Cobra Kai – Staffel 1 | Serienkritik

Wenn man jung ist, funktionieren geradlinige Filme hervorragend. Der Gute kämpft gegen den Bösen, vielleicht gilt es noch das Herz von jemandem zu gewinnen und all das wird in einer erfolgreichen Entwicklungsgeschichte verpackt, in der sich der Außenseiter zum Helden entwickelt. KARATE KID (1984) ist so ein Film. Der Neue an der Schule wird von einem Trupp Schläger in die Mangel genommen. Karate zu erlernen ist sein Ausweg, um sich zu verteidigen und auch das Herz der schönen Ali (Elisabeth Shue) zu gewinnen. Die jugendliche Filmwahrnehmung ist jedoch voller Filter und gerade die Zwischennuancen im Spiel Gut gegen Böse werden ignoriert. Über 30 Jahre später erzählt man im „Zeitalter der Serien“ dieses Teenager-Märchen weiter und wirft nicht nur einen nostalgischen Blick auf die 1980er-Jahre zurück, sondern offenbart Fakten, die einem in der Pubertätsblase wohl gänzlich entgangen sind. COBRA KAI rückt einiges zwischen den Feinden Johnny Lawrence und Daniel LaRusso gerade und hält jedem Zuschauer, der sich mit der Geschichte in KARATE KID identifizieren konnte, die Frage vor Augen: Was hast du aus deinem Leben gemacht? Oder anders gefragt: Folgst du dem Weg des Miyagi-Do Karate oder dem von Cobra Kai?

© Sony Pictures Television & EuroVideo

Handlung

Mit Johnny (William Zabka) haben es die Jahre nicht gut gemeint. Ein wackeliger Job als Handwerker, sein Sohn Robby (Tanner Buchanan) will nichts von ihm wissen und seine Ex-Frau verdient sich ihre Cocktails im Anlocken von großzügigen Anzugträgern. Die damalige Niederlage beim All Valley Karate Turnier, in dem er gegen den Außenseiter Daniel LaRusso verlor, scheint ihm jegliche Chance auf Erfolg genommen zu haben. Zu allem Überfluss hat LaRusso (Ralph Macchio) eine recht ansehnliche Karriere als Autohausbesitzer gemacht und scheut nicht davor seine Karate-Skills werbewirksam einzusetzen.

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In Johnnys günstigem Mietblock zieht der Junge Miguel (Xolo Mariduena) ein, der von ihm unfreiwillig vor ein paar Schlägern gerettet wird. Miguel will sofort Karate lernen. Nachdem Johnny in seiner Handwerkerfirma gefeuert wird, macht er das, was am besten kann und seine letzte gute Erinnerung ist: Er eröffnet wieder das Karate-Dojo Cobra Kai und lehrt dessen Weisheiten: Strike First, Strike Hard, No Mercy (Schlage zuerst, schlage hart, keine Gnade). Ob so etwas im Jahr 2018 noch gut ankommt?

Aus der Zeit gefallen

Die leeren Bierflaschen, die gleich zu Beginn aus dem Bett von Antiheld Johnny fallen, zeugen davon, dass der Protagonist eine lange Phase des Nichtstuns durchlebt. Genauer gesagt, er steckt noch in den 80ern fest. Er fährt einen verbeulten roten Pontiac, ernährt sich von gebratener Billigwurst mit Ketchup, hat von Facebook noch nie etwas gehört und pfeift auf Kultursensibilität. Die 34 Jahre zwischen seiner Karateturnier-Niederlage und dem Jetzt scheinen kaum relevant gewesen zu sein. Der Sohn ist eher eine Randnotiz und schon gar nicht Teil seines Lebens. Immer wieder schaut er Serien und Filme der 80er, wie zum Beispiel DER STÄHLERNE ADLER (1986), was ihn noch mehr in seiner Jugend festnagelt. Auch sein Konflikt mit Sonnenschein LaRusso hat ihn fest im Griff. Die Freundin hat dieser ihm ausgespannt und sogar mit einem illegalen Tritt ins Gesicht das Finale gewonnen. Eine der vielen Offenbarungen in COBRA KAI, wie sehr wir uns von KARATE KID haben blenden lassen.

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Aber Johnny zeigt auch eine gewisse Komik in seinem verkorksten Leben. Der Hass auf LaRusso liegt noch schwer, aber das Schicksal lässt ihn immer wieder ins Fettnäpfchen treten bzw. mit seiner 80s-Attitude auf die Regeln der 2010er-Jahre prallen. Sein direktes, freches Mundwerk ist eine angenehme Pause im Zeitalter der political correctness. Da es sich aber offensichtlich um einen Loser handelt, dem das Schicksal nach wie vor mies mietspielt, gewinnt der Blondschopf recht flott die Sympathien von uns Zuschauern.

