BLUTSPUR IM PARK (1971)

Blutspur im Park (1971) – Filmkritik & Review zum Mediabook

„Auf den Schwingen des Todes“

Pompöse Formalität

Eindrucksvoll läuten die Fanfaren aus der Feder Tschaikowskys und wir erblicken durch den Schattenriss eines Schmetterlings die Kulisse zu BLUTSPUR IM PARK (UNA FARFALLA CON LE ALI INSANGUINATE / THE BLOODSTAINED BUTTERFLY): Das schöne Mailand, begonnen am Piazza San Babila, wird uns Zuschauern mit seinen altehrwürdigen Gemäuern und Fassaden als düster-labyrinthischer Schauplatz von Mord und Mysterien dienen (auch in Bergamo wurde gedreht). Eine junge Frau wird Opfer eines schauerlichen Verbrechens, ihre Leiche, zugleich erschreckend und auf absonderliche Art faszinierend schön, verbleibt übersät von Pinselstrichen aus blutigem Rot. Wie ein Schmetterling liegt sie auf dem von Regentropfen überzogenen Grün, ihre Beobachter und Zuschauer – über diverse Medien – werden von ihrem morbiden Anblick für immer in den Bann gezogen. Die Elemente scheinen allgegenwärtig in Duccio Tessaris meisterlichem Giallo. Der Regen, so kommentiert ein TV-Reporter noch einmal das mit unseren Augen bereits registrierte Szenario, erschwert die Suche nach dem Mörder merklich: die Spur, die zum genauen Tatvorgang führen könnte, wirkt bereits nach kurzer Zeit wie weggespült. Auf formaler Ebene weitet Tessari – wahrlich spektakulär – dieses Prinzip der Uneindeutigkeit, diese nur allmähliche Zusammensetzung von Puzzlestücken, gekonnt aus. Wir sehen immer wieder Bruchstücke, die zur Lösung führen könnten, welche kurz darauf teils ergänzt, teils relativiert, teils widerlegt werden. So macht das Mitraten selbst für den geübten Kino-Kriminologen noch so richtig Spaß! Nicht umsonst wird BLUTSPUR IM PARK immer wieder als einer der besten Vertreter seiner Zunft bezeichnet.

BLUTSPUR IM PARK (1971)
© Camera Obscura

Es gibt kurz nach dem ersten Drittel des Films die einzige mehr routiniert wirkende Sequenz des Films: eine vor allem im Dialog eher müßige Gerichtsverhandlung. Doch die lebendige Kamera (Carlo Carlini) und der virtuose Schnitt (Gianmaria Messeri), die uns über den gesamten Rest des Films beständig mit Juwelen fürs Auge belohnen, bringen selbst in dieses leicht stockende Intermezzo noch genügend Vitalität, sodass sich im Gesamten ein bis heute leider wenig(er) diskutierter Vertreter aus der Hochzeit des italienischen Giallo vor unseren Augen entfaltet. BLUTSPUR IM PARK – alternativ: DAS MESSER – kam 1972 in die deutschen Kinos und war hierzulande bisher nur in schlechter Videoqualität bzw. als Bootleg erhältlich. Das deutsche Label Camera Obscura, das auch sehr schnell auf unsere Anfrage per Nachricht reagierte, hat diesen Klassiker von Duccio Tessari nun auf 2 Discs in einer limitierten Sammleredition im Schuber veröffentlicht. Der Film ist seit diesem Jahr ungekürzt mittlerweile ab 16 Jahren freigegeben.

