Christine (1983) – Filmkritik

„Die Liebe zu einem Auto und das beschädigte Leben“

CHRISTINE war bereits die siebente Verfilmung einer Vorlage von Stephen King und galt damals als die am schnellsten umgesetzte, da der Produzent Richard Kobritz sich bereits vor Erscheinen des Romans die Filmrechte sicherte. John Carpenter reihte sich ein in die Riege namhafter Regisseure – Brian de Palma, Tobe Hooper, Stanley Kubrick, George A. Romero, David Cronenberg u. v. a. – die mindestens eine Monstrosität des Kingschen Kosmos auf die Leinwand brachten. Wie so oft enthält auch CHRISTINE deutliche Gesellschaftskritik, Technikskepsis und es geht zumindest teilweise um den Schulalltag, die Sorgen und Nöte von Teenagern, weshalb die Geschichte auch starke Parallelen zu CARRIE aufweist.

CHRISTINE (1983)

© Sony Pictures Home Entertainment

Handlung

In einer Automobilfabrik kommt es im Jahr 1958 zu einer Kette seltsamer Zwischenfälle im Zusammenhang mit einem feuerroten Plymouth Fury, die im Tod eines Mechanikers gipfeln. Arnie Cunningham (Keith Gordon) ersteht zwanzig Jahre später den Wagen, der von seinem Vorbesitzer nur Christine genannt wurde. Von da an geschieht mit dem schmächtigen Jungen – entsprechend den Teenager-Komödien der damaligen Zeit wird er als technikbegeisterter Nerd beschrieben – eine seltsame Veränderung. Der von Mitschülern verspottete und gedemütigte Cunningham gewinnt die von allen umschwärmte Leigh (Alexandra Paul) zur Freundin, wird aber auch zusehend arroganter. Eines Nachts erleidet Leigh in dem Wagen sitzend einen Erstickungsanfall. Es scheint, dass Christine eifersüchtig auf diese Beziehung ist. Schließlich zerstören Rowdys das Auto. Arnie, der zunächst Leigh hierfür verantwortlich macht, schwört sich an den Verantwortlichen zu rächen. Unmittelbar darauf beginnt eine merkwürdige Unfall-Serie mit mehreren Toten. Da Christine sich immer wieder selbstständig wiederherstellt, ist Arnie nichts nachzuweisen. Sein bester Freund Dennis (John Stockwell) und Leigh nehmen schließlich den Kampf gegen Christine auf. Arnie schreit am Ende des Films, dass er Christine liebe und sich niemand zwischen beiden stellen könne.

CHRISTINE (1983)

© Sony Pictures Home Entertainment

Stephen King

Viele Aspekte der Handlung weisen Ähnlichkeiten zu CARRIE auf: Arnie wird ebenfalls als ausgesprochen unattraktiv beschrieben, er ist sowohl psychischen als auch physischen Attacken in seinem schulischen Umfeld ausgesetzt und das Elternhaus wirkt stark repressiv. Diese Problematiken sind dem früheren Lehrer Stephen King bestens vertraut. Stark im Vordergrund steht auch eine Kritik, dass Technologie das Leben verroht und die Menschen abhängig macht, ohne das diese nicht mehr die Möglichkeit haben sich einer solchen Tendenz zu entziehen. Die titelgebenden TRUCKS aus einer seiner Kurzgeschichten entwickeln Bewusstsein und rebellieren gegen die Menschen.

© Sony Pictures Home Entertainment

King sieht CHRISTINE als reduzierte „Ersatzangst“ vor der Verquickung von Forschung, Aufrüstung und ökonomischen Interessen. In dem Roman tritt die Figur des Vorbesitzers Ronald D. LeBay wesentlich stärker hervor. LeBay habe nur seinen Wagen geliebt. Christine – dies wird auch im Film zitiert – habe auf seltsame Weise mit dem Tod von seinen Familienangehörigen zu tun gehabt. Bei King kehrt LeBay als Geist zurück und lenkt den Wagen. Im Straßenverkehr ist es möglich, unterdrückte Aggressionen auszuleben. Theodor W. Adorno schreibt:

„welchen Chauffierenden hätten nicht schon die Kräfte seines Motors in Versuchung geführt, das Ungeziefer der Straße, Passanten, Kinder und Radfahrer, zuschanden zu fahren?“

Das Motiv des von Geistern besessenen Autos verweist zusätzlich auf den urbanen Mythos um den Wagen, mit dem James Dean tödlich verunglückt ist und der in mehrere weiteree Unfälle verwickelt gewesen sein soll.

