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Car Wash (1976) – Filmkritik

Bei dem Titel klingeln die Ohren. Aber nicht zuerst im filmischen Sinne, sondern in Form eines Ohrwurms des Hits aus dem Jahr 1976: „Car Wash“ von Rose Royce. Hierzulande wissen die wenigsten, dass der Erfolg dieses Songs auch dem Kinofilm und dem Vertreter des Black Cinema zu verdanken ist: CAR WASH von Michael Schultz. Es hat seine Gründe, warum der Mix aus Komödie, Drama und Liebesfilm in Deutschland in Vergessenheit geraten ist, wie beispielsweise der kaum vorhandene Plot und die hierzulande weitestgehend unbekannten, afroamerikanischen Darsteller. CAR WASH schafft es jedoch wie kaum ein anderer Film dieser Zeit so viele Themen der Black Community anzusprechen, das alltägliche Leben authentisch darzustellen und noch groovy zu unterhalten.

© Wicked Vision

Handlung

Ein Arbeitstag in der Auto-Waschanlage Dee-Luxe Car Wash. Von einem alltäglichen Ablauf kann man hier nicht sprechen, denn bei dem guten Dutzend Angestellter unter der Leitung von Leon ´Mr. B´Barrow ist immer etwas los. Zudem ist es Freitag und der Hauch von Freiheit in Form des Wochenendes liegt in der Luft. Der Putztrupp ist ein bunter Haufen aus Männern, die nicht unterschiedlicher sein könnten: afroamerikanisch, hispanisch, auf Bewährung draußen, queer, schwer übergewichtig, permanent rollig, muslimisch radikal oder hoffnungslos verliebt. Alle kommen mit dem bisschen Geld aus, für ein paar Träume reicht es und für Witze auf die Kosten der Kollegen allemal. So taucht CAR WASH in das Arbeitsleben in einer Waschstraße ein und erzählt von einer Vielzahl an Einzelschicksalen und schrägen Persönlichkeiten. Ach ja, jede Menge Autos von seltsamen Kunden werden auch noch auf Hochglanz poliert.

© Wicked Vision

Ensemblefilm

Der Einfluss durch Robert Altmans Filme wie NASHVILLE (1975) oder M.A.S.H. (1970) auf den Regisseur Michael Schultz ist nicht von der Hand zu weisen. CAR WASH ist ein Ensemblefilm. Es werden eine Vielzahl von unterschiedlichsten Charakteren auf eine Bühne gestellt, in diesem Fall eine Waschstraße in Los Angeles, und die Zuschauer bekommen einen Einblick in deren Leben. Da wäre zum Beispiel einer, der auf Bewährung draußen ist: Lonnie (Ivan Dixon), der mit seiner erfahrenen Art die Gruppe immer wieder zusammenhält und im jungen, kräftigen Abdullah (Bill Duke) sein junges Ich erkennt. Diese Beziehung zwischen einem, der weiß wie leicht es ist im Gefängnis zu landen und einem Black-Power-Kämpfer, der „sein Volk“ in allen Lebensbereichen unterdrückt sieht, ist auch der einzige rote Handlungsfaden in der Geschichte. Das Finale zwischen beiden bringt emotionale Tiefe, die man so nicht erwartet hätte.

© Wicked Vision

Der Rest sind mehr oder weniger Nebenfiguren, die für Unterhaltung sorgen, wie der Streit zwischen Goody (Henry Kingi) und Chuco (Pepe Serna). Sexappeal gibt es von Marleen (Lauren Jones), die sich den halben Film auf der Toilette „frisch macht“ und der verliebte T.C. (Franklyn Ajaye) versucht Konzerttickets im allgegenwärtigen Radio zu gewinnen, um das Herz der Kellnerin Mona (Tracy Reed) von gegenüber zu erobern.  Zudem gibt es noch drei weiße Figuren: der Geschäftsführer Mr. Bee (Sully Boyar), seine Affäre/Kassiererin Marsha (Melanie Mayron) und der Sohn des Chefs Irwin (Richard Brestoff). Der Sohnemann kommt direkt von der teuren Uni, hat gar keine Lust in die unternehmerischen Fußstapfen seines Vaters zu treten, ist von den Lehren Mao Zedongs angetan und sieht sich eher als Arbeiter. Natürlich sorgt das für reichlich Krach und Albernheiten.

© Wicked Vision

Zwischen den Zeilen

Die Blu-ray von Wicked Vision

Die großen Stärken hat CAR WASH in seinem Feeling fürs Arbeitsleben. Fast alle Angestellten kommen nicht mit dem eigenen Auto, sondern wie der schwergewichtige Hippo auf seinem Mofa, Mona mit dem Bus oder drei Typen im verrückten Car-Pool-Jeep. Jeder schleppt sich auf Arbeit, aber die Laune ist gut, denn es ist Freitag. In der Umkleide – wohl eher ein Geräteschuppen – herrscht Stimmung, Witze fliegen durch die Gegend und die ersten markanten Persönlichkeiten zeichnen sich ab. Der Tag wird zu einer Balance aus Schufterei, sich vor der Arbeit drücken und privaten Problemen. Beziehungsstreits geben sich mit fleißigen Putztüchern die Klinke in die Hand.

© Wicked Vision

Diese gelungene Mischung ist Joel Schumacher (8MM, FALLING DOWN) als Drehbuchautor zu verdanken. Schumacher liebte das Leben, die Menschen und die 1960er- und 1970er-Jahre. Ihm sind auch zwei schillernde Figuren zu verdanken, die man nicht vergisst: Daddy Rich (Richard Pryor), der als reicher Prediger mit der Limousine vorfährt, mit im Gepäck sind The Pointer Sisters. Er lässt sich die Schuhe putzen, macht aus seiner Anwesenheit eine Show und reicht den Hut für Spenden herum, damit seine Jünger vom Herrn gut behandelt werden. Die andere Figur ist die transsexuelle Lindy (Antonio Fargas), die nicht für Witze als Projektionsfläche da ist, sondern einfach zum Trupp dazugehört.

© Wicked Vision

Fazit

Einen Tag bei Dee-Luxe Cars Wash zu verbringen, ist wie dort zu arbeiten. Man hat seinen Spaß, träumt vielleicht auch von besseren Tagen/Filmen und ist verdammt nah am Puls der Zeit von 1976. Nicht der große Knaller, aber selige Unterhaltung mit jeder Menge Gesellschaftskritik zwischen den Zeilen.

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewCar Wash (1976)
Poster
RegisseurMichael Schultz
Releaseseit dem 03.09.2021 auf Blu-ray in der Black-Cinema-Collection

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Trailer

Englisch
BesetzungFranklyn Ajaye (T.C.)
Otis Day (Lloyd)
Ivan Dixon (Lonnie)
Bill Duke (Duane / Abdullah)
Michael Fennell (Calvin)
Sully Boyar (Leon 'Mr. B' Barrow)
Antonio Fargas (Lindy)
Richard Brestoff (Irwin Barrow)
George Carlin (Taxifahrer)
Jack Kehoe (Scruggs)
Henry Kingi (Goody)
Melanie Mayron (Marsha)
Garrett Morris (Slide)
Clarence Muse (Snapper)
Leon Pinkney (Justin)
The Pointer Sisters (The Wilson Sisters)
Richard Pryor (Daddy Rich)
Tracy Reed (Mona)
DrehbuchJoel Schumacher
FilmmusikNorman Whitfield
KameraFrank Stanley
SchnittChristopher Holmes
Filmlänge97 Minuten
FSKAb 12 Jahren

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