Cash Truck (2021) – Filmkritik

„Wrath of Man”

Emotionen und persönliche Befindlichkeiten haben bei einem Raubüberfall nichts verloren. Schon gar nicht der Durst nach Rache. „Der menschliche Zorn“ wie man den Originaltitel des neusten Guy-Ritchie-Films übersetzen kann, ist der Schlüssel für unseren knallharten Antihelden, verkörpert von Jason Statham in einem Geldtransporter-Heist-Movie. Ja, genau richtig gehört, 15 Jahre ist es bereits her, dass der britische Kultregisseur mit dem hochgeschossenen englischen Martial-Arts-Kämpfer zusammengearbeitet hat (REVOLVER, 2005). Das kleine Comeback des cineastischen Kriminellen-Hinterhofteams von der majestätischen Insel in Form von CASH TRUCK (der deutsche Verleihtitel sprüht förmlich vor Kreativität wie die Haare auf Stathams Kopf), quetscht das Genre ordentlich aus und bekommt sogar etwas Guy-Richtie-Flair verpasst. Flapsige Dialoge voller britischer Coolness und etwas europäische Art déco konnte sich der Regisseur nicht verkneifen. Insgesamt ist CASH TRUCK wunderbar effizient, eigenständig, gut erzählt, knochentrocken inszeniert und vor allem das was man vom Kinoplakat und Trailer erwartet: mitreißend.

© Studiocanal

Handlung

Bei einem Geldtransportunternehmen in Los Angeles passiert das, was nicht passieren sollte. Der Transporter wird überfallen, die Fahrer erschossen und die Millionen in Geldbündel verschwinden auf Nimmerwiedersehen. Somit sind ein paar Stellen im Unternehmen frei und Hill (Jason Statham) bewirbt sich bei der Sicherheitsfirma. Seine verschlossene Art wird durch eine tadellose Berufserfahrung in Europa aufgewertet. Beim Einstellungstest aus Fitness, Transporter fahren und Schießen bekommt er genau die 70 %, die für eine Anstellung reichen. Uns Zuschauer macht das schon etwas skeptisch, den Firmenchef aber nicht. Der sympathische Teamkollege Bullet (Holt McCallany) führt „H“ ins das Kollegengefüge und den Betriebsalltag ein. Als H, Bullet und Boy Sweat Dave (Josh Hartnett) bei einer Tour ausgeraubt werden, schießt H die Räuber professionell über den Haufen. Keiner der Angreifer überlebt. Der stumme Brite scheint doch mehr auf dem Kerbholz zu haben als in seiner Bewerbung zu finden ist. Aber auf welcher Seite steht er, die der Räuber oder die der Verteidiger?

H (Jason Statham) // © Studiocanal

Bank ausrauben war gestern

Keine Ahnung, wann es in der Geschichte des Heist-Movies (des „Überfall-Films“) zu langweilig wurde ein Bankgebäude zu überfallen. Vielleicht sind die Sicherheitsanlagen und Tresore mittlerweile so ausgeklügelt, dass es unmöglich wird. Außerdem sind in den Banken kaum noch Geldscheine zu finden, denn das meiste nicht registrierte Bargeld befindet sich auf der Straße. Genauer gesagt, es wird von einem Panzerfahrzeug den ganzen Tag fleißig gesammelt und dann zu den Banken gefahren. So ein fahrender Safe ist leichter auszurauben und zudem noch viel dynamischer für uns Zuschauer. Das haben Actionfilm-Macher erkannt und nicht nur in der FAST-AND-FURIOUS-Filmreihe exzessiv vermarktet. Wo Vin Diesel und Familie den Motor vor allem in CGI-Abbildern aufröhren lassen, ist CASH TRUCK mit beiden Füßen im Geschehen. Allein schon der Raub zu Beginn, der drei Mal in diesem Film neu erzählt wird, ist ein One-Shot. Keine Schnitte erklären etwas. Wir als Zuschauer, sitzen hinten im Transporter und können nur ahnungslos das sehen, was die Kamera einfängt. Mit rohem Mündungsfeuer, prasselnden Pistolenhülsen und militärischer Präzision geht es wiederholt in den knappen zwei Stunden an das wertvolle Innere der tonnenschweren Fahrzeuge. Immer wieder passieren unerwartete Dinge und der Countdown tickt gnadenlos bis die Cops eintreffen.

