Climax Kritik zum Film

Climax – Filmkritik

„Rausch ohne Sinne“

Wenn man in einen Film von Gaspar Noé geht, muss einem bewusst sein, dass man als Zuschauer ordentlich in der eigenen Wohlfühlzone angepikst wird. Na ja, Noé hat den Ruf eines Skandal-Regisseurs, den er sich mit IRREVERSIBLE und MENSCHENFEIND aus gutem Grund „erschockt“ hat und das bedeutet weniger piksen, sondern mehr in Richtung: mit scharfen Gegenständen in Augäpfel bohren. Der eigene Schutzpanzer sollte auf jeden Fall angelegt werden, wenn für CLIMAX eine Kinokarte gelöst wird und es sei auch der Hinweis gegeben, diesen Film nicht unbedingt als Programmpunkt eines Dates zu wählen, denn auch hier gibt es wieder Blut, Drogen, Gewalt, Sex und jede Menge Musik. Ja stimmt, denn CLIMAX ist zu Beginn durchaus als Tanzfilm zu verstehen, was –  um dem Rufe eines Skandal-Regisseurs gerecht zu werden – sich ab der zweiten Filmhälfte in einen der realistischsten Drogen-Horrortrips seit Langem auf die Leinwand brennt.

Climax Kritik zum Film
© Alamode Film

Inhalt

Die erste Szene wirkt bekannt, wenn man schon den einen oder anderen Krimi in seinem Leben gesehen hat. Eine leicht bekleidete, blutverschmierte Frau rennt über ein Schneefeld. Sie stürzt, bricht zusammen und beginnt laut schreiend sich im Schnee zu winden. Man weiß nicht, was sie erlebt haben mag, aber sie will im wahrsten Sinn aus ihrer Haut fahren.
Aha, der gute alte Zeitsprung-Anfang eines Film, gleich kommt ein Hinweis wie in etwa „4 Tage vorher“. Aber nicht so in CLIMAX, denn es beginnt der Abspann. Beim Mitlesen wird klar, es ist wirklich der Abspann dieses Films. Als er vorbei ist, Schnitt, sehen wir einen alten Röhrenfernseher, der von einem Haufen Bücher und alten VHS-Videos (unter anderem SUSPIRIA, auch ein blutiger Film im Tanzmilieu) umrahmt wird. Es läuft ein Bewerbungsvideo in dem sich Tänzer für ein Engagement bewerben. Die Fragen sind direkt, ein bisschen anzüglich und danach beginnt wohl die beste Tanzperformance, die dieses Filmjahrzehnt bisher gesehen hat. In einem One-Take, es wird nicht der Einzige im Film sein, sehen wir coole Bewegungen zu einem kräftigen Beat. Nach der Einlage entspannt sich jeder, alle sind mit sich zufrieden, denn es war der letzte Tag der Proben, es wird gefeiert. Jedoch hat jemand LSD in die Bowle gemischt und die Feier verwandelt sich in einen Alptraum.

Climax Kritik zum Film
© Alamode Film

Abschlussball von Gasper Noé

Man muss zugeben, die Handlung hat schon etwas vom amerikanischen Abschlussball, wo jemand Alkohol in den Punsch schüttet und alle zum ersten Mal in ihrem Leben besoffen sind. Da passieren viele lustige und eklige Sachen, aber am nächsten Tag lacht man mit Kopfschmerzen und etwas Scham darüber und die Sache ist vorbei. Nicht so bei CLIMAX. Hier geht manchem Partygast an den Kragen und man erkennt, welches abartige Halluzinogen diese Droge ist. LSD, oder im Jargon „Acid“ genannt, verändert nicht nur die Sinne und Wahrnehmungen, sondern kann bei emotionalem Ungleichgewicht in die jeweilige Richtung als Katalysator wirken. Wenn man beispielsweise Angst vor Spinnen hat und mit LSD im Blut eine Spinne sieht, entwickelt sich diese Erfahrung eher in Richtung Ron in HARRY POTTER UND DIE KAMMER DES SCHRECKENS-Dimension. Auf dieser Tanzparty trinkt jeder unwissend von dem Spezial-Sangria, der alle emotional auf die Überholspur befördert. Tanzen hat viel mit Erotik und Sexualität zu tun, was in so einer ausgelassenen Letzter-Abend-Party-Stimmung sowieso noch verstärkt wird. Da stehen die Machos an der Seite und versuchen sich in Sprüchen zu übertreffen, wem sie es wie „besorgen“ wollen, bei einem Geschwisterpaar versucht der Bruder die Schwester vor Anmachen zu schützen und ein lesbisches Pärchen befindet sich am Ende ihrer kurzen Beziehung. In dieser eh schon geladenen Stimmung wird jetzt noch der Tuboboost in Form von LSD gekippt.