© Sony Pictures Home Entertainment

John Carpenter

John Carpenter gehört wie Wes Craven und vor allem Michael Crichton zu einer Reihe von amerikanischen Filmemachern, die seit den 1970er Jahren durch eine akzentuierte Sozialkritik in Form von Filmen, die dem Science-Fiction- oder Horror-Genre zuordnen sind, bekannt wurden. In Carpenters Werken tauchen wiederkehrende Themen auf. Es gibt eine klare Unterscheidung zwischen Innen und Außen – häufig gibt es Bezüge zu Gefängnissen, vor allem der Psychiatrie oder wie in CHRISTINE eben der Schule, also Orte, an denen strenge Hierarchien und ein straffes Regelwerk herrschen. Die Helden wie deren Gegner stehen hingegen dem staatlichen Gewaltmonopol diametral gegenüber. Ein Beispiel hierfür wäre der Belagerungs-Klassiker ASSAULT – ANSCHLAG BEI NACHT (1976). Oft geht es um eine Vergangenheit, die nicht aufgearbeitet wurde, zwischen den Prolog und der Haupthandlung in HALLOWEEN (1978) und CHRISTINE liegen viele Jahre. Und es geht um „Verdinglichung“, wofür schon ein Titel wie DAS DING AUS EINER ANDEREN WELT (THE THING, 1982) programmatisch steht. Auch soziale Beziehungen erscheinen wie Waren, die am Markt gehandelt werden. CHRISTINE beginnt mit dem monotonen Alltag in einer Fließbandproduktion, wo es zu einem tödlichen „Unglücksfall“ kommt.

CHRISTINE (1983)

© Sony Pictures Home Entertainment

Arnie Cunninghams Name wird verballhornt, er könne „nicht mit Mädchen“ und tatsächlich hatte er zu Beginn niemals eine Freundin, er verfügt über kein „sexuelles Kapital“ welches ihn ökonomisch gesprochen attraktiv und erfolgreich machen würde. Erich Fromm beschrieb eine starke emotionale Bindung an Maschinen und Technologie, welche die Beziehungen zwischen Menschen ersetzt am Beispiel des Autos: mancher Fahrzeugbesitzer behandelt seinen Wagen besser, wie seine Frau, er gibt ihm einen weiblichen Namen und liebkost ihn. Die von Christine ausgehende seltsame erotische Faszination nimmt die kalte und sterile Welt aus CRASH (1996) von David Cronenberg vorweg.

Über die Dreharbeiten wurde außerdem berichtet, dass die Filmcrew von CHRISTINE immer als eine Person gesprochen hätte.

© Stefan Preis

Weiterführende Literatur:

  • Adorno, Theodor W. (2019): Minima Moralia.Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Frankfurt am Main.
  • Fromm, Erich (2015): Anatomie der menschlichen Destruktivität. Hamburg.
  • Loderhose, Willy (1993): Das große Stephen King Film-Buch. Bergisch Gladbach.
  • Loderhose, Willy (1990): John Carpenter: das große Filmbuch. Bergisch Gladbach.
Titel, Cast und CrewChristine (1983)
Poster
RegisseurJohn Carpenter
Releaseseit dem 18.10.2018 auf UHD

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Trailer
BesetzungKeith Gordon (Arnie Cunningham)
John Stockwell (Dennis Guilder)
Alexandra Paul (Leigh Cabot)
Robert Prosky (Will Darnell)
Harry Dean Stanton (Detective Rudolph Junkins)
Christine Belford (Regina Cunningham)
Roberts Blossom (George LeBay)
William Ostrander (Buddy Repperton)
DrehbuchBill Phillips
BuchvorlageNach dem Buch CHRISTINE von Stephen King
KameraDonald M. Morgan
FilmmusikJohn Carpenter
Alan Howarth
SchnittMarion Rothman
Filmlänge110 Minuten
FSKAb 16 Jahren

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