BLUTSPUR IM PARK (1971)
© Camera Obscura

Zum Film selbst bleibt zunächst zu sagen, dass jede Handlungsvorwegnahme, auch jede Information aus Interviews und Dokumentationen, vorab kontraproduktiv wäre, da man sonst von mehreren Überraschungsmomenten und visuellen Kniffen des Werks nicht mehr genügend zufriedengestellt werden würde. Nur soviel: neben Giancarlo Sbragia (DEATH RAGE), Ida Galli alias Evelyn Stewart, Silvano Tranquilli und Carole André (KALIBER 38) führt Helmut Berger die Besetzungsliste an, einer der größten Mimen überhaupt. Seine Darbietung in Tessaris Film neben seinem Wirken etwa unter Visconti als Beiläufigkeit zu verstehen, wäre fatal – nicht zuletzt aufgrund seiner Leistung entfalten im Zusammenspiel all die komplexen Charaktere und das Drehbuch ihre volle Wirkung. Er selbst bezeichnet sein Wirken in Tessaris Giallo als überaus sportlich, weil er soviel in Bewegung war, fast wie „in einem Marathon-Film“ (Berger im Interview).

BLUTSPUR IM PARK (1971)
© Camera Obscura

Christian Keßler, dessen Buch Endstation Gänsehaut ich vor einiger Zeit hier besprochen habe, schrieb bereits vor 20 Jahren spoilerfrei und punktgenau über den Film:

„Der Film gehört ohne Frage zu den elegantesten und virtuos inszenierten Beispielen seiner Gattung, und es ist eine wahre Freude, der Kameraführung von Carlo Carlini zu folgen, die – im Verbund mit einer straffen Schnittmontage – den Zuschauer gebannt an das düstere Geschehen fesselt. (…) Der Film unterscheidet sich von amerikanischen Pendants dadurch, daß er seine Themen – eine kaputte Ehe, eine gestörte Vater-Sohn-Beziehung, zerstörte Liebe etc. – nicht nur auflistet, sondern sie in der sehr sinnlichen, auf romantische Schauwerte ausgerichteten Ästhetik der Inszenierung dem Zuschauer spürbar macht. Selten habe ich es gesehen, daß es einem Film so sehr gelingt, eine simple Unterhaltungsgeschichte derart kunstvoll und gleichzeitig unter Verzicht auf jedweden überflüssigen Schnickschnack aufzubereiten – toll! Die Form steht vollkommen im Dienst der ausgesprochen spannenden Geschichte.“ – Christian Keßler in Splatting Image Nr. 38; Juni 1999

BLUTSPUR IM PARK (1971)
© Camera Obscura

Der Regisseur

Duccio Tessari war „ein Regisseur, der in erster Linie die Originalität der Formel liebte“, verlautbart Filmhistoriker Fabio Melelli in einem exklusiv für diese Edition von BLUTSPUR IM PARK produzierten Videofeature. Berühmtheit erlangte er für seine Zusammenarbeit mit Sergio Leone am Skript zu FÜR EINE HANDVOLL DOLLAR (PER UN PUGNO DI DOLLARI, 1964), woraufhin er selbst eine Handvoll Western inszenierte, von denen jedoch keiner dem anderen gleicht. [Autor Michael Striss übernahm für seine Italowestern-Bibel Gnade spricht Gott – Amen mein Colt just den dt. Verleihtitel von Tessaris Western anno 1965]. Tessari liebte die Abwechslung, galt als akribischer Handwerker und wirkte – auch wenn er gemeinhin als „Genre-Regisseur“ gilt – als Autorenfilmer in unterschiedlichen Bereichen.

Duccio Tessari

Auf sein Konto gehen 50 Filme als Autor sowie knapp 40 als Regisseur, wobei er von Western über Thriller bis hin zur Komödie erfolgreich diverse Erzählformen bedienen konnte. Dass er zwar die Form liebte, sie verehrte, sie jedoch ebenso eindrücklich auf seine persönliche Art aufzubrechen vermochte, belegt auch sein genreübergreifendes und -verbindendes Spiel mit an sich unterschiedlichen Elementen bis hin zur (Selbst-)Ironie. Tessari gilt bis heute vielleicht nicht als absoluter Meister des Fachs wie die viel Berühmteren namens Leone, Argento oder Bava, doch stand er ihnen in Machart, Raffinesse und Originalität, wenn überhaupt in nur wenig nach. Ein Schattendasein führte er dabei nicht, dass beweisen seine Referenzprojekte gerade in der Hochzeit der 1960er und 1970er Jahre und bis heute die stetig steigende Anzahl renommierter Heimkinoveröffentlichungen, zu denen nicht zuletzt auch dieser Titel zählt.