climax Film Sofia Boutella Review
© Alamode Film

Visuell beeindruckend

Was CLIMAX neben dem soliden, aber etwas langweiligen Soundtrack besonders macht, ist die realitätsnahe Darstellung dieser Scene. Noé ist bekannt für seine Underground-Recherchen, welche auch hier wieder ihre Wirkung auf uns Zuschauer heraufbeschwören. Die vielen langen Kamerafahrten, die schwebenden Aufnahmen über dem Geschehen und die fein abgestimmten Standbilder entwickeln für visuell begeisterte Filmfans ihren Reiz. Der Bildausschnitt ist immer ganz nah beim Berauschten und man hört anhand der Umgebungsgeräusche, was gerade drumherum vor sich geht. Manchmal blitzen auch groteske Bewegungen von anderen unscharf im Hintergrund auf. Auch schauspielerisch ist CLIMAX, trotz der hohen Besetzung mit echten Tänzern und keinen Darstellern, auf hohem Niveau. Als perfektes Mischwesen dieser beiden Künste – Tanz und Schauspiel – ist Sofia Boutella (HOTEL ARTEMIS, KINGSMAN) als Selva nicht nur schön anzuschauen, sondern sie liefert mit ihrem Drogenrausch die aktuell beste Performance ihrer frischen Karriere ab. Jedoch will CLIMAX cineastisch nicht so richtig zünden und kommt zum Ende leider nicht über den Status eines Anti-Drogen-Films hinaus. Denn es fehlt die Identifizierung mit den Figuren. Sie erzählen uns zu Beginn im Casting-Video von ihren Wünschen und Träumen, wollen aber im Film dann doch nicht die Brücke zu uns schlagen. Dann wirkt sogar eine Drogenabhängige, die sich am Bunsenbrenner die Haare anbrennt, ungewollt komisch und eine Mutter, die ihr Kind in den Elektroraum zu seiner „Sicherheit“ einsperrt, wie der Warnhinweis einer Bedienungsanleitung für Kinder.

Climax Kritik zum Film
© Alamode Film

Fazit

Wenn sich zum Filmende nur noch die übrigen Partygäste auf der Tanzfläche winden und der Kameramann samt Beleuchter anscheinend auch von der Spezialbowle genascht hat, fühlt man sich als Zuschauer nur noch gelangweilt zurückgelassen. Zum richtig großen Skandal will es für CLIMAX dann doch nicht reichen und zur Milieustudie der französischen Underground-Tanzscene gibt es zu wenig Dance-Performance. Somit fällt das Urteil überraschend Superheldenfilm-mäßig aus: Kann man sehen, muss man aber nicht.

Titel, Cast und Crew

Climax (2018)

Poster

Climax Gaspar Noé Kinoposter


Kinostart

ab dem 06.12.2018 im Kino

Regisseur

Gaspar Noé

Trailer

Besetzung

Sofia Boutella (Selva)
Romain Guillermic (David)
Souheila Yacoub (Lou)
Kiddy Smile (Daddy)
Giselle Palmer (Gazelle)
Taylor Kastle (Taylor)
Thea Carla Schott (Psyche)

Drehbuch

Gasper Noé

Kamera

Benoît Debie

Schnitt

Denis Bedlow
Gaspar Noé

Filmlänge

95 Minuten

FSK

ab 18 Jahren (unbestätigt)
Keinen Beitrag verpassen
20

Chefredakteur

Kann bei ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT mitsprechen / Liebt das Kino, aber nicht die Gäste / Hat seinen moralischen Kompass von Jean-Luc Picard erhalten / Soundtracks auf Vinyl-Sammler / Stellt sich gern die Regale mit Filmen voll und rahmt nur noch seine Filmposter

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