Capone (2020) – Filmkritik

„Gefangen im Geiste“

Gangsterstreifen folgen stets einem bestimmten Muster. Ein ambivalenter Protagonist, meist nicht unsympathisch, bestreitet eine Erfolgsgeschichte auf der anderen Seite des Gesetzes, aber nur bis zu einem bestimmten Punkt. Solche Filme lieben die Machtergreifung und den Ruhm genauso wie den Fall danach, entweder durch den Tod oder an der Richterbank. Jüngere Inszenierungen versuchen mit Zeitsprüngen Schwung in die altbekannten Muster zu bringen oder mit besonderen Perspektiven einen anderen Blick auf die Gangster vergangener Zeiten aufzuzeigen. Alphonse Gabriel „Al“ Capone, der Boss der Chicago Outfits in den 1920er- und 1930er-Jahren ist bereits zu Lebzeiten eine Legende. Er scheut keineswegs die Medien und in seinem Umfeld wird ihm eine fürs Berufsfeld ungewöhnliche und faire Persönlichkeit nachgesagt. Den Gesetzeshütern gelingt es nie, ihn wegen organisierten Verbrechen, Mord, Glücksspiel, Prostitution und illegalem Alkoholhandel hinter Gitter zu bringen. 1931 musste Capone sich dann doch dem Rechtsspruch beugen, und zwar wegen Steuerhinterziehung, was ihm eine elfjährige Freiheitsstrafe einbrachte. Davon saß er aber nur acht Jahre, unter anderem im berühmten Alcatraz-Gefängnis in der Bucht von San Francisco, ab. Danach lebte er in Florida im Exil, ständig vom FBI beschattet, ob er nicht doch noch irgendwo Geld zur Seite gelegt hat. CAPONE (2020) von Josh Tran beschäftigt sich nicht mit dem Ruhm und Fall Capones, sondern ausschließlich mit seinem 48. und letzten Lebensjahr. In der Hauptrolle ein nicht wiederzuerkennender Tom Hardy.

CAPONE (2020)

Mae (Linda Cardellini) und Al Capones (Tom Hardy) // © Leonine

Handlung

In Al Capones (Tom Hardy) Gefängnisjahren hat sich seine unausgeheilte Syphilis-Erkrankung zu einer Neurolues entwickelt, auch Neurosyphilis genannt. Lähmung, Demenz und Persönlichkeitsstörung sind die Folgen im Endstadium dieser Nervenkrankheit. Capone lebt nach seiner Freiheitsstrafe zusammen mit Ehefrau Mae (Linda Cardellini) wie ein König in Florida. Leibwächter beschützen ihn und sein Anwesen. Die Familie kommt traditionell zu Thanksgiving zusammen. Meist mit einem Stumpen Zigarre im Mundwinkel und im Morgenmantel starrt Capone stundenlang in die Gegend. Langsam taucht der Zuschauer in seine Gedanken ein, aus Paranoia, vergangenen Traumata und zusammengeworfenen Ereignissen, die so nie stattgefunden haben. Sein langjähriger Freund Johnny (Matt Dillon) besucht ihn hin und wieder oder ist er auch eine Einbildung?

CAPONE (2020)

Johnny (Matt Dillon) // © Leonine

Maskerade

Die Filmcommunity hat schon längst ihr Urteil über CAPONE gefällt. Unterdurchschnittliche Bewertungen und eine Presse, die eher Karikatur sieht als ein Biopic, sind das Ergebnis. Und das bringt uns bereits zum Hauptproblem, was die meisten mit dem Film haben werden: die Erwartung an ein Gangsterepos. Regisseur Josh Tran hat ganz bewusst nur einen kleinen Teil im Leben des berühmten Ganoven gewählt. So wird CAPONE eher zu einem Trip in das defekte Hirn eines Geisteskranken als in das eines verbrecherischem Supergenies. Dass sich Tom Hardy zu einem der besten Schauspieler der letzten Jahre entwickelt hat, dürfte kein Geheimnis mehr sein, aber hier bleibt wahrlich nichts mehr von ihm übrig. Selbst sein berühmtes Murren, was mehr sagt als eine ganze Drehbuchseite, wird zu einem krankenden, gurgelnden Hustenanfall. Aber vor allem der Inszenierung gelingt es ganz geschickt den Zuschauer in mehrere Illusionen hineinlaufen lassen, was nicht jeder gern mit sich machen lässt.

© Leonine

Zuallererst die Paranoia vor der Beschattung des FBI: Wir sehen das, was Capone sieht oder zu sehen glaubt, sich duckende Anzugträger mit Richtmikrofonen auf der anderen Seite des Sees, R-Gespräche von einem verschollenen Sohn und untreue Angestellte im Haus. Die Angst vor Verrat lauert an jeder Ecke. Diese Momente werden ab und zu als Illusion enttarnt, manchmal aber auch nicht. Die Schlinge der Nervenkrankheit schließt sich somit auch langsam um die Wahrnehmung des Zuschauers, wenn er denn bereit ist dies zuzulassen. Blockaden für ein sorgloses Eintauchen gibt es einige: Es werden kaum geschichtliche Fakten und Ereignisse erklärt. Wer sich mit der Biografie von Capone nicht auskennt, steuert geradewegs in einen Nebel voller Fragezeichen. Immer wieder passieren Dinge, die so dann doch nicht passiert sind. Das größte Problem für die Zuschauer wird Tom Hardys Darstellung sein, die an das Limit des Erträglichen geht. Der Zuschauer wird mit allen möglichen Körperflüssigkeiten, Exkrementen und dem physischen Verfall konfrontiert. Capones Worte sind kaum noch zu entschlüsseln, selbst wenn er die Zigarre einmal nicht im Mund hat. Wie eine hundertjährige Moräne wabert er seinem langsamen Ende entgegen. Die Komfortzone des Zuschauers wird immer wieder ekelhaft und deprimierend zugleich verletzt.

