BURNING (2018) Film

Burning (2018) – Filmkritik

„Die Welt verstehen“

Eine richtig gute Geschichte ist es erst, wenn sie nicht nur spannend erzählt ist, sondern auch zum Nachdenken anregt. Besonders Kurzgeschichten treiben den Leser durch ihre konzentrierte Handlung zur Gedankenarbeit. Die Kurzgeschichte SCHEUNENABBRENNEN von Haruki Murakami war ein Befreiungsschlag für den Regisseur Lee Chang-dong (SECRET SUNSHINE, OASIS) aus dessen achtjähriger Schaffenspause. Er und Drehbuchautorin Oh Jung-mi entdeckten filmisches Potential in der Story und erkannten in der sozialkritischen Metapher auf die Jugend genau den Kinofilm, den sie erzählen wollen.

BURNING (2018) Film
© Capelight Pictures

Nach den Filmfestspielen in Cannes (2018), einer Oscar-Nominierung für den besten fremdsprachigen Film (2019) und jede Menge euphorischer Worte von Filmkritikern aus der ganzen Welt, wird von BURNING nicht weniger als einem „Meisterwerk“ gesprochen. Ob die 148-minütige, südkoreanische Produktion, welche nun mit Capelight Pictures einen deutschsprachigen Vertrieb gefunden hat, die vielen positiven Worte wert ist, kann man nicht genau sagen. Denn wie bei vielen Filmen kommt es darauf an, ob der Zuschauer bereit ist sich auf die Geschichte einzulassen.

BURNING (2018) Film
Lee Jong-su (Yoo Ah-in) und Ben (Steven Yeun) // © Capelight Pictures

Handlung

Der junge Lee Jong-su (Yoo Ah-in) trifft während eines Nebenjobs auf seine ehemalige Mitschülerin Shin Hae-mi (Jeon Jong-seo). Beide gehen am Abend etwas trinken und Hae-mi bittet ihn, auf ihre Katze aufzupassen, weil sie für ein paar Wochen nach Afrika auf Erlebnisreise geht. Jong-su bekommt die Katze in dem kleinen Zimmer nie zu Gesicht, jedoch ist stets der Futternapf leer und das Katzenklo voll. Jong-su muss außerdem auf die Kuhfarm seines Vaters aufpassen, der wegen Körperverletzung eines Polizeibeamten vor Gericht steht. Hae-mi kehrt zurück, aber in Begleitung des gutaussehenden, wohlhabenden Ben (Steven Yeun). Jong-su ist zu schüchtern Hae-mi seine Liebe zu gestehen und scheint auch nicht wirklich in der gleichen Liga wie Ben zu spielen. In dieser Dreieckskonstellation scheint aber jeder noch dunkle Geheimnisse zu verbergen, welche so langsam an die Oberfläche treiben.

BURNING (2018) Film
Ben (Steven Yeun), Lee Jong-su (Yoo Ah-in) und Shin Hae-mi (Jeon Jong-seo) // © Capelight Pictures

Sich Zeit nehmen

Als Zuschauer von BURNING muss man gleich zu Beginn All-in gehen. Das heißt, keine Snacks, keine Ablenkung, volle Konzentration auf den Film. Nicht etwa wegen einer komplexen Handlung, denn zu Beginn wird mancher in der Hoffnung auf einen Mystery-Schocker, enttäuscht sein. BURNING lässt sich viel Zeit mit seinen drei Hauptfiguren, die alle von ihren Schauspielern auf hohem Niveau verkörpert werden. Bei diesem ruhigen Start kann man beginnen die Umgebung zu erkunden. Kameramann Hong Kyung-pyo gelingt es, trotz stets fliegender Handkamera, genug Außenwelt zu zeigen. Das bereitet nicht nur den Weg zur koreanischen Kultur, sondern wird auch visuell zu einem Augenschmaus. Die Enge der Großstadt wechselt mit der offenen Landschaft der Grenzstadt Paju ab. Und spätestens jetzt wird jedem klar, es ist ein Film der Gegensätze: arm und reich, frei und eingesperrt, kreativ und zerstörerisch, spontan und fokussiert.

BURNING (2018) Film
Shin Hae-mi (Jeon Jong-seo) // © Capelight Pictures

BURNING lebt von den Andeutungen, den Zeichen und dem Interesse, in jedem Detail eine Deutung zu finden. Durch das ruhige Erzähltempo bleibt genug Zeit nicht nur auf die potentielle Gewalt zu schauen, die an jeder Ecke zu lauern scheint, sondern auch überhaupt erst in diese fremde Kultur einzutauchen. Nicht etwa die asiatische, nein, die der Jugend in einem erfolgreichen Wirtschaftsland voller Wohlstand. Die einen wurden mit viel Geld gesegnet und sind zur Suche nach Leidenschaft getrieben und die anderen suchen nach der Freiheit in hohen Kreditkartenschulden und Gelegenheitsjobs. Dass diese Welten unweigerlich aufeinanderstoßen müssen, ist klar, jedoch geschieht es hier nicht wie es der voyeuristische Zuschauer gern sehen möchte.