BLUTSPUR IM PARK (1971)
© Camera Obscura

Die Edition(en)

Cover Mediabook von Camera Obscura

Bereits im Jahr 2016 arbeitete das deutsche Label Camera Obscura an dieser Veröffentlichung. Dies fiel mir zunächst auf, da einige Bonus Features (drei Interviews) inhaltsgleich auf der Doppel-Disc von Arrow Video von vor drei Jahren zu finden sind. Eine spontane Nachfrage beim hiesigen Label ergab sogleich offizielle Klärung: Camera Obscura arbeitet eng mit der italienischen Produktionsfirma Freak-o-rama (spezialisiert auf BD- und DVD-Zusatzmaterial) zusammen und produzierte just 2016 die Interviews mit Helmut Berger, Ida Galli alias Evelyn Stewart sowie Lorella De Luca. Ursprünglich war die deutsche HD-Veröffentlichung des Films zeitgleich zur englischen geplant, doch dauerte der Prozess länger an. Nun ist es soweit und wir können uns freuen, eine noch bessere Qualität des Films auf Blu-ray hierzulande erleben zu dürfen, denn Camera Obscura feilte noch etwas am Color Grading, da jenes von Arrow etwas zu offensiv ausfiel (Arrow organisierte damals die grundlegende Restauration des Films). Die Präsentation des Hauptfilms nimmt nun in der deutschen Edition die gesamte HD-Scheibe ein, während bei Arrow satte zwei Stunden an audiovisuellen Extras ebenfalls mit auf die Film-Blu-ray gepackt wurden, was zwangsläufig den Platz für die Datenmenge des Hauptfilms minderte. Das bringt auch eine der ganz wenigen Schwächen des ansonsten virtuosen britischen Labels zum Vorschein: teils komplette Spiegelungen von Blu-ray- und DVD-Inhalten darzubieten, anstatt die Video-Datenmengen sinnvoller auf die Medien zu verteilen. Bei der deutschen Ausgabe befinden sich die Specials nun vollständig und gesondert auf der zweiten Disc, liegen dabei jedoch allesamt in 720p (DVD-Qualität) vor.

BLUTSPUR IM PARK (1971)
© Camera Obscura

Auf der hiesigen neuen Edition befinden sich exklusiv folgende beiden Extras:

  • Videofeature mit Filmhistoriker Fabio Melelli (italienisch mit dt. UT)
  • Booklet mit höchst lesenswertem Text von Pelle Felsch (deutsch und englisch)

(Die deutsche Synchronfassung des Hauptfilms ist natürlich auch ein Alleinstellungsmerkmal, fällt bei mir bei einer deutschen Veröffentlichung aber nicht unter besondere Ausstattung; Puristen, die in O-Ton schauen und hören, dürfen sich jedoch über verbesserte deutsche Untertitel freuen)

BLUTSPUR IM PARK (1971)
© Camera Obscura

Fazit

Durch die optimierte Qualität der Präsentation des Hauptfilms liegt meiner Meinung nach diese neue Edition durch Camera Obscura noch vor derjenigen von Arrow Video aus 2016, auch wenn dort insgesamt mehr Zusatzmaterial verfügbar war (drei Texte im Booklet von drei verschiedenen Autoren, Audiokommentar plus ein zusätzliches Videofeature exklusiv von Arrow produziert). Es ist sehr schön zu sehen, wie Camera Obscura sich konsequent eher randseitigen, doch nicht weniger schillernden Titeln der Filmgeschichte in würdevollen Editionen widmet (siehe auch meine Review zu DAS MESSER AM UFER / RIVER’S EDGE). BLUTSPUR IM PARK ist nunmehr der 22. Titel der „Italian Genre Cinema Collection“ und nicht nur innerhalb dieser Reihe des Labels sagen wir: bitte mehr davon!

 

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