CAPONE (2020)

© Leonine

Selbst jenen, die bis hierhin durchhalten, wird noch gänzlich der Boden der Ernsthaftigkeit weggezogen, wenn die Szenen sich zu Karikaturen verzerren. Mit einer Karotte als Zigarre und eine Erwachsenenwindel unter dem Morgenmantel tragend, macht Capone im Finale seinem Frust mit Hilfe eines goldenen Trommelgewehrs Luft. In der Mittagssonne Floridas wirkt so etwas wie eine verrückte Folge aus einem Serienfinale.

Der Teufel im Detail

Es gibt viele Möglichkeiten sich leicht von CAPONE und seiner Hauptfigur zu distanzieren. Aber es gibt auch jede Menge Raffinessen, die den Film äußerst sehenswert machen. Mit einer fließenden Kamerabewegung ist man fast ausschließlich 100 Filmminuten bei seiner Hauptfigur. Sieht das, was er sieht, dringt in seine Gedanken, Illusionen und Träume ein. Die stärkste Sequenz ist im Mittelteil zu finden, wenn er fast wie Jack Torrance aus SHINING (1980) durch seine Vergangenheit schreitet, durch Erfolge, Partys und Berge von Leichen. Gezielt werden geschichtliche Ereignisse mit anderen vertauscht, verdrängt und falsch verknüpft. Bestes Beispiel ist die Rolle von Matt Dillon als Johnny, der offensichtlich Johnny Torrio darstellen soll. Ein langjähriger Vertrauter und Mentor Capones, der aber nicht als Spitzel enttarnt wurde und ihn sogar bis ins Jahr 1957 überlebte.

© Leonine

Immer wieder gibt es schöne inszenatorische Perlen wie das Mitsingen des Songs „If I Were King of the Forest“ in einer Privatvorstellung von DER ZAUBERER VON OZ (THE WIZARD OF OZ, 1939) mit kleiner Diskussionsrunde nach dem Film. Aber auch das Radio, der ständige Begleiter des dementen Ex-Mafiosos, welches immer wieder eine Art Hörspiel der Legenden und Ereignisse um seine Person, wie das Valentinstag-Massaker am 14.02.1929, ertönen lässt. Wie seine Erinnerungen tauchen sie im Sendeprogramm auf, um murrend weggeschaltet zu werden.

Hinzukommt das Filmmusik-Debüt von Jamie Maeline, der als Hip-Hop-Produzent El-P bekannt ist. Der Score ist neben der Ehefrau Mae das einzige gefühlvolle Herzstück in dieser Inszenierung. Die elektronischen Synthie-Klänge und die sich wiederholenden leichten Melodien sind eine der wenigen Vergebungen, die dem Protagonisten zuteil werden.

Doktor Karlock (Kyle MacLachlan) // © Leonine

Fazit

Die vielen schlechten Bewertungen von CAPONE sind die Summe am Verrat der Zuschauererwartungen. Tom Hardy und sein Regisseur setzen auch alles daran dem Mythos um Al Capone ein paar ordentliche Risse und Dellen zu verpassen. Wer sich jedoch darauf einlässt, klettert in den dysfunktionalen, synaptischen Kaninchenbau eines der mächtigsten Verbrecher des Jahrtausends. Gerade das letzte Jahr im Leben von Al Capone scheint wohl das gnadenloseste in Hinblick auf seine Krankheit zu sein. So eine Bestrafung kann kein Gefängnis der Welt leisten: Erinnerungen ohne Zusammenhang, isoliert in seinem eigenen defekten Gehirn und keine Kontrolle über seinen Körper. Höchststrafe.

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewCapone (2020)
Poster
RegisseurJosh Trank
Releaseab dem 25.03.2021 auf Blu-ray und DVD

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Trailer
BesetzungTom Hardy (Alphonse Gabriel „Al“ Capone)
Linda Cardellini („Mae“ Capone)
Matt Dillon (Giovanni „Johnny“ Torrio)
Noel Fisher (Alphonse Albert Francis „Junior“ Capone)
Kyle MacLachlan (Doktor Karlock)
Jack Lowden (Agent Crawford)
Kathrine Narducci (Rosie Capone)
Al Sapienza (Ralph Capone)
DrehbuchJosh Trank
KameraPeter Deming
FilmmusikEl-P (Jaime Meline)
SchnittJosh Trank
Filmlänge103 Minuten
FSKab 16 Jahren

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