, die mit der gängigen Postkartenromanik wenig zu tun haben. L.A. zeigt sich permanent im Verkehrsstau, New Orleans mit gigantischen Containerschiffen und New York in ruppigen Kulissen. Vor allem die Außenaufnahmen erinnern an die glorreichen Zeiten der Straßenfotografie, als man noch das Leben dokumentieren durfte, ohne wegen verletzter Persönlichkeitsrechte verklagt zu werden.

Photo by Julieta Cervantes © DCM

Die große Stärke des Films von Mike Mills (BEGINNERS, JAHRHUNDERTFRAUEN) ist das organische Verknüpfen von verschiedensten, meist alltäglichen Dingen, wie Telefonaten, Momentaufnahmen von Onkel und Neffe, der Rückblick zur sterbenden Mutter, das Vorlesen aus Büchern und die tollen Interviews mit den Kindern. Diese jungen, frischen und ehrlichen Aussagen sind der Showrunner von COME ON, COME ON. Es macht einfach Spaß ihren Antworten zuzuhören, die völlig unerwartet tiefgründig oder punktgenau ausformuliert sind. Hinzukommt Jesse, der manchmal im Rausch seiner Emotionen unerwartete Dinge tut bzw. ihn eine einfache Bemerkung in ein völlig anderes Gefühl stürzt. Onkel Johnny kommt mehr oder minder damit zurecht, aber weil er nach einer langjährigen Beziehung allein lebt, kann er sich auf den agilen Jungen gut einstellen. Das kostet ausreichend Nerven, aber das fördert auch bei anderen Figuren Stärken und Schwächen zutage. Hier steckt eine der ersten wichtigen Erkenntnisse in dieser Reise mit den wunderbar agierenden Schauspielern Phoenix und Norman: Es ist in Ordnung nicht perfekt zu sein. Es darf mal ausgeflippt, Tränen vergossen oder hemmungslos gelacht werden. Die Reinheit der Interviews springt somit auf die Figuren im Film und auch auf uns Zuschauerinnen und Zuschauer über.

@ A24

COME ON, COME ON kann natürlich auch nicht funktionieren: Die stark gefühlsbetonten Dialoge und Diskussionen treffen bei manchem nicht auf nahrhaften Boden. Aber auch die recht privilegierte Situation von Johnny und Viv keinerlei finanzielle oder zeitliche Probleme zu haben, könnte auf Neid oder Missverständnis treffen. Der Umgang mit geistigen Einschränkungen und Krankheiten ist jedoch ein ernstes Problem unserer Gesellschaft und diesem cineastischen Zeitmoment gelingt es hervorragend dies herüberzubringen.

© DCM

Fazit

Der perfekte Film sich von den eigenen kleingeistigen Problemen zu lösen und einmal mit Johnny und Jesse um die Häuser zu ziehen. Vor allem beweist COME ON, COME ON aber, dass Kinder cool sind ohne dass Erwachsene sie auf verkrampft künstliche Art in den Himmel loben müssen. Sie sind noch frei von seelischen und emotionalen Vernarbungen, können viel direkter fühlen und wissen manchmal viel besser was gerade abgeht als wir Erwachsenen.

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewCome On, Come On (2021)
OT: C'mon C'mon
Poster
RegieMike Mills
ReleaseKinostart: 24.03.2022
ab dem 12.08.2022 auf BD und DVD

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Trailer
BesetzungJoaquin Phoenix (Johnny)
Gaby Hoffmann (Viv)
Woody Norman (Jesse)
Scoot McNairy (Paul)
Molly Webster (Roxanne)
Jaboukie Young-White (Fern)
Deborah Strang (Carol)
DrehbuchMike Mills
MusikAaron Dessner
Bryce Dessner
KameraRobbie Ryan
SchnittJennifer Vecchiarello
Filmlänge109 Minuten
FSKAb 6 Jahren

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