Captain Marvel (2019) – Filmkritik

„Alles auf Anfang“

Der Kinosaal ist rammelvoll und neben Filmkritikern und Journalisten sitzt dieses Mal auch ein großer Teil der Berliner YouTuber- und Influencer-Szene. Das Ziel dieser Pressevorstellung: Reichweite und kostenlose Werbung für das neueste Marvel-Werk. Zur besten Primetime lädt Disney zu seiner nächsten Superhero-Origin-Story ein. Durch die Ereignisse aus AVENGERS INFINITY WAR angedeutet, tritt den Avengers eine neue Heldin in Form von Captain Marvel bei. Auch im kommenden AVENGERS: ENDGAME wird diese voraussichtlich eine tragende Rolle spielen. Passend dazu gibt es vor dem Film den bereits bekannten ENDGAME-Trailer zu sehen. Das kann sich nur ein Studiogigant wie Disney leisten. Wie eine Vorband soll nun CAPTAIN MARVEL die Menge so richtig in Stimmung bringen. Um das zu erreichen, wurde das Regieduo Anna Bode und Ryan Fleck (HALF NELOSN, IT’S KIND OF A FUNNY STORY) verpflichtet. Oscar-Knowhow bringt zusätzlich Hauptdarstellerin Brie Larson (ROOM, KONG: SKULL ISLAND) mit. Da kann doch also nichts anbrennen oder? Spoilerfrei gibt es die Einschätzung zum Film, der am 08.03.19 in den deutschen Kinos startet.

Korath (Djimon Hounsou), Att-Lass (Algenis Perez Soto), Carol Danvers/Captain Marvel (Brie Larson), Bron-Char (Rune Temte) und Minn-Erva (Gemma Chan) // © Marvel Studios

Handlung

Vers (Brie Larson) ist zusammen mit Yon-Rogg (Jude Law) Teil einer Elite-Einsatztruppe der Kree. Die Kree ist eine hoch-technologisch entwickelte Alien-Rasse. Sie beschützt das Universum unter der Leitung der sogenannten Supreme Intelligence (Annette Bening), eine künstliche Intelligenz. Neben einer hervorragenden militärischen Ausbildung ist Vers zusätzlich mit übernatürlichen Fähigkeiten gesegnet. Sie kann mit ihrem Körper Energie aufnehmen und wenn nötig auch schlagartig freisetzen. Das macht sie zu einer wertvollen Kämpferin für die Kree. Diese sind seit geraumer Zeit in einer Art Guerilla-Krieg mit den Skrull, welche durch ihre Formwandler-Fähigkeiten andere Planeten infiltrieren und auslöschen. Kurz nach dem Start einer Rettungsmission geraten Vers und ihr Team in einen Hinterhalt und Vers gerät in die Gefangenschaft der Skrull. Schnell stellt sich heraus, Vers ist für die Skrull nicht eine zufällige Gefangene, sondern gezielt angegriffen worden. Die Skrull haben es auf Vers Erinnerungen abgesehen. Hier schlummern Informationen, von denen selbst Vers nichts ahnt.


©Marvel

Jungbrunnen ganz ohne Botox

CAPTAIN MARVEL möchte eine Brücke zwischen den Anfängen der Avengers-Initiative und dem kommenden ENDGAME schlagen. In den 90er Jahren angesiedelt, führt das zu gewissen personellen Problemen. Den bekanntesten Mitarbeitern des Avengers Programms Nick Fury (Samuel L. Jackson) und Agent Coulson (Clark Gregg) sieht man ihr Golfer-Alter mittlerweile an. Eine überzeugende junge Version der beiden muss her. So ist CAPTAIN MARVEL nebenbei ein keines Versuchslabor für CGI-Verjüngung. Bereits ROGUE ONE mit General Tarkin (Peter Cushing) oder Johnny Depp als junger Captain Jack Sparrow in FLUCH DER KARIBIK 5 haben bewiesen, dass diese Technik viel Potenzial bietet. In CAPTAIN MARVEL wird es nun auf die bisherige Spitze getrieben und hierfür muss man vor dem Effekt-Team schon den Hut ziehen. Fury hat nicht nur einen kurzen Auftritt am Rande, sondern ist fester Bestandteil der Geschichte um Captain Marvel.

Nick Fury (Samuel L. Jackson) // © Marvel Studios

Trotzdem fällt er nicht unangenehm neben den anderen „echten“ Schauspielern auf. Schade dabei ist nur, dass auch der „junge“ Fury das übliche Samuel L. Jackson Programm liefert. Lockere Sprüche und lässige Gesten, damit verdient der Mann nun mal sein Geld und ein bisschen lieben wir ihn auch deswegen. Dem Charakter Fury eine neue Ebene in seinen Jugendjahren zu geben, wurde somit verpasst. Dass hinter dem CGI auch noch der echte Samuel steckt, merkt man ebenfalls, wenn sich Fury mal schneller bewegen muss. Etwas steif wirkt der junge Agent in seinen Bewegungen. Wohin diese Technik in nächster Zeit führt, bleibt für die Branche in jedem Fall spannend.