H (Jason Statham) und Boy Sweat Dave (Josh Hartnett)// © Studiocanal

Die Milieustudie

Nach einem Netflix-Serien-artigen Intro geht es mit besagter Szene gleich in die Vollen und danach tut die Inszenierung gut daran mit langen Kameraeinstellungen das Milieu der Geldtransport-Unternehmen zu erläutern. Das konnte Regisseur Guy Richtie schon immer gut, einer zwielichtigen Gemeinschaft echtes Leben einhauchen oder mit so viel Details füllen, dass es nur so sein kann und nicht anders. Die Kollegen der Geldtransportfirma sind ein seltsamer Haufen, die sich bruderschaftlich auf ein Feierabendbier treffen wie ihre Kollegen mit Dienstmarke, aber auch eine zynische Art von „Wir sind die Beute.“ und „traue keinem Kollegen“ an den Tag legen. Dieser Blick in einen elitären Kreis wird noch zwei weitere Male vollführt. Einmal bei H und seiner wahren Berufung und bei einer Gruppe Ex-Soldaten, die ihre Fähigkeiten nutzen, um an das zu kommen, was das Land ihnen schuldet. Es sind allesamt moralisch fragwürdige Gestalten, die in einem großen Rachefeldzug kumulieren und jeder einzelne daran zerbersten wird.

© Studiocanal

Das Erlebnis

Jason Statham gibt den übernatürlichen Killer als den wir ihn schon so oft gesehen haben. Es gibt bei ihm keinerlei Überraschungen und sein H rollt wie eine Diesellok durch CASH TRUCK hindurch. Die emotionale Motivation kann seine Figur nicht darstellen, dafür sorgen ein paar visuelle Kniffe in der Kameraarbeit. In Zeiten der bipolaren Antihelden, die tiefe seelische Einblicke gewähren, ist Statham wie meterdicker Edelstahl, undurchdringlich. Für den hohen Authentizitätsanspruch der Inszenierung ist er etwas zu übernatürlich und hätte im Finale wirklich alles für sein Ziel hergeben können. Aber wir bewegen uns innerhalb den Genreregeln, was manche gutheißen und andere als unkreativ abstempeln. Auch wenn die Geschichte immer wieder in Rückblenden oder Zeitsprüngen lebendig erzählt wird – schließlich eine Spezialität des Regisseurs, der auch für das Drehbuch verantwortlich ist – geht alles wohlwollend geradeaus. Der finale Coup wird sogar von zwei Nebenfiguren mit ihren Vorbereitungen in Zwischenschnitten kommentiert, die zu dem Zeitpunkt schon das Zeitliche gesegnet haben. SUNSET BOULEVARD (1950) lässt grüßen.

Boy Sweat Dave (Josh Hartnett) // © Studiocanal

Die vom Cello besessene Filmmusik treibt CASH TRUCK zum Finale, wenn es im Mittelteil bei manch selbstverliebter Ausdehnung langatmig werden kann. Aber so bleiben die Figuren bis zum Ende für uns „lebendig“, wenn sie um selbiges kämpfen. Die hervorragende Besetzung passt, auch wenn Scott Eastwood eine Spur zu sehr den Stereotypen gibt, ist es eine Freude Holt McCallany (MINDHUNTER, 2017-2019) auf der Leinwand zu sehen. Eine prägnante Frauenrolle vermisst man vollkommen. Es ist ein Männerfilm durch und durch.

Jan (Scott Eastwood) // © Studiocanal

Fazit

Sicher nicht eines der herausragendsten Werke im Oeuvre von Guy Ritchie, aber ungemein beeindruckend, was er einem ausgereizten und starren Genre an Leben, wie auch eigenem Style einzuhauchen vermag. Vielleicht liegt es auch daran, dass es für den Briten ein ungewöhnliches Auswärtsspiel an der Westküste der USA ist und nicht im heimischen Empire. Hinzukommt eine nötige Härte, die man Jason Statham mit seiner filmischen Vergangenheit ohne weiteres abkauft und nicht anders sehen will. Das Finale hätte für einen Geheimtipp von Actionfan zu Actionfan noch kompromissloser sein müssen. Aber summa summarum, perfekte Kost für die Spätvorstellung im Kino wie auch auf der heimischen Couch nach Feierband.

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewCash Truck (2021)
OT: Wrath of Man
Poster
RegisseurGuy Ritchie
ReleaseKinostart: 29.07.2021
Trailer
BesetzungJason Statham (H)
Holt McCallany (Bullet)
Rocci Williams (Hollow Bob)
Josh Hartnett (Boy Sweat Dave)
Jeffrey Donovan (Jackson)
Scott Eastwood (Jan)
Andy Garcia (Agent King)
Deobia Oparei (Brad)
Laz Alonso (Carlos)
Raúl Castillo (Sam)
Chris Reilly (Tom)
Eddie Marsan (Terry)
Niamh Algar (Dana)
DrehbuchGuy Ritchie
Ivan Atkinson
Marn Davies
Filmvorlagebasiert auf dem Film LE CONVOYEUR (2004)
FilmmusikChristopher Benstead
KameraAlan Stewart
SchnittJames Herbert
Filmlänge119 Minuten
FSKAb 16 Jahren

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