Carrie – Des Satans jüngste Tochter (1976) | Filmkritik

„In der Schule einen Carrie abziehen“

Stephen Kings erster veröffentlichter Roman ist ein Meilenstein der amerikanischen Horrorliteratur mit Elementen aus dem Science-Fiction-Genre. Seine Frau konnte – der Legende zufolge – glücklicherweise das Manuskript retten, nachdem es schon im Papierkorb gelandet war. Der ehemalige Englischlehrer beschreibt – damals wie heute brisant – religiösen Fanatismus, Konformitätsdruck, der jeden ausschließt, der nur ein wenig anders ist als die Anderen, Bullying und Gewalt an Schulen. Brian De Palma gelang 1976 – zwei Jahre nach Erscheinen des Romans – eine weitgehend werkgetreue Umsetzung sowie eine unvergessliche Hommage an sein Vorbild Alfred Hitchcock – der Vorgängerfilm SCHWARZER ENGEL (OBSESSION) war von VERTIGO inspiriert, in CARRIE wird vor allem PSYCHO zitiert – und eine Walt-Disney-Märchenverfilmung in unvergesslichen, apokalyptischen Bildern.

Handlung

Die ersten Momente zeigen Schülerinnen der Bates High School in einer amerikanischen Kleinstadt beim Volleyballspiel, eine von ihnen wird deutlich durch ihre isolierte Position und ihre Unsportlichkeit als Außenseiterin dargestellt. Im Duschraum erlebt die bereits sechszehnjährige Carrie White (Sissy Spacek), die von ihrer religiös-fundamentalistischen Mutter (Piper Laurie) nie aufgeklärt wurde, ihre erste Menstruation. Da sie glaubt, verbluten zu müssen, wird sie von ihren Klassenkameradinnen grausam verspottet und mit Damenbinden beworfen. Die Sportlehrerin Miss Collins (Betty Buckley) greift schließlich ein und bestraft die Mädchen mit zusätzlichem Training. Eine von ihnen, Chris Hargenson (Nancy Allen, von 1979 bis 1983 Ehefrau von Brian De Palma), die Tochter eines angesehenen Anwalts, verweigert dies und wird vom Abschlussball ausgeschlossen. Gemeinsam mit ihrem Freund Billy Nolan (John Travolta) schmiedet sie ein Komplott gegen Carrie.

Carrie, die mit ihrer Mutter ein düsteres Anwesen bewohnt, welches im deutlichen Kontrast zu den hellen Häusern der übrigen Stadtbewohner steht, wurde zwischenzeitlich zur „Strafe“ in eine dunkle Kammer gesperrt, weil sie „gesündigt“ habe. Denn erst kommt laut Mrs. White „das Blut und dann die Jungen“. In der Kammer soll sie vor einer mit Pfeilen durchbohrten Figur des Heiligen Sebastian beten. Zusätzlich erkennt Carrie immer mehr, dass sie offenbar über telekinetische Kräfte verfügt: bei der Demütigung im Duschraum zerplatzte eine Glühbirne, als der Rektor sie mehrmals fälschlich mit „Cassie“ ansprach, wirbelte ein Aschenbecher durch den Raum und einen Jungen (Cameron de Palma, der Neffe von Brian de Palma), der sie auf dem Heimweg beleidigte, ließ sie vom Rad fallen.

Sue Snell (Amy Irving), die sich bei den Quälereien gegen Carrie bisher immer mit hervorgetan hat, empfindet plötzlich Empathie und überredet ihren Freund Tommy Ross (William Katt) mit Carrie gemeinsam zum Abschlussball zu gehen. Miss Collins und auch Carrie selbst gehen zunächst davon aus, dass es in Wahrheit nur darum gehe, Carrie erneut zu demütigen. Mrs. White, die ihre Tochter vor „Sünde“ und Versuchung durch den Teufel bewahren will, versucht verzweifelt, Carrie davon abzuhalten, die Einladung anzunehmen. Bei der Abschlussfeier – die Zeitraffersequenzen und die Split-Screen zählen zu den Highlights der Filmgeschichte überhaupt – werden durch eine manipulierte Wahl Tommy und Carrie zum Paar des Abends gekürt. Auf dem Podest wird Carrie mit einem Eimer Schweineblut übergossen – im Roman zieht Stephen King den Vergleich mit einem riesigen roten Frosch, der von einem Seerosenblatt springt. Carrie sieht nur noch lachende Gesichter, viele der Anwesenden waren an der Verschwörung gegen sie beteiligt. Ihre Rache ist schrecklich.

CARRIE – Des Satans jüngste Tochter (1976)

Stellenwert

In den 1970er Jahren öffneten Produktionen wie DER EXORZIST (EXORCIST), DER WEISSE HAI (JAWS) und eben CARRIE das Horror-Genre für ein breiteres Publikum, wobei letzterer die stärksten Schnittstellen zu den Schrecken des Alltags beinhaltet. Der Epilog, in dem Sue Blumen zu dem früheren Haus der Whites bringt, als plötzlich eine blutige Hand aus dem Boden nach ihr greift – De Palma zitiert hier aus BEIM STERBEN IST JEDER DER ERSTE (DELIVERANCE) von John Boormann – war wegweisend für weitere besonders auf Fortsetzungen angelegte Horrorfilme. Sue wacht schreiend aus einem Albtraum auf, was darauf hindeutet, dass die Ereignisse ein schweres psychisches Trauma bei den Überlebenden hinterlassen haben. FREITAG DER 13. (FRIDAY THE 13th) und THE DESCENT enden mit einer änlichen Sequenz, in der NIGHTMARE ON ELM STREET-Reihe ist dies sogar die Grundthematik. Stephen King äußerte sich mehrfach lobend über den Film und nannte ihn sogar besser als sein eigenes Buch.