Carol Danvers/Captain Marvel (Brie Larson) // © Marvel Studios

Gekonnt ist gekonnt

Nicht überraschen sollte hingegen, dass Brie Larson allen anderen die Show stiehlt. Charismatisch und liebenswert bringt sie die Figur Vers/Captain Marvel auf die Leinwand. Das Ganze spielt sie dabei mit einer Leichtigkeit, die für Marvel-Verhältnisse wirklich überrascht. Hier merkt man deutlich ein anderes Niveau zu den bekannten Superhelden. Eine Besetzung, die nicht unkritisch von der Fangemeinde aufgenommen wurde, sollte ab hier ohne weitere Umstände anerkannt werden. Schauspielerisch überzeugen kann an der Seite von Larson auch Lashana Lynch (BROTHERHOOD). Die beiden Powerfrauen zeigen abseits der Action auch in den wenigen dramatischen Momenten in CAPTAIN MARVEL überzeugendes Schauspiel. Leider lässt man diese Momente wie auch in anderen Marvel-Filmen nicht für sich sprechen, sondern schmeißt mit einem Gag die unangenehme Stimmung sofort wieder über Bord. Für echte Gefühle hat man keine Zeit, denn es müssen zu viele Verbindungen zum Marvel Cinematic Universe geknüpft werden.

Goose // © Marvel Studios

Kein Platz zum Entfalten

Die große Schwäche von CAPTAIN MARVEL ist ihre Filmfamilie. Wirklich selbständig darf die neue Heldin nicht sein. Die Geschichte dient nur dazu, offene Fragen aus den bisherigen Filmen zu beantworten. Muss man wirklich wissen, wie Fury sein Auge verloren hat und muss man daraus einen Running Gag machen? Hilft es, offene Fragen mit Antworten zu erklären, die nur neue Fragen aufwerfen? Wie bereits am Anfang erwähnt, wirkt der Film wie ein Teaser für den kommenden Knaller. Dass man das nicht komplett umspannen kann, überrascht nicht. Das MCU ist mittlerweile ein zu großes Monster geworden. Panisch hat Marvel feststellen müssen, dass sie, bevor sie mit Captain Marvel eine der mächtigsten Heldinnen des MCU freilassen, den Zuschauern erst einmal erklären müssen, wer hier plötzlich die blau-roten Hosen anhat. Es fehlt die Chance, die Figur richtig kennenzulernen. Vielmehr wird Wert auf Fanservice und Anspielung gesetzt. Dementsprechend unspektakulär ist die Geschichte.

Captain Marvel (Brie Larson) // © Marvel Studios

Das Potenzial des 90er-Jahre-Settings wurde ebenfalls nicht ansatzweise ausgeschöpft. Anstatt den Nostalgiezug richtig ins Rollen zu bringen, wurde mehr darauf geachtet, dass die bekanntesten Markennamen groß und bunt in die Kamera gehalten werden. Genauso lieblos wirkt der Soundtrack, der einfach nicht richtig passen will. Wahllose Songs des Jahrzehnts werden in schöner Regelmäßigkeit abgespielt, um den Zuschauern zu zeigen: Wir sind in den 90ern. Wie man es richtig macht, hat GUARDIANS OF THE GALAXY bereits gezeigt. Warum also nicht vom älteren Bruder abschauen? Alles an CAPTAIN MARVEL wirkt lieblos zusammengewürfelt und selbst wenn es dann mal zur Sache geht, will das auch nicht so richtig Spaß machen. Am Budget kann es doch nicht gelegen haben oder haben die CGI-Verjüngungen am Ende doch zu viel Geld geschluckt? Mit 152 Mio. USD ist CAPTAIN MARVEL jedenfalls in der “normalen” Preisklasse eines Marvel-Solo-Abenteuers. In meiner Liste reiht sich der CAPTAIN somit mehr im unteren Segment der Marvel-Origin-Stories ein.

Fazit

Das neueste Abenteuer aus dem MCU fühlt sich nicht richtig rund an. Dabei sind Technik und Schauspieler wie man das gewohnt ist auf einem sehr hohen Niveau. Aus einem interessanten Setting und einer beeindruckenden Hauptdarstellerin wurde leider zu wenig gemacht. Am Ende bleibt eine halbgare Geschichte, die mehr Teaser und Ersatzstück ist. Nachdem ENDGAME das Ende der bisherigen Marvel-Filme einläutet und somit Platz für Neues freigibt, hoffe ich sehr, wir sehen Brie Larson demnächst in einer originellen eigenen Geschichte.

 

Titel, Cast und Crew

Captain Marvel (2019)
OT: Captain Marvel

Poster

Film Poster

Kinostart/
Veröffentlichung

07.03.2019
ab dem 18.07.19 auf Blu-ray und 4K-UHD
Bei Amazon bestellen:

Regisseur

Anna Boden & Ryan Fleck

Trailer

Besetzung

Brie Larson (Carol Danvers / Captain Marvel)
Gemma Chan (Minn-Erva)
Ben Mendelsohn (Talos)
Samuel L. Jackson (Nick Fury)
Lee Pace (Ronan)
Jude Law (Yon-Rogg)
Annette Bening (Supreme Intelligence)

Drehbuch

Anna Boden & Ryan Fleck & Geneva Robertson-Dworet

Romanvorlage

Captain Marvel - Marvel Comics

Kamera

Ben Davis

Musik

Pinar Toprak

Schnitt

Debbie Berman
Elliot Graham

Filmlänge

124 Minuten

FSK

ab 12 Jahren

 

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