COBRA KAI – Staffel 1

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Wer ist der Bösewicht?

So tappt man in den ersten Folgen auf der Suche nach einem Schurken im Dunkeln. Der ecuadorianische Außenseiter Miguel Diaz schlüpft ganz offensichtlich in die Rolle von Daniel in KARATE KID von 1984, nur eben beim gegnerischen Team. Die selbst ernannten High-school-Alphas Kyler und Yasmine sind zu eindimensional für einen ernsthaften Gegner. Bleibt da noch der frühere Außenseitergewinner und jetzt Neureicher mit dem Handel von Luxusautos: Daniel LaRusso. Schnell ist er im Fadenkreuz von uns Zuschauern, aber zu einem richtig arroganten Idioten hat er sich nicht entwickelt. Der damalige Sensei voller Weisheiten und eine ordentliche Portion Glück lassen die Nadel seines Moralkompasses in die richtige Richtung zeigen. Außerdem heiratete er die richtige Frau: Amanda LaRusso (Cortney Henggler), die sich immer wieder als Stimme der Vernunft meldet und deeskalierend wirkt, wenn Johnny und Daniel kurz davor sind ROCKY III nachzustellen. Die Frage nach dem Bösewicht kann nicht beantwortet werden, denn COBRA KAI hangelt in der ersten Staffel am schmalen Seil des Schicksals, was die Drehbuchautoren den Protagonisten auferlegen und nicht an dem von Recht und Unrecht.

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Immer wieder kommen genüssliche Referenzen zum Originalfilm zum Tragen, aber auch so manch Faden, der unscheinbar früh geknüpft wird, findet seinen Weg unter die finalen Scheinwerfer, wie zum Beispiel Elia alias Hawk (Jacob Bertrand). Er stellt mit seinem Wandel zum Punk auch das dar, was viele in den 80ern in die alternative Szene brachte: nicht in die Gesellschaft zu passen. So wird sein Schrei mit neuer Frisur nur der Startschuss zum neu entdeckten Selbstbewusstsein und man möchte ihn, wenn man seine Entwicklung nicht miterlebt hätte, am liebsten sofort als arroganten Schläger abstempeln.

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Der Weg des COBRA KAI

In Staffel 1 von COBRA KAI wird der Grundstein gelegt. Johnny sammelt einen Haufen von Randfiguren in der High-School-Szene auf, die es satthaben, herumgeschubst zu werden. Er verpasst ihnen einen Militär-Drill und führt sie durch eine Welt, die durch Cybermobbing brutal beherrscht wird. Vielleicht ist der Weg des Cobra-Kai-Karate nicht gerade buddhistisch vertretbar, aber er bringt Schwung in die virtuelle, unsichere Welt der Kids. Die Karten werden auch noch weiter gemischt, wenn Johnnys Sohn Robby der neue Schüler für Daniel LaRussos Karate wird. Es ist beeindruckend, welche Verzweigungen sich die Autoren aus einer so simplen Geschichte erdachten. Der Gut-Und-Böse-Blickwinkel wird immer wieder verstellt und so kann Daniel mit dem Privat-Dojo in seiner Villa und dem erlesenen, talentierten Privatschüler auch negativ interpretiert werden. Johnny dagegen, versucht aus einem Haufen von Weicheiern in einem heruntergekommen Shopping-Eck selbstbewusste Kämpfer zu machen. COBRA KAI stellt die eigenen Urteile in Frage, die man in seinem Leben fällt und bietet neue Perspektiven auf einem lockeren Niveau an.

COBRA KAI – Staffel 1

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Das Serienformat

Der große finanzielle Glaube ist bei der Produktion der ersten Staffel von COBRA KAI noch nicht da. Die beiden Hauptdarsteller sind glücklicherweise in ihren 50ern noch bereit ins Seriengeschäft einzusteigen, vielleicht auch wegen des Titels Executive Producer. Die Ausstattung weist keine Filmqualitäten auf und ein paar Sparmaßnahmen sind hier und da zu erkennen. Die Optik bleibt auf TV-Soap-Niveau und auch die Fights könnten anspruchsvoller sein. Aber das waren sie in der Original-KARATE-KID-TRILOGIE ja auch nicht, Tony Jaa und Donnie Yen haben uns im letzten Jahrzehnt mit ihrem Martial-Arts-Niveau einfach verdorben. Manch offensichtliche GZSZ-Blaupause lassen einem immer wieder die Hände ungläubig über dem Kopf zusammenschlagen. Beispielsweise das heimliche Beobachten durch einen Dritten, der das Geschehen völlig missdeutet oder ein Flyer, der auf einer windigen Werbetafel gefunden wird und als Beweisstück herhalten muss. Das Format der US-amerikanischen Dramedy ist Programm. Gut, dass immer wieder Szenen in respektvoller Nostalgie erscheinen, wie das Gespräch von LaRusso mit dem Grabstein seines verstorben Sensei, Miguel im coolen Halloween-Skelett-Kostüm oder der Versuch von Lawrence seine heiligsten Besitztümer (Atari, Goldmünzen, Elle-Macpherson-Magazin) im Pfandhaus in Bares zu verwandeln.