CARRIE – Des Satans jüngste Tochter (1976)

© 1976 United Artists

CARRIE ist auch deshalb ein cineastisches Meisterwerk, weil es De Palma gelungen ist, Beschreibungen und Gedanken des Romans in dem Film aufzunehmen, ohne sie wörtlich zu zitieren, aber trotzdem präsent sein zu lassen. King schreibt, Carrie sei von frühester Kindheit ständige Zielscheibe von Spott und Demütigungen gewesen. Lehrkräfte stehen weitgehend dem Geschehen ratlos gegenüber, sehen weg oder sogar amüsiert zu. Die Verantwortlichen – normale Schülerinnen – sind sich größtenteils gar nicht bewusst, welche seelischen Verletzungen sie anrichten. Etwa zur gleichen Zeit, als Stephen King an seinem Roman arbeitete, beschrieb Michel Foucault in ÜBERWACHEN UND STRAFEN die moderne Gesellschaft als ein Gefängnis und es sei kein Zufall, dass Fabriken, Kasernen, Krankenhäuser und vor allem Schulen, den Gefängnissen ähneln. In solchen Institutionen bilden sich Hierarchien, Personen, die nicht einer gewissen Idealvorstellung entsprechen, werden ausgegrenzt. Chris spricht sogar beim Sex davon, dass sie Carrie hasse, was auf eine gewisse Pathologie hindeutet. Attacken auf Schwächere finden Unterstützung, weil es Einzelnen auf einmal möglich ist, Macht auszuüben oder sie Angst haben, selbst in eine Außenseiterrolle zu geraten. Insbesondere die Drohung „Die Anderen werden Dich auslachen“, wie es im Film Mrs. White mehrfach gegenüber der Tochter ausspricht, wirkt besonders einschüchternd und zwingt zur Konformität.

CARRIE ist auch einer der ersten Filme, die einen Amoklauf an einer Schule thematisieren. In einer seiner frühesten Erzählungen KAINS AUFBEGEHREN (CAIN ROSE UP) beschreibt Stephen King 1968, wie ein Student von seinem Zimmer aus auf einen Uni-Campus feuert, um „nicht von der Welt geschluckt zu werden“. Seinen Roman AMOK (RAGE) nahm er nach realen Gewalttaten zeitweilig vom Markt. Im Roman CARRIE gibt es einen Hinweis, dass „einen Carrie abziehen“ ein Jugend-Slang-Wort für Brandstiftung geworden ist.

CARRIE – Des Satans jüngste Tochter (1976)

Stephen King schrieb auch, dass für ihn der Erfolg von CARRIE auch eng mit der Frauenbewegung verbunden ist: „Carrie ist eine Frau, die ihre Kräfte verspürt und auch einsetzt.“ Und Regisseurinnen fühlten sich von der Thematik angesprochen: 1999 folgte mit CARRIE 2 – DIE RACHE (CARRIE 2 – THE RAGE) eine als Sequel gestaltete Neuinterpretation von Katt Shea – die Halbschwester von Carrie nimmt nach dem Suizid ihrer besten Freundin Rache an deren und ihren Peinigern – und 2013 ein in die Gegenwart verlegtes Remake von Kimberly Peirce, in der auch Cyber-Mobbing – der Vorfall im Duschraum wird mit Handy-Kameras gefilmt – thematisiert wird.

© Stefan Preis

 

Weiterführende Literatur:

  • Foucault, Michel (2014): Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Frankfurt am Main.
  • Köhne, Julia (2008): Let it bleed. Die Konnex von Blut und Trauma in Brian de Palmas Carrie (1976). In: Biedermann, Claudio und Christian Stiegler (Hrsg.): Horror und Ästhetik. Eine interdisziplinäre Spurensuche. Konstanz.
  • Loderhose, Willy (1996): Das große Stephen King Film-Buch. Bergisch Gladbach.
  • Pabst, Eckhard (2004): Carrie – Des Satans jüngste Tochter. In: Vossen, Ursula (Hrsg.): Filmgenres Horrorfilm. Stuttgart.
Titel, Cast und CrewCARRIE - Des Satans jüngste Tochter (1976)
Poster
RegisseurBrian De Palma
Releaseseit dem 11.10.2001 auf DVD

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Trailer

Englisch
BesetzungSissy Spacek (Carrie)
Piper Laurie (Margaret White)
Amy Irving (Sue Snell)
William Katt (Tommy Ross)
John Travolta (Billy Nolan)
Nancy Allen (Chris Hargenson)
Betty Buckley (Miss Collins)
P.J. Soles (Norma)
Priscilla Pointer (Mrs. Snell)
DrehbuchLawrence D. Cohen
Buchvorlagenach dem Roman CARRIE von Stephen King
FilmmusikPino Donaggio
KameraMario Tosi
SchnittPaul Hirsch
Filmlänge119 Minuten
FSKAb 12 Jahren

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