BURNING (2018) Film
© Capelight Pictures

Interpretationspotential

BURNING saugt schon beträchtlich an der Lebenskraft des Zuschauers, nicht wegen langweiliger Szenen, sondern wegen der Orientierungslosigkeit der Protagonisten und der sehr langanhaltenden Passivität der Hauptfigur. Der Film nimmt sich erstaunlich viel Zeit, um die Kontrahenten gegenüberzustellen und dann verpufft alles am Ende auf einem matschigen Feldweg.
Wenn Ben davon spricht, ein verlassenes Gewächshaus niederzubrennen, weil es keinen Nutzen mehr hat und einsam die Landschaft beschmutzt, spürt man, dass hier mehr dahintersteckt. Die Detektivarbeit von Jong-su erstreckt sich ungewöhnlich lang, obwohl sicher jedem Zuschauer klar sein muss, was Ben getan hat. Und hier setzt nicht nur Skepsis beim erfahren Kinogänger ein, sondern auch der nach Gewalt suchende Zuschauer wird enttäuscht werden. Dadurch gibt der Film sein Potential für Interpretationen frei.

BURNING (2018) Film
© Capelight Pictures

Das Gebiet, in dem Jong-su und Hae-mi aufgewachsen sind, liegt an der Grenze zu Nordkorea, das immer wieder regimetreue Parolen durch Lautsprecher ins Nachbarland schickt. Es ist eine Gegend der harten Landarbeit mit geringem Einkommen. Müll türmt sich auf den Grundstücken und die Jugend, wie auch Jong-su und Hae-mi, zieht es in die Großstadt. Hae-mi verschuldete sich bei einer ihrer Schönheitsoperationen (Südkorea ist weltweit auf Platz eins mit den meisten Schönheitsoperationen). Auch die Mutter von Jong-su steckt im Schuldenberg fest, scheint sich aber mehr über digitale Zeichen auf ihrem Smartphone zu freuen. Allen drei Hauptfiguren fehlt die Liebe zur Familie. Entweder die Eltern treten gar nicht erst in Erscheinung oder sie distanzieren sich von ihren eigenen Kindern. Jong-su scheint die dunkelste Vergangenheit zu haben: Sein sturer, gewalttätiger Vater brennt sich nur durch seinen Blick im Gerichtssaal und den Panzerschrank voller Messer in die Synapsen der Zuschauer.

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Lee Jong-su (Yoo Ah-in) // © Capelight Pictures

Von Schriftsteller zu Schriftsteller

Die Hauptfigur sieht sich selbst als Schriftsteller mit den Geschichten von William Faulkner als Vorbild. Interessanterweise hat Faulkner auch eine Kurzgeschichte geschrieben, die ebenfalls BARN BURNING (übersetzt Scheunenverbrennen) heißt, wie auch die von Haruki Murakami, welche BURNING als Handlungsgrundlage dient. Wenn man Jong-su als kreative, schreibende Rolle sieht, ergibt sich vielleicht ein neuer Interpretationsweg für die Geschichte: Alles und damit auch Hae-mi und Ben könnte seiner Fantasie entsprungen sein. Denn seine Person bekommt in dieser Dreier-Konstellation nicht nur die passivste Rolle, sondern auch die dialogschwächste. Er ist der Beobachter, der versucht das Rätsel dieser Welt zu entschlüsseln. Eine Deutung ganz im Stil von SWIMMING POOL oder NACH EINER WAHREN GESCHICHTE. Was ist Fiktion und was Realität?

BURNING (2018) Film
Lee Jong-su (Yoo Ah-in) // © Capelight Pictures

Der zeitliche Verlauf eines Jahres gibt BURNING auch einen sehr schönen Handlungsrahmen. Das erste Kennenlernen im Frühling, dann der Sommer symbolisch auf der Terrasse von Jong-su (Die Szene, in der Hae-mi in den Sonnenuntergang tanzt, ist wahres Filmgold.), der Herbst auf der Suche nach verlassenen Gewächshäusern und der Winter, der das emotional kalte Ende untermalt, in dem Jong-su sogar seine Kleidung opfern muss.

BURNING (2018) Film
Ben (Steven Yeun) // © Capelight Pictures

Fazit

Wer nach Unterhaltung sucht, wird bei BURNING definitiv auf Granit beißen, denn durch die ruhige und langsame Erzählweise werden die adrenalinsüchtigen Augen wohl bald zufallen. Wen aber deutungsstarke Geschichten interessieren, die problemlos kulturelle Differenzen überwinden, dem wird diese visuelle Zelluloidprägung noch lange in Erinnerung bleiben.

Titel, Cast und CrewBurning (2018)
OT: Beoning
PosterBURNING (2018) Film
Releaseab dem 06.06.2019 im Kino
ab dem 11.102019 im Mediabook (4K-UHD+2 Blu-ray + 1 DVD), Blu-ray oder DVD
Bei Amazon bestellen:

RegisseurChang-dong Lee
Trailer
BesetzungYoo Ah-in (Lee Jong-su)
Steven Yeun (Ben)
Jun Jong-seo (Shin Hae-mi)
Kim Soo-Kyung (Yeon-ju)
Choi Seung-ho (Lee Yong-seok)
Mun Seong-kun (Anwalt)
DrehbuchOh Jung-mi
Lee Chang-dong
KameraKyung-pyo Hong
MusikMowg
SchnittKim Da-won
Kim Hyun
Filmlänge148 Minuten
FSKab 16 Jahren
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