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Veröffentlichung

Die Ausstrahlung der Serie in Deutschland hat ein paar Haken geschlagen. 2018 konnte man Staffel 1 von COBRA KAI nur in OV auf YouTube Red, dem Bezahl-Streamingkanal von YouTube in den USA, sehen oder man griff hierzulande im Google Store zu. Nach guter Resonanz, trotz der begrenzen Reichweite, wurde eine zweite Staffel produziert. Danach kaufte sich Netflix ein und in Deutschland kam man zum ersten Mal 2020 in den Genuss einer deutschen Synchronisation. Sony als Produzent hatte aber schon etwas vorher eine Synchronisation mit anderen Sprechern anfertigen lassen und somit gibt es zwei verschiedene deutsche Synchronisationen: die auf Netflix und die von Sony, welche im Dezember 2020 in Kooperation mit dem Filmlabel Nameless auf Blu-ray und DVD veröffentlicht wurde. Dieser Review liegt die Blu-ray vor, welche rundum gut gelungen ist und den Fans dieser Nostalgie-Maschine durchaus empfohlen werden kann. Es ist nur fraglich, wie man sich bei Staffel 3 entscheidet, die bereits im Januar auf Netflix erscheint, denn eine Blu-ray von Staffel 3 aus dem Hause Sony ist noch nicht in Sicht. Wer kann, am besten mit der Originalsprache beginnen.

COBRA KAI – Staffel 1

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Fazit

Skeptiker werden nach den ersten Folgen als Lügner gestraft, denn COBRA KAI entwickelt sich zu einer gut erzählten und geschickt verzweigten Coming-Of-Age-Geschichte auf zwei verschiedenen Generations-Level. Im aktuellen, meist zu ernsten, Serienangebot stellt COBRA KAI eine gelungene Mischung aus Satire und Gesellschaftsspiegel dar, die nicht nur eine Empfehlung für alle Karate Kids der 80er ist. Als Bonus taugt die Serie sogar etwas für die Kinder besagter Generation und ist somit etwas für die ganze Familie. Kampfsport wird nie uncool. Wir gehen gespannt in Staffelrunde zwei, wenn es wieder heißt: Hajime – Kämpft!

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewCobra Kai (2018- )
Poster
RegisseureJon Hurwitz
Hayden Schlossberg
Jennifer Celotta
Josh Heald
Steve Pink
Michael Grossman
Lin Oeding
Releaseab dem 17.12.2020 auf Blu-ray und DVD, sowie im limitierten Mediabook

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Trailer
OmU
OmU
BesetzungMary Mouser (Samantha LaRusso)
William Zabka (Johnny Lawrence)
Tanner Buchanan (Robby Keene)
Jacob Bertrand (Hawk)
Ralph Macchio (Daniel LaRusso)
Xolo Maridueña (Miguel Diaz)
Courtney Henggeler (Amanda LaRusso)
Gianni Decenzo (Demetri)
Nichole Brown (Aisha)
Owen Morgan (Bert)
Martin Kove (John Kreese)
Hannah Kepple (Moon)
Griffin Santopietro (Anthony)
Aedin Mincks (Mitch)
Joe Seo (Kyler)
Vanessa Rubio (Carmen)
DrehbuchJosh Heald
Jon Hurwitz
Hayden Schlossberg
KameraCameron Duncan
Paul Varrieur
D. Gregor Hagey
MusikLeo Birenberg
Zach Robinson
SchnittZack Arnold
Nicholas Monsour
Jeff Seibenick
Spencer Houck
Jordan Goldman
Bartholomew Burcham
Ivan Victor
Im StreamBei Netflix verfügbar.
FilmlängeStaffel 1 à 10 Folgen mit ca. jeweils 30 Minuten
Staffel 2 à 10 Folgen mit ca. jeweils 30 Minuten
Staffel 3 à 10 Folgen mit ca. jeweils 30 Minuten
FSKab 12 Jahren

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